Liebe Jünger-Freunde, 

passend zum heutigen Geburtstag Ernst Jüngers bringt die NZZ eine Rezension zu 
Julia Enckes "Augenblicke der Gefahr", worin EJ ja eine gewichtige Rolle spielt.

Herzliche Grüße rundum, Ihr / Euer TW



Neue Zürcher Zeitung, 29. März 2006, Ressort Feuilleton 

Ein anderer Materialismus
Julia Encke über den Ersten Weltkrieg und die Sinne

Dass die Entwicklung der Sinne ein Resultat der Menschheitsgeschichte sei, 
gehört zu den am häufigsten zitierten und vom Marxismus am wenigsten genutzten 
Intuitionen seines Begründers. «Innerhalb grosser geschichtlicher Zeiträume», 
schreibt fast ein Jahrhundert nach Marx Walter Benjamin, der so gerne ein 
Marxist geworden wäre, «verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der 
menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise, in der die menschliche 
Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt, ist nicht 
nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt.» Doch eine detaillierte 
Durchführung von solch aphoristisch formuliertem Programm ist auch im Werk 
Benjamins nicht zu entdecken.
Interesse an den Sinnen

Worum es gehen sollte (und eigentlich immer noch gehen müsste), das ist – 
ideengeschichtlich gesehen – die seit der Zeit von Karl Marx auf der 
Tagesordnung der Wissenschaft stehende Historisierung jenes Materialismus, in 
dem vor allem französische Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts wie Gassendi, 
La Mettrie und Diderot die Vertrauenswürdigkeit unserer Bilder von der Welt 
durch Analysen der menschlichen Sinnesorgane bestätigen wollten. Doch die 
Historisierung dieses Ansatzes ist dem Marxismus als «historischem 
Materialismus» nicht gelungen, weil er sich auf soziale und ökonomische 
Produktionsbedingungen konzentrierte statt auf die Umstände der menschlichen 
Wahrnehmung. Heute hat die weithin beliebte Medienforschung das Projekt wieder 
auf ihre Banner geschrieben, ohne freilich bisher – von wenigen eminenten 
Ausnahmen abgesehen – mit mehr als geistreichen, aber stets zu breiten 
Pauschalthesen aufzuwarten.

Nun bricht Julia Encke, eine junge Germanistin aus München, den Bann mit einer 
Untersuchung, welche ihre Inspiration der fotografischen Bebilderung verdankt, 
mit der Ernst Jünger bis in die dreissiger Jahre immer wieder seine 
Beschreibungen des Weltkriegs in ihrer rhetorisch-politischen Wirkung 
verschärft hat. Dicht dokumentierend zeigt Encke, wie das Ereignis des 
Weltkriegs ein neues Interesse an den Sinnen auslöste, welches die Ordnungen 
der Faszination durch Dinge und ihre Formen umpolte. Den stärksten Eindruck 
hinterlässt das zweite Kapitel, in dem die Wirkung der im Grabenkrieg notwendig 
gewordenen Abhörtechniken in all ihren kulturellen Verästelungen verfolgt wird.

Eine brillante Analyse von Kafkas Erzählung «Der Bau» belegt dann nicht nur 
überzeugend die aus dem Krieg kommende Genealogie des Themas vom Bewohnen und 
Kontrollieren eines Rhizoms aus Stollen und unterirdischen Ruheplätzen. Encke 
deutet auch an, wie das die Philosophie beschäftigende Problem der Trennung von 
Welt-Wahrnehmung und körperlicher Selbstwahrnehmung hier einen Ursprung und 
eine Resonanz hat – und zwar in einem «Zischen», welches das im Bau lebende 
«Tier» beunruhigt. Das Buch endet mit einem kurzen Blick auf den Gaskrieg als 
eine Lebensgefahr, die sich von den menschlichen Sinnen nicht mehr wahrnehmen 
liess. Hier könnte der Beginn jener so oft auf Hiroshima zurückgeführten (und 
sonst hauptsächlich verschwiegenen) Erfahrungs-Prämisse der Gegenwart liegen, 
nach der alle für unser Leben und Überleben entscheidenden Phänomene – Gene und 
Enzyme, das Ozonloch so sehr wie das Universum – die Kapazitäten der 
menschlichen Sinne und wohl auch der menschlichen Imagination überfordern.
Stilistische Eleganz

Ein Archiv von grossenteils überraschenden Texten und Bildern geschickt 
einsetzend, beschreibt Julia Encke mit Genauigkeit und oft mit stilistischer 
Eleganz. Sie widersteht der sonst typisch medienwissenschaftlichen Versuchung, 
vorschnell Beziehungen der Analogie, der Interpretation oder der Allegorie für 
Phänomene zu postulieren, die verschiedenen Dimensionen der historischen 
Wirklichkeit angehörten. Statt etwa zu behaupten, dass in Kafkas «Bau» ein 
kollektives Trauma aus der Weltkriegszeit zur literarischen Allegorie werde, 
weist sie nach, dass und warum Kafka die ausschlaggebenden militärtechnischen 
Details kannte. Julia Enckes energiegeladener Geduld verdankt der historische 
Materialismus dieses Beispiel einer späten Einlösung seines Forschungsprogramms.

Hans Ulrich Gumbrecht

Julia Encke: Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne  1914–1934. Verlag 
Wilhelm Fink, München 2006. 285 S., Fr. 63.50.



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