Liebe Jünger-Freunde, eben wurde mir der Link zu dem vorhin genannten Artikel von U.Baron in der ZEIT von heute zugänglich gemacht (Dank an M.S.):
http://www.zeit.de/2007/46/ST-Juenger Volltext nachstehend. Beste Grüsse, Ihr / Euer tw Und über Jünger nichts Neues Von Ulrich Baron Gleich zwei neue Biografien widmen sich dem Schriftsteller Ernst Jünger, der zuverlässig für eine Aufregung gut ist. Auch jetzt? Angesichts des 1982 wütenden Streites um die Verleihung des Frankfurter Goethepreises erhielt Ernst Jünger die Schützenhilfe eines gewissen Joschka Fischer. Der habe im Pflasterstrand bekannt, diese bête noir sei im linken Milieu schon lange »eine Art intellektueller Geheimtip« gewesen, berichtet Heimo Schwilk in seiner Biografie. Fischer habe den Preisträger als antibürgerlichen »Fighter« geschätzt, dann als »Drogen-Jünger«, schließlich als Zivilisationskritiker. Seitdem sind grundlegende Studien über Jünger als Propagandist des Krieges, des soldatischen Nationalismus, des Arbeiterstaates erschienen. Man weiß um die Revisionen seiner Tagebücher aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, kann auf eine 22-bändige Werkausgabe und auf Jüngers Korrespondenzen mit Heidegger, Carl Schmitt und anderen Weggefährten zugreifen. Angesichts dieser Fülle müssen sich Jüngers Biografen vor allem zwei Fragen stellen. Können sie mit neuen Fakten aufwarten? Gelingt es, einen neuen und besseren Zugang zum Werk zu eröffnen? Sensationelle Enthüllungen bietet weder Heimo Schwilk noch der Heidelberger Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel. Stärker als Schwilk schöpft Kiesel aus dem akademisch-philologischen Fundus der Jünger-Forschung, rekonstruiert Kontroversen, ordnet und ordnet ein, arbeitet Listen von Anregern wie Nietzsche, Hamann, Huysmans »und Goethe« ab. Kiesels Analysen der intellektuellen Vita werden der akademischen Erschließung gute Dienste tun, aber im Hinblick auf Jüngers Leben liefert er keine neuen Einsichten. Jünger selbst hat sich zwar gefragt, ob er nicht im Grunde als Leser gelebt habe, doch seine Vita activa und seine Biosphäre kommen hier zu kurz. Kasinomilieu, Berliner Nachtleben, Drogen, Pariser Liebschaften? Was seinen Weg nicht aufs Papier gefunden hat, erscheint Kiesel suspekt. Kiesels Buch ist Werkbiografie und Forschungsbericht, der etwa anhand der Fassungen der Stahlgewitter zeigt, wie Jünger seine Kriegserlebnisse erst nationalistisch auflud, um solche Passagen wieder zu streichen, als deren Missbrauch durch das NS-Regime drohte. Aber auf die Frage, ob nun Jünger ein »un- oder gar antimoderner Autor« gewesen sei, folgt die Antwort, er sei ein Vertreter jener »reflektierten Moderne« gewesen, zu der man auch Kafka und Thomas Mann zählen könne. Das ist eine recht allgemeine Einschätzung, weil Mann und Kafka die Moderne unterschiedlich und ganz anders reflektiert haben als Ernst Jünger. Dessen Buch Heliopolis (1949) bescheinigt Kiesel, es sei »ein großartiger Roman, der nur einen Nachteil hat: Er paßt nicht in unsere Zeit, ja, er paßte schon nicht mehr in die Zeit seiner Entstehung und seines Erscheinens«. Das ist eher diplomatisch als biografisch und zeigt, dass Kiesel trotz der Brillanz anderer Passagen jenen festen Boden nicht findet, den man von einer Lebensbeschreibung erwartet. Heimo Schwilks Buch ist lebensnäher. Ihm kommt nicht nur zugute, dass sein Verfasser durch die Arbeit an seiner 1988 erschienenen Bildbiografie persönlichen Zugang zum Autor fand, sondern auch eine Geistesverwandtschaft, die den Reserveoffizier und journalistischen Berichterstatter des Golfkriegs von 1991 mit Jünger verband. Schwilks Empathie ist kritisch reflektiert, aber Jünger trägt bei ihm das unauslöschliche Siegel seiner