Text: F.A.Z., 06.06.2006, Nr. 129 / Seite 45

Frau Tod und ihr Karteikasten
Ernst Jüngers Sammlung letzter Worte/Von Martin Mosebach

In Cocteaus Film "Orphee" spielt Juliette Greco den Tod, "Madame la Mort", im 
engen schwarzen Cocktailkleid, aber trotz ihrer strengen Eleganz eindeutig 
Bürokratin. Sie hätte einen solchen Karteikasten, wie Ernst Jünger ihn mit den 
letzten Worten Sterbender besaß, vor sich auf dem leeren Amtstisch stehen haben 
können, um den eintreffenden Toten deren letzte mit warmem Atem gesprochene 
Einlassungen vorzuhalten. Der Gerichtscharakter des Übergangs vom Leben zum Tod 
wird beim Betrachten dieser Karteikarten besonders deutlich. Ein Prozeß liegt 
vor dem Toten, der im Jenseits kurz ist, im Diesseits aber so lange währt, bis 
der Tote vergessen ist. Vor dem Strafsenat erhält der Angeklagte die 
Gelegenheit zu einem Schlußwort. Dann zieht das Gericht sich zur Beratung 
zurück.

Wer aufgefordert würde, seine letzten Worte vorzubereiten, wie man die 
"historischen" Worte der auf dem Mond landenden Astronauten vorbereitet hat, 
stünde vor einer verzweiflungsvollen Aufgabe. Natürlich schwebte einem dann 
unwillkürlich vor, das ganze Leben irgendwie zusammenfassen zu müssen, eine 
Pointe daraus zu machen, die letzte Chance unbedingt zu nutzen. Aber wie kann 
man etwas zusammenfassen, das man nicht kennt? Nichts ist so unbekannt wie das 
eigene Leben. Die Memoirenschreiber müßten es am besten wissen, wie rätselhaft 
alle wichtigen Fragen der eigenen Biographie ihnen in Wahrheit geblieben sind. 
Die römische Kirche hatte stets ein geharnischtes Mißtrauen gegen das Genre der 
Autobiographie. Wer eine solche aus eigenem Antrieb und nicht auf Befehl eines 
Ordensoberen oder Beichtvaters geschrieben hatte, konnte lange Zeit nicht 
heiliggesprochen werden. Jüngers schwieriger Freund Carl Schmitt berührt dies 
Problem in seinem Glossarium.

Um so verständlicher die Hoffnung, die Worte, die gesprochen werden, wenn der 
Tod den Sprecher an der Gurgel hält und das Theaterspielen endgültig aus ist, 
könnten wirklich eine Essenz des nun verfliegenden Lebensstoffs enthalten. Die 
alte Medizin prüfte, ob noch Leben im Sterbenden sei, indem man ihm einen 
Spiegel an den Mund hielt, der vom Atem beschlug. Wie mit einem solchen Spiegel 
scheinen die von Jünger gesammelten letzten Worte eingefangen.

Er selbst war sich darüber klar, daß der Jäger nach der Authentizität auch hier 
vielfach taube Larven vor sich hat. Letzte Worte werden von den Umstehenden, 
der Familie, den politischen Freunden, den Schülern geschönt, frisiert, 
womöglich gar erfunden. Es gibt ein eigenes Genre von Anekdoten, die die 
Fälschung und die Wahrheit gegenüberstellen, wobei wahrscheinlich beide 
erfunden sind. Ein schönes Beispiel behandelt den Tod des britischen Königs 
Georg V. Der englischen Öffentlichkeit wurde mitgeteilt, die letzten Worte 
Seiner Majestät hätten der Sorge um das Reich gegolten: "How is the empire?" In 
Wahrheit habe die Königin neben dem schwer Atmenden gestanden und ihn zu 
beruhigen versucht: "Bald bist du wieder gesund und kannst nach deinem 
geliebten Bognor fahren!" Bognor regis war der von Georg V. bevorzugte Badeort. 
"Bugger Bognor", habe der König geflucht und seine Seele ausgehaucht.

