literaturkritik.de » Nr. 9, September 2004 » Politik und Geschichte
     
     
     

Harte Kerne
Schlaglichter auf Armin Mohlers Sternstunden
Von Jan Süselbeck
Der Bremer Politikwissenschaftler Thomas Willms hat eine neue Studie über den 
Publizisten Armin Mohler (1920-2003) vorgelegt. Mohler ist "als einer der 
Begründer und einflußreichsten Vordenker der oft als 'Neue Rechte' bezeichneten 
rechtskonservativen bis neofaschistischen Strömung in Deutschland" 
(Klappentext) kein Unbekannter. 

Willms' schmales Büchlein schließt jedoch eine erstaunliche Forschungslücke. 
Erstmals wird hier der schnelle Aufstieg des Baseler Philsosophiestudenten 
dokumentiert, der 1942 illegal die Schweizer Grenze überquerte, um sich 
freiwillig zur Waffen-SS zu melden. Sein nach dem Krieg und vor 1970 errungener 
Einfluss auf deutsche Parteien, Organisationen, Verlage und Zeitschriften ist 
Thema der Arbeit. 

Willms gelingt ein knappes, aber eindringliches Zeitbild der 
rechtskonservativen Grabenkämpfe der sechziger Jahre. Ihr Machtzentrum war die 
CSU unter Franz Josef Strauß. Damals unterstützte Mohler den bayerischen 
Vollblutpolitiker als Vordenker und Redenschreiber, weil er Strauß als 
politische Option begriff. Willms zeichnet nach, wie die CSU angesichts einer 
angeblichen "linken Kulturrevolution" (Mohler) in ihrem Umfeld ein neues und 
schlagkräftiges neofaschistisches Organisationsgeflecht aufbaute. 

Zeitschriften und Think Tanks wurden gegründet. Ihr Ziel war die Relativierung 
der NS-Verbrechen, um freie Bahn für einen neuerlichen autokratischen 
Führungsstil zu schaffen. Willms arbeitet heraus, wie stark diese Strategie vom 
neofaschistischen Gedankengut Mohlers geprägt war, dem sogar ein 
strafrechtliches Verbot zeitgeschichtlicher NS-Forschung vorschwebte. 
Stattdessen sollten die "positiven Seiten" des Nationalsozialismus betont 
werden. 

Einer seiner engsten Verbündeten in diesem Diskurs war der Rechtsphilosoph Carl 
Schmitt. "Der sich über 42 Jahre erstreckende Briefwechsel zwischen Mohler und 
Schmitt enthält keine Stelle, in der eine [...] eigene schuldhafte Verstrickung 
in ein verbrecherisches Regime diskutiert wird", bemerkt Willms. "Stattdessen 
gefielen sich die Autoren in der Pose der Verfemten und Verfolgten." Stolz 
berief sich Mohler auf Schmitts Aufwertung des "Partisanen" und ernannte sich 
in seiner Dankesrede für den Konrad-Adenauer-Preis 1967 zum "Freischärler". 

Den deutschen "Feind" der sechziger Jahre sah man, wie auch schon vor 1945, im 
Osten. Mohler und Schmitt suchten außerdem nach Wegen einer Emanzipation von 
den verbündeten USA, die wiederum von der CSU propagiert wurden. "Um Deutsche 
bleiben zu können, also um die Grundlagen unserer nationalen Eigenständigkeit 
in die Ära des Raumfahrtzeitalters hinüberzuretten und die Gemeinschaft unseres 
Volkes wiederherzustellen, müssen wir Europäer werden", stellte sich Strauß 
1968 jenen "integrierten Großraum" deutscher Herrschaft vor, der heute wieder 
in greifbare Nähe gerückt ist. Damit gewinnt Willms Buch zusätzliche aktuelle 
Brisanz. 

Mit der deutschen Wiedervereinigung fielen viele der Tabus, mit denen sich 
Strauß' ehemaliger Ghostwriter Mohler jahrzehntelang hatte auseinander setzen 
müssen. "Ja", antwortete er deshalb kurz und bündig, als ihn die "Leipziger 
Volkszeitung" 1995 fragte, ob er Faschist sei. Davor lasen sich seine 
Argumentationen noch so glissant, dass sie den 1982 amtierenden 
Feuilletonleiter der "Zeit", Fritz J. Raddatz, an das Problem erinnerten, "wie 
man einen Pudding an die Wand nagelt". 

