Lieber Herr Reichel,


Ihre Bemerkungen sind treffend: Jüngers Frühwerk ist
kein Symptom eines spezifisch deutschen Syndroms (so
ähnlich argumentiert ja Theweleit in den
"Männerphantasien", und andere Kritiker linker Couleur
tun das ebenfalls gerne - eine Art linker Umkehrung
von "am deutschen Wesen soll die Welt genesen", der
von deutschtümelnden Nationalisten vielzitierten
Gedichtzeile des deutschen Lyrikers Emanuel Geibel). 
Jüngers Haltung ist die des Elitesoldaten, und sicher
würde ein amerikanischer "Marine" bei der Lektüre der
"Stahlgewitter" den Beobachtungen und Bemerkungen
Ernst Jüngers voll und ganz zustimmen, ja, jedes
Mitglied eines soldatischen Elitechors auf der Welt
ist bis heute so drauf, wie es Jünger damals war. Das
entschuldigt Jünger nicht, er hat viele brutale und
unmenschliche Dinge im Frühwerk von sich gegeben, aber
man versteht das, wenn man weiss, wie kriegserfahrene,
hochdekorierte Elitesoldaten "ticken".



Klaus Gauger


 
--- "martin.reichel" <[email protected]>
schrieb:

> Hallo zusammen,
> 
>  
> 
> gestern lief der schöne Film Full Metal Jacket auf
> Arte. Der Drill-Sergeant:
> „Ihr seid keine Roboter [Pause], ihr seid Killer!“
> Des weiteren: „Gott liebt
> Euch Marines, weil Ihr seinen Himmel füllt!“ (o.ä.)
> 
>  
> 
> Schönes Wochenende.
> 
>  
> 
> Grüße
> 
>  
> 
> Martin Reichel
> 
>  
> 
> -----Ursprüngliche Nachricht-----
> Von: [email protected]
> [mailto:[email protected]] Im
> Auftrag von klaus gauger
> Gesendet: Donnerstag, 1. November 2007 03:19
> An: [email protected]; [email protected]
> Betreff: RE: AW:RE: [juenger_org] [Jünger-Rundbrief]
> FAZ 30.10.2007:
> Leserbrief z
> 
>  
> 
> Lieber Herr Malon,
> 
> lesen Sie mal in der Ausgabe von 1922 der
> "Stahlgewitter" das Kapitel "Die Grosse Schlacht"
> (S.189-219). Nach dem Dauerbeschuss durch die
> Artillerie geht Jünger mit seinen Soldaten auf die
> feindlichen englischen Linien zu. Zitat: "In einer
> Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch
> Blutdurst,
> Wut und Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die
> feindlichen Linien los" (S. 198). Als Jünger und
> seine
> Männer die englischen Linien erreichen, fliehen die
> Engländer und werden vom deutschen
> Maschinengewehrfeuer niedergemacht: "Die Fliehenden
> überschlugen sich im Laufen, und in einigen Sekunden
> war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur wenige
> entkamen
> (...)" (S. 200f.). Und Jüngers Kommentar? Der lautet
> so: "Nachdem so ganze Arbeit (!) geschafft war, ging
> es weiter. Der Erfolg hatte Angriffsgeist und
> Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut
> entfacht".
> 
> Wo bitte bleibt hier das Mitleid? Jünger bemerkt
> selbst im "Wäldchen 125" (dritte Auflage 1928):
> "Kriegführen heisst den Gegner durch rücksichtslose
> Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist
> der Handwerke härtestes, seine 
> Meister (!) dürfen der Menschlichkeit nur so lange
> das
> Herz öffnen, als sie nicht schaden kann" (S. 94).
> 
> Lieber Herr Malon, sieht für Sie so eine
> Mitleidsethik
> aus?
> 
> Ich spüre eine Mitleidsethik, wenn ich zum Beispiel
> die Worte Jesu Christi in den Evangelien lese. 
> Die Ideologie und die Aussagen in Ernst Jüngers
> Frühwerk, gerade auch seine Schriften über seine
> Kämpfe im Ersten Weltkrieg, sind für mich Ausdruck
