herzliche grüße rundum und einen gesegneten advent wünscht: Ihr/Euer Tobias 
Wimbauer


Text: F.A.Z., 10.12.2005, Nr. 288 / Seite 42
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Der gefährliche  Augenblick
Ernst Jünger und die Seinigen: Auch Nationalrevolutionäre haben das Medium 
Fotografie genutzt

Am Ende von Kriegen treten Fachleute des Krisenmanagements auf den Plan, die 
nicht selten die Idee von der reinigenden und erneuernden Kraft der Niederlage 
bemühen, um diese zum Motor einer dauerhaften Sinngebung zu machen. Einer 
dieser Fachleute nach dem Zusammenbruch von 1918 war der politische Publizist 
und Schriftsteller Ernst Jünger. Mit seinem Gedanken vom Scheitern als Chance 
vollzog er dabei weniger eine bloße Umdeutung des verlorenen Kriegs in einen 
Sieg als eine Umcodierung in eine Art anthropologischen Etappensieg. Der 
verlorene Krieg wurde in einen "inneren Sieg" gewendet und mit ihm die Geburt 
eines "neuen Typus" verkündet, wie es Walter Benjamin in seiner Kritik der von 
Jünger herausgegebenen Sammelschrift "Krieg und Krieger" diagnostizierte: Eine 
Elite von Frontkameraden, "die nicht vom Kriege zermürbt und zerbrochen worden, 
sondern im Innern und von Grund aus wiedergeboren" sind, begrüßte in Jüngers 
Sammelschrift der ehemalige Weltkriegsoffizier Wilhelm von Schramm und sah in 
ihr "eine Generation, die dem scheinbar Sinnlosen seinen wahren, neubildenden 
Sinn zu geben imstande" sei. Benjamin hat in seiner Kritik hervorgehoben, daß 
die Verfasser dabei gern und mit Nachdruck vom "Ersten Weltkrieg" sprachen. 
Jene, "die nichts kennen als den Krieg", schrieb er, hätten nicht aufgehört, 
sich zu schlagen und den "Kultus des Krieges" noch dort zu feiern, wo kein 
wirklicher Feind mehr stand.

Es geht also um Mobilisierung für den "kommenden Krieg". Man hat oft 
beschrieben, wie dieser Mobilisierungsappell in der Weimarer Republik 
propagiert wurde und in Rüstungsprogrammen, wie dem geheimen Aufbau von 
Wehrersatzorganisationen, tatsächlich Gestalt annahm. Darüber hinaus aber 
machte man auch ästhetisch mobil - und zwar mit Hilfe von Fotografien: An der 
Niederlage wurde allenthalben herumretuschiert. Amateuraufnahmen von Soldaten 
wurden in Bildbänden in neue Zusammenhänge gestellt, bearbeitet und 
ausschnitthaft vergrößert. Aus der "leeren Kriegslandschaft", die typisch war 
für den Ersten Weltkrieg, weil es an den kilometerlangen Schützengraben-Fronten 
so gut wie nichts zu sehen gab - aus dieser leeren Kriegslandschaft 
konstruierte man eine Ereignislandschaft, die dem entsprach, was Jünger einmal 
die "Erdbebenlandschaft" der Moderne nannte. In ihr sollte der "neue Typus" 
sich als Kämpfer der Zukunft herausbilden und die Herrschaft übernehmen: 
"Männer, die der Krieg niemals entließ, die ihn immer im Blute tragen werden" 
und die "einen Hauch der abenteuerlichen Welt, aus der sie stammen, in das Land 
tragen, das sie erobern wollen".

Genügend retuschierbares Material war vorhanden. Nie zuvor war in einem Krieg 
so viel fotografiert worden wie zwischen 1914 und 1918. Erstmals hatten die 
Soldaten tragbare Kameras dabei, gute neue Fabrikate wie die 
"Westentaschen-Kodak" oder die "Ernemann-Bob", die sie sich mit der Feldpost 
schicken und deren Rollfilme sich sogar in den Unterständen entwickeln ließen. 
Man sollte nun eigentlich annehmen, daß sie es darauf anlegten, mit diesen 
Kameras Bewegungsbilder zu schießen. Schließlich war die Geschwindigkeit die 
große Faszination der zeitgenössischen Fotografie, seit Ende des neunzehnten 
Jahrhunderts Eadweard Muybridge, Etienne-Jules Marey oder Ottomar Anschütz 
galoppierende Pferde, laufende Menschen oder Bewegungen von Kavallerie- und 
Artilleriemanövern in Momentaufnahmen festgehalten hatten.

