analyse & kritik

17. Februar 2026 | ak 723

Irgendwo hinter der Autobahnbrücke

Ein Schrei aus dem Kantinenfenster einer Lagerlogistikhalle

Von Tim Hoffmann

Der folgende Text ist in Pausenräumen und S-Bahn-Waggons entstanden: Er ruckelt und ist ein wenig unsauber. Er ist nicht wissenschaftlich, sondern rein subjektiv und fragmentarisch. Er darf gern verbreitet werden – vor allem in höhere Gewerkschaftskreise, zu denen der Autor als einfacher Arbeiter kaum Zugang hat.

Teil Eins

Irgendwo hinter der Autobahnbrücke gehen Hundert von uns über Kies und Feldstoppeln, an Stacheldrahtzäunen und hupenden Trucks vorbei, über die Hauptstraße, fluten den Parkplatz und drängen sich durch die Sicherheitsschleuse in eine der Lagerlogistikhallen, deren aktuelle Zahl laut Google-KI nicht bekannt ist.

Das Tor schließt sich, und sie sind weg: aus den überfüllten S-Bahnen, aus dem Stadtbild, aus dem Bewusstsein der Gewerkschaftsführung.

Aber wir sind da, und wir sind viele. Allein in diesem Kasten sind wir derzeit 800. Unter uns sind Mediziner*innen mit Fluchterfahrung und Schulabrecher*innen, Anwält*innen ohne Zulassung und ehemalige Strafgefangene, AfD-Wähler*innen und nicht Wahlberechtigte …

Wir haben nicht viel gemeinsam. Unser kollektives Moment ist die Fragmentierung. Viele haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus. Vielen ist anzumerken, dass sie Probleme haben, über die man nicht gern spricht. Von den meisten Kolleg*innen kennen wir nicht einmal den Namen. Aber halt: Hier werden keine Kolleg*innen eingestellt; hier wird alle paar Monate neues Material abgekippt. Das dünnt in den Folgemonaten nach und nach aus: Einige fliegen oder haben die Schnauze voll. Von vielen weiß man es nicht genau. Die meisten werden ihr bisschen Freizeit genutzt haben, sich einen anderen Scheißjob zu suchen, sind weitergezogen zur nächsten Halle, zur nächsten Baustelle, zur nächsten Großküche. Es gibt aber auch den Iraker, der im Büro etwas wegen seiner Arbeitserlaubnis zu klären hat, und nicht zurückkehrt. Es gibt auch die Frau vom Packtisch, die nach der dritten Sonderschicht auf dem Heimweg kollabiert und nicht wiederkommt. Vermutlich hat sie während der Rekonvaleszenz gekündigt …

Dann wird neues Material abgekippt.

Und aus Gewerkschaftskreisen höre ich: Die interessieren uns, sobald ihr ein paar Hundert von denen organisiert habt. Erzählt ihnen was von Urlaubsgeld.

Ich werfe mein Glas an die Wand: Nein! Ich kann mit einer Kollegin, die vielleicht morgen im Abschiebeflieger sitzt, nicht über Urlaubsgeld plaudern!

Sie ist sowieso misstrauisch, auch mir gegenüber, und sie hat Angst vor den Vorgesetzten, vor dem Staat. Dass der Grad der Ausbeutung hier so hoch ist, weil migrantische und sozial benachteiligte Menschen sich allein kaum wehren können, ist ihr, wie allen von uns, bewusst. Ich kann mit ihr gut über das Thema Betriebsrat sprechen, weil die Idee dahinter klar ist und von ihr positiv bewertet wird. Aber die Gewerkschaft? Es muss erst Vertrauen aufgebaut werden. Der beste Weg, Vertrauen aufzubauen, das habe ich im Arbeitsalltag gelernt, ist Hilfe und Kooperation. Die Kollegin muss wissen: Wann immer ich ein Problem im Bereich Aufenthalts-, Arbeits-, Wohn- oder Sozialrecht habe, finde ich im Gewerkschaftshaus Unterstützung.

