Liebe Jünger-Freunde,

hier eine neue Rez. zum Briefwechsel Gretha Jünger / Carl Schmitt.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw


<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-220>.



Rez. NEG: I. Villinger u.a. (Hrsg.): Briefwechsel Gretha Jünger und Carl 
Schmitt21.09.2007 Mehring, Reinhard <reinhard.mehr...@[at]t-online.de>





Titel:Briefwechsel Gretha Jünger und Carl Schmitt 
1934-1953Herausgeber:Villinger, Ingeborg; Jaser, 
AlexanderOrt:BerlinVerlag:Akademie 
VerlagJahr:2007ISBN:978-3-05-004294-7Umfang/Preis:241 S.; € 44,80
 

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Reinhard Mehring, Institut für Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin

E-Mail: <reinhard.mehr...@[at]t-online.de>


Hinter
starken Männern stehen meist starke Frauen. Diese Redensart mag in
emanzipierten Zeiten auch umgekehrt gelten. Für das Gipfelgespräch
zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt jedenfalls traf sie zu. Die
Beziehung lebte auch durch die familiäre Gesamtkonstellation, wie der
Briefwechsel zwischen Gretha Jünger und Schmitt eindrücklich zeigt.
Ernst und Carl korrespondierten allerdings über 50 Jahre miteinander:
von 1930 bis 1983. Der Briefwechsel mit Frau Jünger, die unter ihrem
Mädchennamen von Jeinsen auch literarisch hervortrat, reicht dagegen
nur von 1934 bis 1953: von ersten Glückwünschen zur Geburt des zweiten
Sohnes Carl Alexander und Schmitts Patenschaft bis zum Abbruch des
Kontaktes 1953. Grethas Vermittlungsbemühungen um Klärung der
Dissonanzen und Streitigkeiten zwischen Ernst und Carl scheiterten
damit. Schmitt wollte sich nicht weiter zur Rede stellen lassen. Der
Briefwechsel hat also einen klaren Spannungsbogen: von
Gratulationsbriefen und familiären Nachrichten über die Kriegsnöte nach
1939, die beide Familien eng zusammenbrachten, bis zu den scheiternden
Versöhnungsbemühungen am Krankenbett Duschka Schmitts, sowie zur
fürsorglichen Betreuung der Tochter Anima. 

In der Korrespondenz mit Gretha Jünger trat Schmitt von seinen
sonstigen geistesgeschichtlichen Höhenflügen ein Stück zurück und ließ
sich auf einen familiären Briefwechsel ein. Deshalb geben die Schreiben
aus Sicht der Schmitt-Forschung einigen biographischen Aufschluss über
die Lebensumstände und Sorgen im Krieg. Dass die "Panzerschiffe" und
Primadonnen des Rechtsintellektualismus beispielsweise profane Enten
hielten und die Jüngers den Berlinern mit Hühnerfutter aushalfen, lässt
sich hier wohl erstmals nachlesen. Auch die Entwicklung der kleinen
Anima, Schmitts einziger Tochter, wird nur hier pädagogisch verhandelt.
Vor allem aber taucht Duschka Schmitt als ruhender Pol und
Beziehungskitt neben ihrem Mann Carl auf. Nach 1945 jedoch erneuerten
sich der enge Umgang und das alte Vertrauen der Kriegsjahre trotz
vieler Bemühungen nicht mehr ganz. Gretha schreibt dies der
sauerländischen Existenz in Plettenberg und dem dortigen Umgang mit
sekundären Geistern zu und rät gelegentlich zum Umzug. Namentlich macht
sie Gerhard Nebel und Armin Mohler, den Satelliten Ernst Jüngers, für
den Zerfall der alten Freundschaft verantwortlich. Im März 1948 warnt
sie erstmals vor Nebel. Am 5. Januar 1949 beklagt sie Schmitts "Geist
der Fremdheit" beim letzten Besuch, meint aber noch: "Ich bin aber
gewiss, dass es immer nur fremde Einflüsse sind, die der Bösartigkeit
[...] und die des Ungeschicks, oder des Mangels an Form" (S. 111). Am
9. Februar 1950 kritisiert sie Nebels "ständige und falsche Wiedergabe
Ihrer Gespräche bei E. J." und "weiß nur Eines: dass eine solche
Gestalt zweiten Ranges nicht auf die Ebene zwischen Ihnen und E. J.
gehört" (S. 129). Am 14. Juni 1950 berichtet sie, dass auch die
gemeinsamen Klärungsversuche "bei E. J. den Eindruck eines Forums
erweckt[en], das sich an den Richtertisch begab" (S. 131). 

