Folgenden wie mir scheint interessanten Vortrag darf ich weiterempfehlen.

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GegenStandpunkt & Diskussion

"Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?"

Prof. Freerk Huisken (Bremen)
16.11.09 um 19:45 an der Uni Wien, Hauptgebäude, HS 32

Ausbildung macht dumm. Das steht nicht für ein Versagen von Schule und 
Universität, sondern das gehört zu den Aufträgen des hiesigen Bildungssystems. 
Dummheit, was ist das? Es fällt nicht unter Dummheit, wenn man die neue 
Rechtschreibung nicht beherrscht, nur schlecht lesen und rechnen kann, die 
Nebenflüsse der Donau, die chemische Formel von Blei nicht kennt oder von 
Feuerbach noch nie etwas gehört hat. Das ist fehlendes Wissen, das kann man 
sich aneignen. Besser: das könnte man sich aneignen, wenn das Schulwesen 
tatsächlich das Anliegen verfolgen würde, den Nachwuchs solide in die 
"Kulturtechniken" einzuführen und ihm gediegenes Wissen über Natur und 
Gesellschaft zu vermitteln. Tut es aber nicht. Nicht erst seit PISA weiß 
jedermann, dass die Vermittlung von Wissen und Kenntnissen so sparsam erfolgt, 
dass eine Mehrheit der Schüler frühzeitig für die unteren Regionen der 
Berufshierarchie oder gleich ins Heer der Arbeitslosen aussortiert und ein 
erheblicher Prozentsatz von ihnen zu den "funktionalen Analphabeten" gerechnet 
wird. Wie das Schulwesen diese Resultat zustande bringt, in welchem der gesamte 
Nachwuchs immerhin 10 und mehr Jahre beschult wird, halbtäglich mit 
Schulweisheit traktiert und auch am Nachmittag nicht in Ruhe gelassen wird, das 
ist schon eine Überlegung wert. Es handelt sich um eine starke Leistung, wenn 
das Bildungswesen den Lernstoff, den man sich mit gutem Willen und einiger 
Konzentration leicht in einem Jahr aneignen könnte, einem großen Teil der 
Heranwachsenden nicht einmal in der Pflichtschulzeit vermitteln kann! Schule 
macht also nicht nur dumm, sie konserviert auch Unwissenheit! 

Dummheit ist dagegen nicht das, was man nicht lernt. Unter Dummheit fällt 
vielmehr ziemlich viel von dem was man lernt, und zwar als Hauptschüler wie als 
Gymnasiast und als Student. Es fällt darunter die Ausstattung der Jugend mit 
einer Fülle falscher Urteile über Gott und die Welt. Das liegt nicht daran, 
dass sich Schulbuchverfasser und Lehrer einfach nur irren, wenn sie die Schüler 
mit ihren Lehren über Demokratie und Faschismus, über Geld und Markt, über 
Familie und Staat traktieren. Das tun sie auch. Aber das trifft nicht die 
Sache. Dafür sind die Dummheiten viel zu resistent gegen Argumente und haben 
bereits zu viele Jahrzehnte in Schulbüchern überdauert. Die frühzeitige 
Aneignung einer gehörigen Portion Dummheit braucht es vielmehr für die geistige 
Ausstattung der Heranwachsenden. Gefordert ist sie für Leistungen, die mündige 
Bürger ständig zu erbringen haben: nämlich für die freiwillige Unterordnung 
unter alle Zwänge und Sachzwänge dieser Gesellschaft. Zu den Dummheiten gehört 
z.B. die Einbildung, Schule und Uni, Arbeitsmarkt und die Berufswelt seien 
irgendwie schon dafür geschaffen, dass man mit einigen Anstrengungen seine frei 
gewählten Interessen verwirklichen kann. Hierbei handelt sich sogar um eine 
ausgesprochen fundamentale Dummheit. Dabei kann nicht bestritten werden, dass 
sich hierzulande jedermann seine ganz eigenen Lebensziele zurechtlegen kann. 
Auch besteht das Fehlurteil nicht darin, dass man ohne Anstrengung zu nichts 
kommt. Allerdings müssen Schulabsolventen mehrheitlich immer wieder 
feststellen, dass sich mit der Anstrengung weder Schulerfolg noch die 
Verwirklichung der Lebenswünsche so ohne Weiteres einstellen. Ein Wunder ist 
das nicht, wo doch Anstrengung in allen entscheidenden Lebensbereichen als 
Konkurrenz organisiert ist, in der mit Notwendigkeit immer wenige Sieger und 
viele Verlierer herauskommen. Aber eine Gemeinheit ist das schon. Und erst 
recht ist es eine arge Gemeinheit, wenn dem Nachwuchs dieses bürgerliche 
Glücksversprechen, demzufolge jeder seines Glückes Schmied sei, eingeredet 
wird, ohne dabei auf die alles entscheidende Bedingung für jeden Erfolg 
entsprechendes Gewicht zu legen: Es ist nämlich über Erfolg und Misserfolg in 
jeder der eingerichteten Konkurrenzveranstaltungen ziemlich viel entschieden, 
bevor es mit dem Leistungsvergleich überhaupt losgeht. Warum landet wohl mit 
unschöner Regelmäßigkeit die Mehrzahl der Kinder von armen Leuten immer wieder 
in der gesellschaftlichen Schicht oder Klasse, aus der sie kommen? Wen treffen 
Studien kosten und -gebühren wohl am härtesten? Und warum müssen immer wieder 
dieselben armen Schlucker – 'einkom­mensabhängige Arbeitnehmer' heißen sie 
vornehm -  um den Dienst in Kapitalgesellschaften konkurrieren, ohne je auf 
einen grünen Zweig zu kommen? Deswegen gehört zu den Dummheiten, die man lernen 
soll, auch die Ausstattung des Verstandes mit lauter falschen Urteilen über die 
Gründe, warum das mit Karriere und Selbstverwirklichung so häufig nicht klappt. 
Dummheit ist also – zusammengefasst – die Summe parteilichen Denkens, mit der 
der erzogene Mensch es fertig bringt, alle politischen und ökonomischen 
Beschränkungen seiner Interessen zu verarbeiten und dabei brav zu bleiben.

So geht Erziehung in der Gesellschaft, die sich rühmt, eine Wissensgesellschaft 
zu sein. Übrigens durchaus zu recht. Und durchaus im Einklang mit dem Befund, 
dass Schule dumm macht.

Vorankündigungen:

14.12. Uni Wien, Prof. Dozekal, Frankfurt: "Wie funktioniert der Kapitalismus - 
von den zerstörerischen Gesetzmäßigkeiten des abstrakten Reichtums."

28.1. 2010 Uni Wien, Rolf Röhrig, GegenStandpunkt: "Die Moral und ihre großen 
Werte - nichts wert!"

Näheres rechtzeitig auf:
www.gegenargumente.at
www.gegenstandpunkt.com

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