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Konferenzankündigung

"Wie entsteht Identität? Individuum, Nation und Europa im
politischen Denken Fichtes"
Internationale Tagung
Internationale Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft
Internationales Forschungsnetzwerk
Transzendentalphilosophie/Deutscher Idealismus
Rammenau (Deutschland)
16.-18. Mai 2008

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Auch oder gerade in einer Zeit wie der unsrigen, die sich
einem Pluralismus an Lebensformen verschreibt, ist die
Frage, auf welche Weise individuelle und kollektive
Identität(en) entstehen und wie beide Bildungsprozesse
miteinander zusammenhängen, weiterhin von großer Bedeutung.
Ein Einblick in deren Genese und Interdependenz ermöglicht,
unterstützend oder hemmend in diese Prozesse einzugreifen,
um entweder einem bestehenden Mangel an sozialen Bindungen
entgegenzuwirken oder der Gefahr einer die Pluralität
vernichtenden Uniformität vorzubeugen.

Ergänzend zum empirisch-deskriptiven Zugang von Psychologie,
Sozial- und Kulturwissenschaften bedarf es der
grundlegenderen Fragedimension nach den nicht-empirischen
Möglichkeitsbedingungen sowie der Legitimität von Identität.
Welche apriorischen Grundstrukturen individueller und
kollektiver Identitätsbildung gibt es und welche Formen von
Identität lassen sich anhand dessen für das menschliche
Zusammenleben rechtfertigen? Diese Perspektive auf die
Problematik eröffnet insbesondere die
Transzendentalphilosophie.

Dass damit keineswegs der Bezug auf die geschichtliche
Aktualität unterlaufen ist, demonstriert die Philosophie von
Johann Gottlieb Fichte. Von den grundlegenden Schriften zur
Wissenschaftslehre bis zu seiner praktischen Philosophie
steht stets die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von
Identität und Selbstbewusstsein im Fokus des Interesses.
Dabei bestätigt vor allem eine eingehende Untersuchung
seiner Texte zur praktischen Philosophie, dass sich Fichtes
Denken, so sehr es auch nach begrifflich-logischer Klarheit
ringt, immer vor dem Hintergrund praktisch-politischer
Überlegungen vollzieht. Fichte zeigt auf, wie sich
individuelles Identitätsbewusstsein allein im Rahmen
kollektiver Identitäten konstituieren kann. Sein Ziel ist
es, ein Gesellschaftsmodell zu entwerfen, welches die
individuelle wie kollektive Autarkie und Autonomie
garantiert. Aus einer detaillierten Analyse der historischen
Situation versucht er Mittel und Wege zu gewinnen, sein
gegenwärtige Zeitalter in diese Richtung voranzutreiben.

200 Jahre nach Erscheinen von Fichtes „Reden an die deutsche
Nation„ ist es lohnenswert, einen intensiven Blick auf den
politischen Fichte zu werfen. Die Erklärung der Genese
individueller und kollektiver Identität steht im Fokus
seines Denkens von den revolutionsbegeisterten Anfängen bis
hin zur antinapoleonischen Spätphase. Das Thema „Individuum,
Nation und Europa“ gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen
sich die Identitätsproblematik abspielt. „Europa“ dient
dabei (wie schon für die Zeit Fichtes) zur Bezeichnung eines
kulturellen Erbes, das sowohl die christlichen Wurzeln als
auch eine seit der Antike geteilte Rationalität zum Ausdruck
bringt.

Daraus ergibt sich das Spannungsfeld von Identitätsbildung
zwischen Individuum, Gesellschaft, Staat und Kultur, d.h.
Vernunft und christlicher Religion. Fichtes Unternehmen
stellt einen systematischen Versuch dar, die
unterschiedlichen Bereiche zugunsten der menschlichen
Freiheit zu vereinbaren und mittels Bildung (Erziehung) dem
Volk zu vermitteln.

200 Jahre nach Erscheinen von Fichtes „Reden an die deutsche
Nation“ weiß man nicht zuletzt aus der Geschichte, dass
Identitätsbildung mit einer mehr oder weniger feindlichen
Abgrenzung gegenüber dem Anderen geschieht: Ob Ich gegen
Nicht-Ich, Deutschland gegen die anderen Nationen (v.a.
Frankreich), oder Europa gegen andere Kulturen – die Suche
nach Identität enthält neben dem versöhnenden immer auch
einen entzweienden Aspekt.

Ob und wie Fichte auf Vorwürfe aus unserer pluralistischen
Zeit reagieren kann, ist einer intensiven Beschäftigung
wert, wovon nicht nur die Fichte-Forschung, sondern auch
unser gegenwärtiges Zeitalter profitieren kann. Neben einem
begrifflich- systematischen Verständnis von Fichtes
Konzeption der Identitätsbildung in ihrer
praktisch-politischen Tragweite steht daher deren
Gegenwartsbezug in zweifacher Hinsicht: Zum einen verlangt
eine „faire“ und konstruktive Auseinandersetzung mit Fichte
die Verortung dieser Theorie in ihrer eigenen Zeit. Vor
allem die populärphilosophischen Schriften wie die Reden
sind ohne den geschichtlichen Bezug (Französische
Revolution, Napoleon, die politische Situation Deutschlands)
kaum zu verstehen. Der augenscheinliche Zeitbezug dieser
Texte verlangt neben der rein philosophischen ebenso
historische, soziologische und politologische Analysen. Zum
anderen lässt sich daraus ein kritischer Bezug auf unsere
heutige Zeit herstellen.

Die Tagung in Rammenau richtet sich an alle Interessierten
aus der Philosophie sowie aus benachbarten Disziplinen
(Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politologie).
Insbesondere Nachwuchswissenschaftler sind herzlich
eingeladen.


Kontakt:

Christoph Binkelmann
Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie,
Wissenschafts- und Technikgeschichte
Technische Universität Berlin
Straße des 17. Juni 135
10623 Berlin
Deutschland
E-Mail: [email protected]
Web: http://www.fichte-gesellschaft.de/phpfusion/uploads/fichte_rammenau_08.pdf

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