Liebe Jünger-Freunde,

in einem Interview, das morgen in der FAZ erscheint, äussert Altbundespräsident 
von Weizsäcker sich auch über Jünger.
Auszüge unten.
Schöne Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw




Text: F.A.Z., 30.06.2007, Nr. 149 / Seite Z6
(...)
Ihr Vater soll zur Beerdigung Stefan Georges einen Kranz geschickt haben?

Das hat er, nicht zuletzt im Einvernehmen mit einem der allernächsten Freunde 
meiner Eltern, Robert Boehringer. Dieser war im Rechtssinne Erbe Georges. Unter 
den Erwachsenen, die mir in meiner Kindheit nahe bewusst und vertraut wurden, 
war Boehringer ein strenger und liebevoller Erzieher. Lange nach dem Krieg hat 
er mir übrigens einmal gesagt, ich solle doch aufhören, mich für Politik zu 
engagieren. Doch ich wollte und konnte dem strengen Erzieher hier nicht folgen.

Wie gut waren Sie denn selbst mit der Dichtung Stefan Georges vertraut? Sind 
Sie ihm auch persönlich begegnet?

Als George 1933 starb, war ich dreizehn Jahre alt. Im Alter von zwölf Jahren 
war ich einmal der Einladung von Robert Boehringer gefolgt, als er meinen 
ältesten Bruder Carl Friedrich und mich in eine Wohnung im vierten Stock am 
Berliner Kurfürstendamm führte. Da saß ich dann als Bub auf einem Sofa, und 
neben mir saß ein Mann, der mit seinem Griff meinen Nacken so stark umfasste, 
dass ich den Griff noch bis heute zu verspüren meine. Später hat man mir 
gesagt, das war Stefan George.

Das steht aber nicht in Ihren Memoiren. Was hat Sie denn am meisten an George 
beeindruckt?

Die dominierende Aura seiner Person rings um ihn her. Angefangen, ernsthaft 
Stefan George zu lesen, habe ich erst nach dem Krieg. Seine frühen Gedichte, 
zum Beispiel in dem Band „Algabal“, haben mich fasziniert. Nicht wenig habe ich 
auswendig gelernt, zum Beispiel den Abschluss eines düsteren Gedichtes: „Der 
kaiser wich mit höhnender gebärde / Worauf er doch am selben tag befahl / Dass 
in den abendlichen weinpokal / Des knechtes name eingegraben werde.“ Vor allem 
aber die späteren Gedichte George bleiben mir im Gedächtnis.

Sie sind wahrscheinlich der einzige Politiker in Deutschland, der überhaupt 
weiß, dass es die gibt. Kannten Sie auch Ernst Jünger?

Durch Zufall lernte ich ihn kennen. In den sechziger Jahren war ich eine 
Zeitlang bei einer Pharmafirma in Ingelheim am Rhein tätig. Deren Chef war ein 
Pour-le-Mérite-Träger aus dem Ersten Weltkrieg, ebenso wie Ernst Jünger. Diese 
Ordensträger trafen sich auch einmal in Ingelheim. Dort erhielt ich den 
Auftrag, mich um Jünger zu kümmern. Das habe ich mit großer Neugier gemacht, 
ohne dass er mein Idol geworden wäre.

Welchen Eindruck machte er bei dieser Begegnung auf Sie?

Er war gepflegt, korrekt und nicht sehr ergiebig.

Haben Sie Ernst Jünger gelesen?

Gelesen habe ich „Der Arbeiter“ und die „Marmorklippen“. Es war hochinteressant 
und nicht herzerwärmend für mich, was gewiss nur an mir liegt. Am Ende des 
Zweiten Krieges kam noch ein religiöser Text von ihm heraus, der mich etwas 
irritierte. Nicht er, sondern Bert Brecht, Stefan George und Hugo von 
Hofmannsthal waren meine literarischen Idole.

(...)
-- 
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
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