Die Überlegenheit der Sprache der Unterlegenen Linguistische Kriegserfahrung: Carl Schmitts Urteil über eine französische Anthologie deutscher Lyrik / Von Frank-Rutger Hausmann
Im Herbst 1943 erschien bei Stock in Paris eine zweisprachige "Anthologie de la poésie allemande des origines à nos jours". Zusammengestellt hatte sie der Germanist und Übersetzer René Lasne gemeinsam mit Georg Rabuse, einem Mitarbeiter des Deutschen Instituts in Paris, der nach dem Krieg in Wien Ordinarius für Italianistik wurde. Lasne hatte die meisten Gedichte in eine vorsichtig rhythmisierte Prosa übertragen, sich aber, wo anerkannte Übersetzungen vorlagen, etwa von Gérard de Nerval, Édouard Schuré oder André Gide, auf deren Abdruck beschränkt. Diese Anthologie, die mit dem "Wessobrunner Gebet" , dem Lorscher Bienensegen und anderen Zaubersprüchen beginnt und mit den NS-Dichtern Hans Baumann und Herybert Menzel endet, ist die erste Sammlung ihrer Art. Sie ermöglichte es französischen Lesern, sich mit den wichtigsten Strömungen der deutschen Lyrik vertraut zu machen. Allerdings waren keine jüdischen oder andere verfemte Dichter darin enthalten, also kein Heine, Wolfskehl, Brecht oder Becher. Dafür findet sich besonders viel Hölderlin, Nietzsche, Rilke und George, und selbst Richard Wagner mit Auszügen aus "Tristan und Isolde" in eigener Übersetzung, dazu viele Volkslieder. Dennoch, man kann dieser Anthologie Repräsentativität und Sachlichkeit im Rahmen der damaligen Verhältnisse nicht absprechen, denn sie läßt auch namhafte Vertreter der später als innere Emigration bezeichneten Richtung zu Wort kommen: Hans Carossa, Rudolf Alexander Schröder, Ina Seidel, Werner Bergengruen oder Friedrich Georg Jünger. Daß sie bei Stock und nicht bei Gallimard oder Grasset, den für die schöne Literatur wichtigeren Häusern erschien, lag daran, daß dieser Verlag seit 1921 zur Hälfte dem Dichter Jacques Boutelleau alias Chardonne gehörte, der sich tief auf eine Kollaboration mit deutschen Kultureinrichtungen eingelassen hatte. Treibende Kraft hinter dem Buch war dann auch Karl Epting, von 1941 bis 1944 Direktor des Deutschen Instituts in Paris. In seinem Vorwort betonte Epting im Stil der Zeit die Notwendigkeit der Verständigung zwischen den geistigen Eliten Europas, die im Überlebenskampf der westlichen Kultur gegen den Bolschewismus zusammenrücken müßten. Die wahre Seele des deutschen Volkes, das in vorderster Linie diesen Kampf führe, erkenne man erst in seiner Poesie. Bedauerlicherweise sei die deutsche Lyrik in Frankreich nie recht heimisch geworden, was an der Komplexität der deutschen Sprache liege. "Über seine geläufige und praktische Bedeutung hinaus hat jedes Wort einen tieferen Sinn, der in der Metaphysik der Sprache wurzelt und nur im Licht der Dichtung erhellt werden kann. Eine wirkliche Übersetzung müßte nicht nur das Wort an sich wiedergeben, sondern auch die mystische Weltsicht nachschaffen, die unter seiner Oberfläche verborgen liegt." Der Topos von der Unübersetzbarkeit der Lyrik wurde hier zur prinzipiellen Unübersetzbarkeit der deutschen Dichtungssprache zugespitzt. Die Anthologie habe jedoch das Unmögliche versucht und eine Brücke zu jedem nicht initiierten Normalfranzosen geschlagen. Folgerichtig wurde sie in 6000 Exemplaren gedruckt, was in den damaligen Zeiten der Priorität kriegswichtiger Bücher auffällig ist. Es gab eine Normalausgabe auf einfachem Papier und eine numerierte Dünndruckausgabe mit Volledereinband, die der Édition de la Pléiade des Verlags Gallimard nachempfunden wurde. Die kostbaren Bände wurden an Freunde des Instituts versandt. Eine Sammlung von Dank- und Eingangsschreiben ist erhalten, jedoch, soweit französische Empfänger betroffen sind, enttäuschend. Das Ziel, das sich