Text: F.A.Z., 20.01.2006, Nr. 17 / Seite 34

MARTIN HALTER: Alles ist erleuchtet
Acid Heads: Das Basler Symposion "LSD - Sorgenkind und Wunderdroge"

Unter Acid Heads heißt der unerwünschte Rücksturz in den LSD-Rausch Flashback, 
unter Fachleuten Symposion. Am Wochenende hatte die Basler Gaia-Media-Stiftung 
zu einem großen LSD-Kongreß gerufen, und gut 1500 Psychedeliker aus aller Welt 
waren zur retrospektiven Bewußtseinserweiterung gekommen: Medien und 
Medienvertreter, alte Hippies mit wallenden Bärten und schütteren 
Pferdeschwänzchen, junge Freaks mit Sadhu-Zöpfen, Dreadlocks, Batikhemden und 
quengelnden Kindern. Unter den achtzig Referenten, übrigens fast durchweg 
Männer, waren neben seriösen Psychiatern, Neuropharmakologen, Ethnobotanikern, 
Religions- und Kulturwissenschaftlern auch Astrologen, Parapsychologen, 
Schweizer Schamanen ("Wir reisen, wie wir shoppen gehen") und eine 
psychonautische Buddhistin aus London. Hoppy Hopkins und Barry Miles, einst 
Buchhändler und Daytripper der Beatles, waren angereist, weise Mythenforscher 
und "entheogene" Maler; aus Kalifornien kamen der Künstler Bernd Brummbär mit 
seinem Dandyhut, die LSD-Bibliothekare Earth und Fire Erowid und natürlich 
"Dr.Ecstasy", der legendäre achtzigjährige Untergrundchemiker, der immer noch 
Drogen am Fließband synthetisiert und erprobt.

Das Symposion fand im Saal "San Francisco" statt, aber dies war keine 
Drogen-Revival-Party, sondern ein Danaergeschenk zum hundertsten Geburtstags 
von Albert Hofmann. Der Schweizer Bundespräsident hat dem Jubilar ein 
freundliches Grußtelegramm geschickt, Axel Grey, der Michelangelo unter den 
psychedelischen Malern, sein neues Werk "St. Albert and the LSD Revelation 
Revolution" mitgebracht. Während draußen, vor den gut bewachten Pforten der 
Wahrnehmung, ein Häuflein Scientologen mit dem Transparent "LSD - Erst 
Stimmung, dann der Psychiater" gegen die Teufelsdroge protestiert, rühmen 
drinnen beamtenhaft trockene Psychiater der Stanislav-Grof-Schule LSD als 
Mikroskop des Unbewußten und unverzichtbares Therapeutikum bei Depressionen, 
posttraumatischen Störungen und Cluster-Kopfschmerzen.

Unterdessen sitzt der Jubilar in rüstiger Frische auf dem Podium und erzählt 
zum hundertsten Male vom Tag auf dem Fahrrad 1943, als er, 250 Mikrogramm 
Lysergsäurediäthylamid im Körper, vom Sandoz-Labor nach Hause fuhr, Wahnsinn 
und Tod fürchtend und am Ende sein Wunder- und Sorgenkind gebärend. Ob er dem 
"Psychovitamin" sein langes Leben verdanke, will er, der Naturwissenschaftler, 
mangels Vergleichsreihen nicht entscheiden. Ernst Jünger wurde mit Champagner 
und kalten Duschen hundertzwei; sein Mitpsychonaut schwört auf rohe Eier und 
Müsli zum Frühstück.

