http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59685


Unter Separatisten



28.09.2017


BERLIN/MADRID/BARCELONA (Eigener Bericht) - Der katalanische Separatismus ist 
über Jahre hin von deutschen Stellen begünstigt und gefördert worden. Dies 
zeigen Aktivitäten im Europaparlament, ein Großereignis der deutschen 
Kulturpolitik und Äußerungen deutscher Regierungsberater. Im Jahr 2007 hat die 
Frankfurter Buchmesse katalanischen Separatisten, die damals Aufwind hatten, 
eine internationale Bühne verschafft, indem sie erstmals nicht einen Staat, 
sondern eine Teilregion eines Staates zum "Ehrengast" ernannte: Spaniens 
Autonome Region Katalonien. Katalanischen Separatisten bietet darüber hinaus 
schon seit vielen Jahren die Fraktion "The Greens/European Free Alliance im 
Europaparlament eine Bühne, in der Bündnis 90/Die Grünen beträchtlichen 
Einfluss haben. Der European Free Alliance gehören neben katalanischen 
Separatisten aus Spanien und Frankreich auch deutschsprachige Separatisten aus 
Norditalien (Südtirol) und Vertreter der ungarischsprachigen Minderheit 
Rumäniens an, deren Anhänger einen NS-Kollaborateur gerühmt und für den 
Anschluss an Ungarn plädiert haben. Madrid solle einem neuen katalanischen 
Staat "entgegenkommen", hieß es 2014 bei der Deutschen Gesellschaft für 
Auswärtige Politik (DGAP). Aktuell sind in Berlin jedoch skeptische Stimmen zu 
hören; die Krise in Spanien droht sich zu einem weiteren Konfliktherd in der 
krisengeschüttelten EU zu entwickeln und gefährdet damit die kontinentale Basis 
der deutschen Weltpolitik.
Unitat Catalana, Unser Land, Bayernpartei...
Politisch-ideologische Rückendeckung erhält der katalanische Separatismus seit 
1999 von einer Fraktion im Europaparlament, in der Bündnis 90/Die Grünen 
starken Einfluss ausüben. Der Fraktion The Greens/European Free Alliance 
gehören Abgeordnete grüner Parteien, aber auch Abgeordnete von 
Mitgliedsparteien der European Free Alliance (EFA) an; bei letzteren handelt es 
sich um Parteien von Sprachminderheiten aus EU-Staaten. Eine der beiden 
Fraktionsvorsitzenden von The Greens/EFA ist die deutsche Grüne Ska Keller. In 
der EFA sind etwa katalanische Vereinigungen aktiv, darunter nicht nur eine 
Organisation aus der spanischen Autonomen Region Katalonien, sondern auch die 
Unitat Catalana aus Perpignan (Frankreich) sowie Parteien aus dem spanischen 
Valencia und von den Balearen. Die EFA ist damit pankatalanisch orientiert. Der 
gemeinsame Nenner all ihrer sonstigen Mitglieder ist allein der Bezug auf 
Sprach- bzw. Ethno-Minderheiten; zu ihren Mitgliedern gehören dabei neben sich 
als links einstufenden Parteien auch konservative und rechte Organisationen. 
EFA-Mitglieder sind zum Beispiel die Bayernpartei, die schlesische 
Autonomiebewegung Ruch Autonomii Slaska, diverse Deutschtums-Organisationen - 
etwa Unser Land aus dem Alsace (Frankreich) - und die konservative belgische 
Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA), die langfristig den Austritt des 
niederländischsprachigen Landesteils (Flandern) aus dem belgischen Staat 
anstrebt.
Anschlusspläne
Die Bereitschaft von Bündnis 90/Die Grünen, dem Ethno-Verband EFA mit der 
Aufnahme in die gemeinsame Fraktion eine wichtige politische Bühne zu 
verschaffen, wird auch dadurch nicht beeinträchtigt, dass der EFA 
Organisationen wie Erdélyi Magyar Neppart oder die Süd-Tiroler Freiheit 
