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"Die 78er

"Also diese Jugend heutzutage!" Halbw�chsige jeder Generation bekommen
diesen Ausruf des schieren Unverst�ndnisses ja irgendwann einmal zu h�ren.

Sp�ter aber berappeln sich die Lauser meist wieder. Sie gr�nden Familien und
Unternehmen. Sie gehen in die Wirtschaft oder in die Politik.

Und dann wird's richtig schlimm. Ein Halbstarker kann schlie�lich bei weitem
nicht so viel Unheil anrichten wie ein Honoratior. 

Nehmen wir nur mal unseren Au�enminister. Fr�her stellte der ja nur ein
Problem f�r die Frankfurter Polizei dar. Damals, als er noch B�rgerschreck
war.

Inzwischen allerdings, nachdem er B�rgers Liebling geworden ist - plus 2 auf
dem ZDF-Politbarometer - da hat das ganze doch gr��ere Dimensionen
angenommen. Der Ex-Sponti in Nadelstreifen sorgt daf�r, dass die Gr�nen
politikf�hig sind. Will sagen: Er verhindert jene demokratischen Strukturen
in der drittst�rksten deutschen Partei, die jene ansonsten immer propagiert.

Dar�ber hinaus leistet er der Politikverdrossenheit unter der Jugend
Vorschub. Weil: der Ex-68er erz�hlt Youngstern, die sich in seinen Verein
verirrt haben, immer genauso penetrant von Stra�enk�mpfen des vergangenen
Jahrhunderts wie fr�her die (Jahrgang-)18er ihren Enkeln vom Krieg.
Hauptstadt-Korrespondenten kolportieren das zumindest.

Und er hat der deutschen �ffentlichkeit beigebracht, dass man, blo� weil man
gegen irgendeinen Krieg ist, noch lange nicht auch dagegen stimmen muss.
Sowas hat schon eine moralische Qualit�t! Das ist etwas anderes, als mal
einen Stein zu werfen, der dann eh nicht trifft.

Oder unser Bundeskanzler. Fr�her als Juso-Vorsitzender, da hat er ja
versucht, die Arbeitsm�nner und -frauen gegen die herrschende
Wirtschaftsordnung aufzuwiegeln. Und dazu hat er ihnen erkl�rt, dass wegen
der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus "die konkreten
Reproduktionsbed�rfnisse der Lohnabh�ngigen immer weniger befriedigt werden
k�nnen". Wolfgang J�ttner, Gerhard Schr�der et al. (Hrsg.) G�ttinger Thesen,
G�ttingen 1979, Seite 67.

Sie haben's nicht kapiert, die Lohnabh�ngigen. Deshalb versucht der Autor es
ihnen jetzt anders klar zu machen. Weniger auf der theoretischen als auf der
empirischen Ebene.

Also diese Jugend ... damals, die 68er. Noch zehn Jahre muss man diese
umgedrehte Generation ertragen. Dann werden sie so langsam anfangen, in den
Ruhestand zu gehen.

Die 78er hingegen ziehen sich bereits jetzt aus dem Erwerbsleben zur�ck. Sie
haben n�mlich ihr Soll an anderen bereitetem Ungemach l�ngst erledigt. Und
auch ansonsten haben sie ... na ja, sagen wir's mal so: sie haben's ja.

Die Unternehmer-Generation der New Economy. Peter Kabel etwa. Er gr�ndet die
Kabel New Media, f�hrt sie die Wand. Und zwischen diesen beiden Ereignissen
verkauft er eben mal ein paar Aktien.

700 000 sollen es gewesen sein - im Wert von 100 Millionen. Irgendwo muss
das Geld schlie�lich hin, das die Leute verspekulieren.

Stephan Schambach: 5 Prozent seiner Anteile an Intershop st��t er in den
Jahren 1999 und 2000 ab. Das bringt ihm 60 Millionen Mark ein.

Wenn er mit dieser Summe heute wieder einsteigen w�rde, dann h�tte er in dem
maroden Laden das alleinige Sagen. (Aber das Geld ist ihm wahrscheinlich
lieber. Was ja verst�ndlich ist.)

Oder Paulus Neef. 75 Prozent an Pixelpark verkauft er an Bertelsmann.
Anteile, bei denen dieser Konzern heute froh ist, wenn sie jemand geschenkt
nimmt.

Diese Beispiele belegen doch recht eindrucksvoll, dass man mit dem
Aktien-Sparen richtig Geld machen kann. Allerdings nur mit dem Aktien-Sparen
von anderen Leuten.

Es ist wie so oft - n�mlich paradox: Da bringen ein paar Leute die
Altersversorgung ganzer Nationen zum Wanken - und setzen sich dann zur Ruhe.

Die Macher der New Economy haben die Telekommunikationsbranche ruiniert, die
sie finanzierenden Geldinstitute und - weil die ja auch oft die
Pensionsfonds verwalten - in manchen L�ndern auch das jeweilige
Alterssicherungssystem.

Jetzt aber ist Schluss. Es hat n�mlich noch einer aufgeh�rt. 

Und das ist kein Kabel, Neef, Schambach oder irgendein anderer aus der
Regionalliga. Es ist vielmehr er selbst (he himself): Steven Case, die
New-Economy-Ikone schlechthin. Er gibt den Verwaltungsratsvorsitz von
AOL-Time-Warner ab.

Der 44-j�hrige war wie jeder auch einmal jung. Und da hat er allerlei Unsinn
gemacht. Die Pizza-Hawaii hat er beispielsweise erfunden und f�r
Procter&Gamble Werbespr�che f�r feuchtes Klopapier getextet. Was ja alles
nichts Schlimmes ist. Wer's mag.

Dann aber wurde er erwachsen, brachte AOL, den von ihm gegr�ndeten Konzern,
an die B�rse und fusionierte ihn mit Time-Warner, einem Unternehmen, dem es
seitdem nicht mehr gut geht.

95 Dollar war die Aktie einmal wert. Aktuell sind's 15. Da kommen gut und
gerne ein, zwei Hundert Milliarden Dollar an vernichtetem Kapital zusammen.

Aber er geht jetzt ja. Der Spuk der 78er ist vorbei.

Allerdings: Was werden die 88er bringen? Die, die jetzt gerade beim
Karriere-Machen sind. Oder die 98er, die sich zur Zeit noch darauf
vorbereiten.

Oder erst die 2008er. Die das ganze �berhaupt noch nicht interessiert, weil
sie erst einmal die Sache mit dem anderen Geschlecht auf die Reihe kriegen
m�ssen, und die deshalb f�r Nebens�chlichkeiten derzeit �berhaupt keinen
Nerv haben.

Und erst die 2018er. Ihre Eltern sollten sich ihrer diesbez�glichen
Verantwortung sehr wohl bewusst sein, ihren Spr�ssling auf den Arm nehmen
und sehr ernsthaft zu ihm sagen: "Gell, Bub (oder M�dchen), sowas wie der
Onkel Joschka oder der Onkel Steve, sowas machst du mir mal nicht!"

Und der Bub (oder das M�dchen) wird dann alle Register des Kindchen-Schemas
ziehen und so goldig vor sich hin sabbern, dass der Papa (oder die Mama)
ganz sicher weiss: Meins tut das sp�ter einmal nicht.

Achim Killer"
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