Der Symposiarch will kein Guru sein; aber der Flower-power-Gedanke ist dem 
alten Blumenkind und Naturmystiker nicht ganz fremd. LSD heißt für ihn "Liebe 
sucht dich"; allerdings kann das heilige Kraut des Mutterkorns ohne Rückbindung 
an sakrale Riten "saumäßig gefährlich" sein. Die Warnung ist hier überflüssig. 
Das neonkalte Basler Kongreßzentrum ist ein denkbar ungeeignetes Setting. 
Jünger (dessen Annäherungen an die "Hauskatze" LSD, wie man aus einer 
Ausstellung im Foyer erfährt, auch Staatsanwälte neugierig machten) übersetzte 
Learys "Turn on, tune in, drop out" in den abendländisch kultivierten Dreiklang 
Einschwingen, Fahren, Burgunder und ein "Theatersouper" zum Ausschwingen. Ein 
lärmender Jahrmarkt des Psychedelischen ist jedenfalls Gift für die Ekstasen 
ozeanischer Selbstentgrenzung und lustvollen Identitätsverlusts, von denen die 
Referenten dozieren und raunen. Die beiden Kulturen, die Hofmann noch einmal 
versöhnte, berühren sich in Basel nur am Rande. Wenn etwa Franz X. Vollenweider 
vom Heffter Research Center der Zürcher Universitätspsychiatrie die 
neurobiologischen, molekularchemischen und demnächst auch quantentheoretischen 
Grundlagen von Transmittern und Rezeptoren erläutert, wenn ein sächselnder 
Ethnomykologe die Pharmakologie der Zauberpilze erläutert oder 
Diplompsychologen "staatlich kontrollierte Meditationszentren" und 
"LSD-Führerscheine" fordern, kann der gewöhnliche Drogenfreak allenfalls 
höflich interessiert nicken. Das gilt freilich auch für die Diskussionsrunden, 
in denen Zeitzeugen selig in Erinnerungen schwelgen. Für sie waren die 
sechziger Jahre das Jahrzehnt, das allen anderen die Schau gestohlen hat, und 
so erzählen sie jetzt mit feuchten Augen, wie und wo damals die Rakete abging, 
um - "hey, Mann" - in kosmischen Orgasmen, illuminierten Synapsengewittern und 
beispiellosen Kreativitätsschüben zu zerplatzen. Benns Wort, potente Gehirne 
stärkten sich nicht mit Milch, sondern mit Alkaloiden, wird öfter zitiert als 
beglaubigt.

Günter Amendt war damals auch dabei, hat sich aber eine gesunde Skepsis und 
soziologische Distanz zum "psychedelischen Brimborium" bewahrt. Mit seiner 
Forderung nach einer nüchternen Entmystifizierung goß er kaltes Wasser in die 
brodelnde Lysergsäure: LSD sei ein Pharmaversuch an Menschen, die Droge der 
weißen Mittelklasse Amerikas, befreiend zwar im Kontext der Jugendrevolte, 
aber, wenigstens in Europa, kulturell eher marginal und politisch suspekt. Daß 
LSD im Labor eines Pharmakonzerns synthetisiert, von der CIA als Wahrheitsdroge 
und Waffe im Kalten Krieg begeistert adoptiert wurde und jeden 
kleinbürgerlichen Spießer zum erleuchteten Schamanen macht, ficht die 
psychedelische Gemeinde freilich nicht an. Matthias Bröckers, ein Verfechter 
des Rechts auf Rausch, gibt zu bedenken, daß auch Computer und Internet von 
Drogenfreaks erfunden und vom militärisch-industriellen Komplex enteignet 
wurden. Der Techno-Erweckungsprediger Hans Cousto fordert, Drogenkriminelle als 
Kriegsgefangene im "War on Drugs" anzuerkennen.

In ihrem kosmischen Gassenhauer "Tomorrow Never Knows" prophezeiten die Beatles 
dem LSD eine große Zukunft: Gingen nur alle Politiker einmal auf den Trip, 
tönte Paul McCartney, hätten Krieg, Unterdrückung und Armut rasch ein Ende. Der 
Traum hat sich bekanntlich nicht erfüllt. LSD ist heute ein Auslaufmodell, und 
alle "Basler Appelle" zu seiner "Entdämonisierung" und therapeutischen 
Rehabilitierung werden daran nichts ändern. Die natürliche und die synthetische 
Seite der chemisch induzierten Mystik sind schmerzhaft auseinandergetreten, und 
vor allem fordert LSD einfach zuviel Zurüstungen, Zeit und Hippie-Geduld, um 
mit den schnelleren, smarteren Kicks der Designerdrogen oder des Kokains 
mithalten zu können. Die Atombombe des Geistes ist spätestens mit diesem 
Symposion ins Museum der Rauschdrogen abgewandert, wo bereits Meskalin, 
Psilocybin und andere alte Zauberpilze vor sich hin modern.

Nicht zufällig sind die meisten Acid Heads nicht mehr psychoaktiv, sondern als 
Archivare, Museumswärter, Schriftsteller und Historiker mit der Verwaltung 
ihrer Drogenerfahrungen beschäftigt. "LSD gehört in die Natur, nicht in die 
Fabrik", sagt auch Hofmann. Aber es bedurfte schon einer esoterischen Schweizer 
Stiftung, um ein Sandoz-Medikament dem keltischen "Spirit von Basel" und seinen 
Erfinder dem "humanistisch-alchimistischen" Genius loci von Erasmus und 
Paracelsus einzuverleiben.   




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