On Thu, 21 Apr 2011 12:08:09 +0200
RA Stehmann <[email protected]> wrote:

> Aber es gibt auch Leute, für die ist ein Computer ein Arbeitsinstrument,
> dass möglichst einfach zu bedienen sein soll. Die können oder wollen
> sich nicht dem auseinandersetzen, was unter der möglichst freundlich
> gestalteten Oberfläche geschieht.

Ja, das ist auch so. Diese Diskussion gibt es auch mindestens schon 10 Jahre.
Tatsache ist doch aber: Ein Computer ist nicht einfach zu bedienen, man braucht 
dafür Schulung und Übung. Für ein Auto, ein Instrument welches erheblich 
einfacher zu bedienen ist, muss man eine Fahrschule besuchen. Wieso meinen die 
Leute immer, ein Computer müsse ohne irgend eine Art von Schulung oder 
zumindest autodidaktischer Übung bedienbar sein. Das ist er nämlich nicht, auch 
nicht unter unfreien Betriebssystemen. 

Ich arbeite im IT-Support einer mittelständischen Firma mit 130 Leuten und 
erlebe immer wieder welche Probleme die Leute mit dem ach so 
benutzerfreundlichen Windows haben. Seit ein paar Rechner auf Windows 7 
umgestellt wurden ist es subjektiv sogar schlimmer geworden. Ich halte Windows 
aus meiner Admin-Sicht für ein wahnsinnig kompliziertes System, erheblich 
schwieriger zu administrieren als z. B. Debian. 

Es scheint aber eine Konstante zu sein: Je (oberflächlich) benutzerfreundlicher 
ein System wird, desto komplizierter wird es unter der Oberfläche. Das kann man 
schon bei den "einsteigerfreundlichen" Distributionen wie *buntu sehen. Unter 
einer Distro die dem KISS-Prinzip folgt, kann ich genau sagen was welcher 
Prozess macht bzw. an welcher Stelle ich drehen muss um ein Verhalten zu 
verändern. Bei den "einsteigerfreundlichen" Distributionen blicke ich kaum noch 
durch.

Die zweite Konstante ist: je komplexer ein System ist, desto fehleranfälliger 
wird es. Damit werden diese Systeme nicht wirklich benutzerfreundlicher, den 
wenn es ein Problem gibt gibt es kaum eine Chance sich selbst zu helfen. Bei 
unfreien Systemen trifft das in besonderem Maße zu, da es kaum Dokumentation 
gibt, was wiederum daran liegt, dass das System geschlossen ist. Gibt es ein 
Problem mit freier Software sind die Chancen recht gut, dass man im Web eine 
Lösung findet. Bei geschlossenen System braucht man sehr viel Glück. Wie oft 
habe ich schon nach Lösungen für Problemen unter Windows gesucht und bin nicht 
fündig geworden, es gab oft nur irgendwelche unbrauchbaren "Knowledge Base" 
Seiten, die auch keine Lösung bereit stellten - wenn überhaupt.

Ich denke, dass GNU/Linux schon lange benutzerfreundlich und auch für 
Einsteiger gut zu bedienen ist. Das Problem ist die Herangehens- und 
Arbeitsweise. Unter proprietären Systemen habe sich die Benutzer jahrelang ein 
bestimmtes Verhalten angewöhnt. Wenn das nicht 1:1 auf anderen Systemen genau 
so läuft ist natürlich das System schuld. Die Konsequenz kann ausdrücklich 
nicht sein, proprietäre Systeme zu kopieren.

Ich habe da ein schönes Beispiel - mein Vater, 65 Jahre alt, hat die letzten 15 
Jahre unter Windows gearbeitet. Zwar habe ich ihm schon das ein oder andere mal 
GNU/Linux gezeigt, aber so richtig hat er sich nie dafür interessiert. Bis ihm 
ein Fehler unter Windows, ich weiß nicht mehr welcher, so auf die Nerven ging, 
dass er sich ohne mein Zutun und ohne mein Wissen GNU/Linux runter geladen und 
installiert hat - wie gesagt, ohne mein Wissen und auch ohne meine Hilfe, ich 
habe davon erst später erfahren. Er hat einige Tage nur damit zugebracht um zu 
verstehen wie das System funktioniert, hat sich durch Foren und Howtos gewühlt. 
Dann konnte er mit dem System arbeiten. Ein halbes Jahr später hat er sich 
einen neuen Rechner geholt wobei ich ihm geholfen habe ihn anzuschließen und 
einzurichten. Er wollte explizit wieder GNU/Linux drauf haben "Jetzt habe ich 
mich schon so daran gewöhnt, ich will nicht wieder zurück zu Windows" hat er 
gesagt.

> Schauen wir genug auf die Bedürfnisse der Nutzer?

Was sind die Bedürfnisse der Benutzer? Auch diese Diskussion ist schon 
Jahrzehnte alt. 
 
> Oder geben da einige nicht lieber die dreihundertfünfzigste
> GNU/Linux-Distribution heraus, statt sich für die Verbesserung einer
> bestehenden einzusetzen?

Neue Programme und Distributionen entstehen ja oft aus einem eigenen Bedürfnis 
heraus, weil man bei den bestehenden Angebot nicht fündig geworden ist. 
Manchmal auch, weil das Projekt, bei dem man mitarbeiten wollte, in eine 
Richtung geht, die man nicht möchte. 

> Zählen nicht manchmal neue Features mehr als QA und Usability?

Das ist ein Kritikpunkt, den ich teile. Es fehlt manchmal etwas an 
Professionalität in der freien Software-Entwicklung. Es werden manchmal eher 
neue Features hinzugefügt als die Software stabilisiert. Manchmal kommt es auch 
vor, kaum dass eine Software ausgereift ist, wird alles über den Haufen 
geworfen und neu angefangen. (HAL - udev um ein Beispiel zu nennen).


Gruß,

Henry
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