Liebe Jünger-Freunde,

eine weitere Rezension zu Hielscher-Jünger hatte ich übersehen, hier ist sie 
mit etwas Verspätung nachgereicht. 
herzliche Grüße rundum, tw

JUNGE FREIHEIT Nr 43/05 vom  21. Oktober 2005, S. 20:

Dr. Alexander Pschera: 
"Was schmort denn eigentlich in Berlin?". Schatten der Aktion: Der Briefwechsel 
zwischen Ernst Jünger und Friedrich Hielscher führt mitten hinein in die 
Konservative Revolution

Ab und an trifft der Suchende in Antiquariaten auf einen schwärzlichen, meist 
abgewetzten Leinenband, auf dessen Rücken in Fraktura die Worte "Fünfzig Jahre 
unter Deutschen" prangen. Das Werk mit dem ethnologischen Titel und dem 
anachronistischen Auftritt ist die Autobiographie Friedrich Hielschers, eines 
der wichtigeren Protagonisten der an Personal so reichen Konservativen 
Revolution. Hielschers Autobiographie erschien nicht, obwohl sie so aussieht, 
in den Dreißigern, sondern 1954 im Rowohlt-Verlag. In einem Brief an Hielscher 
vom 9. August 1954 faßt Ernst Jünger seine Eindrücke nach der Lektüre dieses 
Buches zusammen: "Die Zeit zwischen den beiden Kriegen und der Berliner Kreis, 
der 1933 zerstreut wurde, haben ja schon viele Chronisten gefunden, und man 
sieht sich bei der Lektüre von all dem Gedruckten in die Rolle eines 
Wiederkäuers versetzt, der Blumen, Gras und Disteln der abgelebten Zeiten mit 
mehr oder minderem Behagen noch einmal schlucken muß. Ihr Buch wird am längsten 
dauern, weil es ein Salz enthält, das der Zerstörung widersteht."

Diese Zeilen sind nachzulesen in dem von Ina Schmidt und Stefan Breuer 
herausgegebenen Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Friedrich Hielscher, der 
im Klett-Cotta Verlag erschienen ist. Er umfaßt insgesamt 260 Briefe, darunter 
auch einige von Gretha Jünger an Hielscher sowie Briefe Jüngers und Hielschers 
an Dritte, die mit der eigenen Korrespondenz in Zusammenhang stehen. 100 Briefe 
stammen aus der Zeit zwischen 1927 und 1931, die Jahre zwischen 1933 und 1945 
sind mit 80 Briefen vertreten, weitere 80 Briefe entfallen auf die 
Nachkriegszeit.

Nach den Briefwechseln mit Rudolf Schlichter (1997), Carl Schmitt (1999) und 
Gerhard Nebel (2003) - und vor denen mit Heidegger und seinem Bruder Friedrich 
Georg - ist dies der vierte Band in der Klett-Cotta'schen Edition von Jüngers 
Korrespondenz. Der Hielscher-Briefwechsel nimmt dabei eine Sonderstellung ein. 
Er zeichnet sich dadurch aus, daß er Jüngers nationalrevolutionäre Zeit 
dokumentiert. Andere wichtige Korrespondenzen jener Zeit wurden entweder von 
Jünger vernichtet, wie diejenige mit Ernst Niekisch und Werner Laß, oder sind 
nur noch in Abschriften vorhanden, wie diejenige mit Ludwig Alwens. Der 
Briefwechsel Jünger/Hielscher führt also mitten hinein in das Berlin der 
Konservativen Revolution.

Wer nun war Friedrich Hielscher? Schlägt man bei Mohler nach, so findet man ihn 
unter dem Stichwort "Systembauer im Umkreis der Nationalrevolutionäre". 
Jünger-Leser kennen ihn als "Bodo" oder "Bogo" der Tagebücher - ein Deckname, 
der sich von Hielschers eigenem Pseudonym "Bogumil" ableitet. Friedrich 
Hielscher, 1902 in der Niederlausitz geboren, trat 1919 einem Freikorps bei, 
studierte dann Jura in Berlin und Jena, war aber nur kurz als Jurist am 
Berliner Kammergericht tätig. Seit Ende 1927 arbeitete Hielscher als 
politischer Autor. Vornehmlich in Artikeln, die unter anderem im Morgen, im 
Vormarsch und im Arminius erscheinen, dann aber auch in seiner eigenen 
Zeitschrift Das Reich, in der neben den Brüdern Jünger auch Ernst von Salomon 
veröffentlicht, entwickelte er sein System - eine Theologie des Reiches, in der 
nationale Größenvorstellung, mystische Innerlichkeit und eine chiliastische 
Erwartungshaltung eine nur schwer zu durchdringende Synthese eingehen. Dieses 
System findet seine endgültige Formulierung in Hielschers Hauptwerk "Das 
Reich", das 1931 erscheint und auf ein geteiltes Urteil stößt.

