Liebe Jünger-Freunde,
nachstehende Rezension zu Helmuth Kiesels Jünger-Biographie erscheint am 12. 
Oktober in der "Jungen Freiheit".
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw



Junge Freiheit, Nr. 42/07 12. Oktober 2007, S. 26 LITERATUR

Kein Jahrhundertleben
Helmuth Kiesels Biographie über Ernst Jünger nimmt sich deutlich zuviel vor
Alexander Pschera

Gute Bücher haben, gleichsam als conditio sine qua non, eine doppelte 
Notwendigkeit: eine äußere sowie eine innere. Die äußere Notwendigkeit ergibt 
sich, zumindest bei Sachbüchern, aus dem Wissens- und Erkenntnisstand zu dieser 
Sache selbst. Die innere Notwendigkeit läßt sich nicht vergleichbar 
objektivieren. Sie zeigt sich an den Spuren von Authentizität und Charisma, die 
gute Bücher eben per definitionem an sich tragen.

Helmuth Kiesels etwa 700 Seiten starke Jünger-Biographie - die weder „eine“ 
noch gar, wie ihr Untertitel suggeriert - „die“ Jünger-Biographie ist, weil 
nicht das Leben, sondern das Werk Jüngers ihr Thema darstellt, ist aus dem 
Blickwinkel des Notwendigen doppelt problematisch. Freilich, es nähert sich 
Jüngers zehnter Todestag. Freilich, seit Martin Meyers Werkmonographie (1990) 
und Paul Noacks hagiographischer Biographie (1998) ist keine größere 
Überblicksarbeit mehr über Jünger erschienen. Und freilich, die seitdem 
veröffentlichten Briefwechsel, der Nachlaß in Marbach und zahlreiche 
Spezialstudien harren noch ihrer bündelnden Zusammenfassung. Für „die“ 
Biographie zu Jünger besteht fraglos eine äußere Notwendigkeit. Es steht jedoch 
außer Zweifel, daß Kiesels diese Lücke nicht füllen kann. Hierfür fehlt ihm die 
innere Notwendigkeit. Denn man kann sich bei der Lektüre des Eindrucks nicht 
erwehren, Kiesel wollte gar keine Biographie schreiben.

Mißt man das Buch an seinem Anspruch, so fällt die Bilanz spärlich aus. Sucht 
man jedoch den gedanklichen Kern des Buches, von dem aus der Autor 
wahrscheinlich seine Motivation zieht, sieht die Sache etwas anders aus. 
Beginnen wir also mit diesen positiven Aspekten. Kiesel schaut durch die Brille 
des ideengeschichtlich ausgerichteten Germanisten auf das Individuum Jünger. 
Ihm geht es vor allem darum, Jünger zu normalisieren, ihn als modernen Autor 
neben Brecht, Mann und Döblin zu kanonisieren und dadurch den Weg zu bereiten 
für eine gerechte Wahrnehmung, die, so kann Kiesel an vielen Details aufzeigen, 
durch zahlreiche Rezeptionsmißverständnisse oder schlichte Unwissenheit bewußt 
oder unbewußt verstellt ist.

Diese Rehabilitierung Jüngers zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. 
Kiesel zeigt, um nur einige Beispiele zu nennen, daß Jünger, der 
„Kriegsmutwillige“, nicht mit Hurra-Patriotismus und nationalistischer 
Gesinnung in den Ersten Weltkrieg zog. Er weist darauf hin, daß man, um Jüngers 
Kriegsschriften einzuordnen, auch Thomas Manns „Betrachtungen eines 
Unpolitischen“ und - dies ein sehr interessanter Hinweis - Freuds 
kriegsanthropologische Schriften lesen sollte. Er arbeitet heraus, daß 
Anti-Demokratismus, Anti-Bürgerlichkeit und Anti-Liberalismus in der Weimarer 
Republik bei Intellektuellen jedweder Couleur weit verbreitet waren und daß 
Jüngers Radikalisierung in den späten zwanziger Jahren Teil eines „Zugs zum 
Unbedingten“ sei, der auch Autoren wie Brecht und Benjamin erfaßte. Kiesel: 
„Kurz, für einen ‘deutschen Faschismus’ zu plädieren, unter dem man sich 
keineswegs die spätere NS-Diktatur vorzustellen hat, war um 1926 oder um 1930 
nicht so töricht, wie es heute wirkt, und auch nicht gleich verbrecherisch.“

