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Cicero, http://www.cicero.de/259.php?kol_id=10303

von Jürgen Busche
Ein überraschender Briefwechsel
Es ist eine Überraschung: der nationalkonservative Schriftsteller Ernst Jünger 
und der linkskatholische Erzähler Stefan Andres waren durch eine 
Brieffreundschaft verbunden, die - mit Unterbrechungen – 33 Jahre lang währte, 
bis zum Tod des letzteren. Günther Nicolin, der Herausgeber des Briefwechsels, 
der jetzt im Verlag Jüngers, Klett-Cotta, erschienen ist, bemerkt dazu, dass 
hier im Gegensatz zu anderen Briefpartnern, die Freundschaft über all die Zeit 
hinweg keine Trübung erfahren habe. Das ist richtig, lässt über die Grenzen 
nachdenken, die beide zur Wahrung des Eigenen gezogen haben werden.
Andres, 31 Jahre alt, schreibt zuerst 1937 an den elf Jahre älteren, um ihm 
seine Freunde über dessen neueste Bücher zu bekunden, so „Blätter und Steine“. 
Er ist einfach glücklich darüber, dass so etwas in Deutschland noch erscheint. 
Jünger nimmt die Komplimente dankbar entgegen und äußert sich artig über die 
beigelegten Gedichte, besonders aber über die Novelle „El Greco malt den 
Großinquisitor“. Andres hat zu diesem Zeitpunkt schon einiges publiziert, jetzt 
ist er aber wegen seiner jüdischen Frau in Schwierigkeiten geraten. Er ist nach 
Italien ausgewichen, dort lebend braucht er nicht Mitglied der 
Reichschrifttumskammer sein.
Jünger wird gewusst haben, dass der moselländische Andres ein tief katholisch 
geprägter Autor war. Wie sehr sich Andres über den Jünger der Jahre vor 1933 im 
klaren war, scheint eine müßige Frage zu sein.
Vom Beginn der Briefpartnerschaft zählt nur die Ablehnung des Zeitgeistes, der 
gern auch am Stil seiner emsigen Protagonisten nachgewiesen wird. Tatsächlich 
kann man sagen, dass die beiden wichtigsten Bücher eines intellektuellen 
Dissenses, die in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur erscheinen 
konnten und große Beachtung fanden, Andres` „El Greco“ und Jüngers bald darauf 
herausgekommene „Auf den Marmorklippen“ sind. Jünger wurde wegen seiner 
Heldentaten als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg geschont. Andres` Werklein 
hielt die Zensur wohl für ein antikatholisches Pamphlet Die berühmte Novelle 
„Wir sind Utopia“ erschien 1943 in der „Frankfurter Zeitung“ in Fortsetzung. 
Jünger hatte zuvor seine Aufzeichnungen über den Frankreichfeldzug 
herausgebracht. .
Nach Kriegsende hatten beide Schriftsteller persönliche Schicksalsschläge zu 
verarbeiten, die sie verbanden. Andres, der in Italien Jahre schlimmster Armut 
durchleben musste, hatte eine Tochter durch Hungertyphus verloren. Jüngers 
älterer Sohn Ernst war in Italien gefallen und begraben. Bei der Sorge um das 
Grab konnte Andres vermittelnd helfen. Auch der Wiedereinstieg in literarische 
Leben, der bei Andres bald stürmisch, bei Jünger eher zögerlich verlief, 
förderte den Nachrichtenaustausch.
Dann gibt es eine große Lücke. Man hatte sich inzwischen persönlich 
kennengelernt. Andres war nach Unkel an den Rhein in ein eigenes Haus gezogen. 
Die Zeiten waren besser geworden. Über die Gründe für das Schweigen kann man 
vielleicht nur spekulieren. Andres war jetzt der katholische 
Erfolgsschriftsteller par excellence in einer Zeit, in der das Katholische die 
junge Bundesrepublik in beispielloser weise bestimmte. Dabei empfand der Autor 
starkes Unbehagen. So, wie er sich den Neuanfang des Gemeinwesens vorgestellt 
hatte, vollzog sich der nicht. Es wurden allenthalben die Angehörigen alter 
Eliten gebraucht und herangezogen. Und deren geistiger Heros wurde mehr und 
mehr Ernst Jünger ohne etwas dafür zu tun.
Als Gustav Gründgens eine dramatisierte Fassung der „Utopia“ aufführte, saß 
Jünger in der Premiere – was auch damals als Überraschung empfunden wurde. In 
den 60er Jahren begann der Wind sich wieder zu drehen. Jünger fragt bei Anders 
devot um Rat, wie er sich verhandlungsmäßig gegenüber seinem Verleger verhalten 
soll, der seine Werke gesammelt herausbringen will. Andres kann nur .- mag 
sein, etwas pikiert – antworten, ihn habe seine solche Anfrage noch nicht 
erreicht. Sie sollte ihn auch nicht mehr erreichen. Das Interesse für 
katholische Literatur ließ nun in Deutschland rapide nach.
Doch dieser Aspekt ihrer Biographien überschattete nicht das Ende ihrer 
gemeinsamen Geschichte. Andres hatte Deutschland wieder verlassen und nun in 
Rom Wohnung genommen. In den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils war die 
Adresse des Mannes, der auch physisch eine repräsentative Erscheinung war, eine 
der attraktivsten für offizielle und nicht-offizielle Konzilsbesucher. Als 
Jünger 1967 als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom kam, verkehrten sie 
miteinander auch gesellschaftlich auf der höchsten Ebene.
Die letzte Pointe, heißt es einmal, schreibt der Tod. Anders starb überraschen 
1970, Jünger fast drei Jahrzehnte später. Als man ihn, den über Hundertjährigen 
zu Grabe trug, wurde bekannt, dass er zuletzt katholisch geworden war. Wenn das 
eine Überraschung war – in welcher Hinsicht? Die Brieffreundschaft mit Stefan 
Andres liefert dazu ein Datum, kaum eine Erklärung.

Ernst Jünger – Stefan Andres, Briefwechsel.
Hgg., kommentiert und mit einem Nachwort von Günther Nicolin,
Klett-Cotta, Stuttgart 2007,
185 Seiten, 21,50 Euro.

-- 
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