Liebe Jünger-Freunde,

Lutz Hagestedts Rückblick auf das Jünger-Symposion ist auf literaturkritik.de 
erscheinen. Text siehe unten.
Herzliche Grüße rundum, Tw


literaturkritik.de, Ausgabe Mai 2005

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9400&ausgabe=200605


Man hat es gern pittoresker
Das VIII. Jünger-Symposion zum Thema "Zeit" vom 07. - 09. April im Kloster 
Heiligenkreuztal
Von Lutz Hagestedt

"Das wird mir hier zu scholastisch", sagt einer der Teilnehmer und beschließt 
einen ausgedehnten Mittagsschlaf einzulegen. Sein Rückzug in eine der 
Schlafkammern von Kloster Heiligkreuztal macht den scharfen Dissenz innerhalb 
der Ernst-und-Friedrich-Georg-Jünger-Gesellschaft deutlich: Man versteht sich 
als Freundeskreis, und so möchten die einen lieber Zeitzeugen hören, während 
der Vorstand auf der wissenschaftlichen Ausrichtung der Jahrestagungen beharrt. 
So besteht die Kunst der Balance darin, diejenigen bei der Stange zu halten, 
die das Brüderpaar noch gekannt haben, solche Vorträge zuzulassen, die 
womöglich am Jünger-Bild kratzen, und darüber hinaus zu verhindern, dass der 
philologische Dilettantismus mancher Jünger-Freunde an Raum gewinnt.

Von den wissenschaftlichen Vorträgen überzeugten wohl am meisten der erste (von 
Günter Figal, Freiburg) und der letzte (von Giuliana Gregorio, Messina). Figal 
sprach über "Risse in der Zeitmauer - Ernst Jünger zu Zeit und Bild" und 
entwickelte die Imago zu dem titelgebenden Begriff, der in Jüngers Essay "An 
der Zeitmauer" selbst nicht expliziert wird. Giuliana Gregorio sprach über 
Friedrich Georg Jüngers "zyklische Zeitauffassung", wie sie in dessen 
Nietzsche-Buch exemplifiziert wird - und harmonisierte sie geschickt mit 
linear-teleologischen Zeitkonzepten.

Dazwischen waren einige Haken und Ösen zu verzeichnen: Der Moskauer Übersetzer 
Alexander Michajlovskij verlor sich in seinem Vortrag über Jüngers "Waldgänge" 
ein wenig selber im Wald bzw. schickte seine Zuhörer in denselben, indem er 
beliebig wirkende Zitate aneinanderreihte, mit denen sich alles oder nichts 
zeigen ließ. Und der Vortrag des Berliner Philosophen Steffen Dietzsch über den 
"kyklischen Zeitbegriff" bei Friedrich Georg Jünger führte zu jener oben 
erwähnten Flucht aus der Scholastik.

Die meisten Teilnehmer - nicht wenige von ihnen hoch in ihren achtzigern, 
darunter Liselotte Jünger, zweite Ehefrau von Ernst seit 1962 - hätten es wohl 
gern pittoresker gehabt, mussten sie sich doch über den Vortrag von Lutz 
Hagestedt (Rostock) empören, der den Rhodos-Tagebüchern des Brüderpaars etliche 
Ungereimtheiten nachzuweisen suchte: "Das läset Sie ganz falsch", hieß es dann, 
"das sind keine Fehler, das sind Jüngers Phantasien!" Natürlich verteidigte der 
Referent seine Position - im Übrigen gehe es ihm bei seiner Zeitreise nicht um 
Fehler, sondern um Stimmigkeit.

Zum Symposion gehört auch ein Kulturprogramm: Den Auftakt bildete die Lesung 
von Arnold Stadler, den Schlusspunkt die Enthüllung des Jünger-Denkmals am 
Wilflinger Weiher. Und am zweiten Abend präsentierte Ann Sophie Klett, die Frau 
des Verlegers, Tangos und Chansons - teils nach Gedichten des Jünger-Verehrers 
Jorge Luis Borges. Arnold Stadler rührte an das Geheimnis jeder Autorschaft, 
als er - lesend unterwegs mit den Bänden eins und fünf des Tagebuches "Siebzig 
verweht" - einen Odysseus beschrieb, der von der Basisstation Wilflingen aus 
auf Subtile Jagden ging, aber seinen Forscherblick auch auf die Einheimischen 
richtete - darunter auf Baron Franz Schenk von Stauffenberg, der alle Jahre 
wieder zum Ausklang auf Schloss Wilflingen Mokka und Türkischen Honig reichen 
lässt.

In neunmonatiger Arbeitszeit schuf der Ertinger Bildhauer Gerold Jäggle eine 
Bronze Ernst Jüngers, die nun, am verregneten Sonntagmorgen, eingeweiht werden 
wollte - doch als die Hüllen fielen, stand sie in Dessous vor der feierlich 
eingestimmten Gesellschaft: Offensichtlich hatten Lausbuben der Plastik einen 
Büstenhalter und einen Tanga-Slip übergezogen - als jugendlicher Scherz gut 
geeignet, die Wallfahrt zu den Brüdern Jünger und ihrem literarischen Werk 
etwas aufzumischen und aufzufrischen. Muss sich der Freundeskreis doch, will er 
eine Zukunft haben, um Nachwuchs sorgen - es jungte lediglich die Katze der 
Familie Knapp. Womöglich gebar sie, wer weiß, entfernte Nachfahren der Li Ping 
aus den "Strahlungen".




-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG

unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier: 
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html


einen Büchergruß an TW senden: 
http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192

_______________________________________________
Juenger-list mailing list
[email protected]
http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list

Antwort per Email an