Der öffentliche Auftritt der Gewerkschaften spricht dagegen viele Menschen überhaupt nicht an. So gibt es eine, eigentlich sehr gute, Broschüre von ver.di, in der aktive Kolleg*innen von ihren Problemen im Betrieb und ihren Aktivitäten berichten. Aber die spezifischen Schwierigkeiten geduldeter migrantischer Kolleg*innen kommen darin nicht vor.

Der Auftritt der Gewerkschaften in den Sozialen Medien muss entstaubt werden. Es muss einfacher werden, Kritik und Vorschläge einzubringen, ohne dass diese sofort unterm Büroteppich verschwinden. Überdies braucht es ein breit angelegtes Programm, um die gewerkschaftlichen Themen und ihre Geschichte öffentlich zu präsentieren. Wieso gibt es in Deutschland die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Gab es die Fünf-Tage-Woche schon immer? Wem ist es zu verdanken, wenn bei Momox nicht so dreist Sonderschichten angeordnet und Pausen gekürzt werden können wie bei Mytheresa? Staatliche Akteure haben kein Interesse daran, das in offiziellen Integrationskursen zu thematisieren. Und hier drinnen ist selten Zeit für Gespräche in angemessenem Umfang.

Eine weitere Gelegenheit, sich ins Bewusstsein der unteren Gesellschaftsschichten zu bringen, die gerade legendär verschlafen – oder bewusst ignoriert? – wird (Stand Januar 2026), wäre öffentlichkeitswirksamer Protest gegen die zunehmenden Angriffe der Ausbeuterklasse auf unsere sozialen und arbeitsrechtlichen Standards.
Teil Zwei

Drinnen versammeln wir uns zu einem Startmeeting, das mitnichten den Zweck hat, Probleme vernünftig zu lösen, sondern lediglich dafür da ist, einen Moment Gemeinschaftsgefühl zu simulieren, dem aber jede Grundlage fehlt.

Wir bilden eine gedrängte Herde, die dennoch von zahlreichen Trennlinien durchzogen ist: zwischen deutscher und migrantischer Belegschaft, zwischen Langjährigen und Neuen, zwischen Festangestellten und Leiharbeiter*innen, zwischen gewerkschaftlich Aktiven und der restlichen Belegschaft. An Problemen sind die anderen schuld; die andere Schicht, die anderen Teams, die anderen Abteilungen, die mit anderer Herkunft. Kolleg*innen, die kaum Deutsch oder Englisch sprechen, treffen auf verbitterte Rassist*innen und stehen außerdem in Konkurrenz zu »besser integrierten« Migrant*innen. Der Geschäftsführung käme eigentlich eine außerordentliche soziale Verantwortung zu – da diese aber nicht in ihrem Profit- und Spaltungsinteresse liegt, wird sie nicht wahrgenommen. Und so knistern die Trennlinien wie Zündschnüre.

Die uns als Vorgesetzte gegenüberstehen, sind an wichtigen Entscheidungen überhaupt nicht beteiligt. So wirken ernsthafte Einwände fast peinlich, verpuffen. Der Prinz des Tages darf einen Witz einwerfen und bekommt zum Lohn ein Grinsen seines Vorgesetzten. Ein 28-jähriger kinderloser Mann, der seine Tätigkeit, die hauptsächlich darin besteht, unsere Leistung zu überwachen, im Sitzen ausführen darf und anschließend mit dem Auto nach Hause fährt, wo er sein Essen vorgesetzt bekommt, bemängelt unsere gestrige Tagesleistung.