Der König gehört damit zu den Sterbenden, die das Sterben im strengen 
philosophischen Sinn überhaupt nicht erleben, weil sie in ihrem alltäglichen 
Denk- und Empfindungskreis fest eingeschlossen bleiben. Die Krankheit zum Tode 
mag sie leiden lassen, aber der Tod selbst erreicht sie erst, wenn der 
Lebensfaden abgeschnitten wird. Die Verheißung Jesu: "Ihr werdet den Tod nicht 
schauen", erfüllt sich an ihnen in geradezu grotesker Weise - sie haben ihn 
tatsächlich nicht kommen sehen. So blieb der berühmte Philologe Ploetz, 
Verfasser einer französischen Grammatik, bis zum letzten Atemzug seiner Arbeit 
verhaftet, als er sagte: "Je meurt - man kann aber auch sagen: je me meurt."

Ein weiteres letztes Wort dieser Kategorie sei hier überliefert, weil es sonst 
verlorengehen würde: In einer Wiener Familie galt die älteste Schwester, 
Marjorie Kunitzer-Königreich, stets als die gescheiteste, ihre Schwester Fanny 
als die dümmste. Als Marjorie im Sterben lag und die Familie um sie versammelt 
war, sagte sie: "Ich seh' nix mehr, ich versteh' nix mehr - ich bin schon fast 
so blöd wie die Fanny!" "Aber doch nicht wie die Fanny!" protestierte man 
entrüstet. "Kunststück", hauchte Marjorie und verschied. Bis zum Schluß hatte 
sie den hochummauerten Garten des Familienrituals nicht verlassen müssen.

Eine zweite Kategorie könnten die Sterbenden oder Todgeweihten bilden, die 
bewußt Abschied nehmen und womöglich auch noch ein Testament formulieren. 
Selbstmörder verabschieden sich mitunter sehr beredt, und auch der vor seinem 
gewaltsamen Ende stehende Politiker findet noch die Kraft für eine letzte 
Botschaft. Es wird notgedrungen immer eine Anstrengung in solchen in vollem 
Bewußtsein des Todes gesprochenen und geschriebenen Worten spürbar, in der 
Ohnmacht noch einmal ein Zeichen des Willens zu setzen, wie das Testament denn 
auch bezeichnend "Letzter Wille" genannt wird. Ein stolzes Zeichen der 
Individualität kurz vor deren Auflösung soll aufgepflanzt werden.

Das christliche Konzept rät demgegenüber von jedem Individualismus strikt ab. 
Das Sterben ist ein Akt der Gleichheit. Schon vor dem Augenblick des Todes 
tritt der sterbende Katholik in die Reihe der vielen, wie die Toten in der 
Antike genannt wurden, und spricht: "O Jesu, misericordia!" Ist ein Mensch 
zugegen, der ihm ein kleines Kreuz an die Lippen halten kann, küßt er es. Mit 
diesen Worten sind in den letzten Jahrhunderten, vor der Auflösung der 
religiösen Formen, Hunderttausende gestorben.

Wie ein vorbereiteter bewußter Tod aussehen kann, stellt das Beispiel meiner 
Urgroßmutter dar, das ich hier, wie Marjories letzte Worte, erzählen möchte, um 
es noch ein wenig weiterleben zu lassen. Sie stammte aus einer Bierbrauerei, 
trank aber lieber Wein. Für ihre Sterbestunde hatte sie eine ganz besondere 
Flasche beiseite gelegt. Ihr überaus pedantischer Sohn, mein Großvater, war 
eingeweiht. Als sie ihr Ende nahen fühlte, sagte sie, während die Familie ihr 
Bett umstand: "Ich glaube, es ist Zeit, daß ihr die gute Flasche heraufholt!" 
Das geschah sofort, und sie hat sogar noch einen Schluck getrunken.

Das war, nach der Kommunion, die sie vorher empfangen hatte, ihr Abschied von 
der Materie in deren nächst dem Viaticum geisterfülltesten Form. Daß der Plan 
gelang, hatte freilich eine Ordnung des Lebens zur Voraussetzung, die für sie 
auch mit vielem Verzicht erkauft war.

So ergreifende Formen der bewußte Abschied vom Leben auch annehmen kann, es 
gibt eine Kategorie letzter Worte, die in ihrer Bedeutung noch darüber 
hinausgehen können und die vielleicht auch den passionierten Grenzgänger Jünger 
am meisten fasziniert haben müßten, obwohl sie in seiner Sammlung nicht 
vertreten scheinen. Das sind die Worte, die wie mit einem Blick über die 
Schranke zwischen Leben und Tod gesprochen werden. Es gibt Zustände vor dem 
Tod, in denen der Sterbende Dinge sieht und weiß, die seinem Alltagsbewußtsein 
sonst verschlossen waren. Es ist, als sehe er schon in das Land hinüber, das er 
dabei ist zu betreten. Oder als wende er sich, während er schon den einen Fuß 
über die Grenze gesetzt hat, noch einmal zurück, in einem sehr fernen Ernst, 
aber ohne Trauer, in unerreichbarer Objektivität. Viele Sterbende werden von 
den Toten ihrer Familie abgeholt; sie sehen die Mutter, den Vater, einen lange 
gestorbenen Bruder still am Fußende ihres Bettes stehen.

