--- In [email protected] hat Tobias Wimbauer <wimba...@...> 
geschrieben:
>
> Liebe Jünger-Freunde,
> nachstehende Rezension zu Helmuth Kiesels Jünger-Biographie 
erscheint am 12. Oktober in der "Jungen Freiheit".
> Beste Grüsse rundum,
> Ihr / Euer
> tw
> 
> 
> 
> Junge Freiheit, Nr. 42/07 12. Oktober 2007, S. 26 LITERATUR
> 
> Kein Jahrhundertleben
> Helmuth Kiesels Biographie über Ernst Jünger nimmt sich deutlich 
zuviel vor
> Alexander Pschera
Bravo! Bravo! Bravo - Alexander Pschera. Eine prachtvolle Rezension 
ungefaehr ganz nach meinem Geschmack, wenn doch nur der heidnische 
Herr  ein wenig Stellung zur Juengers Geistlichkeit genommen haette. 
Wie kann ein vernunftbegabter Mensch etwas ueber Ernst Juenger 
schreiben ohne zur Juengers Geistlickeit Stellung zu nehmen? 
Anderweitig war die Rezension vorbildlich insbesondere die 
Bemerkungen , dass das Werk gar keine Biographie ist, nichts Neues 
ueber Ernst Juenger berichtet und von den 720 Seiten nur 90 Seiten 
den letzten fuenfzig Jahren des Leben Ernst Juengers gewidmet sind - 
ich wuerde "die grosse Biographie" Ernst Juengers nicht mal 
angucken. Wie immer- mit den herzlichen Gruessen aus dem Lande der 
ziegelsteinroten Irokesen, der kirschroten Opeongos und des 
maechtigen Manitous - unvergleichlich Heinrich.  
> 
> Gute Bücher haben, gleichsam als conditio sine qua non, eine 
doppelte Notwendigkeit: eine äußere sowie eine innere. Die äußere 
Notwendigkeit ergibt sich, zumindest bei Sachbüchern, aus dem 
Wissens- und Erkenntnisstand zu dieser Sache selbst. Die innere 
Notwendigkeit läßt sich nicht vergleichbar objektivieren. Sie zeigt 
sich an den Spuren von Authentizität und Charisma, die gute Bücher 
eben per definitionem an sich tragen.
> 
> Helmuth Kiesels etwa 700 Seiten starke Jünger-Biographie - die 
weder „eine" noch gar, wie ihr Untertitel suggeriert - „die" Jünger-
Biographie ist, weil nicht das Leben, sondern das Werk Jüngers ihr 
Thema darstellt, ist aus dem Blickwinkel des Notwendigen doppelt 
problematisch. Freilich, es nähert sich Jüngers zehnter Todestag. 
Freilich, seit Martin Meyers Werkmonographie (1990) und Paul Noacks 
hagiographischer Biographie (1998) ist keine größere 
Überblicksarbeit mehr über Jünger erschienen. Und freilich, die 
seitdem veröffentlichten Briefwechsel, der Nachlaß in Marbach und 
zahlreiche Spezialstudien harren noch ihrer bündelnden 
Zusammenfassung. Für „die" Biographie zu Jünger besteht fraglos eine 
äußere Notwendigkeit. Es steht jedoch außer Zweifel, daß Kiesels 
diese Lücke nicht füllen kann. Hierfür fehlt ihm die innere 
Notwendigkeit. Denn man kann sich bei der Lektüre des Eindrucks 
nicht erwehren, Kiesel wollte gar keine Biographie schreiben.
> 
> Mißt man das Buch an seinem Anspruch, so fällt die Bilanz spärlich 
aus. Sucht man jedoch den gedanklichen Kern des Buches, von dem aus 
der Autor wahrscheinlich seine Motivation zieht, sieht die Sache 
etwas anders aus. Beginnen wir also mit diesen positiven Aspekten. 
Kiesel schaut durch die Brille des ideengeschichtlich ausgerichteten 
Germanisten auf das Individuum Jünger. Ihm geht es vor allem darum, 
Jünger zu normalisieren, ihn als modernen Autor neben Brecht, Mann 
und Döblin zu kanonisieren und dadurch den Weg zu bereiten für eine 
gerechte Wahrnehmung, die, so kann Kiesel an vielen Details 
aufzeigen, durch zahlreiche Rezeptionsmißverständnisse oder 
schlichte Unwissenheit bewußt oder unbewußt verstellt ist.