Nur wenige traten Jünger auf Augenhöhe gegenüber

Den Weg der Theologie setzt Hielscher fort: Aus seinem Kreis entsteht eine 
neuheidnische Sekte, die "Unabhängige Freikirche UFK", für die Hielscher bis zu 
seinem Tod dogmatische und liturgische Entwürfe anfertigt, die er, so zeigt der 
Briefwechsel, Jünger regelmäßig übersendet. Hielscher ging schon früh auf 
Distanz zu den Nationalsozialisten. So verhalfen er und sein Kreis in der Zeit 
zwischen 1933 und 1945 zahlreichen Verfolgten zur Flucht - unter anderem Alfred 
Kantorowicz. Nach dem Krieg lebte Hielscher als Einsiedler auf einem Hof im 
Südschwarzwald - bis zu seinem Tod im Jahre 1990. "Fünfzig Jahren unter 
Deutschen" aus dem Jahre 1954 blieb seine dritte und letzte 
Buchveröffentlichung.

Ein breites, wirkungsmächtiges Werk hinterließ Hielscher also nicht. Neben dem 
"Reich" und "Fünfzig Jahre unter Deutschen" publizierte er nur noch seine 
Dissertation "Die Selbstherrlichkeit". Doch die Strahlkraft seiner Person muß 
erheblich gewesen sein. Friedrich Hielscher zog Menschen in seinen Bann. Ernst 
von Salomon bekannte, er sei "lange Zeit im sprudelnden Kielwasser der 
Bogumilschen Philosophie geschwommen".

Auch Jünger war, das ist vielfach bezeugt, von Hielscher fasziniert. Er sah in 
ihm einen eigenwilligen, wenn auch rabulistischen Kopf, einen freien Geist, mit 
dem es sich lohnte, die geistige Klinge zu kreuzen. Die Briefe aus den 
zwanziger Jahren zeigen deutlich, daß Hielscher für Jünger einer der wenigen 
Kampfgenossen war, der ihm auf Augenhöhe entgegentrat. Und das will viel heißen 
bei einem Mann, der im April 1927 über sich an Hielscher schrieb: "Ich kenne 
die in Deutschland vorhandenen Kräfte; ich weiß, daß vorläufig ich allein 
imstande bin, der Sache die richtige Wendung zu geben."

Dort, wo Jünger und Hielscher stehen, verläuft eine gemeinsame Frontlinie. Doch 
darf man von dieser Korrespondenz nicht zu viel erwarten: Sie vermittelt zwar 
eine Ahnung von der Energie, von der Spannung, von dem Leben, dem sich diese 
Briefe verdanken. Hierzu tragen auch die Personenkommentare der Herausgeber 
bei, die viele Anspielungen erst verständlich machen. Nationalrevolutionäre 
Inhalte hingegen tauschen Jünger und Hielscher in ihren Briefen so gut wie 
nicht aus. Nur einmal kommt, auf Jüngers Anregung, beinahe ein Briefwechsel 
zustande, "dessen Gegenstand der moderne Nationalismus ist" (Jünger an 
Hielscher, 23. November 1929).

Hielschers Antwort und erste enthusiastische Lieferung vom 28. November 1929 
ist allerdings argumentativ derart verdichtet, um nicht zu sagen: dogmatisch 
verdrechselt, daß Jünger am 14. Dezember in der für ihn typischen Höflichkeit 
antwortet: "Außerdem aber ist ihr Brief nicht leicht zu entziffern. Sie sind in 
beachtlicher Weise gleich aufs Ganze gegangen und haben die Diskussion dadurch 
so fixiert, daß es mir schwerfällt, anzufassen." Jünger versucht dann noch, den 
Faden wieder aufzunehmen, und befragt Hielscher nach seinem Verständnis des 
Verhältnisses von Erlebnis und Bekenntnis. Doch dessen Antwort vom 12. Januar 
1930 treibt den diskursiven Keil noch tiefer ein. Man ahnt: Nur das gesprochene 
Wort hätte hier einen Ausweg geboten.