Schmitts Lage nach 1945 war schwierig, schon ökonomisch war
sie zunächst völlig ungesichert. Schmitt pflegte einiges Ressentiment
gerade auch gegen Jüngers literarisches ‚Comeback': "Nicht das Jahr
1933, sondern das Jahr 1945 hat die Menschen entscheidend gruppiert",
schreibt er am 27. August 1950. Die Opfer von 1933 hat er dabei nicht
im Blick. Gretha will das Gipfelgespräch der kongenialen Größen nicht
durch geltungsbedürftige Satelliten gestört sehen. Sie hofft, dass auch
nach 1949 noch gilt, was Ernst Jünger schon am 11. November 1934
schrieb: "Da ich das Gefühl hatte, dass wir uns im Augenblick einer
gewissen Meinungsverschiedenheit trennten, so gestatten Sie mir die
kurze Bemerkung, dass unser Verhältnis wohl einen gemeinsamen Ort
besitzt, an dem eine solche Differenz gar keine Rolle spielt. Was mich
beschäftigt, ist die absolute und substanzielle Größe des Menschen,
deren Dimensionen festzustellen ich über ganz andere Maßstäbe verfüge
als etwa über den politischen."[1]
Dieses "soldatische" Ethos direkter Aussprache, diese Trennung von
Moral und Politik war Schmitts Sache nicht. Er zog diplomatisch
diskrete Formen der Aussprache vor. In einem "Schlussstrichbrief" vom
26. Mai 1959 an Armin Mohler, der im Anhang abgedruckt ist, schreibt
Gretha, nachdem sie mit Mohlers "Machenschaften" und "Intrigue"
abrechnete, über Schmitt: "Er wird darüber nachzudenken haben, ob sein
charakterliches Bild seine vielen persönlichen Gegner erklärt, oder das
politische. Da unzählige Menschen mit ihm ähnliche Erfahrungen machten
wie ich, möchte ich das erstere glauben" (S. 192). Das ist ein starker
Vorwurf, der auch eine Wahrnehmungsdifferenz zwischen Mit- und Nachwelt
markiert. Zahlreiche Freunde brachen mit Schmitt nicht nur politischer
Differenzen wegen. 

In diesem durchaus kritischen Briefwechsel begegnet uns ein
Schmitt im familiären und existentiellen Umbruch. Er zeigt Schmitts
schwieriges Privatleben. Vom Frühjahr 1942 bis Ostern 1948 ging Tochter
Anima in Cloppenburg zur Schule. Schon Anfang 1949 zeigte sich die
tödliche Krebserkrankung seiner Frau Duschka, die schon die
1920er-Jahre hindurch oft schwer krank war. Wie sehr Gretha und Ernst
Jünger damals primär an Duschka dachten und helfen wollten, zeigt sich
auch in einigen Briefen an Duschkas Krankenbett, die im Düsseldorfer
Nachlass Schmitts enthalten sind, aber leider nicht in die Edition
aufgenommen wurden. Auch nach Duschkas Tod zeigt sich Grethas tätige
Sorge um Animas weitere Entwicklung. Schmitt wiederum teilte kräftig
aus, musste aber auch viel Kritik einstecken. Nach Duschkas Tod gibt es
zwar noch diverse Verständigungsbemühungen zu den Jüngers. Nach Gerhard
Nebel wird Armin Mohler aber zunehmend zum Zwischenträger negativer
Äußerungen. Gretha warnt wiederholt vor seiner "Doppelzüngigkeit" (S.
180). Im Juli 1953, als er gerade seinen 65. Geburtstag feiern will,
will Schmitt es nicht länger ertragen, fortlaufend zur Rede gestellt zu
werden. Capisco et obmutesco, schreibt er: "Ich verstehe und
verstumme". Etwas kleinlaut formuliert er in seinem letzten Brief vom
7. Juli 1953 an Gretha: "Vielleicht war die Schwäche auch nur eine
Unfähigkeit aus Herzenshärte und Rechthaberei." (S. 182) Er spricht
hier von sich, darüber, dass er den kritischen Zustand der Beziehung
lange Zeit nicht ernst genug genommen hat. Deutlicher als das
Gipfelgespräch der Meisterdenker dokumentiert daher dieser Briefwechsel
den Zerfall vertrauensvoller Freundschaft mit Ernst Jünger, nicht den
zu Gretha. Er wirft auch einiges Licht auf das Beziehungsethos der
Kreise. Gretha bemerkt einmal zur Entwicklung der Kinder, "dass beide
Elternpaare zu stark für sie waren" (29. Februar 1952). Indem sie und
Duschka aus dem Schatten ihrer "Gebieter" (Gretha über Ernst)
heraustreten, werden auch die Meisterdenker plastischer. 

Die Edition des Briefwechsels wurde von Ingeborg Villinger und
Alexander Jaser besorgt. Villinger zeichnet für die
"Gesamtorganisation" verantwortlich, Jaser "für die Transkription und
für die Kommentierung der Briefe, die Zeittafel sowie den
wissenschaftlichen Apparat" (S. 211). Villingers Einleitung ist knapp
und klar, der Apparat instruktiv, die Edition sorgfältig. Die
Ausstattung ist erfreulich gut, so findet sich auch ein schöner
Bildteil. Vor Jahren hob Villinger Schmitts Jugendsatire
"Schattenrisse" in ihrer grundsätzlichen Stoßrichtung aus der
Versenkung. Nun setzt sie erneut bei einem scheinbar marginalen Subtext
an und stellt mit den Familien auch die Männer in neues Licht.


Anmerkung:

[1] Ernst Jünger - Carl Schmitt. Briefe 1930-1983, Helmuth Kiesel (Hrsg.), 
Stuttgart 1999, S. 42.


Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Dirk van Laak <[email protected]>



Typ:QuellenmaterialLand:GermanySprache:GermanKlassifikation:Regionaler 
Schwerpunkt: Deutschland
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert
Thematischer Schwerpunkt: Kulturgeschichte
Zitation:Reinhard Mehring: Rezension zu: Villinger, Ingeborg; Jaser, Alexander 
(Hrsg.): Briefwechsel Gretha Jünger und Carl Schmitt 1934-1953. Berlin 2007. 
In: H-Soz-u-Kult, 21.09.2007, 

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