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Call for Papers

"Image Match: Visueller Transfer, 'imagescapes' und Intervisualität in
globalen Bild-Kulturen"
Junges Forum für Bildwissenschaft 2010
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildkulturen,
Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
Berlin (Deutschland)
9.-11. Juni 2010

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From: Oliver Lerone Schultz <[email protected]>

Im Zuge der Globalisierung geraten Bilder gegenwärtig mitsamt den sie
tragenden Kulturen in neuer und massenhafter Weise in Bewegung:
Bilder werden Teil transnationaler und transregionaler Migration,
fließen millionenfach durch neue globale Kommunikationskanäle, sind
gebunden an neue Perspektivitäten, an Vektoren und Beweglichkeiten --
und fusionieren ununterbrochen zwischen sozio-kulturellen Domänen,
Teilkulturen oder vormals separierten Bedeutungsräumen. Bilder und
visuelle Ensembles werden in der Folge vermehrt zu Trägern, »Orten«
oder auch symptomatischen Indizes kultureller Austausch-Bewegungen.
Schon ist stellenweise von »flowing images« die Rede, die nicht
zuletzt in Phänomenen der »Global Art« und vielen Bereichen der
Naturwissenschaften bereits sichtbar sind. In diesen von jeher
bedeutsamen Bewegungen der Bilder und Bildkulturen entstehen nicht
nur neue Bildformen, sondern darüber hinaus auch »third
spaces« (Edward Soja) von Bildern in den Transferräumen -- d. h.
neue, reale und virtuelle Bildarchive, Bildmärkte und visuelle
Bühnen. Mit ihnen formen sich spezifische transkulturelle
Bildensembles und neue Interpretationsgemeinschaften im Sinne von
Bildkulturen, in denen diese vielfältigen visuellen und ikonischen
Begegnungen kultiviert, enkulturiert oder verhandelt werden. Einzelne
Bildkulturen wie etwa Street Art, Fotomontage oder das VJing (Visual
Jockeys), Kino-Remakes mit ihren Übersetzungen über kulturelle
Großräume, islamische Superheldencomics u. ä. lassen sich inhärent
nur in ihren kulturellen Übertragungen von einem Bildraum in den
anderen deuten. Aber auch »traditionelle« Bildkulturen der
sogenannten Hochkultur und die tradierten Bildmedien sind in ihren
visuellen Referenzen oft nur durch ihre Übertragungen aus anderen
Bildbeständen zu verstehen.

IMAGE MATCH stellt die Frage nach den Neubestimmungen einer
Bildwissenschaft unter den Bedingungen der massenhaften und mitunter
bewusst bzw. reflexiv stattfindenden Bildtransfers zwischen
bestehenden Bildkulturen. Fokussiert werden sollen dabei neu
entstehende Gleichzeitigkeiten und Verkoppelungen zwischen
kulturellem und bildlichem Raum und damit zwischen unterschiedlichen,
sich jedoch ergänzenden Per-spektiven des praktischen Sehens.
Inwieweit muss die Idee der kulturellen (Bild-)Produktion bspw. von
der Dublette »Making« und »Matching« (McLuhan) um ein »Mixing«
ergänzt werden? Was ist, wenn Bilder -- und Medien überhaupt -- Zeit
und Raum nicht überwinden, sondern kulturelle Akteure und
Bedeutungsräume vielmehr verflechten? Was bedeuten Bilder gerade im
Austausch -- in oder nach einem an-spruchsvollen Transfer? Welche
Bedeutungen entstehen in Sphären, die als Drehkreuz zirkulierender
Bilder, sich überkreuzender Bildachsen und produktiver
Hybridisierun-gen verstanden werden? Wie verstehen sich
»Meta-Bilder« (W.J.T. Mitchell), wenn man sie nicht einfach als Orte
beliebig verschachtelter Bildlichkeiten, sondern gleichzeitig auch
als Räume kultureller Überlagerungen betrachtet? Welche Art von
»Frames« bestimmen Bilder, die die Rahmen einer Kultur überschreiten,
um sich behaftet mit den Spuren ihres Ur-Sprungs in neue kulturelle
Bedeutungsräume einzuzeichnen? Wie bestimmen sich kulturelle und
bildliche Perspektivenübernahmen gegenseitig bzw. inwieweit sind sie
überhaupt unterscheidbar? Gefragt wird nach den damit einhergehenden
und neu entstehenden hybriden kulturellen Bildpraktiken und
Bildsystematiken sowie nach dem Einfluss auf den Status je
bestehender »alter«, etablierter Bilddomänen -- also auch nach der
historischen Entwicklung und Veränderung von Bildkognition selbst.

