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Frankfurter Neue Presse Printausgabe vom 23.03.2006 Äußerlich verbunden, innen fremd Von Michael Kluger Der Briefwechsel 19491956 zwischen Gottfried Benn und Ernst Jünger offenbart: Zwischen beiden ist es zu einer Männerfreundschaft nie gekommen. Am 30. November 1949 sandte Ernst Jünger ein Widmungsexemplar seines Romans Heliopolis" an Benn in Berlin: Zweite Botschaft an Gottfried Benn: Die erste vor dreißig Jahren hat ihn nicht erreicht." Sie muss sich bewundernd auf die Rönne-Novellen und frühen Gedichte bezogen haben. Benn hat sie vermutlich nicht beachtet. Als Antwort auf Jüngers neuen Versuch schickt Benn ein Widmungsgedicht mit dem Band Goethe und die Naturwissenschaften": Wir sind von Außen oft verbunden, / Wir sind von Innen meist getrennt, / Doch teilen wir den Strom, die Stunden, / Den Ecce-Zug, den Wahn, die Wunden / Dess', das sich das Jahrhundert nennt." Äußerlich verbunden, innerlich fremd das ist und bleibt der Grundton im beiderseitigen Verhältnis, jedenfalls aus der Perspektive Benns. Warum? Es verband sie immerhin der geistesgeschichtliche Hintergrund: die Berufung auf Nietzsche, der Ekel an der Moderne, die Erfahrung des Nihilismus und die zeitweilige Bewunderung des Nationalsozialismus, die bei Jünger indes bereits in den 20er Jahren in Ernüchterung umschlug. Benn dagegen war 1933 einer der wenigen Dichter von Belang, der zur Bestürzung seines Verehrers Klaus Mann Hitler seine Stimme lieh. In den Feuilletons der Nachkriegszeit wurden Benn und Jünger immer wieder nebeneinander genannt zum Ärger Benns: Übrigens mit Heidegger lasse ich mich gern zusammenstelln, das ist mir eine Ehre im Gegensatz zu dem Jüngerparallelismus." Benn, der Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Dichter zerebraler Ekstasen, mochte den stahlgewitternden Frontoffizier, späteren Waldläufer und Käfersammler in Wahrheit nicht: Ich finde bei ihm enorm viel inneren Kitsch u. was er als ,Angriff` gesehen haben möchte, ist mehr Vorwölbung u. Blähung bei ihm als Front." Und weiter: Katastrophal! Weichlich, eingebildet, wichtigtuerisch u. stillos. Sprachlich unsicher, charakterlich unbedeutend. Manchmal nahe an Erkenntnissen, manchmal vor gewissen Tiefen stehend, aber nirgends Durchbruch, Haltung, Flammen." So ist denn dieser Briefwechsel das Dokument der konsequenten Weigerung Benns, in einen intellektuellen Austausch einzutreten. Zwei, die zu den Größen ihrer Zeit gehören, haben sich nicht viel zu sagen. Benn, der Büchner-Preisträger von 1951, hält auf Distanz. Er sieht sich in einer anderen Klasse. Jünger wirbt gleichwohl stetig um ihn. Die zwei älteren Herren schicken sich Grüße, Telegramme, Postkarten oder Bücher. Wiederholt drängt Jünger auf eine persönliche Begegnung, lädt ihn gar in seine Feriendomizile am Mittelmeer ein. Doch der sesshafte Melancholiker Benn, der sich in der Bozener Straße in seiner kleinen Berliner Wohnung lyrischen Räuschen hingibt, weiß sie stets zu vermeiden. Im März 1954 schreibt Benn: Ich war jetzt in Ihrer Nähe, fand aber auf den Karten nur ein Riedlingen, das an der Donau liegt, ist das Ihr Riedlingen? Anscheinend ein größerer Ort, mir ist die Gegend völlig fremd, und ich konnte sie nicht lokalisieren." Kaum glaubhaft. Als Jünger ihn auffordert, sich doch an Drogenexperimenten zu beteiligen, die er mit Freunden unternimmt, bescheidet Benn, der Dichter des provozierten Lebens, lapidar: Darf ich bei der Gelegenheit erwähnen, dass ich selber Drogen weder nehme noch genommen habe. (. . .) Außer Cafe und Cigaretten brauche ich keine Stimulantien." Auch dem von Jünger angestrebten Schulterschluss gegen gemeinsame Gegner entzieht er sich mit der Auskunft, er habe einem Kritiker mitgeteilt, über mich können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr treibe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen". Einmal, im Mai 1952, kommt es doch zu einer Begegnung in der Bozener Straße. Es wird die einzige bleiben. Benn hält fest: War ganz nett. Bescheidener als ich erwartet hatte. Wie sieht er aus? Nicht so eitel u. affektiert wie seine Bilder. (. . .) Der Abend war ganz interessant. Wir tranken ganz reichlich u. dabei kamen wir uns näher u. wurden offen miteinander." Die kurzzeitige Intimität schlägt sich gar in einem Dankschreiben Jüngers nieder: Hinsichtlich der Tänzerin habe ich Ihren Rat befolgt und bin neugierig, wie sich die Angelegenheit entwickeln wird." Worum es ging, ist ungeklärt. Gottfried Benn Ernst Jünger: Briefwechsel 19491956, Hrsg. Holger Hof, Klett-Cotta, Stuttgart, 154 Seiten, 14,50 Euro. -- Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to _______________________________________________________________ SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192 _______________________________________________ Juenger-list mailing list [email protected] http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list
