schöne grüße rundum, tw

 ©  DIE ZEIT, 29.06.2006
Einer, der in der Kälte wohnte

Am 7. Juli jährt sich der Todestag von Gottfried Benn zum 50. Mal. Wer er zu 
Lebzeiten war, das verraten der Briefwechsel mit Ernst Jünger und drei neue 
Biografien. Von Stephan Speicher

»Wer ist Gottfried Benn?«, fragt der Limes-Verlagsprosekt von 1949. »Freund von 
Trudchen Zenzes!«, kritzelt der Dichter

Foto: Chris Korner/Deutsches Literaturarchiv Marbach

Am 15. Mai 1952 schreibt Gottfried Benn seinem Verleger Max Niedermayer von 
ganz speziellen Dingen: »Für meinen Besuch morgen abend bin ich wirklich in 
Sorge, was ich diesem Schilderer von Weinen, Gläsern, Wohlleben und 
Fischdelicatessen zum Abendbrod vorsetzen soll. Heliopolis ist ja eine reine 
Folge von Vorstellungen eleganter Tafeln und funkelnder Kristalle.« Die 
Entscheidung Benns fiel auf Hummerschwänze in Mayonnaise, dazu alten Burgunder; 
und der Abend entwickelte sich besser als erwartet. Ernst Jünger, Autor von 
Heliopolis, »war ganz nett«, und »wir tranken ganz reichlich und dabei kamen 
wir uns näher u wurden offen miteinander.« Ein Jahr später notierte Benn in 
seinem Kalender: »Vor 1 Jahr Jünger«. Es wird wohl doch ein Eindruck gewesen 
sein, aber welcher?

Der Briefwechsel der beiden, der gerade erschienen ist, erklärt es nicht, auch 
nicht in den ausgiebigen Kommentaren. Gerade 50 kleinformatige Seiten Briefe 
sind abzudrucken, und die meisten nicht mehr als konventionelle 
Gelegenheitspost, gute Wünsche zu Jahreswechseln und Geburtstagen, Widmungen 
der Neuerscheinungen. Benn ist nicht begeistert, die Erinnerung an die »Weine, 
Gläser und Fischdelicatessen« im Werk des Kollegen trifft etwas von dem 
Kulissenhaften, Aufgespreizten, was Jüngers Romane gefährdet. »Viel gepflegter 
Schmus dabei, furchtbar altmodisch u so viele ›Hoch‹…dazwischen dann wieder 
reizende Bemerkungen«. Doch wohl ironisch schreibt er: »Wir hoffen,…dass Sie 
einen schönen Sommer haben mit Ihren Käfern u. Steinen und Flechten.« Ein 
bisschen Neid auf den Kollegen mit Privatsekretär, vornehmen Beziehungen und 
stetigen Fernreisen mag auch dabei gewesen sein: »Etwas viel Apparatur ist ja 
doch wohl um den u. in dem guten E.J.« Und Jünger, der sich sehr um Benn 
bemüht, gibt sich in seinen Briefen wirklich ziemlich aufgesockelt mit seiner 
Neigung zu Bildungsprunk und fülliger Metaphorik, ohne zu merken, wie sehr er 
den Ton des Gegenübers verfehlt: »Bescheren Sie sich und uns allen in einem 
schönen Garten noch manche reife, milde Frucht.«

Vor dem berühmten Kollegen hat sich jeder der beiden verborgen. Freimütiger 
schrieb Benn an seinen neuen Verlag, Limes. Max Niedermayer hatte ihn im 
Oktober 1945 in Wiesbaden gegründet; 1948 wandte er sich an Benn mit dem 
Vorschlag, ihn zu verlegen. Es war ein Risiko, Benn hatte einen wüsten Ruf; er 
selbst hielt sich für den »literarischen Staats- und Gesellschaftsfeind Nr. 1«. 
Aber Niedermayer: »Eventuelle Einwände anderer Autoren stören mich dabei nicht. 
Ich bin unabhängig.« Und er tat den richtigen Griff. Vier Bände brachte er 1949 
heraus, und in jedem folgenden Jahr bis zum Tod des Autors 1956 erschien 
mindestens ein neues, stark beachtetes Buch. Benn war sehr zufrieden mit dem 
jungen, sehr engagierten Verleger und zeigte sich von der charmantesten Seite, 
vor allem seiner Lektorin Marguerite Valerie Schlüter gegenüber.