Bild-Bedeutung im Transfer

Ein zentraler Begriff der Fragestellung des diesjährigen »Jungen
Forums für Bildwissenschaft« ist der des »Transfers« als einer
zunehmend durchgängigen Größe allgemeiner Lebenserfahrung und -praxis
für ganz unterschiedliche Gruppen von Akteuren und einer umfassend
sich geltend machenden Realität der neuen Informations- und
Kommunikationsverhältnisse: soziale Netzwerke, weltumspannende
Imagepools, neue Verfügbarkeiten von Kommunikationskanälen, wachsende
multidimensionale Mobilitäten, globale kulturelle Märkte. All dies
führt zu neuen, teilweise inzwischen alltäglichen Übertragungen. Als
Topos wie auch als anspruchsvolle methodische Herausforderung an
einen rein kulturvergleichenden und komparatistischen Zugriff wird
»Transfer« bereits seit Längerem in den Literaturwissenschaften
verhandelt. Ähnliches zeichnet sich in ersten Umrissen für die
Bildwissenschaften ab, in denen die Thematisierungen und
Programmatiken einer »Intervisualität« oder »Interikonizität« bereits
in Ansätzen diskutiert werden. Fragen nach »Transfer« und
»Intervisualität« können mit der Betrachtung transversaler
Kulturalität verknüpft und im Sinne einer systematischen Neufassung
des Kulturellen unter den Bedingungen der Globalisierung verhandelt
werden. Die Bedeutung von »Transfer« und »Perspektivenübernahme« für
komplexere kulturelle Prozesse wie die des Lernens, des Dialogs oder
der Empathie sollen dabei bewusst mitgedacht werden. Auch der »Kampf
der Kulturen« bietet eine Gegenfolie für die hier eingenommene
Blickrichtung.

»Intervisualität«, »Imagescapes« und die Eigenwertigkeiten neuer
Bild-Kulturen

In diesem Rahmen stellt sich ebenso die Frage nach der kulturellen
Bedeutung von Bildtransfers. In reflexiven Bildprozessen -- von denen
man in Zeiten eines millionenfachen Gebrauchs von Bildern und einer
Massenkultur der Bildproduktion und -rezeption ausgehen muss --
finden an den verschiedenartigsten kulturellen Übergangsstellen
Bild-transfers statt, in deren Vollzug sich die Akteure bewusst mit
verschiedenen Formen von Bildlichkeit auseinandersetzen. Wo von
»user-generated content«, sozialen Netzwerken und
Partizipationskulturen die Rede ist, muss auch eine Kultur des
Transfers als eines emphatischen und expliziten Bildgebrauchs
angenommen werden. Ausgegangen werden muss also auch von Aneignungen,
die von den Akteuren mehr oder weniger bewusst erörtert und geprägt
werden und in denen sich Taktiken, Strategien und operative Kulturen
ausbilden, auch als Auseinandersetzung mit den übernommenen Bildern
und deren heterogener Kulturalität. In diesen Prozessen der Fusion,
Montage, Entlehnung und der impliziten wie expliziten Bilddialoge
werden nicht nur bestehende Kontexte überbrückt und vermittelt,
sondern es entsteht immer auch ein neuer, dritter und übergeordneter
Kontext. Innerhalb der übertragenen Aneignung bestehender Bildmotive,
-bestände und -repertoires tritt mit die-sen Übersetzungen von
Bildwahrnehmungen und Bildhandlungen immer auch eine Repositionierung
von kulturellen Subjekten in Erscheinung. Die Frage nach einer
»globalen Bildkultur« erhält eine neue Konfiguration, wenn der
Fundamentalperspektive der »Intertextualität« eine kulturell
verstandene »Intervisualität« an die Seite gestellt wird und wenn
neben die Erkenntnis von globalen »ideascapes« oder »mediascapes«
auch die von im Austausch allererst entstehenden »imagescapes« tritt.
Auch umgekehrt scheint die Bestimmung solch gearteter neuer
intervisueller Bildzusammenhänge ein vielversprechender Zugang zu der
Frage nach einer Bestimmung des Umfangs, des Charakters und der
aktuellen Erscheinungsformen von »Kultur(en)« in global verfassten
Gesellschaften.

Bildwissenschaftliche Transferleistung -- auf dem Weg zu neuen
Bildtheorien?

