Liebe Jünger-Freunde, Nachstehender Aufsatz von Felix Johannes Krömer erscheint morgen in der FAZ. Beste Grüsse rundum, Ihr / Euer tw
Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite N3 Felix Johannes Krömer: Nachbarn am Nichts Nietzsches natürliche Söhne: Jünger und Ortega y Gasset "Sehr geehrter Herr Jünger, gestern Abend konnte ich leider nicht mehr kommen. Ich habe Hielscher ,Das Reich' und Ortega y Gasset ,Aufstand der Massen' zum Abholen bereitgelegt", schreibt Carl Schmitt am 10. August 1931 an Ernst Jünger. Da der Adressat die Literaturempfehlungen seines intellektuellen Partners zu beachten pflegte, wird er das Buch Ortegas studiert haben, doch hinterließ diese Lektüre in Jüngers an Lesefrüchten reichen Schriften keine offensichtliche Spur. Dieser Befund überrascht bei näherem Besehen nicht: Einen anderen seiner großen Antagonisten bannte Ernst Jünger ebenfalls mit Schweigen. Es gebe außer zwei kleinen Bemerkungen keine bekannte Äußerung von ihm zu Erich Maria Remarque, obwohl er, wie Sven Olaf Berggötz feststellte, "Im Westen nichts Neues" und Remarques Roman "Der Weg zurück" nachweislich gelesen hat. Erstaunlich ist dagegen, dass die Forschung hierzulande kaum Vergleiche zwischen Ortegas und Jüngers widerstreitenden Deutungen der ideologischen Krise Europas am Vorabend der NS- und der Franco-Herrschaft angestellt hat. Die Großessays "Der Aufstand der Massen" (1930 auf Spanisch und Deutsch) und "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt" (1932) erschienen fast zeitgleich. Sie erreichten in Deutschland bis zu Beginn der vierziger Jahre jeweils eine Auflage von zwanzigtausend Exemplaren, ermittelten Paul Noack und Frauke Jung-Lindemann. Als Carl Schmitt das Werk des Konkurrenten für Jünger bereitlegt, ist dieser mit der Abfassung des "Arbeiters" beschäftigt. Der Staatsrechtler und der Schriftsteller besuchen sich im Sommer 1931 in ihren Berliner Wohnungen und diskutieren ihre Projekte. Dabei dürfte die Sprache auf den "Aufstand der Massen" gekommen sein. Womöglich weist Schmitt auf dessen Kapitel "Wer herrscht in der Welt?" hin. Darin bezeichnet Ortega die nationalstaatlichen Grenzen als Ursache der "Trägheit" des europäischen Kontinents. Zur Wiedergewinnung der geistig-sittlichen Vormachtstellung in der Welt empfiehlt er die Bildung der "Vereinigten Staaten von Europa". Der ehemalige Nationalist Ernst Jünger denkt in dieselbe Richtung, jedoch im planetarischen Maßstab: Sein neues Buch prophezeit den "Weltstaat". Die beherrschenden politischen Bewegungen der Zeit - Nationalismus und Sozialismus - seien nur Mobilmachungsgrößen auf dem Weg zu diesem Ziel. Ähnlichkeiten weisen auch die Konzeptionen von Ortegas "Massenmensch" und Jüngers "Arbeiter" auf. Die eine wie die anderer, ist durch leistungsaristokratische Vorstellungen geprägt. Beide widersetzen sich wirtschaftlich-soziologischen Kategorien, vor allem den marxistischen, ebenso wie massenpsychologischen Ansätzen. Für Ortega ist das "Masse-sein" eine psychische Tatsache, ohne dass die Individuen in großer Zahl auftreten müssten. "Homo vulgaris" sei jeder, der an sich selbst keine Ansprüche stellt. Angehörige der Elite dagegen qualifizierten sich durch besondere Zucht. Jüngers Arbeiter hebt sich durch Tugenden wie Opferbereitschaft und Disziplin ebenfalls von der Masse ab. Es handle sich um einen von Nationalität, Beruf, Stand und Klasse unabhängigen Typus, der sich durch sein Verhältnis zum Elementaren auszeichne. Einhellig begreifen José Ortega y Gasset und Ernst Jünger die Masse als Produkt des Liberalismus, ziehen daraus jedoch entgegengesetzte Folgerungen. Der eine