Bundesverdienstkreuz. Büchner-Preis. Benn wurde zum Klassiker

Die seelischen Voraussetzungen hatten sich aufgehellt. Er, der es für »besser 
u. anständiger« hält, »bis zum Schluss seiner Produktion hart zu bleiben, statt 
milde, reif und familienhaft zu werden«, wird in diesen Jahren zum Klassiker. 
Die Kritik äußert sich voller Respekt, bei repräsentativen Gelegenheiten wird 
Benn als exemplarischer Dichter der Gegenwart bezeichnet. Unter Philologen, 
allen voran der große E. R. Curtius, verbreitet sich der Ruhm Benns. Überall 
will man den Autor hören, der Bundespräsident verleiht das 
Bundesverdienstkreuz, die Darmstädter Akademie den Büchner-Preis. Und hinter 
allem Spott spürt man doch, wie Benn, der den literarischen Betrieb immer 
verachtet hatte, sich an der Lampe des öffentlichen Interesses wärmt, 
geselliger und beweglicher wird, auch wenn ihn sein tiefer Pessimismus nicht 
verlässt.

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Versuchens Sie es doch mal!

Aus der Limes-Korrespondenz sind 140 Briefe Benns für die gedruckte Ausgabe 
ausgewählt. Die gesamte Korrespondenz ist auf einer beigefügten CD-ROM 
greifbar, 1245 Seiten im Layout der Buchausgabe, erschlossen durch eine sehr 
praktische Suchfunktion. Und will man nicht wirklich alles lesen, auch die 
Fragen nach den Erfolgen der Lektorin mit der Damenhockey-Nationalmannschaft?

In den nächsten Jahren wird es weitere Editionen geben: die Briefe an seine 
dritte Ehefrau Ilse Benn, an die Tochter Nele und die frühe Freundin Gertrud 
Zenzes. Benn hat seine Leser, er ist ein Klassiker, der in die Augen sticht, 
nicht edelmatt vor sich hin dämmernd wie Stefan George. Das sichert den 
Briefausgaben ein Interesse, das der Gedenktage nicht bedarf. Für die Bücher 
über ihn gilt anderes. Verschiedene Bücher sind in diesem Frühjahr erschienen, 
die sich an ein größeres Publikum wenden, es ruft der 50. Todestag am 7. Juli.

Ganz vorzüglich ist das kleine Buch, das Wolfgang Emmerich als 
rororo-Monographie geschrieben hat. Das Prinzip dieser Biografien-Reihe, die 
Dargestellten durch Selbstzeugnisse zu Wort kommen zu lassen, nutzt Emmerich 
mit Umsicht, und das heißt: Es werden die gegenläufigen Äußerungen Benns 
zusammengefügt, das gibt den Eindruck von der geistigen Beweglichkeit, 
Bestimmbarkeit, auch Unbestimmtheit Benns. Was er beispielsweise in der Rede 
Probleme der Lyrik 1952 ausführt, wird von seinen Gedichten dieser Zeit doch 
nur sehr gelegentlich eingelöst. Das »Stimmungsmäßige« wird theoretisch 
verachtet, die »gereimte Weltanschauung« gebannt, die monologische Situation 
verteidigt. Aber das berühmte »es gibt nur eines: ertrage … dein fernbestimmtes 
Du mußt« ist Ausdruck einer Haltung, die der Weltanschauung eng benachbart ist. 
Wie Emmerich Benn knapp und ohne Versimpelungen umreißt, kann man nur mit 
Respekt lesen.

Das ergiebigste Buch ist das von Joachim Dyck: Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 
1929–1949. Mehr als jeder andere große Autor des 20. Jahrhunderts ist Benn ein 
Mann der wechselnden Umstände. Brecht, Kafka, auch Thomas Mann haben ihr Thema, 
ihren Ton gefunden; Benn sucht bis zuletzt. Und sosehr er die Geschichte 
verachtet, so sehr ist er bemüht, seine Arbeit vor der historischen Situation 
zu legitimieren. Dass etwas konservativ, veraltet sei, das ist sein schärfstes 
Verdikt.

