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Call for Papers

Theme: Fortschritt, Bildung, Kultur
Subtitle: Kritische Theorie heute
Type: Interdisziplinäre Tagung
Institution: International Graduate Centre for the Study of Culture
(GCSC) und Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK),
Justus‐Liebig‐Universität Gießen
Location: Gießen (Deutschland)
Date: 5.–6.7.2012
Deadline: 27.1.2012

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From: Alexander Friedrich <[email protected]>

In der Kritischen Theorie ist der Begriff der Kultur mit der
erhofften Befreiung ebenso innig verbunden wie mit der Gefahr der
Erstarrung. Spätestens seit der Erfahrung von Auschwitz dominiert
die Herausarbeitung des herrschaftlichen Charakters von Kultur: In
ihr sei die Unterdrückung der inneren und äußeren Natur sowie die
Herrschaft des Menschen über den Menschen ebenso angelegt wie der
Rückfall in unvermittelte Gewalt. Jedoch hält insbesondere Adorno an
dem Gedanken an Emanzipation, an die befreite Gesellschaft fest.
Dabei misst die Kritische Theorie der Kultur eine zentrale Rolle zu:
Als Sphäre der Reflexion von Herrschaft ebenso wie als mögliche
Statthalterin der Hoffnung auf Emanzipation. Befreiung wird nicht als
Befreiung von der Kultur, sondern als Reflexion der Kultur auf ihre
unterdrückerischen Züge verstanden. Dies trennt die Texte der
Kritischen Theorie deutlich von der konservativen Kulturkritik
deutscher Romantiker, mit der sie immer wieder in eins gesetzt wird.

Diese doppelte Bedeutung des kritisch‐theoretischen Kulturbegriffs  
bildet den Ausgangspunkt der Konferenz Fortschritt. Bildung. Kultur.  
Kritische Theorie heute. Ihr Interesse konzentriert sich anhand der  
drei Themenfelder auf die Frage, inwiefern die aktuelle sozial‐ und  
kulturwissenschaftliche Forschung von den kritisch‐theoretischen  
Ansätzen profitieren kann und inwieweit die Kritische Theorie  
angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher und  
gesellschaftstheoretischer Entwicklungen zu aktualisieren wäre.

Es werden für jedes Panel 3 Vorträge ausgewählt. Die Beiträge  
sollten eine Länge von 25 Minuten nicht überschreiten, an die sich  
eine Diskussionszeit von weiteren 25 Minuten anschließen wird.  
Abstracts sollen nicht länger als 300 Wörter sein und  
Kontaktinformationen beinhalten. Sie sollen im pdf‐Format bis zum  
27.01.2012 an <Kritische‐Theorie‐Konferenz‐[email protected]> geschickt  
werden. Die Betreffzeile sollte den Titel des anvisierten Panels  
beinhalten. Beiträge aus allen Disziplinen sind willkommen. Die  
ausgewählten Vorträge werden bis zum 10.03.2012 bekannt gegeben. Es  
besteht die Möglichkeit einer Fahrtkostenerstattung.

Panel I: Kultur, Zivilisation und Fortschritt in der Kritischen
Theorie

In der Dialektik der Aufklärung entwerfen Adorno und Horkheimer eine  
Kulturtheorie, die den Prozess der Zivilisation aus der  
Gleichzeitigkeit von Regression und Fortschritt zu erklären
versucht. Innerhalb dieses geschichtsphilosophischen Paradigmas
stellt sich für eine Kritische Theorie der Kultur die Aufgabe, Wege
aus der Verstrickung von Aufklärung und Mythos zu suchen, um „die  
Zivilisation positiv über sich hinauszutreiben. Hat einmal die  
Zivilisation so sich ausgebreitet und befreit, daß es keinen Hunger  
mehr auf der Erde gibt, dann wird sie das erfüllen, was alle Kultur  
bis heute vergebens nur versprach“ (in: Kultur und Zivilisation).

Beiträge können aktuelle gesellschaftliche Themen aus der
Perspektive der Kritischen Theorie erörtern, um deren Potential und
Grenzen als eine mögliche Form zeitgenössischer Kulturkritik zu
erschließen. Ebenso können dezidiert theoretische Zugänge zum Thema
oder kontextualisierende Lesarten der betreffenden Texte
vorgeschlagen werden.
Angesichts gegenwärtiger technischer und sozialer Entwicklungen
stellt sich die Frage nach Potential und Implikationen eines solchen  
Zivilisationsbegriffs. Ist er noch haltbar oder gar notwendig für
eine kritische Theorie der Kultur?
Im Kontext aktueller globalisierungs‐ und kulturtheoretischer  
Debatten interessiert sich die Sektion für die Relevanz, Aktualität  
und Anschlussmöglichkeit des Kulturbegriffs der Kritischen Theorie:  
Worin liegt sein spezifisches Potential für aktuelle
gesellschaftliche und kulturwissenschaftliche Fragestellungen?
Welche Einsichten der zeitgenössischen Kulturforschung erlauben oder  
verlangen neue Lesarten der Kritischen Theorie?

