Liebe FSFE-Community,

ich finde es schön zu sehen,
wie ihr euch darum bemüht Begriffe zu bilden und zu verstehen,
z.B. mithilfe der Frage "Was ist Wissenschaft?"

Vielleicht kann ich als Diplom-Mathematiker
mit den Nebenfächern Physik (im Grundstudium) und Informatik (im Hauptstudium)
und Promotion rer. nat. etwas beisteuern.

In meiner ersten Physik-Vorlesung bei den Professoren Klaus Hinsch und Eberhard 
Hilf
an der C.v.O.-Universität Oldenburg (Oldb) habe ich im Herbst 1986
folgende Grundanschauungen über Physik gelernt:

Die Physik erklärt nichts und kann auch nichts beweisen.
Sie versucht die Realität mittels physikalischer Theorien zu *beschreiben*.
Eine physikalische Theorie ist ein mathematisches Modell von
(einem Teilaspekt der) materiellen Realität.
Sie trifft Vorhersagen darüber, wie bestimmte Experimente ausgehen müssten.
Wird in einem Experiment etwas ganz anderes gemessen,
als die Theorie vorhersagt, wird — nach Ausschluss anderer Fehlerquellen —
die Theorie verworfen oder auf bestimmte Rahmenbedingungen eingeschränkt.

Beispiel:
Die klassische Newtonsche Mechanik mit ihren drei Axiomen
gilt nur für (im Vergleich zum Licht) langsam bewegte Körper.
Je größer die Geschwindigkeiten werden, umso ungenauer wird die Theorie.
Für ¾ Lichtgeschwindigkeit ist sie schlichtweg falsch.
Die Mond- und Marsexpeditionen wären gescheitert,
wenn man sie rein nach Newton gerechnet hätte.

Von allen Naturwissenschaften ist die Physik sicherlich die solideste,
und doch lässt sich in ihr keine einzige Aussage streng logisch beweisen.
Das sollte uns zu denken geben und sehr bescheiden machen im Hinblick darauf,
ob wir die Wahrheit kennen.
An den Energie-Masse-Erhaltungssatz glauben die meisten Physiker;
es gibt sehr viele Indizien für und kein kontraindizierendes Experiment gegen 
ihn,
und dennoch ist er unbewiesen und lässt sich nach den Regeln der Physik auch 
nie beweisen.

An den Energie-Masse-Erhaltungssatz glaube auch ich, als Arbeitshypothese,
aber meine Hand würde ich nicht für ihn ins Feuer legen.
Anders ist das mit dem Satz des Pythagoras oder jedem anderen mathematischen 
Satz,
den ich eingehend geprüft habe.
Dafür würde ich, sollte er unwahr sein, mich vierteilen und zu Tode foltern 
lassen.

Über diesen Unterschied im Wahrheitsbegriff sollte man nachdenken.
Man wird dann darauf kommen, dass sich über die materielle Wirklichkeit
nichts wissenschaftlich *beweisen* lässt (im strengen Sinne der Logik).
(Hieraus sollte man an dieser Stelle richtigerweise schließen, dass die 
Mathematik
 keine beweisbaren Aussagen über die materielle Wirklichkeit trifft.
 Sofern man die Mathematik für solche Aussagen heranzieht,
 geht ihre Beweisbarkeit verloren, und zwar im Schritt der Modellierung.)

Innerhalb gewisser Modellannahmen kann ich z.B. folgende Aussagen streng 
logisch beweisen:

(1) Proprietäre, quell-geschlossene Software kann dem/der Endbenutzer:in
    keine nachprüfbaren Garantien (bzgl. Hintertüren, Ausspähungen) bieten.

(2) FOSS ermöglicht es jedem/jeder Endbenutzer:in prinzipiell
    (bei Hinzunahme gewisser Verteilungsmechanismen),
    die Spezifikationstreue der ausgeführten Programme zu verifizieren.

Hier haben wir harte Fakten, die wir möglichst vielen Menschen verdeutlichen 
können,
in der Hoffnung, dass sie sich — ihrem eigenen Wertesystem gemäß — für FOSS 
entscheiden.

Bleiben wir daher bei unseren Leisten, Schusterkolleg:innen!

Wie wir über die Corona-Maßnahmen denken, hängt sehr stark von unserem Weltbild,
also von dem Modell ab, das wir uns von der Wirklichkeit gebildet haben.
Es ist daher m.E. müßig, darüber zu streiten, wer "Recht hat",
und im Sinne eines gegenseitigen Verständnisses und Respekts nicht zielführend,
zu emotionalisieren oder Einzelne in ihrer Person anzugreifen.

  Herzliche Grüße, Roland
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