überraschenden Konversion zum Katholizismus. Die Totenfeier im Februar 1998 bildet so den Rahmen eines Lebens, das als pilgrims progress durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erscheint. Da Jünger sich für seine Konversion ein Jahrhundert lang Zeit nahm, darf man annehmen, dass sie wohlerwogen, aber nicht naheliegend war. Doch Schwilk hat ein Sensorium für jenen gedämpften Cantus firmus aus Kirchenliedern, Bibelzitaten und Gebeten, der sein Leben begleitet hat. Jünger liebte Sätze, die ex cathedra gesprochen sind, und sammelte nicht nur Käfer, sondern auch letzte Worte und Belege dafür, dass es nach dem Tod »weitergehe«. Sein Leben aber war auch das Drama eines begabten Kindes. Im Jahre 1895 vorehelich geboren, später durch eine väterliche Manipulation der Heiratsurkunde legitimiert, blieb der junge Jünger ein Außenseiter, durch Umzüge und Schulwechsel immer wieder aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen. Was in Umrissen durchaus bekannt war, erscheint in Schwilks Beschreibung in seiner traumatisierenden Gewalt. Man versteht nun, warum es nicht Kriegserlebnisse, sondern Schul- und Prüfungsträume waren, die Jünger bis ins hohe Alter verfolgten. Man versteht auch die Bedeutung des Kriegserlebnisses für Jünger besser, der sich 1914 vom schlechten Schüler und Außenseiter nicht nur zum Helden, sondern zum Anführer, zum Kompaniechef entwickelt hatte. Noch als hochbetagter Tagebuchautor äußerte er sich immer wieder mit Staunen über das Vertrauen, das ihm seine Untergebenen entgegengebracht hätten. So steht Ernst Jünger exemplarisch für eine Generation junger Frontoffiziere, die im Krieg erwachsen wurden und dort jene Anerkennung erhielten, die ihre Väter ihnen vorenthalten hatten. Schwilks Darstellung zeigt die emotionalen Wurzeln der Jüngerschen Kriegsverherrlichung seines soldatischen Nationalismus, dessen Radikalität sich rational kaum nachvollziehen lässt. Damit gelingt ihm auf biografischem Wege, was das Ideal aller Hermeneutik ist einen Autor erst genauso gut und dann besser zu verstehen, als er sich selber versteht. Wenn Jünger als Deuter eines epochalen und globalen Wandels was ihm für Schwilk eine große Zukunft bei einer »ökologisch wie ontologisch« interessierten Jugend garantiert endlich religiös eingebunden wird, endet aller Skandal. »Zur Erinnerung an eine ungefährliche Begegnung«, lautete die Widmung, die der 90-jährige Jünger seinem Gratulanten Helmut Kohl in ein Exemplar seines Buchs Eine gefährliche Begegnung schrieb. War das die Ironie eines alten Mannes gegenüber einem Bundeskanzler? War es Selbstironie? Als Schreckensmann wie als radikales Vorbild erscheint Ernst Jünger heute philologisch und biografisch gebändigt. Während Kiesels Darstellung mit einem Traum Jüngers von seinem eigenen Begräbnis endet, schließt Schwilk mit einem Gang durch die Räume von Jüngers Haus am Tag von dessen tatsächlicher Grablegung. Er erfasst jene Leere, jene Abwesenheit, auf die jede Biografie unvermeidlich zuläuft Vanitas. Jüngers Arbeitstisch ist abgeräumt, ist nun Kaffeetafel für die »ganz Alten« geworden. Helmuth Kiesel: Ernst Jünger Die Biographie; Siedler Verlag, 2007; 717 S., 24,95 Heimo Schwilk: Ernst Jünger Ein Jahrhundertleben; Piper Verlag, 2007; 624 S., 24,90 -- Tobias Wimbauer | Wimbauer Buchversand Waldhof Tiefendorf Tiefendorfer Str. 66 58093 Hagen-Berchum 02334-502826 http://www.waldgaenger.de/fragebogen.html USt-IdNr.: DE251720280 unsere Angebote (ZVAB, AbeBooks, Amazon, Booklooker, Antbo, Antiquario, Antikbuch24, Guthschrift, Buchfreund und Allstores) finden Sie hier: http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/gp/registry/IBSBOT1B0 Yahoo! 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