Er rekonstruiert, um Jüngers politische Publizistik einzuordnen, die generelle 
Front- und Haß-Kultur der Weimarer Zeit mit Rekurs auf Heinrich Mann und George 
Grosz. Er analysiert, wie es Jünger gelang, die allenthalben sichtbaren 
destruktiven Züge der Moderne im „Abenteuerlichen Herzen“ in eine 
mythisch-sinnerfüllte, „abenteuerliche“ Moderne zu überführen und mit diesem - 
die gesehene Verheerung überwindenden - Akt eine singuläre intellektuelle wie 
künstlerische Leistung zu vollbringen. Er unterstreicht mit vielen guten 
Einzelbeobachtungen, daß Jünger weder der „Inaugurator noch der unreflektierte 
Propagator der ‘totalen Mobilmachung’“ war. Er arbeitet minutiös heraus, daß 
Jüngers Rückzug nach 1933 tatsächlich als „innere Emigration“ aufgefaßt werden 
muß und welche besonderen Herausforderungen an Mut, Verantwortungsgefühl und 
Moral dieser Versuch eines freien Lebens in einem totalitären System darstellte.

Er unterstreicht, daß die „Strahlungen“ die Verbrechen der NS-Zeit vielfach und 
detailliert dokumentieren, und erinnert in diesem Zusammenhang daran, daß 
gerade Peter de Mendelsohn, Autor der „Gegenstrahlungen“ und in den 
Nachkriegsjahren vehementer Opponent Jüngers, darauf hinwies, daß Jünger in 
seinen Tagebüchern „die Untaten und Missetaten der deutschen Soldaten, 
insbesondere im Osten, aber auch in Frankreich“ auf das genaueste notierte. 
Dies ist wichtig angesichts des Vorwurfs des „genauen Vorbeisehens“ und 
„verleugnenden Notierens“, den Jan Philipp Reemtsma und andere Jünger 
regelmäßig machten.

Die Liste der Argumente, mit denen es Kiesel gelingt, den Blick auf Jünger zu 
versachlichen, ließe sich fortsetzen. Kiesel schafft es in diesen 
Zusammenhängen immer wieder, überraschende Brücken zu schlagen und - unter 
Ausnutzung aller veröffentlichten Quellen und punktueller, leider nicht 
intensiver Nutzung des Nachlasses - kreative Anschlüsse zu finden, so wenn er 
Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ („Was sind das für Zeiten …“), 
das immer wieder gegen Jüngers „Strahlungen“ in Stellung gebracht wurde („Der 
dort ruhig über die Straßen geht/Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine 
Freunde/Die in Not sind?“), genauer als üblich liest und zu dem Schluß kommt, 
daß die Lage „nicht einmal bei Brecht“ so eindeutig ist, „wie manche Beobachter 
meinen“. Gut ist auch, wie Kiesel bei seinen Werkbesprechungen die Chronologie 
der Fassungen (nicht nur der „Stahlgewitter“) berücksichtigt, um die 
Veränderungen der Position Jüngers zu dokumentieren.

Doch ergibt dies alles, selbst wenn es gut und flüssig erzählt wäre, noch keine 
Biographie. Hierzu gehört mehr: episches Feuer, eine Polyphonie von 
Zeitzeugenaussagen, lebendige, atmosphärische Bildwelten, wechselnde 
Perspektiven, anekdotenreiches Erzählen, farbige historische Kulissen und so 
weiter. Gerade aus einer gelungenen Jünger-Biographie müßte plastisch das Bild 
des letzten Jahrhunderts erstehen. Kaum ein anderer Autor liefert hierzu eine 
derart gute Vorlage wie Jünger. Doch nichts davon in Kiesels Arbeit. Er 
interessiert sich offensichtlich weniger für das Leben Jüngers, sondern mehr 
für die Texte als Objekte germanistischer Einordnung.

Das Heil des Buches hätte also in der Beschränkung auf diesen gleichsam 
notwendigen inneren Kern - die literarhistorische Bewertung Jüngers - gelegen. 
So, wie es nun erschien, ist es sehr angreifbar. Es liest sich über weite 
Strecken wie eine artige Zusammenfassung bestens bekannter Fakten. Es wirkt, so 
möchte man sagen, „zusammengeschrieben“. Schon die Proportionen stimmen nicht. 
Kiesel widmet der Zeit des Ersten Weltkriegs und den dazugehörigen 
Werkbesprechungen fast 200 Seiten, den letzten fünfzig Jahren von Jüngers Leben 
nur noch ganze 90 Seiten.