will Reform, der andere Revolution - das dürfte auf unterschiedlichen Temperamenten und Lebenserfahrungen beruhen. Während der spanische Patrizier zur moralischen Aufrichtung der Masse eine Neubelebung der Errungenschaften der Aufklärung fordert - Rationalität, Gemeinwesen, Demokratie -, gefällt sich der deutsche Kriegsheld als Bürgerschreck. Seine "Gestalt des Arbeiters" ist ein aggressiver politischer Mythos, der sich gegen den "Kult der Vernunft", bürgerliche Freiheitsrechte und damit die Weimarer Republik richtet. Demnach sind Masse und Individualität zwei Seiten derselben Medaille, beide schwächlich und dem Untergang geweiht. Zwar tritt Jüngers soldatischer Arbeiter wie der Bürger unzählig auf, aber am Endpunkt seiner Entfaltung stehe nicht die formlose Masse, sondern die "organische Konstruktion", ihre Struktur "ist die Heeresgliederung, nicht der Gesellschaftsvertrag". Wie oft bemerkt wurde, ist Jüngers Abhandlung weder mit der nationalsozialistischen noch mit der kommunistischen Ideologie vereinbar. Doch Ernst Jünger will den totalen Staat, daher muss ihm der liberale Ortega y Gasset als intellektueller Todfeind erscheinen. In seinem Ressentiment überliest Jünger womöglich Ortegas entscheidenden Hinweis, der ihm als Beobachter historischer Zwangsläufigkeiten hätte einleuchten können: "Antiliberal oder nicht-liberal war der Mensch vor dem Liberalismus. Da dieser einmal triumphierte, wird sich sein Sieg beständig wiederholen, oder es wird alles - Liberalismus und Antiliberalismus - mit der Vernichtung Europas enden." Europa müsse "das Wesentliche an seinem Liberalismus bewahren; nur unter dieser Bedingung kann es ihn überwinden". Im Grunde formulieren der Spanier und der Deutsche dieselbe, heute erst recht gültige Diagnose: Der Nationalstaat ist tot. Die sozialen Utopien sind wie der Konservativismus gescheitert. Doch wirft Ortega wegen dieser Einsicht nicht die Humanität über Bord. Was Helmuth Kiesel in seiner Jünger-Biographie behauptet - das unterschwellige Anliegen des "Arbeiter"-Essays sei, "die mit Händen zu greifenden Nöte und Ungerechtigkeiten der Zeit mit technokratischen Mitteln zu beheben" -, trifft gewiss nicht zu. Erst unter dem Eindruck des Dritten Reichs ergreift Jünger für die Leidenden Partei. Er nähert sich Ortegas Position an, zum Beispiel, indem er Sympathie für das Individuum entwickelt. Ein Tagebucheintrag von 1939 hält diese humanistische Wende fest: "Der Anblick der Massen ist bedrückend, doch darf man nicht vergessen, dass man sie mit dem kalten Auge der Statistik sieht. Der Einzelne ist immer bedeutender, als er in diesem Rahmen scheint. Oft gleicht er auch einem Korn, das in der Dürre ganz vertrocknet und unansehnlich wurde, und doch ruht im Inneren der grüne Keim. Vor allem ist zu bedenken, dass man den Menschen zunächst in sich gebären muss." In den "Strahlungen", den Diarien des Zweiten Weltkriegs, gebraucht Jünger seine "Arbeiter"-Terminologie selten. Stattdessen spricht er, abwertend, von Technikern und Nihilisten, bekennt überdies, sich mit dem "Arbeiter" am weitesten dem Nihilismus - darunter fallen Nationalsozialismus, Faschismus und Kommunismus - genähert zu haben. Angesichts der Dominanz dieser "typischen Massenbewegungen" (Ortega y Gasset) neigen beide Schriftsteller zur Verklärung aristokratischer Herrschaft. Ortega findet bei den Adeligen des Mittelalters Verantwortungsbewusstsein, Kühnheit und Herrschergewalt. Jünger setzt auf "Naturen, die ,von oben' kommen", als Kontrahenten Hitlers. Seine ab 1942 verfasste Denkschrift "Der Friede" plädiert für einen europäischen Einheitsstaat, in dem sich liberale und "autoritäre Demokratie" versöhnen sollten. Diese Formulierung erinnert an eine Passage in "Aufstand der Massen"; dort heißt es: "Der Totalitarismus wird den Liberalismus retten, wird auf ihn abfärben, zu seiner Läuterung beitragen, und dank dieses Umstands werden wir bald einen neuen Liberalismus auf die autoritären Staatsformen mäßigend einwirken sehen." Die verfassungspolitischen Vorstellungen hinter solchen Äußerungen sind ungewiss. In den "Strahlungen" setzt Jünger parlamentarische Demokratie und totalitäre Diktatur als "plebiszitäre Demokratie" oder "Pöbelherrschaft" gleich. Im Gegensatz zu Ortega hält er den Nihilismus nicht für eine Entartung des Liberalismus, sondern für dessen folgerichtige Konsequenz. In einem Brief vom 19. November 1937 rät der Maler Rudolf Schlichter Ernst Jünger dringend, den "Aufstand der Massen" zu lesen. Das Antwortschreiben geht darauf nicht ein. Offenbar empfindet Jünger - trotz der aufgezählten Berührungspunkte - keine geistige Verwandtschaft zum spanischen Diagnostiker der Moderne. Vor allem ist er nicht bereit, in das Lager der Aufklärer zu wechseln, sondern sucht das Heil - die Überwindung des Nihilismus - in einer christlich beeinflussten Religiosität. Sie kennzeichnet viele seiner Werke seit den "Marmorklippen" (1939). Interessant ist, wie sich die Wandlung des Autors auf seine Haltung zum "Arbeiter" auswirkt. Jünger hat den Essay nie widerrufen, weil er die in ihm prophezeite Umwälzung für einen weiterhin fortschreitenden Vorgang hielt. Das zynische Behagen an der Vernichtung der alten Welt weicht jedoch Äußerungen des Bedauerns, die Polemik gegen den Bürger wird in den "Adnoten zum Arbeiter" (1964) zurückgenommen. 1944 erwägt Jünger, den "Arbeiter" durch einen theologischen Teil zu vervollständigen. Mit apokalyptischer Heilsgewissheit begrüßt er die Opfer des Zweiten Weltkriegs als notwendig und betrauert sie zugleich. Sowohl Ernst Jünger als auch Ortega hat man vorgeworfen, geistige Wegbereiter des Faschismus gewesen zu sein. Im Fall des Letzteren verwundert diese Anschuldigung angesichts seiner explizit antifaschistischen Äußerungen und glühenden Bekenntnisse zur Zweiten Spanischen Republik. Sie stützte sich auf Ortegas indifferente Haltung als Exilant während des Bürgerkriegs, seine Heimkehr ins Franco-Spanien 1949 sowie das Engagement seiner Söhne und Schüler in der Falange. Dass Ortegas und Jüngers Schriften der frühen dreißiger Jahre als faschistisch missverstanden werden konnten, liegt vor allem am Zeitgeist im Fahrwasser Nietzsches, der in sie eingeflossen ist: das Erneuerungspathos, der radikale Gestus, die Verachtung parlamentarischer Politik, die Verwendung von Schlagworten wie Rasse und Elite. Daran wird Jünger gedacht haben, als er unter dem Datum des 2. Oktober 1979 seine einzige bekannte Bemerkung notiert, in der der Name Ortegas fällt: "Aus Amerika kam ein Buch von Robert Wohl ,The Generation of 1914'. Es scheint, dass er auch mich, etwa neben Barrès, Ortega y Gasset, Hitler, Göring, Saint-Exupéry et multis aliis für ,epochaltypisch' hält. Es ist merkwürdig, wie eng in dieser Hinsicht Freund und Feind nach hundert Jahren zusammenrücken, wenn man etwa ihre Handschriften vergleicht. Es gibt einen Generalduktus." -- Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum 02334-502826 http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html USt-IdNr.: DE251720280 unsere Angebote (ZVAB, AbeBooks, Amazon, Booklooker, Antbo, Antiquario, Antikbuch24 und Allstores) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/gp/registry/IBSBOT1B05VN Yahoo! 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