In ihren Blicken liegt jetzt eine große Distanz. Sie sehen auf ihre nächsten 
Verwandten wie auf Fremde. Es ist, als dächten sie zum ersten Mal darüber nach, 
mit welchen Menschen sie ein Leben lang zusammengewesen sind. Ein ungeheures 
Staunen liegt auf ihren Mienen. Was sie jetzt sagen, steht auf einem riesigen 
unsichtbaren Fundament von Voraussetzungen.

Zu verstehen im landläufigen Sinn mag da nicht mehr viel sein. Ein 
geheimnisvoll neuartiges Nachdenken regiert sie, überwiegend in Ruhe, obwohl 
auch das Gefühl großer Dringlichkeit entstehen kann. Die letzten Worte meiner 
Toten waren dieser Art. "Sie ist verwirrt", "er ist verwirrt", sagten dann die 
Pflegerinnen, aber daß sie nicht verwirrt waren, weiß ich mit Gewißheit, man 
müßte denn mit Verwirrtheit den Zustand äußerster, feinster, entrücktester 
Luzidität bezeichnen wollen und damit das Wort seines Inhalts berauben. Man 
versteht wohl, daß hier nicht der Ort ist, das bei dieser Gelegenheit 
Mitgeteilte preiszugeben, aber ich werde gewiß bis an mein eigenes Ende daran 
denken.

Der größte mir bekannte Sterbenskünstler ist zugleich auch ein wahrer 
Lebenskünstler gewesen, der heilige Franziskus von Assisi. Als es ans Sterben 
ging, ließ er sich von seinen Brüdern nackt auf den Erdboden legen, in einem 
letzten Akt der Liebe zur geschaffenen Welt, um als gleichsam Neugeborener auf 
dem Körper der Mutter zu liegen. Das ganze Menschenschicksal seit Adam und Eva 
wollte er bis zum Tod mit jeder Pore erleben. Daß viele Sterbende in unbewußtem 
Zustand noch versuchen, aus dem Bett aufzustehen und mit den Füßen den Boden zu 
berühren, hat mir ein Pfleger, der viele Menschen hat sterben sehen, bestätigt.

Während ich diese Zeilen auf der Terrasse eines Hauses im marokkanischen Fes 
schreibe, wird auf der Straße unten mit schnellem Schritt, geradezu rennend, 
ein in ein grünes Leichentuch gewickelter Toter vorbeigetragen. Seine Träger 
singen ein stürmisches, kriegerisches Lied. Keine unnötige Zeit darf 
verstreichen, bis der Tote, der seine letzten Worte vielleicht erst vor wenigen 
Stunden gesprochen hat, in den neuen Zustand eintreten kann, in die friedliche 
Erwartung der Auferstehung, ohne zur Heimstatt der Dämonen geworden zu sein, 
die den Kadaver umlauern. Sie haben auch das unartikulierte letzte Murmeln 
genau verstanden. Nun gilt es, ihnen davonzulaufen.

Der Schriftsteller Martin Mosebach, geboren 1951, hat zuletzt den Roman "Das 
Beben" veröffentlicht.

Mit Ernst Jüngers Sammlung letzter Worte beschließen wir unsere Serie zur neuen 
Marbacher Museumsausstellung. Das Literaturmuseum der Moderne wird heute durch 
Bundespräsident Köhler eröffnet.




-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG
www.waldgaenger.de

unsere Angebote (ZVAB, Amazon, Zeusman, Booklooker und Buchx) finden Sie hier: 
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html


einen Büchergruß an TW senden: 
http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_____________________________________________________________________
Der WEB.DE SmartSurfer hilft bis zu 70% Ihrer Onlinekosten zu sparen!
http://smartsurfer.web.de/?mc=100071&distributionid=000000000071

_______________________________________________
Juenger-list mailing list
[email protected]
http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list

Antwort per Email an