Noch unbedacht sind bislang die Implikationen für eine Bildtheorie,
wenn die Referenzordnungen der Bilder und ihre klassischen
Bildsemiotiken im Spannungsraum des Kulturtransfers ergänzt werden
durch die inhärente Bedeutsamkeit ihrer kulturellen Verweise und eine
Praxis der Verknüpfung sowie des expliziten Bezugs auf heterogene
Sozial- und Bedeutungsräume. Richtet man den Blick dabei auf die
Subjekte und Ak-teure der neuen Transfer-Bild-Kulturen als
»Interpretanten« von Bildbedeutungen (im Sinne von C. S. Peirce),
stellt sich die Frage nicht nur aus kultur- oder
sozialwissenschaftlicher Sicht, sondern auch in ihrer weitreichenden
Bedeutung für Grammatiken, Signifikationsweisen und Semiotiken des
Bildlichen selbst. Ändert sich in einer globalen Transfer-Kultur
Bildlichkeit selbst? Braucht eine globale Kultur, die sich als
Verhandlungsraum von sich überkreuzenden und überlagernden Kulturen
darstellt, eine neue Theorie, gar eine neue Methodik der
Beschreibung, Analyse und Deutung des Bildlichen? Was bedeutet es für
die Bildbedeutung, wenn Referenzen immer auch einen bestimmten und
internalisierten Verweis auf Externes beinhalten, mit einem
stereoskopen Blick der »zwei Kulturen« verbunden sind und in ihrer je
bestimmten Verklammerung eine spezifische Aufhebung artikulieren?
Welche Theorien erfassen gleichermaßen die neuen Bildlichkeiten und
visuellen Perspektiven globalisierter Bildproduktion wie auch die
verdichteten, vervielfältigten und beschleunigten
Austauschbeziehungen, die sich hinter diesen Bildern verbergen?
Welche Rolle spielen für kulturelle Transferbilder Konzepte, die sich
kulturwissenschaftlich mit Transfers und Vermischungen verbinden --
etwa Synkretismus, Patchwork, Fusion, Mixing, Mestizisierung,
Kreolisierung Inwieweit wird eine neue Terminologie für die Analyse
von Bild-Kulturen benötigt, in denen Originalität, Authentizität,
Provenienz u. ä. keine originären Werte und Bezugs-größen mehr sind?
Erscheint am Horizont zukünftiger Welt-(Bild-)Kultur eine
Bildwis-senschaft, die sich systematisch auf Hybridität, Ambiguität,
Interferenz, Resonanz, Anamorphose, Montage oder Puzzles bezieht?
Oder müssen Bildsemiotiken gar grundlegend neu formuliert werden --
als »cultural relations« vor dem Horizont dialogischer Methodologien?

Vom 9. bis 11. Juni veranstaltet die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe
Bildkulturen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
zum fünften Mal ein »Junges Forum für Bildwissenschaft«. Die Tagung
»IMAGE MATCH: Visueller Transfer, »imagescapes« und Intervisualität
in globalen Bild-Kulturen« richtet sich insbesondere an
Postdoktorand/innen und Doktorand/innen der Geistes-, Sozial- und
Naturwissen-schaften. Sie soll Gelegenheit geben, die im Call for
Papers formulierten Fragen aus einer dezidiert interdisziplinären
Perspektive zu diskutieren.

Mit der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Bildkulturen erforscht die
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mithilfe eines
ganzen Spektrums von akademischen Disziplinen -- von der
Kunstgeschichte und Archäologie über Philosophie und Ethnologie,
Japanologie und Sinologie, Ägyptologie und Theologie bis hin zu
Ma-thematik, Biologie und Informatik -- Phänomene transkultureller
Bildkulturen in einer zunehmend globalisierten Bildwelt.

Erbeten sind an die unten angegebene E-Mail-Adresse ein kurzes, nicht
mehr als einseitiges Abstract für eine halbstündige Präsentation
sowie ein knapper Lebenslauf mit Stichworten zu den
Forschungsinteressen. Stichtag der Einsendung ist Sonntag, der 18.
April 2010. Eine Publikation der Tagungsbeiträge wird erwogen. Die
Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten ist voraussichtlich
möglich.

Einsendungen bitte an:
[email protected] (Stichwort: Junges Forum)

Für weitere Informationen zur Interdisziplinären Arbeitsgruppe
Bildkulturen und zu den Tagungen sowie Publikationen des »Jungen
Forums« in den Jahren 2006, 2007, 2008 und 2009 siehe:
http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/Bildkulturen/

Wissenschaftliche Konzeption und Organisation:
Dr. des. Martina Baleva
Dr. Ingeborg Reichle
Oliver Lerone Schultz, M.A.


Kontakt:

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildkulturen
Jägerstraße 22/23
D-10117 Berlin
Deutschland
E-Mail: [email protected]
Web:
http://www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/Bildkulturen/
 
 
 
 
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InterPhil List Administration:
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Intercultural Philosophy Calendar:
http://cal.polylog.org

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