Dann geht es an eine Arbeit, deren Stumpfheit und Monotonie ein bedeutender Teil der Erklärung für unsere bis ins Absurde verkümmerte Kommunikationsfähigkeit sein dürfte. Manche von uns führen acht Stunden lang die gleiche Handbewegung aus. Kisten vom Band heben. Label in die Naht schießen. Bücher aus Regalen ziehen. Kleiderstangen behängen. Pakete packen. Keine Begabung, kein schöner Wesenszug wird gefördert. Sprachschatz wird nicht erweitert, sondern verstümmelt. Es wird nicht ausgebildet. Weder müssen eigenverantwortliche Entscheidungen getroffen noch zusammenhängende Gedankengebilde entworfen werden. Anordnungen erfolgen grundsätzlich ohne Begründung: Wenn zum Feierabend alle einen Handstand machen müssten – dann wäre das eben so …

Die Regalreihen flüstern: Schmeiß hin, hau ab! Geh aufs Klo, Bruder, nimm dir eine Auszeit! Lass dich krankschreiben, Schwester, mach einen Deutschkurs! Aber nicht wenige kompensieren ihre Frustration mit Hass auf jene, die vermeintlich zu langsam arbeiten, mithin die Gruppenleistung verschlechtern, die »zu oft krank« sind oder die Pause überziehen. Die glitschige Kumpanei mit Teamleiter und Supervisor ersetzt ihnen den so tief im lebendigen Menschen sitzenden Drang, mitzugestalten, zu verändern, eigene Rhythmen zu schlagen.

So zerfrisst diese Arbeit über die Jahre auch den Willen und die Fähigkeit, Strategien gegen die Ausbeutung zu entwickeln.

Vielleicht kann für die Kolleg*innen nichts getan werden, außer jenen, die raus wollen, einen Weg frei zu sprengen. Es ist absolut notwendig, das zu klären! Wenn ja, sind die Sprachkenntnisse von besonderer Bedeutung. Viele Kolleg*innen schaffen es zeitlich kaum, Deutsch zu lernen. In den Kanon der gewerkschaftlichen Forderungen muss eine weitere aufgenommen werden: wöchentlich zweimal zwei Stunden bezahlte Freistellung für selbst gewählte Sprachkurse (das muss auch Deutschen offenstehen).

Außerdem müssen die Lagerlogistikunternehmen verpflichtet werden, den Angestellten reguläre Ausbildungsmöglichkeiten anzubieten. Das lächerliche betriebsinterne Aufstiegssystem mag dem einen Kollegen oder der anderen Kollegin schmeicheln – draußen bedeutet es nichts. Eine Aufgabe für uns hier drinnen wäre dann, den Aufbau von Azubi-Räten zu fördern.

Für die andere Möglichkeit – Bleiben und Kämpfen – sind unbefristete Verträge die wichtigste Voraussetzung. Unsere Verträge sind größtenteils befristet auf ein Jahr, die Verlängerung um ein weiteres Jahr wird dann schon als generöse Wohltat empfunden; die Probezeit beträgt sechs Monate. Das heißt, alle paar Monate kann vonseiten der Geschäftsführung nach Belieben aussortiert werden. Es muss überlegt werden, ob und wie ein juristischer oder politischer Angriff auf ungerechtfertigte Befristungen geführt werden kann.

Des Weiteren muss ein Angriff auf die Befristung von Arbeitsgenehmigungen bei unverändertem Aufenthaltsstatus erfolgen, da dies von Arbeitgeberseite genutzt werden kann, um unbequeme Kolleg*innen loszuwerden. Hierzu muss eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Jurist*innen, Mitarbeitenden aus entsprechenden Beratungsstellen, Kenner*innen des Politikbetriebs sowie Betriebsratsmitgliedern, die die Situation in den Betrieben aus eigener Erfahrung kennen, gegründet werden. Vorher sind die meisten Kolleg*innen kaum mobilisierbar, denn ihr bestimmendes Gefühl ist Angst. Schon die direkten Vorgesetzten, die eigentlich kleine Fiffis sind, werden als übermächtig, die Chefetagen und Personalbüros als Kafka-Schlösser wahrgenommen. Für uns hier drinnen geht es aber um die mit der Arbeit verknüpfte Aufenthaltsgenehmigung, um die nächsten Wohnungsmieten, um das nötige Geld zur Unterstützung finanzschwacher oder kranker Angehöriger – für viele all das in Kombination.