Epting gesteckt hatte, wurde nicht erreicht. Offenkundig hatten die Beschenkten im besten Fall in der Anthologie geblättert und sie schnell wieder geschlossen. Ihre höflichen Zeilen kommen nicht über ein allgemeines Lob hinaus. Die deutschen Adressaten verhielten sich ganz anders, lasen sich in die zweisprachigen Texte ein und machten substantielle Verbesserungsvorschläge für eine Neuausgabe. Unter allen Gewährsleuten ragt Carl Schmitt hervor, der bereits mehrfach im Deutschen Institut Vorträge gehalten hatte und mit Epting regelmäßig korrespondierte. Wie in fast allen seinen Briefen erweist er sich als gebildeter und scharfsinniger Beobachter, der seine persönlichen Urteile am zu besprechenden Gegenstand zu entwickeln versteht (23. Oktober 1943): "Ich habe heute den ganzen Tag darin gelesen, obwohl das Lesen von Anthologien bekanntlich sonst schnell ermüdet. Aber hier ist die Synoptik zweier Sprachen und Geister mit ihrer wechselvollen und wechselseitigen Erhellung so unendlich mannigfaltig, durch die verschiedenen Jahrhunderte so reich und immer wieder neu, bei den einzelnen Autoren so farbig verschieden und als Problem so individuell, daß man nicht aufhören kann, zu lesen, zu vergleichen, das ununterbrochen wechselnde Panorama zu bestaunen und fortwährend neue, linguistische, interlinguistische und metalinguistische Erfahrungen zu registrieren. Das ist wundervoll und zugleich eine Fundgrube, so tief wie eine große zweisprachige Bibliothek. Ich hatte bisher in meinem ganzen Leben überhaupt keine französischen Übersetzungen deutscher Gedichte recht wahrgenommen, noch weniger aufgenommen, und jetzt überrascht mich eine solche Menge und Fülle." Auch Schmitt stellt die Frage nach der Reziprozität, die er zwar verneint, wofür er jedoch eine originelle Begründung liefert. "Aufregend ist dabei immer die Frage, ob das umgekehrte Experiment in gleicher Weise möglich wäre? Ich glaube es nicht. Aber dann ergibt sich die weitere Frage: Liegt darin nicht eine Überlegenheit der französischen Sprache, als der überlegenen, weil sachlicheren und bescheideneren Mittlerin im Bereich des europäischen Geistes? Stellen wir wenigstens diese Frage, ohne politische Angst, ohne deutschen Neid und ohne französischen Geiz, in aller Freiheit europäischen Geistes, der schließlich ja doch stärker sein wird als die Furcht der Kleinen, schlecht abzuschneiden." Es ist dies letztlich Rivarols Postulat der Universalität des Französischen, an der auch die im Herbst 1943 noch bestehende deutsche Vorherrschaft über den europäischen Kontinent nichts zu ändern vermochte. Schmitt hat an der Auswahl nichts auszusetzen. Als besonders treffendes Beispiel einer gelungenen Übersetzung nennt er André Thérives "Anpassungen an Chr. Morgenstern", weil ihn "ein deutsches surrealistisches Experiment der Wilhelminischen Zeit in dieser Anpassung als Leistung frappiert". Es handelt sich um den berühmten "Werwolf", der eines Nachts an das Grab eines Dorfschullehrers tritt und ihn erfolgreich bittet, in allen möglichen Fällen dekliniert zu werden. Die erbetene Pluralisierung wird ihm mangels grammatischer Möglichkeiten abgeschlagen, worauf er tränenblind Abschied nimmt. Thérive hat sich angesichts der im Französischen fehlenden Kasusmorphologie geschickt aus der Affäre gezogen. Der Werwolf heißt französisch "le loup-garou", wobei in dem aus germanischer Wurzel stammenden "garou" das französische Wort für "rot" (roux) anklingt. So übersetzt Thérive überzeugend frei, statt der Fälle Farben und Satzteile variierend: "Les lougas roux, - adjectif épithète; / quand ils sont noirs, - adjectif attribut; un louga blanc, - la syntaxe est parfaite; / des lougas bleus, - l'accord est absolu". An Wünschen äußert Schmitt, was der damaligen