Die Bewegung der Kriegshandlungen war aber gerade nicht das Hauptmotiv des 
soldatischen Objektivs. Im Gegenteil. Die Soldaten machten keine Action-, sie 
machten statische Erinnerungsbilder: Porträts und gestellte Gruppenfotos aus 
dem Frontalltag, die Kameraden, das Gewehr in lässiger Pose im Anschlag haltend 
oder als Eroberer vor zerstörten Tanks und abgestürzten Flugzeugen des Feindes. 
Mit dem Bewußtsein, an einem außergewöhnlichen Ereignis teilzunehmen, 
fotografierten sie in erster Linie sich selbst. Entschloß sich der 
fotografierende Soldat allerdings, seinen Rollfilm nicht im Schutz des 
Quartiers, sondern draußen an der Front zu belichten, wurden Fotografieren und 
Schießen zur gefährlichen Analogie mit oftmals tödlichen Folgen.

Die grellen Effekte

der Foto-Retusche

Der Soldat konnte den Auslöser nur dann bedienen, wenn er nicht schoß. Das 
Fotografieren wurde zum Risiko: Die verteidigende Feuerwaffe für einen Moment 
lang ruhenlassen, um statt dessen - wehrlos für Sekunden - "ein Bild zu 
schießen", das war der gefährliche Augenblick des Fotografierens selbst. Nicht 
selten starben fotografierende Soldaten, den Tod vor Augen oder gerade dann, 
wenn sie diesem den Rücken hatten zukehren wollen: "Zu allem Unglück", schrieb 
Ernst Jünger 1920 in seinem Tagebuch "In Stahlgewittern", "kam heute auch noch 
der Leutnant von Ewald in unseren Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben 
entfernt liegende Sappe N zu photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder 
vom Postenstand herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den 
Hinterkopf. Er starb augenblicklich."

Auch die Amateurfotos aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die in Jüngers im 
Marbacher Deutschen Literaturarchiv verwahrtem Bildnachlaß enthalten sind, 
bestätigen den Eindruck, daß vor allem Erinnerungsbilder festgehalten wurden. 
Sie zeigen die Männer bei der Befestigungsarbeit "nach dem großen Regen", bei 
Trinkgelagen oder - einmal - Jünger auf einem Stuhl im Schützengraben, lesend. 
Kampfhandlungen scheinen in diesen Bildern in weite Ferne gerückt. Und selbst 
dort, wo beim Somme-Rückzug Spuren der Zerstörung auszumachen sind, findet man 
keine Ereignisbilder, keine Schockfotos von gewaltigen Rauch- und Erdfontänen, 
vom aufspritzenden Schlamm der Explosionen und Sprengungen.

Diese Motivlücke ist deshalb so interessant, weil in den Bildbänden, die 
während der zwanziger und beginnenden dreißiger Jahre im Kreise überwiegend 
rechtskonservativer Publizisten entstehen und zu deren Herausgebern auch Jünger 
gehört, ein Ereignisbild das andere jagt. Gemeint sind Franz Schauweckers "So 
war der Krieg" und "So ist der Friede" von 1928, Jüngers "Das Antlitz des 
Weltkrieges" von 1930, Richard Juniors (ein Pseudonym von Ernst Jünger) "Hier 
spricht der Feind" von 1931 und, im gleichen Jahr, Ferdinand Bucholtz' "Der 
gefährliche Augenblick". Rückblickend wurde der Krieg hier im Bild neu 
organisiert. In seriellen Abfolgen führen die Bände Granateinschläge, 
Explosionen und Sprengungen vor Augen - jene Ereignisbilder also, die seltene 
Trophäen der Kriegsfotografie sind. "Dieses Buch gibt Bilder", heißt es bei 
Schauwecker, "die sich dem Gedächtnis unauslöschlich einbrennen gleich dem 
Stichflammenschlag der Granatexplosionen, gleich der fressenden Flamme eines 
Sauerstoffgebläses, gleich der Gewalt einer visionären Schau."

