So, ein paar Bemerkungen vorweg:

Dawkins ist Engländer und seine Argwohn gilt allen Religionen schlechthin. 
Trotz (oder vielleicht wegen) der radikalen Sekularität der amerikanischen 
Verfassung, geboren direkt aus dem Geiste der europäischen Aufklärung, bleibt 
Amerikas Beziehung zur Religion höchst problematisch und widersprüchlich. Die 
Teilnahme an Gottesdiensten und der Einfluss von (teils) radikalen Prediger ist 
dort viel höher als hier in Europa.

Und nun zum eigentlichen Thema:

Die Frage nach der Beziehung Jüngers zu Bloy ist eine ganz wichtige, auch zu 
Bernanos. Ich habe immer gemeint, die Würzel der Konversion liegen in der 
Sinnsuche nach dem ersten Weltkrieg und manifestieren sich parallel - und 
gewissermassein in Widerspruch - zu dem "heroischen Nihilismus". Das ist 
ziemlich klar in den Rezensionen zu Bernanos nachzulesen - "Die Heilige im 
Automobil" - und vieles aus der Zeit deutet auf ein Neid auf die angeblichen 
Gewissheiten des katholischen Glaubens.

Man kann auch ganz gezielt nach der Spriritualität des "Arbeiters" fragen. Ich 
sage, es gibt keine, geschweige denn man will Gestaltsbegrifflichkeiten in 
theologische Kategorien umbiegen, was m.E. eine eher gewagtes Manöver wäre. Die 
Begeisterung für die logistischen Leistungen des Materialkrieges steht im 
krassem Gegensatz zu einem Glauben am christlichen Gott, die Heilslehre und die 
Nächstenliebe.

Die aus "Eumeswil" zitierte Stelle schreit
auch nicht nach dem Bedarf nach Glauben, trauert ihn auch nicht nach.
Das ist die typische Jüngersche diagnostische Geste. Er stellt fest,
nimmt seine geliebte Perspektive der kognitiven Überlegenheit an, und
setzt sich mit dem "Tod Gottes", der Erbschaft Nietzsches auseinander.
Und eben das hat er auch selbst erfahren.

Von daher finde ich die Behauptung: "Wie jeder aufmerksame, langsame Ernst 
Juenger Leser weiss, war Ernst Juenger ein frommer, tiefglaeubiger Mensch, 
dessen Buecher nicht nur mit biblischen Zitaten ueberfluten, sondern er bei 
jeder Gelegenheit seinen Glauben an Gott kundtut" ziemlich gewagt.

Ernst Jünger war ein interessanter Schriftsteller, dessen Texte voller Brüche 
und Widersprüche sind. Da fliesst viel aus dem 20. Jahrhundert zusammen und 
wird auf einzigartige Weise verarbeitet. Dazu gehört die Religion. Das kann man 
spätestens ab den Strahlungen und der Bibellektüre in Paris nicht übersehen. 
Aber ihn als quasi-Heiligen und Propheten darzustellen oder zurechtzubiegen, 
das ist genauso einseitig wie der Versuch in ihm nur den "Faschisten" und 
Gewaltverherrlicher zu sehen. Und den Jünger gab's auch.

Gruss aus HH,

jk

----- Ursprüngliche Mail ----
Von: Tobias Wimbauer <[email protected]>
An: [email protected]
Gesendet: Sonntag, den 14. Oktober 2007, 22:04:34 Uhr
Betreff: [juenger_org] Henry Malons Zuschrift

>Helmut Kiesel, Alexander Pschera und viele Juenger-Freunde werden 
>offensichtlich mit Dawkins uebereinstimmen, da man >nie einen Ton ueber Ernst 
>Juengers Geistlichkeit und Spiritualitaet hoert. 


H. Kiesel hat in der FAZ 1999 einen guten Artikel über Jüngers Konversion 
geschrieben (Helmuth Kiesel: Eintritt in ein kosmisches Ordnungswissen. Zwei 
Jahre vor seinem Tod: Ernst Jüngers Konversion zum Katholizismus. In: 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 74 vom 29. März 1999, S. 55;); Pschera hat 
eine Monographie über Léon Bloy (mit Hauptaugenmerk auf Jünger) verfasst, und 
das ist ein Bereich, der essentiell war für Jüngers Glauben, auch hat er 
wiederholt im Vatikan-Magazin über Jünger geschrieben. Wie es um andere 
Jünger-Freunde steht, weiss ich nicht. 

In der Jünger-List habe ich das Thema 2001 behandelt: 
http://www.juenger.org/mailarchive/4_2001/msg00033.php

Dass also die von Malon Genannten sich nicht zu Jüngers Religiosität äussern 
würden, ist schlicht falsch.

Dawkins' antichristlicher Feldzug ist m..E. symptomatisch für Amerika, aber hat 
mit Europa wenig zu tun. Wir haben's auch nach Rom nicht so weit.

Gruss,
tw

-- 
Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand
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