Dear Jüngerians,

Sorry it has taken a bit longer to post the second chronological
reading. I hope to be a bit more punctual next time. I will try to post
weekly on Wenesdays or Thurs..

So for those of you with hard copy, the pages today are S.8-9. Enjoy
your reading.

_Die Schere_ by Ernst Jünger.

4
"So mußt du sein"—diese Qualität des Menschen zu treffen, sein
Verhängnis, sei es tragisch, heroisch, komisch oder widerwärtig, ist
Aufgabe des Autors; sein Stoff ist die Welt schlechthin.

Shakespeares Falstaff, Dostojewskis Raskolnikow, Büchners Woyzeck sind
in diesem Sinn gelungen, obwohl der eine ein Säufer war, der andere ein
Mörder, der dritte ein Idiot. Selbst das Banale kann, wie im »Oblomow«,
in diesem Spektrum aufglänzen.

Würden wir nun sagen, die Charaktere seien dank der Kunst gelungen, so
wäre das nur eine halbe Aussage. Der Autor hat vielmehr an einem
beliebigen Punkte das Genie der Welt entdeckt. Das fordert unsere
Teilnahme, unser Mitleid, auch Furcht und Schrecken in der Tragödie.

Der Autor hat eine Berufung, nicht einen Beruf. Daher ist ihm zu Werten
wie Schuld und Unschuld oder Schön und Häßlich ein umfassenderer Blick
zu eigen, als er im Alltag üblich ist. Das kann zu Konflikten führen wie
für den Richter, der dem Gesetz auch dort zu folgen hat, wo es ihm im
Innersten widerstrebt.

5
Zeus nimmt an der Schlacht der Götter und Menschen teil als an einem
Schauspiel; es erregt ihn, und er wägt ab: das Schicksal ist stärker als
selbst er.

6
Ich erwähnte schon einmal den Pastor, der aus der Kirche kommt, nachdem
er über die Güte Gottes gepredigt hat, und von einem Buckligen
angesprochen wird:

"Sehen Sie mich an, Herr Pastor."

"lch finde, daß Er für einen Buckligen nicht schlecht geraten ist."

Wenn ich mich recht entsinne, strich ich die Stelle bei Karl Julius
Weber an, fand sie aber bei Diderot und anderen wieder; sie könnte auch
bei Montaigne stehen. Offenbar eine Wanderanekdote mit solidem Kern.

Der Bescheid trifft die Sache, doch ist er wenig tröstlich für die
Person. Er würde einem Anatomen oder einem Maler wie etwa Breughel, auch
einem Lama besser anstehen als einem Geistlichen christlicher
Konfession.

Ein Schnitt kann auch heilen; der Verweis auf die Sache ist bei den
Zynikern beliebt. Er konfrontiert den Betroffenen ohne Umschweif mit dem
Schicksal; und irgendeinen Buckel trägt jeder mit sich herum. Es fragt
sich, wie er sich damit abfindet oder sogar zum Besten wendet, was ihn
drückt. Weber meint, >)Bucklichte ersetzen meist durch Geist, was dem
Körper abgeht oder zu viel aufgelegt ist<<, und er zählt eine Reihe von
Genies auf, die dieses Kreuz trugen, darunter auch Lichtenberg.

Wonderful part about the Hunchback.

Warm Regards
Abdalbarr


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