Meinem Eindruck nach können die existenziellen Ängste und die erfahrenen Erniedrigungen, die sich tief in die Selbstwahrnehmung vieler Kolleg*innen gefressen haben, von Gewerkschaftsfunktionär*innen kaum nachvollzogen werden, da der eigene Lebensstandard zu weit davon entfernt ist. Es erweist sich auch immer wieder als sehr schwierig, ihnen ein klares Bild von drinnen zu vermitteln und mit Kritik und Vorschlägen durchzudringen. Ein Gewerkschaftsfunktionär interpretiert das fehlende Know-how und die Angst der prekär Beschäftigten allen Ernstes so, dass sie eben nicht wollen. Ein anderer führt durch eine Informationsveranstaltung zu Rechtsverletzungen im Niedriglohnsektor und hat offensichtlich keine Ahnung von seinem Thema. Ein weiterer erklärt, dass für migrantische Kolleg*innen, die durch ihre gewerkschaftlichen Aktivitäten in Teufels Küche kommen, eben die Geflüchtetenhilfe zuständig sei – und mir fliegt hier gleich das nächste Glas weg!

Es scheint nicht verstanden worden zu sein, dass die Situation im prekären Sektor eine vollkommen andere ist als beispielsweise in der Stadtverwaltung. Sie ist nicht das gleiche auf anderem Level, sondern muss eigenständig durchdacht und angegangen werden!

Für mich als deutsches Gewerkschaftsmitglied fühlen sich Versuche, Kolleg*innen ohne langzeitgesicherten Aufenthaltsstatus für Aktivitäten zu gewinnen, so an, als würde ich sie überreden, mit mir den Kilimandscharo zu besteigen, wobei ich angemessen ausgerüstet bin und sie nicht. Währenddessen soll ich ihnen von Weihnachts- und Urlaubsgeld erzählen, und wenn sie abstürzen, ehrenamtliche Geflüchtetenhelfer*innen ein Gebet singen lassen?

Gewerkschaftsfunktionär*innen müssen klarer einschätzen können, was unter Berücksichtigung der spezifischen Risiken bestimmter Gruppen, möglich ist und was nicht. Dazu ist es unerlässlich, dass sich unter ihnen Leute befinden, die die Arbeit im prekären Sektor aus eigener Erfahrung kennen, zum Beispiel ehemalige Betriebsratsmitglieder, die noch aktuelle Kontakte nach drinnen haben.

Lange war ich kein Gewerkschaftsmitglied. Mir passte nicht, wie engagierte Kolleg*innen weggedrängt, wie klugen Kolleg*innen das Maul verboten wurde – von Funktionär*innen, die nie in einer Fabrik geschuftet, nie einen Knüppel zu spüren bekommen hatten. Irgendwann dachte ich: Alles verändert sich, vielleicht tut es auch die Gewerkschaft. Neue Fragen kamen auf: Gibt es erprobte Taktiken, um Union-Busting-Maßnahmen auf die privilegierteren, mithin angstfreieren Kolleg*innen zu lenken? Welche Möglichkeiten hat die Arbeitgeberseite, um die Verlängerung der Arbeitserlaubnis unliebsamer migrantischer Kolleginnen zu sabotieren? Wie sollte ich mich im Fall einer Abschiebung im Betrieb verhalten? Das sind gewerkschaftliche Themen! Es ist unerlässlich, diese Fragen gedanklich durchzuspielen und zu dokumentieren, damit das Know-how da ist, sobald es gebraucht wird. In der Gewerkschaft scheint man sich jedoch kaum damit befasst zu haben. Menschen aus der Geflüchtetenhilfe und dem sozialen Bereich dagegen haben sich mit den gewerkschaftlichen Kernthemen durchaus auseinandergesetzt. Gewerkschaftsoffizielle müssen sich von ihnen schulen lassen. Wenn Organisationen wie die Landesflüchtlingsräte sich nicht mehr finanzieren können, muss ihnen ein Teil der Gewerkschaftsstruktur zur Verfügung gestellt werden.

Der Aufbau unabhängiger solidarischer Zusammenhänge in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens muss unterstützt werden – und zwar ohne andere Akteure zu bevormunden oder zu behindern.

