Liebe Jünger-Freunde,

nachstehende Rez. erscheint morgen in der FAZ.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw

Text: F.A.Z., 08.10.2007, Nr. 233 / Seite 46

Nicht alle Enttäuschungen lösen sich in Göttern auf
Über Jahrzehnte hat sich der Philosoph Hans Blumenberg mit dem Schriftsteller 
Ernst Jünger auseinandergesetzt und damit auch die Form der philosophischen 
Kritik wieder neu belebt.

Ein starkes Wort, zu Ende gedacht

Von Besuchern aus Paris erfährt Ernst Jünger, Studenten hätten vor dem Haus von 
Marcel Jouhandeau randaliert, um ihrem Protest gegen eine seiner Äußerungen 
Ausdruck zu geben. Jünger notiert das am Heiligen Abend 1971, als unter der 
Weihnachtspost ein melancholischer Gruß von Jouhandeau ist. Der hatte sich, wie 
weiter aus Paris berichtet worden war, der Demonstration erwehrt, indem er das 
Fenster öffnete und seinen Widersachern zurief: "Macht, dass ihr fortkommt, in 
zehn Jahren seid ihr alle Notare." Man erfährt nicht, ob die Begründung der 
Abweisung überzeugte. Den Tagebuchschreiber scheint sie zu beeindrucken, und 
darin steht er nicht allein. Dennoch ist diese pointierte Rhetorik fragwürdig 
und so etwas wie ein Rest des Existentialismus mit seiner fixen Idee, wir 
lebten aus der Zukunft auf die Gegenwart zu. Aber zu bedenken bleibt, dass der 
abkühlende Fensterruf nicht konsequent genug war. Jouhandeau hätte mit 
demselben oder gar größerem Recht rufen können: "Macht, dass ihr fortkommt, in 
hundert Jahren seid ihr alle tot." Sobald man die starke Wahrheit voll 
ausschöpft, die den gegenwärtigen Aufruhr von der zukünftigen Gleichgültigkeit 
seiner Emotion her relativiert - sobald man die starke Wahrheit zur stärksten 
macht, erscheint es absurd, etwas auf sie zu geben. Alles schrumpft auf den 
einen absoluten Punkt: Da man ohnehin einmal tot sein wird, lohnt es erst gar 
nicht zu leben. Jeder weiß, dass das Gegenteil wahr ist: Jeder Tag des Lebens 
bezieht seine Kostbarkeit daraus, dass es einer von nur endlich vielen ist.

Ein Orakelspruch aus Wilflingen

Angenommen, aber auch wirklich nur angenommen, alle Botschaften der Nasa ins 
Weltall und alle Lauschangriffe auf Signale aus dem All blieben ohne jedes 
Ergebnis - glaubt man etwa, damit sei die Sache erledigt und ablagereif? Man 
wird es nicht dabei bewenden lassen und näher an die möglichen Kommunikatoren 
herangehen. Kostensparend, wie die ganze Astronautik nun einmal ist, wird man 
mit massenweiser Produktion und Aussendung von miniaturisierten Raumsonden 
arbeiten, die so mit ihren Sensoren programmiert sind, dass sie nur Planeten 
fremder Sonnensysteme ansteuern, deren physikalische und chemische Werte auf 
Bewohnbarkeit schließen lassen. Um Energie zu sparen, werden diese Minisonden 
auf dem Mond montiert und von dort gestartet. Der Mond eine einzige Basis für 
Weltraumstarts von Projektilen, die irgendwann Signale zur Bodenstation 
zurücksenden können, ob sie auf einem angeflogenen und umkreisten Fremdplaneten 
zumindest warmblütige Organismen angetroffen haben.