Inhaltlich also enttäuscht der Briefwechsel. Vielfach geht es um Jüngers 
intensiv diskutierte Wohnungssuche ("4 Zimmer mit Zubehör, Bad, elektrisch, 
Fernsprecher, Gegend gleichgültig"), um Terminabsprachen ("Am 2., 3., 9., 10., 
11. und 12. November bin ich nicht hier, sondern unterwegs") oder um 
Abkanzlungen abwesender Dritter in feinstem Deutsch ("Es tut mir leid, daß 
Ihnen aus der Andermannschen Spießerhaftigkeit so viel Mühwaltung erwächst"). 
Einen breiten Raum nehmen auch taktische Erwägungen darüber ein, wer warum 
womit welche Zeitschrift unterstützt. Auch die Diskussion organisatorischer 
Fragestellungen innerhalb der Rechten inklusive der Finanzierungsaspekte kommt 
nicht zu kurz. Das Entscheidende ereignete sich offensichtlich nicht im 
Briefeschreiben. Die Briefe sind nur der Schatten der Aktion.

In der Kriegszeit wird das Sprechen der beiden dann knapper und metaphorisch. 
Jünger nannte diesen Duktus einmal den "leicht verschlüsselten Stil dieser 
Jahre" (Anhang zu "Rivarol"). Man will deutlich sein, ohne sich und den anderen 
zu gefährden. Es wäre interessant und sicherlich der Mühe wert, Jüngers 
Briefstil jener Jahre einmal mit dem Modus der "Marmorklippen" und anderer 
Texte dieser Zeit zu vergleichen. Der Hielscher-Briefwechsel gäbe hierfür gutes 
Anschauungsmaterial ab. Nach dem Krieg schließlich beschränkt sich die 
Korrespondenz auf das gegenseitige Aussenden von Lebenszeichen.

Auch das Schicksal gemeinsamer Bekannter oder Weggefährten wie Franz 
Schauwecker und Wolfram Sievers wird verfolgt. Über Jahre hinweg sucht 
Hielscher Ernst Jünger zu einem Besuch zu bewegen, doch es bleibt bei dem einen 
Treffen 1949 in Ravensburg. Die "Verschiedenheit des Denkens", die Jünger am 
22. Oktober 1939 konstatiert, wurde nicht geringer. Ähnlich äußert sich auch 
Hielscher in seiner Autobiographie: "Ein Jeder suchte im Anderen, was dieser 
nicht sein konnte: Jünger den magisch Mitschwingenden und ich den mystisch 
Mitdenkenden. Aber Jünger denkt nicht, sondern er sieht; und ich sehe nicht, 
sondern begreife."

Nur das gesprochene Wort hätte einen Ausweg geboten

Noch ein Wort zur Edition durch Ina Schmidt, die mit einer Arbeit über 
Friedrich Hielscher promoviert wurde, und Stefan Breuer, einen ausgewiesenen 
Kenner der Konservativen Revolution. Der Kommentar kann im ganzen als gelungen 
gelten, auch wenn er sich zu sehr auf die Aufhellung der erwähnten Personen und 
ihre Vernetzung konzentriert. Der Anspruch der Herausgeber, "den Kommentar 
nicht mit Nachweisen zu überfrachten", ist - man erinnere sich an die 
Kommentierungsorgie des Nebel-Briefwechsels - gutzuheißen. Doch hätte man sich 
kürzere Personenbiographien und den Kommentar der einen oder anderen 
werkimmanenten Anspielung gewünscht (Stichwort: Frigga-Hühnchen).

Daß der Briefwechsel von Soziologen der Konservativen Revolution und nicht von 
Jünger-Philologen herausgegeben wurde, beweist auch das umfangreiche Nachwort. 
So wird hier Jüngers Entwicklung von der "Gewaltpropaganda" zur "Literatur" 
immer wieder stark vereinfacht und schematisiert dargestellt, als gäbe es 
derart leicht zu identifizierende Wendepunkte.

Auch die aktuelle Forschung wurde nicht vollständig verarbeitet. So fehlt, um 
nur ein Beispiel zu nennen, in Anmerkung 140 (Friedensschrift) der Verweis auf 
die maßgebliche Arbeit von Piet Tommissen ("Ernst Jüngers Friedensschrift. 
Versuch einer Rekonstruktion ihrer Geschichte und ihres Schicksals").

 

Dr. Alexander Pschera ist Germanist und Autor einer derzeit laufenden 
Artikelserie der JF über "Jüngers Lektüren".

 

Ernst Jünger, Friedrich Hielscher, Briefe 1927-1985. Herausgegeben, kommentiert 
und mit einem Nachwort von Ina Schmidt und Stefan Breuer, Klett-Cotta, 
Stuttgart 2005, gebunden, 556 Seiten, 34 Euro

(Foto) Friedrich Hielscher (1924): Seine Strahlkraft war erheblich, Ernst 
Jünger 


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