Auf diesen Punkt zielt Dyck. Mit ungeheurer Sorgfalt hat er Quellen und 
Literatur ausgewertet, niemand hat wie er die materiellen wie geistigen 
Umstände, unter denen Benn lebte, aufgeklärt. Die bedrängte Lage der Ärzte in 
den zwanziger Jahren, die Arbeit als Oberstabsarzt in der Wehrmacht oder die 
Frühzeit des Rundfunks, zu dessen literarischen Stars Benn gehörte, das ist 
alles plastisch beschrieben. Und selbstverständlich die Lage 1933, als Benn in 
mehreren Beiträgen für den Nationalsozialismus die Flagge hochzog.

Dyck beschreibt die Konfliktlage, in die sein Held hineingezogen wurde, und die 
unglückliche Rolle, die Heinrich Mann schon 1932 spielte. Die Politik Benns in 
der Preußischen Akademie der Künste stellt er als falsch, aber nicht völlig 
unverständlich dar: Es ging ihm und anderen darum, die Akademie vor der 
Auflösung zu retten. Die Erklärung vom März 1933, sich der Akademie weiter zur 
Verfügung zu stellen und dabei auf die »politische Betätigung« gegen die 
Regierung zu verzichten, unterzeichneten auch eine Reihe jüdischer Autoren. 
Interessant, wie 1933/34 unter Nationalsozialisten erbittert über den 
Expressionismus gestritten wurde, Benns Expressionismus-Aufsatz 1933 war als 
Beitrag in einer offenen Frage angelegt.

Gelegentlich führt das alles umfassende historische Ausmalen den Autor 
vielleicht zu weit in der Verteidigung seines Helden. Hier und da verirrt er 
sich im Gehege der Details, es kommt zu irritierenden Wiederholungen. Aber im 
Ganzen ist es eine eminent erhellende Lektüre. Wer Benn liebt, wird Dycks 
Wissbegier teilen.

Hatten Ernst Jünger, Carl Schmitt und Benn einen gemeinsamen Sound?

Den größten Effekt in der Öffentlichkeit aber hat bisher Helmuth Lethen 
erzielt. Er wurde 1994 mit den Verhaltenslehren der Kälte bekannt, und sein 
neues Buch hat jedenfalls einen hinreißenden Titel: Der Sound der Väter. Die 
Väter, das sind die drei großen, demokratisch zumindest fragwürdigen Männer 
Carl Schmitt, Ernst Jünger und Gottfried Benn. Haben sie aber einen gemeinsamen 
Sound? Einen Sound hat jedenfalls Lethen. Es ist ein sehr volkstümlicher Sound, 
gerade das, was Germanisten gern singen und sagen: Es geht los mit Durs 
Grünbein, Klaus Theweleit hat starke Auftritte, etwas »schreibt sich ein«, ein 
anderes erweist sich als »Glutkern«, und »jede Biographie« ist eine Fiktion, 
die nun Lethen (»Ich bewundere Biographen«) im Falle Benns nicht möglich sei. 
Seine Einwände gegen die Biografien sind die üblichen, sie gehen längst auch in 
die kleinste Klabusterbeere von Gehirn hinein. Wer aber den Unwillen über 
solchen Sound für überscharf hält, der kann sich von Lethens Behauptung ärgern 
lassen, in der militärärztlichen Ausbildung Benns sei der Körper »das 
gottverlassene, stumme Objekt der Festkörperphysik« gewesen. Das ist 
effektgelockter Tinnef. Die Festkörperphysik bildet sich als Forschungsgebiet 
in den vierziger Jahren heraus. Dass vor dem Ersten Weltkrieg Medizin als 
Anwendungsfeld der Festkörperphysik gelehrt worden wäre, das zu behaupten ist 
das Recht der historisch Hemmungslosen.

