Liebe Jünger-Freunde,

nachdem jüngst der schöne Leserbrief von Bernhard Gajek nur in der 
Online-Version der FAZ war und in der gedruckten Ausgabe fehlte, ist er heute 
sowohl in der Online-Version als auch in der Printausgabe abgedruckt. 

Schöne Grüße rundum, TW


Text: F.A.Z., 28.01.2006, Nr. 24 / Seite 17

Ad fontes

Felix Johannes Krömers Aufsatz über Ernst Jüngers Tagebücher ("Der Tiger 
maskiert das Lämmchen", F.A.Z.-Feuilleton vom 3. Januar) dürfte eine anhaltende 
und fruchtbare Diskussion hervorrufen. Daß diese "literarischen Diarien ... 
nicht unmittelbar Erlebtes" wiedergeben, war bereits an den 
aufeinanderfolgenden Druckfassungen abzulesen. Denn an den meisten Schriften 
hat Jünger immer wieder gefeilt und dies als Recht des Autors verteidigt. Nun 
aber ist das Signal zum Vergleich der ersten Niederschriften mit dem Erstdruck 
und den weiteren Redaktionen nicht mehr zu überhören. Was bei der 
textgenetischen Überprüfung der Tagebücher herauskommt, ist zunächst die 
Erweiterung und Präzisierung der bisher bekannten Biographie, sodann die 
Einsicht in die besondere Beschaffenheit von Jüngers veröffentlichten 
Einträgen. Es gibt freilich genügend Beispiele für derartiges in allen 
Jahrhunderten.

Das von Krömer exemplarisch geübte Verfahren wäre auch auf die erzählenden, 
scheinbar tatsächlich autobiographischen Werke anzuwenden - so auf die 
"Afrikanischen Spiele", die entsprechenden Kapitel in "Annäherungen" oder den 
"Subtilen Jagden", die Reisetagebücher oder "Siebzig verweht I - V". Fakten und 
Fiktion gehen hier ebenfalls ein mehrschichtiges Verhältnis ein, und dies 
entging dem kundigen Leser nicht. 

Krömer beruft sich zu Recht auf Tobias Wimbauers vorzügliches "Personenregister 
der Tagebücher Ernst Jüngers" (zweite Auflage 2003). Wimbauer hatte dort die 
"Doctoresse" mitsamt den anderen Decknamen entschlüsselt und anschließend die 
Vermittlung der Schriftstellerin Umm-el-Banine und Gretha Jüngers Reaktion 
beschrieben ("Kelche sind Körper". In: Anarch im Widerspruch, Schnellroda 
2004). Man braucht kein Psychoanalytiker zu sein, um Ernst Jüngers Erkrankung 
im Herbst 1942 und Gretha Jüngers frühe und tödliche Krankheit mit alledem in 
Verbindung zu bringen; ihre Erinnerungen (Gretha von Jeinsen, "Silhouetten. 
Eigenwillige Betrachtungen", Pfullingen 1955) verdienten eine Neuauflage. 
Anhand der von Krömer herangezogenen Pariser Tagebücher, aber auch der "Gärten 
und Straßen" (den Diarien der Jahre 1939 und 1940) konnte man immer schon 
erkennen, daß und wie der Autor entschlossen formt und ebendadurch Hinweise 
erzeugt, die auf Probleme wie die Verbindung mit der Pariser Kinderärztin 
Sophie Ravoux schließen ließen. Krömer spricht ferner das "wohl berühmteste 
Jünger-Notat" vom 27. Mai 1944 (nicht 1941) an. Wimbauer verglich in dem 
genannten Aufsatz die in öffentlichen und amtlichen Verlautbarungen 
festgehaltenen Fakten mit Jüngers Text und scheint beweisen zu können, daß 
dieser im zweiten Teil nachträglich fingiert sei, das heißt die Tatsachen 
bewußt und stilgerecht überschreite. Allerdings ist der Originaleintrag 
offensichtlich in einem Zuge geschrieben. Die Handschrift läßt keine Pause 
erkennen zwischen der Schilderung des ersten und zweiten Bombenagriffs auf 
Paris und dem Satz "... hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren 
schwammen, in der Hand". Das wäre noch zu klären - anhand des Originals, das im 
Ernst-Jünger-Nachlaß im Deutschen Literaturarchiv in Marbach liegt, oder 
bequemer mit dem herrlichen Band "Dichterhandschriften von Martin Luther bis 
Sarah Kirsch", den Jochen Meyer 2003 bei Reclam herausbrachte. Viele der dort 
faksimilierten und erläuterten Manuskripte waren übrigens in der F.A.Z. 2003 
innerhalb der Reihe "Wir vom Archiv" vorgestellt worden. Die von alldem 
beflügelte Bewegung "ad fontes" kann man als Philologe nur begrüßen. Daß dies 
mit Takt und Achtung vor dem Menschlichen geschehen kann, dafür ist Krömers 
großer Aufsatz ein schönes Beispiel.
Professor Dr. Bernhard Gajek, Regensburg

-- 
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