Liebe Jünger-Freunde,

nachstehendes Jünger-Zitat (Erstdruck?) ist heute in der FAZ abgedruckt. Wenses 
Urteil über Jünger fiel ablehnend aus; ich habe die Stellen leider gerade nicht 
zur Hand; in den Tagebüchern äußert Wense sich recht bös' über EJ; EJ über 
Wense vgl. Siebzig verweht IV, 19. November 1989.
Schöne Grüße rundum, Ihr/Euer TW



Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 36
Lese-Ekstasen
Zum siebzigsten Geburtstag des Verlegers Axel Matthes

Manchmal kann man zur Charakteristik eines Menschen die bündigsten Begriffe bei 
seinem Gegenpol finden. Georg Lukacs, der ungarische kommunistische Ästhetiker 
und Philosoph, war gewiß ein Bildungserlebnis ersten Ranges für den jungen Axel 
Matthes, der im Ostteil Deutschlands aufwuchs. Denn ist nicht Lukacs' 
Abrechnung mit der deutschen Philosophie, ein voluminöses Werk, das in den 
fünfziger Jahren unter dem Titel "Die Zerstörung der Vernunft" erschien und 
sich der Kritik des irrationalistischen Denkens widmete, ein Schlüssel (nur muß 
man ihn andersherum drehen) für die Publikationsstrategie des 1977 gegründeten 
Verlags Matthes&Seitz? Ging es nicht bei allem, was Axel Matthes in die Hand 
nahm, um eine große Wiedergewinnung der irrationalistischen, romantischen oder 
surrealistischen Elemente des europäischen Denkens und der Kunst?

Von der Gedankenwelt der Revolte der sechziger Jahre ließen sich zwei Linien in 
die siebziger Jahre ziehen: die eine rational bis rationalistisch-dogmatisch, 
die andere rauschhaft und ekstatisch, dionysisch. Der produktive Umweg, um 
dieses philosophische Unternehmen zu legitimieren, führte zunächst nach 
Frankreich. Louis Aragon, Georges Bataille (in den Übersetzungen von Gerd 
Bergfleth), Baudrillard und Antonin Artaud konnten erst jetzt in Deutschland 
ihre Wirkung beginnen, eine Ausgabe der Schriften des Marquis de Sade kam dazu. 
In den letzten Jahren hat Matthes diskret, aber erkennbar auch für die geistige 
Auseinandersetzung mit dem Islam geworben. Sein theologisches Interesse datiert 
nicht erst von gestern. Schon im Verlag Rogner&Bernhard hatte er die 
Luther-Bibel herausgebracht, ein großer Bucherfolg.

Vor allem "Der Pfahl", das inzwischen legendäre Jahrbuch des Verlages, wurde zu 
einem intellektuellen Experimentierfeld allererster Ordnung. Nicht 
Nietzsche-Philologie, sondern der Geist Nietzsches oder die Benjaminsche Maxime 
"Immer radikal, niemals konsequent" schienen noch einmal erwacht, das Scharfe 
und das Tiefe, feindliche Geschwister meist, hörte man hier als Töne eines 
Akkords: Der Leser fand die feinste, subtilste Aufklärung des achtzehnten 
Jahrhunderts neben einem traditionalistischen Geist wie Rene Guenon, der die 
satanischen Geheimnisse der Psychoanalyse ergründen wollte.

Wie viele von Axel Matthes' Entdeckungen möchte man noch nennen - es genüge 
hier, auf den Nachlaß des Komponisten Jürgen von der Wense hinzuweisen, in dem 
Zeit und Kosmos zwischen 1917 und 1960 in einer nur den Tagebüchern Ernst 
Jüngers vergleichbaren Dichte lebendig werden. Und Jünger war es, der an 
Matthes einmal schrieb: "Ihre Auswahl trifft genau den Weg, auf dem ich mich 
seit früher Jugend durch die Weltliteratur getastet habe - das wird kein Zufall 
sein." Heute feiert Axel Matthes seinen siebzigsten Geburtstag.  LORENZ JÄGER


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