Wie kommt der Autor auf die Festkörperphysik? Weil er Benn und die anderen 
»Väter« als Männer unter dem Ideal der Kälte beschreibt, als verpanzerte 
Figuren. Dabei macht er auch gute Beobachtungen. Dass der Kult der Kälte auf 
einem nur halb gelesenen Nietzsche-Gedanken beruht, das ist interessant. Und 
schön ist auch die Idee, das Parlando der späten Lyrik verdanke sich dem Erfolg 
ihres Autors in der Bundesrepublik, »das gelassenere Nebeneinander« entspreche 
einem neuen gesellschaftlichen Ton, natürlich auch der Offenheit Benn 
gegenüber, der aus dem Bann, in dem er sich lange gesehen hatte, heraustritt.

Die meistgelesenen Artikel des Tages

    * Mach's dir selbst! »
    * Erkenn' den Fan!  »
    * Typisch Mann »

Das sind Gedanken, die in einem Aufsatz gut aufgehoben wären. Aus mutmaßlich 
jubilarischen Gründen aber wurden sie zu einem Buch aufgepumpt. Und nun musste 
die alte Nummer vom Satisfaktionscharakter des deutschen Mannes noch einmal ins 
germanistische Feld rücken: Der Mann, sich vor dem Weiblichen fürchtend (auch 
vor der weiblich-chaotischen Republik), in Heer und Studentenverbindung 
gehärtet, lebt dem Ideal von Ehre und Haltung. So erklärt Lethen auch die 
Verbissenheit, mit der Schmitt, Jünger und Benn – in unterschiedlichem Maße – 
über die Verbrechen des »Dritten Reiches« nicht öffentlich sprechen mochten.

Etwas innerlich Verhärtetes hat aber Lethen selbst. In dem berühmten Gedicht 
Oh, dass wir unsere Ur-Urahnen wären sieht er »Benns Rhythmusmaschine«, das 
»Raster des Metrums«. Das Gedicht, das von der »Auflösung des Personenpanzers« 
handle, habe »paradox genug die Form einer kleinen mechanischen Spieluhr«. 
Interessante Idee, leider auf falschem Befund. Es sind Volksliedverse, ihre von 
Benn exzessiv genutzte Füllungsfreiheit (die freie Zahl unbetonter Silben 
zwischen den betonten) gibt ihnen das Fließende, ganz unparadox. Das Beispiel, 
dem sich manche anfügen ließen, zeigt, wie der Autor die Belege für seine These 
zusammenstaucht. Das gibt ihm den kraftvollen Gestus, das – der Meinungskampf 
als inneres Erlebnis – macht auch die Beliebtheit des Buches in der Kritik aus: 
1. Platz der SWR-Bestenliste Juni!

Wie viel mehr ist mit Dycks Genauigkeit gewonnen, seiner Vergegenwärtigung der 
Situationen, die auf den Dichter eindrängen. »Beladungen des Gehirns mit 
Sachverhalten, Überspülungen, Verdrängungen jedes Flugs und jedes Traums«, 
heißt es in Pallas (1943). Daher die Bewunderung für die dem Haupt des Zeus 
entsprungene, stets gerüstete »kinderlose Göttin, kalt und allein«. Mit dem 
Satisfaktionstyp hat das auch etwas zu tun, gewiss doch. Aber nur etwas.

©  DIE ZEIT, 29.06.2006

Gottfried Benn/Ernst Jünger: Briefwechsel 1949-1956

Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Holger Hof; Clett-Cotta, 
2006; 154 S., 14,50 €

Gottfried Benn: Briefe an den Limes Verlag 1948-1956

Mit der vollständigen Korrespondenz auf CD-ROM; hrsg. u. kommentiert von 
Marguerite Valerie Schlüter und Holger Hof (= G. B.: Briefe, VIII. Bd.) ; 
Klett-Cotta, 2006; 272 S., 42,- €

Joachim Dyck: Der Zeitzeuge. Gottfried Benn 1929-1949

Wallstein Verlag, 2006; 446 S., 39,- €

Wolfgang Emmerich: Gottfried Benn

rororo, 2006; 158 S., 8,50 €

Helmuth Lethen: Der Sound der Väter

Gottfried Benn und seine Zeit; Rowohlt, 2006; 318 S., 22,90 €

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