Ich muss Krömer in diesem Punkt leider völlig Recht
geben. Eine Mitleidsethik ist in Ernst Jüngers
Frühwerk bis zum "Arbeiter" in keinster Weise präsent.
Schon die "Stahlgewitter" sind im Stil des elitären
Frontkämpfers geschrieben, der für die Schwächen
durchschnittlicher "Frontschweine" nur Verachtung
übrig hat. Das zieht sich bis zum "Arbeiter" durch,
auch hier ist es eine Elite - die Vertreter eines
"aktiven" Nihilismus im Gegensatz zu denen, die den
Nihilismus "passiv" erleiden: Die Unterscheidung hat
Jünger von Nietzsche - die dem globalen "Mahlgang"
voranschreitet, und das Ziel ist nicht ein Reich des
Mitleids, sondern der bis an die Zähne gerüstete
militärische Machtstaat, der mit anderen Staaten des
selben Typus´ um die Weltherrschaft kämpft,
selbstverständlich im Zuge weltweiter kriegerischer
Auseinandersetzungen. Der "totale Krieg" (Ludendorffs
Werk mit gleichlautendem Titel, das Clausewitz auf den
Kopf stellt: Die gesamte staatliche Politik in einem
Land als Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln)
ist das Ziel der Anstrengung, dem sich alle Mitglieder
des Arbeitstaates als Rädchen in einer gigantischen
Maschinerie einzufügen und zu dienen haben. Insofern
muss ich Kiesel ganz klar widersprechen und Krömer
Recht geben, von Mitleid keine Spur, vielmehr ist
dieser Grossessay ein Dokument eines gnadenlosen
totalitären, kriegerischen und elitären Denkens, und
tatsächlich kann man diesen Essay nur vor dem
Hintergrund des Aufstiegs des Faschismus´ und dem
kommenden Weltkrieg verstehen, wo tatsächlich mit
totaler Rücksichtslosigkeit um die Erdherrschaft
gekämpft wurde, übrigens streckenweise auch auf Seiten
der demokratischen Nationen, man denke nur an den
Bombenterror von Briten und Amerikanern in
Deutschland. 
Trotzdem ist der "Arbeiter" kein
nationalsozialistischer Entwurf: Das Rassedenken, die
Grundlage des Nationalsozialismus, fehlt in diesem
Essay völlig, ebenso wie das Blut- und Bodendenken.
Der "Arbeiter" ist auch ein transnationaler Typus, ein
Art ein technischer Überkrieger, solche Generäle,
Politiker und Techniker, "aktive", elitäre Nihilisten,
gab´s wohl in allen am Weltkrieg beteiligten Nationen,
und Jünger frohlockte damals in apokalyptischer Manier
über den kommenden Globalkampf um die Erdherrschaft
zwischen solchen "aktiven Nihilisten", denen die
untergeordneten "passiven" Nihilisten als Material
dienen. Tatsächlich kam der "Arbeiter" in der
nationalsozialistischen Presse schlecht an und wurde
verrissen. Erst nach 1933 wendet sich Jünger von einem
solchen Denken ab, die Mitleidsethik entwickelt er
erst später, angesichts der Lemurenherrschaft der
Nazis und der ungeheueren Verwüstungen und
Grausamkeiten des Weltkrieges. Auch die mehrmalige
Lektüre der Bibel gehört zu dieser "Konversion"
Jüngers zu Humanismus und Mitleidsethik, der frühe
Jünger hingegen ist ein besonders radikaler
Nietzscheaner und Antihumanist. Insofern empfinde ich
Kiesels Bemerkungen geradezu als Verdrehung,
offensichtlich treibt ihn der Ehrgeiz, Jünger vom
Faschismus-Verdacht posthum reinwaschen zu wollen.
Ernst Jünger war aber in der Weimarer Republik
eindeutig der Vertreter eines elitären,
transnationalen und transrassischen Faschismus und in
rechtsradikalen Zirkeln und Magazinen in der Weimarer
Republik als fleissiger Publizist aktiv. Jünger hat
selbst daraus nie einen Hehl gemacht und stand auch zu
Werken wie dem "Arbeiter", den er nie widerrufen,
sondern vielmehr in seinem Werk ab 1933 organisch
weiterentwickelt und modifiziert hat, und zwar in
einem humanistischen Sinne, in der die Mitleidsethik
dann ebenfalls eine Rolle spielt. Es gibt also
eindeutig zwei Jünger, zwischen denen ein Zusammenhang
besteht: Den frühen, vor allem nietzscheanischen,
elitär-faschistischen Jünger (vor 1933) und den
späteren konservativ-humanistischen Jünger, der sich
einer Vielzahl unterschiedlichster geistiger Einflüsse
öffnet (ab 1933). Den frühen Jünger leugnen und im
Sinne einer Mitleidsethik "hinbiegen" zu wollen ist
Unfug.