> eines brutalen und mitleidslosen Frontelitarismus
> aus
> der Feder eines hochdekorierten, aber wohl auch
> psychisch für lange Zeit durch den Krieg hochgradig
> deformierten Menschen.
> 
> Klaus Gauger
> 
> --- Henry Malon <ma...@ezlink.
> <mailto:malon%40ezlink.ca> ca> schrieb:
> 
> > "Geschwaetzige, weitschweifige, eitle ,
> > stumpfsinnige Menschen hoehnen ueber alles
> > ausserhalb ihres winzigen Bereiches - das ist
> alles
> > ; weil sie ja so wenig - nichts wissen." Harold
> > Kleed. 
> > Liebe Juenger-Freunde:
> > 
> > Da der Herr Gauger in der heutigen Korrespondenz
> > Juengers "Mitleidsethik" bemaengelt , fuehlte ich
> > mich gezwungen zu diesem Thema Stellung zu nehmen.
> > In der Behandlung dieses Themas kommt man nicht
> > umhin den Menschen Juenger und seine Schriften zu
> > betrachten. Ich wurde selten in meinem Leben
> derart
> > von einem Mitleidsgefuehl befluegelt wie in den
> > STAHLGEWITTERN ( Seite 185. 28.7. 1917.):"
> > Unvermittelt fragte mich Sandvoss , ob ich etwas
> von
> > meinem Bruder (Friedrich Georg) gehoert haette.
> Man
> > wird sich meine Sorge vorstellen koennen, als ich
> > erfuhr, dass er den naechtlichen Sturm mitgemacht
> > hatte und vermisst wurde. Er war meinem Herzen der
> > Naechste; das Gefuehl eines unersetzlichen
> Verlustes
> > tat sich vor mir auf. Gleich darauf kam ein Mann
> und
> > teilte mir mit, dass mein Bruder verwundet in
> einem
> > Unterstand liege. Er zeigte dabei auf ein wuestes,
> > von entwurzelten Bauemen bedecktes Blockhaus, das
> > bereits von den Verteidigern verlassen war. Ich
> > eilte ueber eine Lichtung, die unter gezieltem
> > Gewehrfeuer lag, und trat ein. Welch ein
> > Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von
> > Leichengeruch erfuellten Raum inmitten einer Menge
> > aechzender Schwerverwunderter. Ich fand ihn in
> einer
> > traurigen Verfassung vor. Beim Sturm hatten ihn
> zwei
> > Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die
> Lunge
> > durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk
> > zerschmettert.Das Fieber glaenzte ihm aus den
> Augen;
> > eine geoeffnete Gasmaske hing auf seiner Brust. Er
> > konnte nur mit Muehe sich bewegen, sprechen und
> > atmen. Wir drueckten uns die Hand." usw. usw. Tant
> > mieux. Jedesmal - sogar heute - wenn ich die
> > unvergessliche Passage lese -werde ich von einer
> > Gaensehaut magnetisiert. Desbezueglich hat Juenger
> > unzaehlige Bemerkungen ueber das Mitleid in seinen
> > Schriften gemacht, insbesondere in den STRAHLUNGEN
> .
> > , wo er sich mit dem Schicksal der Juden, der
> > Leichen in Russland, den Hinrichtungen in
> Frankreich
> > beschaeftigt. Zudem wird man zum Mitleid ueber
> seine
> > eigenen Leiden bewegt, - der furchtbare ,
> > unvergessliche fruehe Tod seines Sohnes, Ernstl, -
> > das Schreibverbot nach dem Zweiten Weltkrieg, -der
> > fruehe Tod seiner Frau, Greta, - der Selbstmord
> > seines einzigen, ueberlebenden, missratenen
> Sohnes,
> > Alexander, - und dann insbesondere die
> Verleumdungen
> > und anhaltenden Luegen ueber seine Vergangenheit.
> -
> > - - Wer vom Schicksal des Menschen und
> > Schriftstellers Ernst Juengers nicht vom Mitleid
> > ergriffen wird ist stumpfsinnig , blind und
> > komatoes. Unvergleichlich Heinrich.. 
> > 
> > -- 
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