Seelenstimmung vieler deutscher Zeitgenossen entsprochen haben dürfte, die Aufnahme von Johann Christian Günthers Trost-Aria als "besonderes Beispiel dafür, wie im Deutschen innigste Poesie und blendende Barock-Rhetorik zusammengehn", was im Französischen kaum vorstellbar sei. Überraschend sind die beiden nächsten Anregungen, Theodor Däublers Gedicht "Der Nachtwandler" sowie eine Auswahl von Konrad Weiß. Däubler habe er "neulich in neuer, blitzartiger Helle erlebt", als seine Dahlemer Wohnung durch eine Luftmine weggeblasen worden sei und er, "diese Verse zitierend, aus den Trümmern herauskroch; großartiger Expressionismus, 1910 veröffentlicht". Liest man das Gedicht, die Evokation einer Geistererscheinung, passen vor allem das Ende der ersten und der Anfang der zweiten Strophe auf das Schockerlebnis der Ausbombung: "Licht fällt durch die Mauerritzen, / Was du fühlst, ist grauer Rauch: / Jedes Ding kriegt Silberschlitzen, / Und es klingt und knistert auch. // Ja, jetzt wirst du fortgetragen! / Tür und Fenster gehen auf. / Bleiche Tiergespenster wagen / Gleich mit dir den Traumeslauf". Schmitt empfiehlt Weiß als "wichtigen Namen der Zukunft". Der aus dem oberschwäbischen Rauenbretzingen stammende Dichter, der als Schriftleiter beim "Hochland" und Kunstkritiker bei den "Münchner Neuesten Nachrichten" arbeitete, erfüllte in mustergültiger Weise Schmitts Postulat einer Deutung der Geschichte aus der christlichen Passion. In Schmitts Lieblingswerk "Christlicher Epimetheus", einer Absage an die prometheische Selbstvergottung des Menschen, sieht er sein Ideal einer eschatologischen Begleitung der Geschichte verkörpert. Er wird diesen Titel nach 1945 auf seine eigene Haltung im Dritten Reich übertragen. Die Originalität von Schmitts Bewertung der Anthologie erweist sich jedoch erst im Vergleich. Ausführlich äußerte sich zu dieser Summe deutscher Dichtung am 31. Oktober 1943 ein zweiter Epting-Freund, der Dichter und Geopolitiker Albrecht Haushofer. War Schmitt ein Epimetheus, kann man ihn einen Prometheus nennen. Ein dreiviertel Jahr später wurde er wegen seiner Verbindungen zum 20. Juli verhaftet und noch kurz vor Kriegsende von der Gestapo erschossen. Er wünschte sich für eine Neuauflage Deutsch-Französisches wie Rilkes "Panther", dazu Kriegs- und Todeslyrik, Georges unheimliches Kriegsgedicht aus dem "Neuen Reich", Weinhebers Einleitungsgedicht aus "Adel und Untergang", Münchhausens Hommage an seinen Sohn, "Der Goldene Ball", und vor allem mehr von den "beiden alten Zürchern", Keller und Meyer. Auch Schillers "Glocke" dürfe nicht fehlen, auch wenn derartige Gedankenlyrik der deutschen Jugend in der Schule vermiest worden sei. Haushofer schloß seinen Brief mit einer Einschränkung: "Daß eine solche Anthologie, besonders im Bereich der Lebenden, einiges enthalten muß, wogegen man Einwände erheben kann, versteht sich von selbst. An diesem Ausgleich scheint mir nun (ich weiß nicht, ob ich recht habe) der französische Sprachgeist in einer ganz unpersönlichen Weise Anteil zu haben. Eine so gezüchtete Sprache wie das Französische ebnet alles Hymnische ein ganz klein wenig ein - dafür duldet es auch keine Lässigkeiten und Schlampereien, die bei uns auch den Größten zuweilen begegnen, und hebt das Mittelmaß. Richelieu hat wohl auch hier auf weite Sicht erreicht, was er wollte." Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2004, Nr. 259 / Seite 48 ________________________________________________________________ Verschicken Sie romantische, coole und witzige Bilder per SMS! Jetzt neu bei WEB.DE FreeMail: http://freemail.web.de/?mc=021193 _______________________________________________ Juenger-list mailing list [email protected] http://www.pairlist.net/mailman/listinfo/juenger-list