Panel II: Kritische Theorie der Bildung

In den bildungstheoretischen Schriften von Adorno und Horkheimer  
werden die Begriffe der Bildung und Erziehung nahezu synonym  
verwendet. Bildung wird hier verstanden als Prozess mit dem Ziel der  
Erfahrungsfähigkeit und Mündigkeit. Bildungsprozesse sollen zum  
kritischen Bewusstsein – die Erziehung zu Anpassung und Widerstand  
– führen. Dabei steht die Entbarbarisierung der Menschen im Fokus.  
Adorno konstatiert: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder  
von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm  
machen zu lassen“ (in: Minima Moralia).

Die Beiträge in diesem Panel können – unter anderem, aber nicht  
ausschließlich – folgende Fragen thematisieren:
Was wird in der Kritischen Theorie unter dem Begriff der Bildung  
verstanden?
Welche Rolle spielt Bildung für das politische/demokratische  
Bewusstsein?
Inwiefern stehen Bildung und Erfahrung in einem interdependenten  
Verhältnis?
Welche normativen Vorstellungen von Gesellschaft stecken hinter dem  
Begriff der Bildung der Kritischen Theorie?
Kann das Bildungsverständnis der Kritischen Theorie in Zeiten von G8  
und Bologna noch bestehen?

Panel III: Kulturelle Differenz im Spiegel Kritischer Theorie

Der Kulturbegriff der älteren Kritischen Theorie ist
ausdifferenziert durch das in ihm ausgearbeitete Verhältnis von
Herrschaft und Befreiung, von Zivilisation und Barbarei. Die neuere
Kritische Theorie legt im Gedanken an kulturelle Differenz eine
stärkere Betonung darauf, dass Kultur nicht nur im Singular
existiert. Beide Denkrichtungen ziehen aus unterschiedlichen Gründen
den Vorwurf des Eurozentrismus auf sich. Adorno zeigt jedoch bereits
früh eine Herangehensweise an einen Kulturbegriff auf, der einen  
differenzierten, stets auf Freiheit orientierten Umgang gestattet.  
Eine Aktualisierung der Kritischen Theorie kann eine Brücke zwischen  
Adornos universalistischem Kritik‐ und Freiheitsbegriff einerseits  
und der Realität differenter Vorstellungen andererseits schlagen.  
Nicht zurückfallen darf sie hinter sein Insistieren: „[E]s kommt  
darauf an, daß man am eigenen wie am anderen des kritischen
Gedankens mächtig bleibt“ (in: Kultur und Culture), denn nur „solche  
Gedanken haben eine Chance, […] welche die Idee der Kultur nicht  
weniger herausfordern als die Wirklichkeit der Barbarei“ (in:  
Spengler nach dem Untergang).

Die Beiträge in diesem Panel können folgende Fragen thematisieren:
Inwiefern bieten die kulturtheoretischen Texte der älteren
Kritischen Theorie einen Ansatzpunkt für die Thematisierung aktueller
Debatten um Kultur und kulturelle Differenz?
Inwiefern ist die Kritische Theorie als Produkt europäischer  
Geistesgeschichte in ihrem Geltungsbereich eingeschränkt und bedarf  
angesichts universalismuskritischer und postkolonialer Literatur
einer Revision?
Inwiefern sind umgekehrt heutige Debatten um kulturelle Differenz
nach den Maßgaben Kritischer Theorie selbst problematisch?
In welchem Verhältnis stehen die anerkennungstheoretischen und  
kommunikationstheoretischen Ansätze der neueren Kritischen Theorie
zur älteren Kritischen Theorie, insbesondere in der Frage nach  
Umgangsmöglichkeiten mit kultureller Differenz?


Kontakt:

Tagung "Fortschritt, Bildung, Kultur. Kritische Theorie heute"
Email: Kritische‐Theorie‐Konferenz‐[email protected]
Web: http://gcsc.uni-giessen.de/wps/pgn/home/cultdoc/GGK/
 
 
 
 
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