Ein wohlberechneter Swing by wird die mehrfache Umsteuerung eines 
Beobachtungssatelliten bei negativen Resultaten ermöglichen; bei positivem 
Befund landet das Modul und liefert einen Fragebogen ab, der zur Erde 
zurückgefunkt werden kann. Was das ganze Gedankenexperiment bei Realisierung 
noch mehr kosten würde als Geld, ist leider Zeit. Man hat davon schon viel zu 
viel mit Provisorien verloren, um nicht zu sagen: vergeudet. Andererseits hat 
man Zeit genug, sich von Mal zu Mal auf Enttäuschungen gefasst zu machen, wie 
sie uns etwa der Marsboden schon bereitet hat. Wäre alles verloren, wenn 
Jahrhundert für Jahrhundert stereotyp das Signal bei den riesigen Antennen 
einliefe: Nichts, kein Leben - etwa wie der Ausguck auf den Schiffen der 
Entdeckungsjahrhunderte: Kein Land in Sicht? Für Sciencefiction ist das zu 
wenig, mehr noch: das Ende. Aber ist es überhaupt nichts? Die nackte Wahrheit 
über die Absurdität des fixen Gedankens, im Weltall nicht allein sein zu 
wollen? Oder der bloße Triumph für die, die es immer schon gesagt haben, Gott 
habe sein Ebenbild und Gleichnis nur einmal geschaffen und dies auf dem 
Planeten, der auch die geeignete Schädelstätte anbot, auf der der Menschensohn 
für die Geschöpfe des Vaters gekreuzigt werden konnte? Es ist klar, dass in dem 
ganzen Raumerkundungsunternehmen zu viel Induktion bleibt, zu wenig an 
Sicherheit zu gewinnen ist, um den endgültigen Triumph der einen oder anderen 
Seite zuzulassen. Immer wird man sagen können: Warten wir noch ein Jahrtausend 
ab.

Ernst Jünger hat das Ganze nachdenklicher behandelt und an seinem 95. 
Geburtstag eine Tagebuchnotiz vom 28. Februar 1983 preisgegeben: "Einer der 
Gedanken für das nächste Jahrhundert: vorerst muss die Erfahrung den Abstand 
aufholen. Etwa: Die Landung auf unbelebten Himmelskörpern hat manche 
Erwartungen enttäuscht. Sollte aber dort nicht mehr verborgen sein, als wir 
erhofften - Einsichten, vielleicht sogar eine Befriedigung über die faustische 
Unruhe hinaus?" Was das sein könnte, zwingt das Notat sogleich in die Sprache 
des Mythos: "Die Planeten als Götter. Keine Wiederholung, sondern ein 
Wiederfinden; auch das eine Perspektive aus der Synthesis und über sie hinaus." 
Da wir ohnehin nicht wissen, was ein Gott ist, wissen wir auch nicht, worin 
sich Götter unterscheiden. Doch müsste es, auf die götternamigen Planeten 
angewendet, wohl anderes sein als das Ensemble ihrer physischen Eigenschaften 
wie ihrer biologischen Ausstattung. Anders gesagt: Die oberflächliche 
Ähnlichkeit, auf die gerade jenes besprochene Sondierungsprogramm gestützt und 
selektiv gerichtet wäre, müsste der trügerische Schein von einer tieferen 
Unähnlichkeit sein. Das stereotype Signal gedachter Sonden: Nichts, kein Leben, 
wäre zu übersetzen in ein: Zwar nichts von dem Erwarteten, doch ein ganz 
anderes, das die Sensoren betäubt, blendet, stottern, verstummen macht. Dies 
gesagt ohne die Anmaßung, Ernst Jüngers dunkel-heraklitischen Spruch 
kommentieren zu wollen. Zur hermeneutischen Vorbereitung auf den "Ernstfall" 
hat es Jahrhunderte Zeit.