Am Ende geht es dann immer schneller und flüchtiger zur Sache. Die letzten 70 
Seiten sind nur noch eine Aneinanderreihung uninspirierter 
Werkzusammenfassungen. Das Spätwerk kommt lediglich kursorisch vor. Weder die 
Alterstagebücher „Siebzig verweht“ noch die wichtige späte Schrift „Die 
Schere“, die Jüngers letzte Worte zur Gottesfrage enthält, werden ausführlich 
gedeutet, obwohl gerade diese beiden Werke eine zentrale Quelle zur Biographie 
dieses Autors darstellen.

Zudem ist das Buch in einem Stil verfaßt, der von umgangssprachlichen Wendungen 
(„Der Sommer 1925 muß für Jünger eine angespannte Zeit gewesen sein. Diverse 
Entscheidungen standen an“) und Stilblüten („kaleidoskopischer Charakter“, 
„expressionistisch aufgeregt und aufgesteilt“) durchsetzt ist. Immer wieder 
fühlt sich Kiesel verpflichtet, seiner moralischen Entrüstung angesichts der 
deutschen Geschichte Ausdruck zu geben - wohl um ein Gegengewicht zur von ihm 
unternommenen Rehabilitierung Jüngers zu schaffen und sich selbst der 
Verurteilung durch die Hüter des Meinungsgrals zu entziehen. Das liest sich 
dann so: „Wer sich so aufgeführt hatte wie die Deutschen, hatte nicht allzuviel 
Recht zum Klagen!“ Oder so: „Es dauert lange, bis aus der Geschichte etwas 
gelernt wird.“

Dieses der Objektivierung dienende Moralisieren steigert sich mitunter in 
schwammige Platitüden: „Deutlicher geworden ist auch, daß die 
Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und zumal mit ihren Verbrechen ein 
schwieriger geschichtlicher Prozeß ist, dessen Erkenntnis- und 
Bekenntnismöglichkeiten durch sozialpsychologische und politische sowie 
diskurs- und wissenschaftsgeschichtliche Umstände bedingt waren, ja bis heute 
bedingt sind und vermutlich unter dem einen oder anderen Aspekt immer 
unzulänglich bleiben werden.“

Dem ganzen Buch mangelt es an Gestaltung, an epischem Aufbau, an erzählerischer 
Übersicht. Zum führenden Strukturmerkmal wird die Aufzählung. So entsteht kein 
lesbarer Text, sondern ein mühsam in Form gebrachter Materialblock, der beim 
Leser nur an wenigen Stellen Lektürefreude aufkommen läßt. Nimmt man das 
fehler- und lückenhafte Literaturverzeichnis (Beispiel: „Thomas“ statt „Tobias“ 
Wimbauer, dessen wichtiges Personenregister überhaupt keine Erwähnung findet), 
die ausufernden Werk­nacherzählungen („Marmorklippen“!) und das allseits 
bekannte, schon hundertfach abgedruckte Bildmaterial hinzu, so läßt sich der 
Eindruck nicht verleugnen, das Buch sei schnell, zu schnell geschrieben worden.

Besonders ärgerlich ist, daß Kiesel es sogar immer wieder unterläßt, seine 
Quellen zu nennen. So spricht er beispielsweise auf Seite 384 davon, daß „man“ 
darauf aufmerksam gemacht habe, daß Jünger (in seinen kriegsdokumentarischen 
Fotowerken) mit retuschierten Bildern arbeitete. „Man“ ist in diesem Fall Julia 
Encke in ihrer Untersuchung „Augenblicke der Gefahr“ (2005). Das will der Leser 
schon wissen, um eine so starke Behauptung nachprüfen zu können.

Bekanntlich ist rechtzeitig zur Buchmesse im Piper-Verlag auch Heimo Schwilks 
langerwartete Jünger-Biographie (siehe Hinweis auf Seite 17) erschienen, die 
man nun im direkten Vergleich lesen wird. Dann wird sich zeigen, ob Jünger-Jahr 
2008 seine Chancen nutzen kann.

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler Verlag, München 2007, 
gebunden, 720 Seiten, Abbildungen, 24,95 Euro


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