Liebe Jünger-Freunde,
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Ihr / Euer
tw
Text: F.A.Z., 28.09.2007, Nr. 226 / Seite 45
Sprung ins Abkühlbecken
Daniel Morats neuer Blick auf Heidegger und die Brüder Jünger
Am 29. Dezember 1935 schrieb ein berühmter Philosoph: "So gerät denn das Wollen
auf den einzigen Ausweg, nach Kräften das Mögliche vorzubereiten,
bereitzustellen - und zu warten . . . Die Zeichen sind schwer zu deuten. Um so
mehr müssen wir auf unserem unscheinbaren Posten bleiben - auch wenn es zu
keinem Vormarsch mehr kommt." Hier vollführt Martin Heidegger nach dem
Aktivismus seines Freiburger Rektorats von 1933/34 einen Umschwung vom "Wollen"
zum "Warten", vom "Vormarsch" zum "Bleiben". Man könnte auch sagen: Beschrieben
wird ein Übergang vom Ausrufezeichen zum Gedankenstrich.
Mit seinem Denken des "Wartens" und "Hütens", der "Zurückhaltung" und der
"Gelassenheit" wurde Heidegger in den fünfziger und sechziger Jahren
anschlussfähig für fernöstliche Meditationslehren, ökologischen Schongang und
diverse Szenarien zum Sprung heraus aus dem Hamsterrad der Moderne. Zu den
Gewährsleuten dieser Kultur des Ausstiegs zählte nicht nur Martin Heidegger,
sondern unter anderen auch Ernst Jünger, der sich "immer tiefer in das
Mysterium der Blumen" versenkte und den "Waldgang" antrat, sowie sein Bruder
Friedrich Georg, der das "lieblose Verhältnis gegen unsere Mutter Erde"
geißelte und ein "neues Denken" in Aussicht stellte, dem durch "Schweigen und
Ruhe" das "Hüten" der "Substanz" gelingen sollte.
Der junge Historiker Daniel Morat hat jenes Heidegger-Wort, in dem vom Umschlag
des "Wollens" ins "Warten" die Rede ist, in einem bislang unveröffentlichten
Brief an Kurt Bauch aufgespürt und benutzt es als Schlüssel, der das
Zeitfenster der Jahre 1920 bis 1960 öffnet und einen neuen Blick auf das Denken
Heideggers und der Brüder Jünger erlaubt. Das Ergebnis seiner Recherche wird in
wünschenswerter Knappheit im Titel seines Buches kundgetan: Verhandelt wird der
Übergang "von der Tat zur Gelassenheit", beschrieben wird die Verbindung
zwischen dem "heroischen Aktivismus" der Jahre bis 1933 und der vornehmen
"Gelassenheit", die später als krisenfeste Haltung in schweren Zeiten empfohlen
wird. Das Misstrauen gegen diese Haltung steht Morat ins Gesicht geschrieben.
Im ersten Teil, der nicht der "Gelassenheit", sondern noch dem Denken der "Tat"
gewidmet ist, bewegt sich Morat in einem gut erforschten Gebiet, ohne
wesentliche neue Entdeckungen oder Einsichten beisteuern zu können. Ernst
Jüngers Rolle in der nationalrevolutionären Publizistik vor 1933 wird ebenso
beleuchtet wie diejenige seines Bruders Friedrich Georg ("Wir werden Europa in
die Luft sprengen"). Durch einige Archivfunde wird das Bild von Heideggers
nationalsozialistischem Engagement bereichert; so erfährt man, dass Heidegger
vor dem Antritt des Freiburger Rektorats, im März 1933, nach einem Weg, "um
sich in den Apparat einzuschalten", gesucht hat. Verblüfft-verstört nimmt man
seine Bemerkung aus dem Jahre 1936 zur Kenntnis: "Der N.S. wäre schön als
barbarisches Prinzip - aber er sollte nicht so bürgerlich sein."
All dies fügt sich ins Bild einer Verzahnung von Wort und Tat, die Friedrich
Georg Jünger schon früh beschworen hat: "Jeder Kampf, der auf einer blutmäßigen
Idee beruht, ragt in die Körperwelt hinein. Er wird einheitlich geführt, vom
philosophischen System bis zum letzten Faustschlag, der für die Idee ausgeteilt
wird. Und wer diese bejaht, muß auch den letzten Faustschlag bejahen."
Richtig spannend wird dieses Buch, wenn Morat auf den Umschwung im Denken
Heideggers und der Brüder Jünger zu sprechen kommt, also auf die
Rückzugsstrategien in der sogenannten "inneren Emigration". Die Kämpfer wischen
sich den Schweiß von der Stirn und steigen ins Abkühlbecken der Geschichte.