Die Gewerkschaften stehen vor der Aufgabe, gesellschaftliche Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es in fünf Jahren noch legale und handlungsfähige Gewerkschaften gibt!
Teil Drei

Das Tor öffnet sich unerwartet: eine neue Lieferung. Neue Kriege – neue Geflüchtete. Neue Menschen mit Angst und ohne Wissen um ihre Rechte. Neue von Ämtern und Behörden bis zum Überschnappen gedemütigte Menschen. Neue Menschen, deren Selbstvertrauen vom Rhythmus der Fließbänder derart zerstört wurde, dass sie sich zu nichts anderem als Fließbandarbeit mehr befähigt glauben. Neue Suchtkranke und Depressive, die vom Amt hierher gezwungen wurden. Neue, vor Kurzem noch beklatschte Pfleger*innen und Verkäufer*innen, die es in ihren Berufen nicht mehr ausgehalten und noch keine Ahnung haben, worauf sie sich hier einlassen. Neues Futter für Zalando, Mytheresa, Momox oder wie zum Teufel diese Schuppen alle heißen.

Unter ihnen ist ein Trupp Schwarzer Menschen. Sie kommen von Baustellen, auf denen sie sich über Jahre in harten rassistischen Hackordnungen behaupten mussten. Und sie testen hier nicht erst die Stimmung, sondern gehen von Anfang an auf Distanz, bilden eine geschlossene Gruppe.

Eine in meinen Augen triviale Auseinandersetzung, die ich mit einem Kollegen aus dieser Gruppe habe, wird von diesem mit einem Ernst ausgetragen, den ich überhaupt nicht begreife. Erst hinterher erkenne ich, dass der Anlass für den Streit geradezu symbolisch für Jahrhunderte des Kolonialismus gelesen werden kann. Infolgedessen suche ich nochmals Kontakt zu dem Kollegen, aber da ist nichts mehr zu klären. Wir sind keine Feinde, aber die Tür bleibt zu.

Eine andere weigert sich zu glauben, dass wir alle die gleichen miesen Arbeitsverträge haben. Sie geht mit einer Selbstverständlichkeit davon aus, dass Black and People of Colour schlechtere Verträge haben als Weiße, die die Erfahrungen ihres ganzen Lebens widerspiegelt.

Das Verhältnis zwischen deutschen und migrantischen Kolleg*innen ist also von schwerem Misstrauen geprägt – das sich durchaus zu Offenheit wandeln kann: Eine Situation, die alle Beteiligten als höchst bedeutsam empfinden, wird von einem dummen, aber nicht feindselig gemeinten Spruch einer weißen Kollegin eingeleitet. In der Folge kommt es zu einer ernsthaften Unterhaltung zwischen dieser und einigen Schwarzen Kolleg*innen, in der diese, anfangs zurückhaltend, von ihren Diskriminierungserfahrungen berichten. Dann sprechen sie auch über Möglichkeiten, damit umzugehen, sich zu wehren. Es wird über Respekt und Solidarität gesprochen, schließlich auch über die Geschichte der deutschen Arbeiter*innenbewegung und über die migrantisch geprägten Streiks der frühen 1970er Jahre.

Die Tür ist geöffnet, und sie bleibt es, bis der Teamleiter gesprungen kommt.

Solche Momente der Verständigung müssen nach draußen in Richtung der Gewerkschaften und des solidarischen Teils der Gesellschaft verlängert und von diesen aufgenommen werden. Im Arbeitsprozess bietet sich immer wieder Gelegenheit, um erste Impulse zu setzen. Aber – erinnern wir uns an die knisternden Trennlinien – alles in allem ist die Spaltung geradezu unheimlich. Vonseiten der Geschäftsführung, die sich nach außen betont weltoffen und bunt (ich muss kotzen von dieser Floskel) präsentiert, wird das gebilligt, wenn nicht gefördert, um eine gemeinsame Organisierung zu verhindern. Es fehlen Konzepte, wie diese Spaltung beseitigt werden kann. Es fehlt auch an Unterstützung für die paar Leute hier drinnen, die es dennoch versuchen. Niemand schafft das allein. Und Papiertiger-Kampagnen gegen Rassismus, denen weder Kenntnis der Situation im Betrieb noch ein umsetzbares Konzept zugrunde liegt, sind so nützlich wie ein Regenbogenherzchen auf der Firmenwebsite.

