Liebe Jünger-Freunde, im schweizer Tages-Anzeiger rezensierte heute Martin Halter die Jünger-Biographien von H.Kiesel und H.Schwilk. Beste Grüsse rundum, Ihr / Euer tw
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/buecher/810138.html Bücher 05. November 2007, 16:59 Von Martin Halter Dandy, Barbar und konservativer Schöngeist Annäherung an eine deutsche Jahrhundertfigur: Zwei neue Biografien widmen sich material- und kenntnisreich dem Schriftsteller Ernst Jünger. «Wenige sind wert, dass man ihnen widerspricht» heisst einer von Ernst Jüngers hochmütigsten Aphorismen. Für Hans-Ulrich Wehler ist er immer noch der «grosse Verderber der neueren deutschen Geistesgeschichte»; Joschka Fischer sang dagegen schon 1982 im «Pflasterstrand» das Hohelied des «Fighters» und Drogen-Jüngers. Zehn Jahre nach seinem Tod scheiden sich an Jünger nach wie vor die Geister, wenn auch nicht mehr entlang der alten Fronten. Soldat und Künstler, hoch dekorierter Kriegsheld und Esoteriker, Protofaschist und Romantiker, moderner Barbar und konservativer Schöngeist: Was lange unvereinbar schien an Jünger, wird heute, ganz in seinem Sinne, «stereoskopisch» betrachtet und wächst im historischen Abstand wohl auch zusammen. Die Zeit scheint reif für einen neuen, unvoreingenommenen Blick: Nicht zufällig wurde der Käfersammler jetzt gleich zweimal zum Objekt grosser Studien. Nüchtern die eine, kühn die andere Beide Biografien sind, um es vorwegzunehmen, sehr respektabel, kenntnis- und materialreich, souverän in der Beschreibung und Bewertung eines langen Lebens. Beide ziehen neue Quellen wie die Kriegstagebücher oder Jüngers Jugendbriefe zu Rate, ohne wirklich neue Erkenntnisse zu gewinnen. Aber: Wo Helmuth Kiesel, Literaturwissenschaftler zu Heidelberg und ausgewiesener Kenner der literarischen Moderne, mit der Nüchternheit und Ausführlichkeit des Philologen (allein für die sechs Fassungen der «Stahlgewitter» braucht er sechzig Seiten) immer wieder den «literarischen Kontext» bedenkt, Vergleiche anstellt, abschweift und ein wenig auch den Faden verliert, schlägt Heimo Schwilk, Feuilletonchef der eher rechten «Welt am Sonntag» und Ex-Fallschirmspringer, kühn und leidenschaftlich Schneisen ins Unterholz der Widersprüche und festgefahrenen Fronten. Wo der Literaturprofessor vor allem das Werk analysiert, insistiert der Journalist auf der Einheit von Leben und Schreiben. Schwilk lässt Jünger in langen Zitaten zu Wort kommen und so die Figur auch aus persönlicher Bekanntschaft anschaulicher werden als Kiesels akademische Prosa. Schwilks Jünger-Biografie ist flüssiger erzählt, entschiedener im Urteil, kurz: besser lesbar und spannender. «Rausch über allen Räuschen» Die inhaltlichen Differenzen fallen kaum ins Gewicht. Für beide Biografen ist Jünger der Fremdling auf Erden, stets auf der Flucht vor einengenden Ordnungen, einschüchternden Autoritäten und dem eigenen Ich. Mal sucht er sein Heil im Krieg, mal im Rausch, mal in der Revolution oder im «gesunden Fick», am Ende gar in der katholischen Kirche. Aber immer geht es ihm um den narzisstischen «Selbstgenuss in der Selbstentfremdung» (Schwilk): Auslöschung des Bewusstseins, Regression in vorrationale Räume und Mythen, Kampf gegen die Banalität des Bürgers, die «Herrschaft der Gemütlichkeit», die Langeweile der Zivilisation überhaupt. Das machte Jüngers Poetik so faszinierend modern und so anfällig für die Barbarei des 20. Jahrhunderts. Die Schule hat den romantischen Träumer womöglich mehr traumatisiert als das Trommelfeuer der Schützengräben. Von Karl May und Jules Verne inspiriert, floh Jünger aus der «Knabenpresse» in die Fremdenlegion; aber seine «afrikanischen Spiele» waren ein Fiasko. Wenig später erlöst der Weltkrieg ihn von der verhassten Schuldisziplin und wohl auch von seinem Vater, einem gefühlskalten, erschreckend rationalen Chemiker. Der «Kriegsmutwillige» Jünger zieht nicht für König und Vaterland ins Feld. Der Krieg, genauer: der Kampf von Mann zu Mann, ist für ihn Abenteuer, Grenzerfahrung, der heilige «Rausch über allen Räuschen», in dem «das Tier als geheimnisvolles Ungeheuer vom Urgrund der Seele aufsteigt». Anfangs stürzt er sich wie ein morbider Dandy mit Spazierstock und Pistole ins Getümmel. Aber irgendwann beginnt auch der hoch dekorierte Kriegsheld zu fragen: «Was soll das Morden und immer wieder Morden? ... Wann hat dieser Scheisskrieg ein Ende? Was hätte man in dieser Zeit nicht alles sehen und geniessen können. Die Sache wird höllisch monoton.» Jünger panzert sich mit Nietzsches tragischem Heroismus gegen nagende Zweifel und das «ethische Geseich» der Spiesser. Je öfter der Stosstruppführer dem Tod von der Schippe springt, desto grossartiger und unverwundbarer fühlte er sich: «In solchen Momenten Führer zu sein mit klarem Kopfe heisst der Gottähnlichkeit nahe sein», notiert