> 
> Diese Rehabilitierung Jüngers zieht sich wie ein roter Faden durch 
das Buch. Kiesel zeigt, um nur einige Beispiele zu nennen, daß 
Jünger, der „Kriegsmutwillige", nicht mit Hurra-Patriotismus und 
nationalistischer Gesinnung in den Ersten Weltkrieg zog. Er weist 
darauf hin, daß man, um Jüngers Kriegsschriften einzuordnen, auch 
Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen" und - dies ein sehr 
interessanter Hinweis - Freuds kriegsanthropologische Schriften 
lesen sollte. Er arbeitet heraus, daß Anti-Demokratismus, Anti-
Bürgerlichkeit und Anti-Liberalismus in der Weimarer Republik bei 
Intellektuellen jedweder Couleur weit verbreitet waren und daß 
Jüngers Radikalisierung in den späten zwanziger Jahren Teil 
eines „Zugs zum Unbedingten" sei, der auch Autoren wie Brecht und 
Benjamin erfaßte. Kiesel: „Kurz, für einen `deutschen Faschismus' zu 
plädieren, unter dem man sich keineswegs die spätere NS-Diktatur 
vorzustellen hat, war um 1926 oder um 1930 nicht so töricht, wie es 
heute wirkt, und auch nicht gleich verbrecherisch."
> 
> Er rekonstruiert, um Jüngers politische Publizistik einzuordnen, 
die generelle Front- und Haß-Kultur der Weimarer Zeit mit Rekurs auf 
Heinrich Mann und George Grosz. Er analysiert, wie es Jünger gelang, 
die allenthalben sichtbaren destruktiven Züge der Moderne 
im „Abenteuerlichen Herzen" in eine mythisch-
sinnerfüllte, „abenteuerliche" Moderne zu überführen und mit diesem -
 die gesehene Verheerung überwindenden - Akt eine singuläre 
intellektuelle wie künstlerische Leistung zu vollbringen. Er 
unterstreicht mit vielen guten Einzelbeobachtungen, daß Jünger weder 
der „Inaugurator noch der unreflektierte Propagator der `totalen 
Mobilmachung'" war. Er arbeitet minutiös heraus, daß Jüngers Rückzug 
nach 1933 tatsächlich als „innere Emigration" aufgefaßt werden muß 
und welche besonderen Herausforderungen an Mut, Verantwortungsgefühl 
und Moral dieser Versuch eines freien Lebens in einem totalitären 
System darstellte.
> 
> Er unterstreicht, daß die „Strahlungen" die Verbrechen der NS-Zeit 
vielfach und detailliert dokumentieren, und erinnert in diesem 
Zusammenhang daran, daß gerade Peter de Mendelsohn, Autor 
der „Gegenstrahlungen" und in den Nachkriegsjahren vehementer 
Opponent Jüngers, darauf hinwies, daß Jünger in seinen 
Tagebüchern „die Untaten und Missetaten der deutschen Soldaten, 
insbesondere im Osten, aber auch in Frankreich" auf das genaueste 
notierte. Dies ist wichtig angesichts des Vorwurfs des „genauen 
Vorbeisehens" und „verleugnenden Notierens", den Jan Philipp 
Reemtsma und andere Jünger regelmäßig machten.
> 
> Die Liste der Argumente, mit denen es Kiesel gelingt, den Blick 
auf Jünger zu versachlichen, ließe sich fortsetzen. Kiesel schafft 
es in diesen Zusammenhängen immer wieder, überraschende Brücken zu 
schlagen und - unter Ausnutzung aller veröffentlichten Quellen und 
punktueller, leider nicht intensiver Nutzung des Nachlasses - 
kreative Anschlüsse zu finden, so wenn er Bertolt Brechts 
Gedicht „An die Nachgeborenen" („Was sind das für Zeiten …"), das 
immer wieder gegen Jüngers „Strahlungen" in Stellung gebracht wurde 
(„Der dort ruhig über die Straßen geht/Ist wohl nicht mehr 
erreichbar für seine Freunde/Die in Not sind?"), genauer als üblich 
liest und zu dem Schluß kommt, daß die Lage „nicht einmal bei 
Brecht" so eindeutig ist, „wie manche Beobachter meinen". Gut ist 
auch, wie Kiesel bei seinen Werkbesprechungen die Chronologie der 
Fassungen (nicht nur der „Stahlgewitter") berücksichtigt, um die 
Veränderungen der Position Jüngers zu dokumentieren.
> 
> Doch ergibt dies alles, selbst wenn es gut und flüssig erzählt 
wäre, noch keine Biographie. Hierzu gehört mehr: episches Feuer, 
eine Polyphonie von Zeitzeugenaussagen, lebendige, atmosphärische 
Bildwelten, wechselnde Perspektiven, anekdotenreiches Erzählen, 
farbige historische Kulissen und so weiter. Gerade aus einer 
gelungenen Jünger-Biographie müßte plastisch das Bild des letzten 
Jahrhunderts erstehen. Kaum ein anderer Autor liefert hierzu eine 
derart gute Vorlage wie Jünger. Doch nichts davon in Kiesels Arbeit. 
Er interessiert sich offensichtlich weniger für das Leben Jüngers, 
sondern mehr für die Texte als Objekte germanistischer Einordnung.