Noch früher schien das allerdings auch bei der "Zeit" kaum jemanden gestört zu 
haben. Mohler, der 1949 in Basel über die "Konservative Revolution in 
Deutschland 1933-45" promoviert hatte, schrieb 1955-1960 über 200 Artikel für 
das Blatt. 1960-1964 gab ihm dann der Chefredakteur der Wochenzeitung "Christ 
und Welt", Giselher Wirsing, ehemaliger Schriftleiter der auflagenstarken 
NS-Auslandsillustrierten "Signal", ein Forum, bevor Mohler von 1965-1985 
ständiger Mitarbeiter in Axel Springers "Welt" wurde. 

Willms betont, wie prägend Mohlers Frankreichaufenthalt (1953-1961) war. 
Charles de Gaulles' Präsidentschaft inspirierte Mohlers Vision einer 
aggressiven deutschen Außenpolitik. Diese beruhe auf den Kategorien von "Freund 
und Feind" und enthebe sich jeder moralischen Kategorie, befand Mohler. Damit 
zählte er implizit jene Zeit zu den "Sternstunden deutscher Geschichte", in der 
sich die deutsche Aktionsfähigkeit besonders 'unmoralisch' entfalten konnte: 
1933-1945. 

Nach 1945 könne man in Deutschland nur noch zwischen "Selbstbehauptung" und 
weiterer "Schrumpfung" wählen, mahnte Mohler 1969. Gemäß der bereits 1922 von 
Schmitt gewiesenen Marschroute ("Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand 
entscheidet."), konnte dies für Mohler nur heißen, vor dem Ausland endlich 
nicht mehr "hündisch [zu] kriechen": "Als harte Kerne zwischen den Trümmern 
erweisen sich die Völker, die sie selbst sein wollen". 

Dafür, dass Deutschland wieder "hart" werde, rackerte Mohler zeitlebens an 
allen Fronten, die Willms in seinem Kapitel "Organisatorische Zusammenhänge" 
auflistet. Mohler verdingte sich von 1949-1953 als Privatsekretär Ernst Jüngers 
und schrieb - teilweise unter Pseudonym - jahrelang für Blätter wie Gerhard 
Freys rechtsextreme "Deutsche National-Zeitung" und das Hausblatt der CSU, den 
"Bayernkurier". In seinen erfolgreichen rechtspopulistischen Büchern unterließ 
er es, seine Behauptungen zu belegen - was ihn jedoch nicht daran hinderte, 
1967 an der Universität Innsbruck zu habilitieren. 

Mit Hilfe des Bundesnachrichtendienstes (BND) fand Mohler 1961 ein Auskommen in 
der Friedrich von Siemens-Stiftung, deren Geschäftsführer er 1964 wurde und bis 
zu seiner Pensionierung 1985 blieb. Die Siemens-Stiftung, der Willms einen 
Exkurs widmet, verfügte über beachtliche finanzielle Mittel. Als Aushängeschild 
eines der gößten deutschen Konzerne, deren Namenspatron bereits eine 
maßgebliche Rolle in der Herbeiführung des NS-Regimes gespielt hatte, gewann 
die Stiftung seit den siebziger Jahren großen Einfluss auf die rechte 
Ideologiebildung und ihre enge Vernetzung mit Wirtschaft und Politik. 

Willms' Arbeit geht mit derlei Informationen über ein bloßes Mohler-Dossier 
hinaus. So lässt sie sich auch als kleine Einführung in die braunen Strukturen 
in der frühen Bundesrepublik nutzen, die bis in die Gegenwart hineinreichen.


     
           Thomas Willms: Armin Mohler. Von der CSU zum Neofaschismus. 
            Papyrossa Verlag, Köln 2004. 
            120 Seiten, 12,50 EUR.
            ISBN 3894382988 
           
     

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