Auch ist es brandgefährlich, den rassistischen Teil der Belegschaft auszublenden und gewerkschaftliche Arbeit ausschließlich mit dem migrantischen und solidarischen Teil zu initialisieren, da ersterer dann einen Gegenblock bildet, der alle gewerkschaftliche Arbeit sabotiert und den eigenen Rassismus weiter eskaliert. Draußen sagen viele: Mit Rassist*innen wird nicht geredet. Drinnen habe ich die Wahl nicht, denn ich muss mit ihnen arbeiten. Zur Erinnerung: Niemand ist freiwillig hier und kann einfach so den Job riskieren. Könnte die gemeinsame Erfahrung eines Arbeitskampfes das Trennende zwischen deutscher und migrantischer Belegschaft entschärfen, auflösen? Ich weiß es nicht. Zur Zeit der aufkommenden Pegida-Bewegung habe ich einmal erlebt, wie saisonal angestellte Student*innen und Kulturschaffende die gespenstische Stimmung im Betrieb deutlich beeinflusst, teilweise sogar gekippt haben. Dann waren sie wieder weg.

Sie fehlen. Sie hätten ihre Erfahrungen von drinnen öffentlich dokumentieren sollen. Es hätte den studentisch geprägten Bewegungen draußen gutgetan, davon zu lernen, statt nur zu belehren.

Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung all dessen kann gar nicht überschätzt werden. Die Frage ist letztlich: Finden die besitzlosen und marginalisierten Gesellschaftsschichten über alles Trennende hinweg zu einer (internationalen) solidarischen Bewegung zusammen, oder fallen sie, wenn es ans Eingemachte geht, übereinander her? Beides ist möglich, nach derzeitigem Stand wird jedoch sehr wahrscheinlich Letzteres eintreten.
Teil Vier

Ich fege die Scherben zusammen, gehe nach unten und klettere in den Stapler (mein guter »Heini«, Tragkraft 6.000 Kilogramm). Ich habe Glück: Von mir wird kein festes Stundenpensum verlangt, ich muss nur rechtzeitig Nachschub liefern. Also sitze ich noch ein bisschen, während um mich herum die Bänder rattern, und denke an all die Kolleg*innen, die längst fort sind. Ähnlich wie bei Knast- und Psychiatrieinsassen gibt es bei uns ein klar getrenntes Drinnen und Draußen. Sobald wir zum letzten Mal durch das Tor ins Freie treten, lösen sich alle Bindungen. Wir respektieren uns noch, wir grüßen, wenn wir uns begegnen, aber es ist vorüber wie ein Saisonvertrag vom letzten Jahr. So entwickelt sich auch kein Versuch, aus dem Vergangenen zu lernen und uns auf das Kommende vorzubereiten.

Vielleicht muss das nicht so sein. Vielleicht ist es von Nutzen, dass wir den Lieferservice ebenso kennen wie die Lagerhallen, Gastronomie und Bau ebenso wie das Reinigungsgewerbe. Vielleicht ist es von Nutzen, dass bei uns die chilenische Philosophin neben einem wie mir Pakete packt.

Vielleicht rauchen wir mal eine mit den polnischen Zulieferern, wenn sie wieder um einen Feiertag betrogen wurden, vielleicht sehen wir uns irgendwo hinter der Autobahnbrücke, beim betriebs- und branchenübergreifenden Streik und – aber gut, ich gerate ins Schwafeln, und der Floormanager guckt rüber, schätze, es ist Zeit, den Schlüssel zu drehen …

Tim Hoffmann arbeitet in verschiedensten prekären Jobs, zuletzt in der Lager-Logistik zwischen Halle/Saale und Leipzig.
https://www.akweb.de/autor-in/tim-hoffmann/

Daniel gewidmet – RIP

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