Keine Rede ist mehr vom "Sprengen", "Einschalten" oder "Mobilmachen", jenen
technisch-militärischen Aktivitäten, die zuvor noch zu den
Lieblingsbeschäftigungen der Schreibtischtäter gehörten. Sie "tagen" nun, wie
Ernst Jünger kurz vor Kriegsende schreibt, "im Bauche des Leviathan". Die
Ergebnisse dieser virtuellen, Jahrzehnte währenden Tagung entfaltet Morat zu
einem eindrucksvollen Dreifach-Porträt. Seltsam bruchlos wird das Gefühl, einem
"Leviathan", einer ungeheuren Macht ausgesetzt zu sein, von den Jünger-Brüdern
und auch von Heidegger über das Kriegsende hinaus kultiviert. Den 8. Mai 1945
bezeichnet Heidegger als den Tag, an dem "die Welt ihren Sieg feierte und noch
nicht erkannte, dass sie seit Jahrhunderten schon die Besiegte ihres eigenen
Aufstandes ist". Als Kommentar zu dieser Lesart der geschichtlichen Entwicklung
führt Morat ein beißendes Zitat Hannah Arendts aus dem Jahre 1949 an: dass
nämlich der "Durchschnittsdeutsche" die "Ursachen des letzten Krieges nicht in
den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen" suche, "die zur
Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben".
Angesichts des bruchlosen Verhängnisses, das ihnen vor Augen schwebt, sehen die
Brüder Jünger und Heidegger keinen Anlass, selbst einen Schnitt zu ziehen und
Rechenschaft über ihre Verstrickung zu leisten. "Vor allem", so schreibt
Jünger, sollten "wir uns nicht in die Situation drängen lassen, als hätten wir
uns zu entschuldigen". Heidegger dreht den Spieß um und brüstet sich damit, das
gewaltige Ausmaß des Verhängnisses der Moderne überhaupt erst erkannt zu haben.
Gerhard Nebel, der Verehrer Ernst Jüngers und Heideggers, sekundiert und will
mit deren Hilfe verhindern, dass "wir, wie es der ganze Westen tut, im
Misthaufen des Nichts grunzend und mit Wollust wühlen". All diese Wirrungen und
Wendungen werden von Morat kundig nachvollzogen.
Etwas blass bleibt bei Morat die Figur Ernst Jüngers. Ungestellt bleibt die
Frage, wie auf Jünger das Schicksal seines Sohnes gewirkt haben mag, der kurz
vor Kriegsende in einem Strafbataillon in den Tod getrieben wurde. Unerörtert
bleibt auch, wie sich seine Drogenexperimente und seine Leidenschaft fürs
Käfersammeln zu den militärischen und publizistischen Kraftakten einerseits,
den Schriften zum "Frieden" um 1945 andererseits verhalten. Jedenfalls ist
Jünger ein Irrlicht, bei dem anders als bei Heidegger und seinem Bruder
Friedrich Georg immer wieder unverhohlene oder auch verstiegene Gedanken
durchbrechen. Jünger bekennt sich zum Gefühl des "Ekels" angesichts der
"Waffen, deren Glanz ich so geliebt", aber er feiert auch ausgerechnet die
Astrologie als Form des Protests gegen "Uniformierung" und als Bekenntnis zur
"Schicksalszeit".
Morat schildert die personellen und institutionellen Zusammenhänge, in denen
Heidegger und die Jünger-Brüder als vermeintliche Außenseiter, als "freie
Heroengemeinschaft" nach dem Krieg ihre Fäden ziehen; so stellt die Bayerische
Akademie der Schönen Künste einen gepflegten Rahmen für diverse Warnungen vor
dem Weltschicksal bereit. Zu Gehör gebracht wird dort vor allem die Kritik an
der Technik, die von allen drei Autoren forciert wird. Als
historisch-philologischen Leckerbissen bietet Morat hierzu auch eine Analyse
der verschiedenen Fassungen von Friedrich Georg Jüngers bekanntester Schrift
"Perfektion der Technik", deren Entstehungsgeschichte von 1939 bis 1946 reicht.
Das Unbehagen an den "Machenschaften" der "Technik" ist ein Symptom der
Verunsicherung, von der das "konservative Denken", in das Morat Heidegger und
die Jünger-Brüder auf arg schematische Weise einordnet, insgesamt befallen
worden ist. Was genau soll denn konserviert werden, wenn die "konservative
Revolution" in ein Zerstörungswerk gemündet ist und die Demokratie sich mit der
industriellen Revolution verbündet hat? Konserviert wird zunächst mal die
eigene Sonderrolle. Die Identitätskrise des konservativen Denkens, die bis
heute nicht überwunden ist, zeigt sich bei Heidegger und den Jünger-Brüdern an
der Mutwilligkeit, mit der sie die Moderne herausfordern, und an der
Hilflosigkeit, von der sie befallen werden, wenn es um eine Praxis jenseits des
"Wartens" und "Hütens" geht. DIETER THOMÄ
Daniel Morat: "Von der Tat zur Gelassenheit". Konservatives Denken bei Martin
Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920-1960. Wallstein Verlag,
Göttingen 2007. 592 S., geb., 48,- [Euro].
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