taz vom 7.4.2006, S. 16, 203 Z. (Kommentar), JÜRGEN BUSCHE

Lob von oben herab
Eine gemeinsame Offiziersvergangenheit verbindet: der Briefwechsel zwischen 
Gottfried Benn und seinem unverdrossenen, aber wenig gelittenen Bewunderer 
Ernst Jünger in den Jahren 1949-1956

von JÜRGEN BUSCHE

Von den vier unübersehbaren Geistes-Heroen Gottfried Benn, Ernst Jünger, Martin 
Heidegger und Carl Schmitt sind alle Lebensäußerungen interessant, weil 
verzweifelt nach erklärenden Hinweisen gesucht wird, warum sie zeitweilig auf 
den Nationalsozialismus oder die mit ihm verbundenen Gedanken hereinfallen 
konnten. Besonders der Meinungsaustausch, den sie untereinander pflegten, 
scheint, aus der Ferne betrachtet, vielversprechend zu sein. Briefe, die Jünger 
und Schmitt über Jahrzehnte hin einander schrieben, sind schon publiziert. 
Jetzt ist, gut kommentiert, der Briefwechsel zwischen Benn und Jünger 
herausgekommen. Was Jünger und Heidegger sich mitzuteilen hatten, soll 
demnächst erscheinen. Zwischen Heidegger und Schmitt gab es nur 1933 einen 
äußerst knappen schriftlichen Austausch.

Auch die Post, die zwischen den Schriftstellern hin und her ging, war nicht 
eben umfangreich. Sie beschränkt sich auf die Jahre 1949 bis 1956, das 
Todesjahr Benns. Einen Brief hat es freilich gegeben, der nicht mehr erhalten 
ist. Wohl 1920 hatte der hochdekoriert aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrte 
Leutnant Jünger einen Fan-Brief an den damals schon recht berühmten Lyriker 
geschickt, der den Krieg nicht in einem der schlammigen Schützengräben 
Flanderns verbracht hatte, sondern recht komfortabel als Militärarzt in 
Brüssel. Benn hat diesen Brief wahrscheinlich achtlos fortgeworfen. Dafür hat 
sich Jünger subtil gerächt. Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er an Gerhard 
Nebel - der Benn, den Autor der "Statischen Gedichte", nicht mochte -, wenn 
Benn 1933 mit ihm gesprochen hätte, wäre für ihn wohl manches anders gekommen. 
Das hatte er also von seiner Arroganz.

Benn schätzte Jünger auch dann nicht sehr, als dieser ein anerkannter Autor 
geworden war. Die "Stahlgewitter", aber auch die "Strahlungen" beurteilte er, 
wie diese Briefausgabe dokumentiert, äußerst abfällig. Auch beklagte er sich 
schon mal darüber, dass er stets mit Jünger zusammen genannt werde - die 
kolportierte Nähe zu Heidegger hingegen lasse er sich gern gefallen. Wie im 
postum veröffentlichten "Glossarium" des Staatsrechtlers Carl Schmitt die dort 
niedergelegte Häme über Jünger in krassem Gegensatz steht zum Ton der 
gleichzeitigen Briefe, so verraten auch die Schreiben Benns an Jünger wenig 
davon, wie der Arzt aus der Bozener Straße in Berlin über seinen unverdrossenen 
Bewunderer in Westdeutschland dachte. In seinem ersten Brief bedankt sich Benn 
für die Zusendung des Romans "Heliopolis". Er tut dies schon wenige Tage später 
und mit der Bemerkung, er sei ein langsamer Leser, sodass er um die 
vollständige Lektüre des umfangreichen Prosawerks herumkommt. Tatsächlich hat 
er es wohl auch nicht gelesen, wie man - wenn auch nicht zwingend - daraus 
schließen kann, dass er zwei Jahre später Jünger ein Buch über den 
Meskalinrausch empfiehlt, das dieser, wie er nicht versäumt sogleich 
anzumerken, in "Heliopolis" erwähnt hatte. Sicherlich, Gedichte, Romane zu 
studieren ist weniger zeitraubend als Gedichte zu lesen - oder kürzere 
Prosatexte, die man sich artig zusendet. Da lobt nun Benn ohne Hemmungen. Aber 
er tut es von oben herab. Zu Jüngers Beitrag in der Heidegger-Festschrift von 
1950 schreibt er dem Autor: "Da ich einige Jahre älter bin als Sie, erlauben 
Sie mir zusammenfassend zu sagen, dass ich diese Arbeit von Ihnen als eine 
Ihrer besten ansehe und dass ich den Eindruck habe, ihre Reifung ist ganz 
außerordentlich sowohl in Bezug auf Haltung und Stil. Meinen Glückwunsch dazu."