er in seinem Kriegstagebuch. «Wenige sind auserlesen.» Für Kiesel grenzt es an ein Wunder, dass Jünger «ohne manifeste psychische Verstörung» überlebte. Für Schwilk ist die Fronterfahrung die «Urszene einer Autorschaft, die vor allem in der Fähigkeit zur Selbstdistanzierung gegründet ist». Tatsächlich begann Jünger damals neben Schmetterlingen und englischen Stahlhelmen auch Bilder des Grauens zu sammeln und mit naturwissenschaftlicher «Beobachtungslust» aufzuspiessen. Daseinssteigerung durch Schmerz und Grausamkeit, die Schönheit des Unmoralischen gehört zur modernen Poetik des Bösen. Jünger hatte das Pech oder Glück, gleichsam im Auge des Hurrikans seinen kalten Blick in zwei Weltkriegen ausbilden zu können. Im Zweiten gefror seine stoische «Haltung» in der berüchtigten Burgunderszene, als er die Bombardierung von Paris mit dem Weinglas in der Hand betrachtete, zum provozierend ästhetischen Bild; ähnlich ungerührt berichtet er in seinen (sorgfältig redigierten) «Strahlungen» auch von standrechtlichen Erschiessungen und schlimmeren Kriegsverbrechen. Nazis, Drogen und Sex Nach 1918 hatte der deklassierte Offizier Jünger dem Krieg noch einen metaphysischen Sinn abzugewinnen versucht: Er schwärmt vom Glück, geopfert zu werden, vom Kampf als innerem Erlebnis. Das machte ihn zum Sprecher der Frontgeneration, zum «Dichter des Ausnahmezustands» (Kiesel), schliesslich zum «Hassprediger» (Schwilk) gegen die Weimarer Demokratie. Goebbels und Hitler hätten den wortgewaltigen Nationalrevolutionär gern in ihren Reihen gesehen; aber Jünger ging schon vor der Machtübernahme auf Distanz: «Man kann sich heute nicht in Gesellschaft um Deutschland bemühen.» Jüngers «Anarchie des Herzens» vertrug sich nicht mit Parteidisziplin, und für Hitlers Legalitätskurs hatte er nur Verachtung übrig: «Ich halte das Schreiben eines einzigen Verses für verdienstvoller, als sechzigtausend Trottel im Parlament zu vertreten.» «Schade um diesen Jünger», bedauerte Goebbels. Auf der anderen Seite bewunderte selbst ein Klaus Mann Jüngers «missleitete Reinheit»: «Seinen Gaben nach gehört er zu uns.» Jünger faszinierte Rechte wie Linke durch die kompromiss- und mitleidlose Radikalität seiner antibürgerlichen Ressentiments. Zur selben Zeit, als er die Demütigungen Deutschlands beklagte und das Heraufdämmern des totalitären «Typus» des «Arbeiters» begrüsste, war er ein Bohémien, der Magier und Mystiker las und mit Drogen und sexuellen Abenteuern experimentierte. Im Zweifel wollte Jünger doch lieber der einsam «denkende Krieger» auf Augenhöhe mit den grossen Männern der Geschichte sein als in der Masse gleichgeschaltet werden. Skandalumwittert bis zuletzt Jünger blieb ein Fremdkörper im Dritten Reich, ein erratischer Block, aus «Marmorklippen» gehauen. Widerstandskämpfer war er freilich nie, und auch nach 1945 wurde er kein Demokrat. Anders als Weggefährten wie Heidegger oder Carl Schmitt wollte er nicht zu denen «gehören, die heute nicht mehr an das erinnert werden wollen, was sie gestern gewesen sind». Aber sich öffentlich rechtfertigen oder gar Schuld bekennen, war seine Sache auch nicht. Jünger zog sich in seine Wilflinger Oberförsterei zurück, hinter die «Zeitmauer», um als Waldgänger, Anarch oder auch «Ultraphysiker» mit kosmischer Gelassenheit auf «verlorenem Posten» auszuharren und zu meditieren. Schwilk berichtet, dass Jünger gern «Columbo» im Fernsehen sah und Sprüche wie «Ich bin Energiesparer» oder «Bitte nicht stören» auf seine Klotür klebte. Ernst Jünger glaubte, Zeit und Menschen um so schärfer erfassen zu können, je weniger Anteil er an ihnen nahm; aber man kann sich auch durch elitäre Verweigerung und «Nichtteilnahme am Niedrigen» die Sprache und sogar die Hände schmutzig machen. Jünger hat dafür gebüsst: Wann immer er nach 1945 einen Preis erhielt, ein Buch veröffentlichte oder Besuch von Helmut Kohl bekam, gab es einen Skandal. Er ist politisch nicht zu rehabilitieren, nicht einmal als ökologisch hellsichtiger Waldgänger, wie Schwilk es einmal anbietet. Aber er bleibt einer der faszinierendsten Einzelgänger der deutschen Literatur und, nicht nur wegen seines biblischen Alters, eine «Jahrhundertfigur». Heimo Schwilk: Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. Piper-Verlag, München 2007. 624 S., 43.90 Fr. Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler-Verlag, München 2007. 718 S., 43.90 Fr. Quellen: tagesanzeiger.ch -- Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum 02334-502826 http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html USt-IdNr.: DE251720280 unsere Angebote (ZVAB, AbeBooks, Amazon, Booklooker, Antbo, Antiquario, Antikbuch24, Guthschrift, Buchfreund und Allstores) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/gp/registry/IBSBOT1B0 Yahoo! 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