Ein Haken ist bei dem Ganzen: Es wird nicht nur viel Zeit vergehen, bis die 
Absagen aus dem Umkreis fremder Sonnen eintreffen - die langsame Hinfahrt der 
Module mit Ionenstrahlantrieben nicht gerechnet, kostet auch die mit 
Funkwellengeschwindigkeit übermittelte Rückmeldung immer noch Jahre, 
Jahrhunderte, Jahrtausende allein innerhalb unserer Galaxis -, es wird sogar zu 
viel Zeit vergehen, um zuverlässig zu verbürgen, dass die Empfänger der Sendung 
nicht der Verlegenheit verfallen, die sich vielleicht gerade noch in die Frage 
fassen lassen wird: Was war es doch, was wir wissen wollten? Nichts - aber 
wovon nichts? Ob das dann auf Götter kommen ließe, wie es dem Wilflinger 
Jahrhundertgenossen ahnbar zu sein scheint? Nicht alle Enttäuschungen lösen 
sich in Göttern auf. Nicht allemal das jederzeit fällige Fragen in der 
Geschichte: Was nur wollten wir, wo wir nun angekommen sind?

Ein Bienenstich

Vom Bruder Friedrich Georg erzählt Ernst Jünger die Minimalität, die sich auf 
einem Spaziergang am Waldrand mit Heidegger ereignet. Man ist unter 
Philosophen, wie die Notiz ausdrücklich vermerkt, und in guten Gesprächen 
begriffen. Da fährt sich Heidegger mit der Hand in den Nacken, weil eine Biene 
ihn gestochen hat. Der Begleiter glaubt, einen tröstenden Tribut schuldig zu 
sein, und bemerkt, dass es gut gegen Rheumatismus sein solle. Heidegger, 
betroffen weniger von der Störung durch ein Stück Natur als von der Banalität 
des Kommentars, repliziert: "Mehr wissen Sie mir dazu nicht zu sagen?" Der 
Seinshistoriker war wohl entschlossen gewesen, es bei dem rächenden Schlag 
gegen das Insekt bewenden zu lassen. Aber der Partner eben noch so guter 
Gespräche hatte aus dem "Geschick" ein "Gestell" gemacht, ohne es zu ahnen: den 
Ersatz eines Medikaments. Man kann sich vorstellen, welche Senkung des Niveaus 
da eingetreten war. Bürgerlicher Trost für den seit Marburger Frühzeiten bemüht 
Unbürgerlichen. So ist alles falsch an diesem harmlosen Zuspruch, und man wird 
befürchten müssen, dass es an jenem Waldrand zu weiteren guten Gesprächen nicht 
mehr kam. Nimmt man die Zurückweisung wörtlich, so fällt das tadelnde "Mehr 
nicht" auf, wo man nach allem eher die Äußerung erwartet hätte, schon dies sei 
zu viel gewesen. Aber während man sich in einem guten Gespräch gegenseitig 
ermuntert, noch etwas mehr zu sagen und dies oder jenes als Stichwort dazu 
anzunehmen, ist die Unterbrechung des Bienenstichs schlechthin ungeeignet, 
anderes als Verlegenes dazu anzumerken. Die mehr oder weniger schönen alten 
Regelungen, die etwa auf das Niesen eines Mitmenschen den passenden 
Gesundheitswunsch empfahlen, dürften für den Vorfall am Waldrand keinen Rat 
bereitgehalten haben. Im Grunde ist, was der Jünger-Bruder sich dazu momentan 
einfallen lässt, nichts anderes als die altmodische Reaktion aufs Niesen des 
anderen: Aushilfe in der Verlegenheit, jemanden für einen Augenblick hilflos zu 
sehen. Heideggers Erwartung wird enttäuscht, weil sie nicht die des dezenten 
Schweigens, sondern die des Kommentars zu sein scheint. Der Meister der Kunst, 
zu einem bescheidenen Wörtchen bei einem fragmentierten Vorsokratiker eine 
Unmenge - auch von Unsinn - zu sagen, hat ganz einfach Anspruch darauf, dass 
seinem Bienenstich eine hochgestochene Bedeutung zugedeutet wird.

"Der Mann im Mond. Über Ernst Jünger" erscheint in diesen Tagen im Suhrkamp 
Verlag.



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