Klaus Gauger





--- Tobias Wimbauer <[email protected]> schrieb:

> Liebe Jünger-Freunde,
> 
> nachstehender Leserbrief von F.J. Krömer erscheint
> morgen in der FAZ.
> Beste Grüsse rundum,
> Ihr / Euer 
> tw
> 
> 
> 
> Text: F.A.Z., 30.10.2007, Nr. 252 / Seite 8
> 
> Leserbrief
> Mit unmenschlichen Methoden dienen
> 
> Helmuth Kiesels Leserbrief "Immer ein Blick für die
> Not der Massen" in der F.A.Z. vom 11. Oktober zu
> meinem Artikel "Nachbarn am Nichts" vom 2. Oktober
> über Ernst Jünger und José Ortega y Gasset bedarf
> einer Erwiderung. Um einem Missverständnis
> vorzubeugen: Es geht nicht darum, ob Ernst Jünger zu
> mitleidigen Regungen fähig war. Er attestiert sich
> selbst in den "Gärten und Straßen" (14. Juni 1940):
> "Für das Unglück habe ich doch stets ein Herz gehabt
> - wenn auch zu meinem Missgeschick immer für jenes,
> das nicht in Mode war." Strittig ist dagegen, ob
> schon im "Arbeiter" (1932), Jüngers Plädoyer für den
> totalen Staat, oder erst in seinen Schriften nach
> 1933 eine Mitleidsethik zum Tragen kommt.
> 
> Helmuth Kiesel weist darauf hin, dass der "Arbeiter"
> eine technische Erschließung des Reichtums der Erde
> zugunsten aller Völker ankündigt. Insofern hat die
> von mir angegriffene Formulierung aus seiner
> Jünger-Biographie Berechtigung: das "unterschwellige
> Anliegen" des "Arbeiter"-Essays sei, "die mit Händen
> zu greifenden Nöte und Ungerechtigkeiten der Zeit
> mit technokratischen Mitteln zu beheben" (Seite
> 398). Zweierlei ist jedoch zu bedenken. Erstens:
> Jünger umreißt den "Arbeitsstaat" nicht als
> komfortablen Wohlfahrtsstaat. "Je zynischer,
> spartanischer, preußischer oder bolschewistischer im
> Übrigen das Leben geführt werden kann, desto besser
> wird es sein. . . . Es kommt nicht darauf an, diese
> Lebensführung zu verbessern, sondern darauf, ihr
> einen höchsten, entscheidenden Sinn zu verleihen"
> (Sämtliche Werke, Band 8, Seite 214 f.). Ziel der
> totalen Mobilmachung ist Herrschaft, "Erzeugung und
> Verteilung der Güter" gelten als "Fragen zweiten
> Ranges" (Seite 83). Zweitens: Auf den Einzelnen, der
> unter die Räder der Mobilmachung gerät, soll keine
> Rücksicht genommen werden. "Das tiefste Glück des
> Menschen besteht darin, dass er geopfert wird"
> (Seite 78). Die "Zustimmung selbst der Leidenden"
> (Seite 274) setzt Jünger voraus. In dieser Hinsicht
> ähnelt die Ethik des "Arbeiters" der Ethik von
> Brechts kurz zuvor verfasster "Maßnahme" (auch
> Kiesels Biographie zieht diesen Vergleich). Beide
> Schriftsteller wollen der Menschheit mit
> unmenschlichen Methoden dienen - wie es damals Mode
> war. Erst unter dem Eindruck des Dritten Reiches
> gibt Jünger diese Haltung auf. Sein Spruch, auf den
> Helmuth Kiesels Leserbrief anspielt: "Immer ein Auge
> für die Unglücklichen", ist in den "Strahlungen"
> unter dem 1. Januar 1943 notiert.
> 
> Felix Johannes Krömer, Berlin
> 
> 
> -- 
> Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand
> Waldhof Tiefendorf
> Tiefendorfer Str. 66
> 58093 Hagen-Berchum
> 02334-502826
> http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html
> USt-IdNr.: DE251720280
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