> 
> Das Heil des Buches hätte also in der Beschränkung auf diesen 
gleichsam notwendigen inneren Kern - die literarhistorische 
Bewertung Jüngers - gelegen. So, wie es nun erschien, ist es sehr 
angreifbar. Es liest sich über weite Strecken wie eine artige 
Zusammenfassung bestens bekannter Fakten. Es wirkt, so möchte man 
sagen, „zusammengeschrieben". Schon die Proportionen stimmen nicht. 
Kiesel widmet der Zeit des Ersten Weltkriegs und den dazugehörigen 
Werkbesprechungen fast 200 Seiten, den letzten fünfzig Jahren von 
Jüngers Leben nur noch ganze 90 Seiten.
> 
> Am Ende geht es dann immer schneller und flüchtiger zur Sache. Die 
letzten 70 Seiten sind nur noch eine Aneinanderreihung 
uninspirierter Werkzusammenfassungen. Das Spätwerk kommt lediglich 
kursorisch vor. Weder die Alterstagebücher „Siebzig verweht" noch 
die wichtige späte Schrift „Die Schere", die Jüngers letzte Worte 
zur Gottesfrage enthält, werden ausführlich gedeutet, obwohl gerade 
diese beiden Werke eine zentrale Quelle zur Biographie dieses Autors 
darstellen.
> 
> Zudem ist das Buch in einem Stil verfaßt, der von 
umgangssprachlichen Wendungen („Der Sommer 1925 muß für Jünger eine 
angespannte Zeit gewesen sein. Diverse Entscheidungen standen an") 
und Stilblüten („kaleidoskopischer Charakter", „expressionistisch 
aufgeregt und aufgesteilt") durchsetzt ist. Immer wieder fühlt sich 
Kiesel verpflichtet, seiner moralischen Entrüstung angesichts der 
deutschen Geschichte Ausdruck zu geben - wohl um ein Gegengewicht 
zur von ihm unternommenen Rehabilitierung Jüngers zu schaffen und 
sich selbst der Verurteilung durch die Hüter des Meinungsgrals zu 
entziehen. Das liest sich dann so: „Wer sich so aufgeführt hatte wie 
die Deutschen, hatte nicht allzuviel Recht zum Klagen!" Oder so: „Es 
dauert lange, bis aus der Geschichte etwas gelernt wird."
> 
> Dieses der Objektivierung dienende Moralisieren steigert sich 
mitunter in schwammige Platitüden: „Deutlicher geworden ist auch, 
daß die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und zumal mit ihren 
Verbrechen ein schwieriger geschichtlicher Prozeß ist, dessen 
Erkenntnis- und Bekenntnismöglichkeiten durch sozialpsychologische 
und politische sowie diskurs- und wissenschaftsgeschichtliche 
Umstände bedingt waren, ja bis heute bedingt sind und vermutlich 
unter dem einen oder anderen Aspekt immer unzulänglich bleiben 
werden."
> 
> Dem ganzen Buch mangelt es an Gestaltung, an epischem Aufbau, an 
erzählerischer Übersicht. Zum führenden Strukturmerkmal wird die 
Aufzählung. So entsteht kein lesbarer Text, sondern ein mühsam in 
Form gebrachter Materialblock, der beim Leser nur an wenigen Stellen 
Lektürefreude aufkommen läßt. Nimmt man das fehler- und lückenhafte 
Literaturverzeichnis (Beispiel: „Thomas" statt „Tobias" Wimbauer, 
dessen wichtiges Personenregister überhaupt keine Erwähnung findet), 
die ausufernden Werk­nacherzählungen („Marmorklippen"!) und das 
allseits bekannte, schon hundertfach abgedruckte Bildmaterial hinzu, 
so läßt sich der Eindruck nicht verleugnen, das Buch sei schnell, zu 
schnell geschrieben worden.
> 
> Besonders ärgerlich ist, daß Kiesel es sogar immer wieder 
unterläßt, seine Quellen zu nennen. So spricht er beispielsweise auf 
Seite 384 davon, daß „man" darauf aufmerksam gemacht habe, daß 
Jünger (in seinen kriegsdokumentarischen Fotowerken) mit 
retuschierten Bildern arbeitete. „Man" ist in diesem Fall Julia 
Encke in ihrer Untersuchung „Augenblicke der Gefahr" (2005). Das 
will der Leser schon wissen, um eine so starke Behauptung nachprüfen 
zu können.
> 
> Bekanntlich ist rechtzeitig zur Buchmesse im Piper-Verlag auch 
Heimo Schwilks langerwartete Jünger-Biographie (siehe Hinweis auf 
Seite 17) erschienen, die man nun im direkten Vergleich lesen wird. 
Dann wird sich zeigen, ob Jünger-Jahr 2008 seine Chancen nutzen kann.
> 
> Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler Verlag, 
München 2007, gebunden, 720 Seiten, Abbildungen, 24,95 Euro
> 
> 
> -- 
> Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand
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