Solche seriellen Ereignisabfolgen mußten, wo sie nicht vorhanden waren, 
hergestellt werden: Wenn auf den Kriegsfotos, die den Herausgebern vorlagen, 
kontrastlose Flächen den "ästhetischen Eindruck" verminderten, waren "grelle 
Effekte" notwendig, gewann der Einschlag nicht selten nachträglich als Einfall 
des Retuscheurs Kontur: "Granateinschlag in ein französisches Dorf" nennt 
Jünger im "Antlitz des Weltkrieges" eine Aufnahme, in deren Vordergrund zwei 
laufende Soldaten die Nähe eines zerstörten Hauses fliehen, das im selben 
Augenblick von einem explodierenden Sprengkörper getroffen wird. An der Stelle 
des zertrümmerten Dachs springen Steine und Ziegelstücke in die Luft. Im 
Hintergrund steigt eine dunkle Rauchwolke empor. Betrachtet man das Bild genau, 
fällt die punktförmige Zeichnung der versprengten Steine ins Auge und läßt eine 
Retusche vermuten. Daß die Explosion dem Foto tatsächlich hinzugefügt wurde, 
zeigt die vier Jahre zuvor erschienene Version in George Soldans Fotoband "Der 
Weltkrieg im Bild": "Durch das gestürmte Pont-Arcy sich vorarbeitende 
Infanterie" lautet hier der Titel. Etwas kleiner gehalten, stimmt sie mit der 
bei Jünger abgebildeten Aufnahme überein. Allerdings ist darauf weder ein 
Granateinschlag noch eine Rauchwolke zu sehen.

Trimm-dich-Pfad

für den "neuen Typus"

Man findet zahlreiche solcher retuschierter Fotos in all diesen Bänden. 
Allerdings geben die Vorworte der Bücher die Bilder als "Abdruck des 
Geschehens" aus, als "Instrumente eines technischen Bewußtseins" oder - im 
Übereifer - als "authentische, wahrheitsgetreue, photographische 
Originalaufnahmen". "So war der Krieg!" wird hier behauptet, um zugleich für 
den nächsten zu mobilisieren. Wenn nämlich, wie Jünger es in seinen Essays "Der 
Arbeiter" und "Über den Schmerz" beanspruchte, die "Erdbebenlandschaft" der 
Moderne den Ort bezeichnet, an dem der "neue Typus" sich als Kämpfer der 
Zukunft herausbilden soll, dann bedarf es zu Ausbildungszwecken eines 
Trainings. Die Fotobände leisteten genau dies. Sie waren eine Art 
Trimm-dich-Pfad für den "Typus": Schocktests, anhand deren der neue Mensch sich 
immunisieren und stählen sollte. Während zeitgenössische experimentelle 
Psychologen Testpersonen zur Eignungsprüfung mit planmäßig produzierten Schocks 
und Reizen überfielen, um ihre Anpassung an bestimmte Anforderungen in Verkehr 
und Industrie zu messen und auszubilden, verlagerten Jünger, Bucholtz oder 
Schauwecker die Erziehung zur Unempfindlichkeit mit Bildbandansichten in die 
Bibliotheken, Lesesäle und Wohnzimmer. Trainiert wurde im Modus des 
"gefährlichen Augenblicks".

Was Jünger im Kreis der Sammelband-Herausgeber dabei so interessant macht, ist 
die Tatsache, daß das Fotografische auch in seinen seit 1920 entstehenden 
Kriegstexten eine besondere Rolle spielte, indem es zum Maßstab des 
Literarischen wurde: Beide, Fotografie und Literatur, werden als "Lichtschrift 
mit Urkundencharakter begriffen". Zieht man darüber hinaus seine unablässige 
Korrekturarbeit an den "Stahlgewittern" in Betracht, seinen "ameisenhaften 
Trieb, am beschriebenen und bedruckten Papier herumzuminieren", so lassen sich 
die auf diese Weise retuschierten Kriegstexte mit den retuschierten Fotos der 
Bildbände durchaus vergleichen. Jünger rüstet die "Stahlgewitter" - das läßt 
sich anhand der bearbeiteten Fassungen kontinuierlich nachvollziehen - mit der 
Rede von "Augenblick" und "Plötzlichkeit" auf. Im Lauf der Jahre werden sie 
immer plötzlicher, wobei der Ereigniseffekt auch in den Fassungen noch 
bestehenbleibt, in denen die agitatorischen Passagen des konservativen 
Revolutionärs längst gestrichen sind. Die "Durchbildung des Typus", von der er 
spricht, gelangt, so gesehen, mit der Tilgung des ideologischen Rahmens nicht 
an ihr Ende. Das Krisenmanagement ist Jüngers Lebenswerk.

                


-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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