Auf Jüngers Versuch, mit ihm in eine Diskussion über den Essay "Probleme der 
Lyrik" einzutreten, reagiert Benn mit der Ankündigung, darauf "wahrscheinlich 
gesondert" einzugehen, was er dann nicht tut. Aber den "Sarazenenturm" lobt er 
dann wieder als "überhaupt eine der gelungensten Arbeiten von Ihnen."

Das, was Benn den durchweg respektvollen Ton gegenüber Jünger bewahren lässt, 
ist wohl die gemeinsame Offiziersvergangenheit. Hier verstand er keinen Spaß - 
glaubte er doch, in den Jahren, als er in der Wehrmacht gegen die Anfeindungen 
der Nationalsozialisten Zuflucht gesucht hatte, solcher Kameradschaft eine 
Menge zu verdanken. Briefe, die er an seine Bekannten aus Hannover, seinem 
ersten Standort in den Dreißigerjahren, schrieb, geben darüber Aufschluss. Auch 
die Angriffe, denen er wie Jünger nach 1945 von verschiedenen Seiten her 
ausgesetzt war, hielt in ihm die Verpflichtung zur Gemeinsamkeit, ja, 
vielleicht auch ein Gefühl davon lebendig. Benns Briefe an Jünger handeln oft 
davon. Umgekehrt schlägt Jünger, der nicht mit Postkarten von seinen Reisen 
spart, gern einen Kasinoton an, mit dem sicheren Gespür, dass der gegenüber dem 
Oberstabsarzt a. D. nicht falsch ist. Einmal kam es zu einem Treffen. Jünger 
besuchte Benn in dessen Wohnung und Praxis in Schöneberg. Man trank viel Wein. 
Der Abend blieb dem Gastgeber durchaus in Erinnerung. Auch Jünger kam noch 
einmal auf den Besuch zurück. "Hinsichtlich der Tänzerin", schrieb er ihm aus 
seinem Wohnort Wilflingen, "habe ich Ihren Rat befolgt und bin neugierig, wie 
sich die Angelegenheit entwickeln wird."

Für die Frage, was denn möglicherweise das Gemeinsame von Jünger und Benn 
gewesen sein mag, das, was den einen vor, den anderen nach 1933 in die Nähe der 
Nationalsozialisten brachte, geben diese Briefe nichts her. Hat es einen 
solchen gemeinsamen Nenner überhaupt gegeben? Was kann man denn biografisch 
über die großen Vier sagen, was ihnen auffällig gemeinsam war? Zwei waren 
katholisch, einer wurde es (Jünger); Benn, der Pfarrerssohn, blieb Protestant. 
Alle trugen sie im Ersten Weltkrieg Uniform. Alle waren sie Ehemänner und stark 
promiskuitiv. Alle waren sie weit entfernt von dem, was die Nazis sich unter 
ihren Lieblingsdeutschen vorstellten. Alle spielten sie eine besondere Rolle in 
der Geschichte der alten Bundesrepublik. Deren geistiges Profil ist ohne diese 
vier nicht denkbar.

"Gottfried Benn - Ernst Jünger, Briefwechsel 1949-1956", herausgegeben, 
kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Holger Hof, Klett-Cotta, 
Stuttgart 2006, 154 Seiten, 14,50 €


-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG

unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier: 
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html


einen Büchergruß an TW senden: 
http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192

_______________________________________________
Juenger-list mailing list
[email protected]
http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list

Antwort per Email an