angehören. Erdélyi Magyar Neppart (Ungarische Volkspartei Transsilvaniens) ist 
eine Partei der ungarischsprachigen Minderheit Rumäniens, die offiziell für die 
Autonomie des Minderheitengebiets plädiert. Anhänger der Partei treten sogar 
für einen Anschluss an Ungarn ein und haben den ungarischen NS-Kollaborateur 
József Nyirő gerühmt, der für die faschistischen "Pfeilkreuzler" tätig war, 
1941 Joseph Goebbels huldigte und 1942 in einer Rede forderte: "Aus dem Weg mit 
den Brunnenvergiftern, mit denjenigen, die die ungarische Seele destruieren, 
unsern Geist infizieren, die die ungarische Kraftentfaltung verhindern" 
(german-foreign-policy.com berichtete [1]). Die Süd-Tiroler Freiheit wiederum 
fordert die Abspaltung von Teilen Norditaliens (Bolzano-Alto Adige) und 
entweder die Gründung eines eigenen Staates Südtirol oder aber - vorzugsweise - 
den Anschluss an Österreich. Die Süd-Tiroler Freiheit steht in dirkter 
Tradition zu den sogenannten Südtiroler Freiheitskämpfern, die seit den 1950er 
Jahren in Italien immer wieder Sprengstoffanschläge verübten, um den Anschluss 
von Bolzano-Alto Adige an Österreich zu erzwingen.[2]
Europa der Völker
Indem die EFA zahlreiche offen separatistische Parteien organisiert - neben der 
Süd-Tiroler Freiheit etwa die Esquerra Republicana de Catalunya und die 
Scottish National Party -, legt sie die Lunte an eine ganze Reihe von 
EU-Staaten, darunter nicht nur Spanien, sondern etwa auch Großbritannien, 
Italien und Frankreich. Wie Europa aussähe, sollten die separatistischen 
Kräfte, die die EFA fördert, Erfolg haben, zeigt eine Karte, die die EFA lange 
Jahre online verbreitete und die heute noch auf der Internetpräsenz der 
EFA-Jugendorganisation zu sehen ist. german-foreign-policy.com dokumentiert 
einen Auszug (siehe rechts).[3]
Ehrengast
Einen kräftigen Aufschwung hat dem katalanischen Separatismus vor ziemlich 
genau zehn Jahren die Frankfurter Buchmesse verschafft: Im Oktober 2007 konnte 
damals zum ersten Mal nicht ein Land, sondern mit Katalonien ein Teil eines 
Staates auf dem international renommierten Großevent als "Ehrengast" auftreten. 
Dies hat nicht nur weithin für Aufmerksamkeit, sondern in Katalonien selbst für 
heftigen Unmut gesorgt - unter spanischsprachigen Einwohnern der Region; diese 
wiesen empört darauf hin, dass diejenigen Schriftsteller aus der Region, die 
nicht in katalanischer, sondern in spanischer Sprache publizierten, in 
Frankfurt keine Berücksichtigung fänden. Damit werde die Vielfalt Kataloniens 
auf eine katalanische Ethnokultur reduziert, hieß es. Damals rechtfertigte der 
Vorsitzende der EFA-Mitgliedspartei Esquerra Republicana de Catalunya, 
Josep-Lluís Carod-Rovira, diese Praxis mit der Aussage, wenn "die deutsche 
Kultur zu einer Buchmesse eingeladen" wäre, würde man "auch keine deutschen 
Autoren zulassen, die auf Türkisch schreiben" (german-foreign-policy.com 
berichtete [4]). Gleichzeitig wurden auf der Frankfurter Veranstaltung 
Landkarten verbreitet, auf denen nicht nur das spanische Valencia und die 
Balearen, sondern auch Andorra und Teile Südfrankreichs als "katalanisch" 
markiert waren. Dies entspricht vollständig der pankatalanischen Orientierung 
der EFA.
"Katalonien entgegenkommen"
Zeitweise haben auch Berliner Regierungsberater die territoriale Integrität 
Spaniens offen in Frage gestellt. Die EU könne "an einen Punkt geraten, an dem 
zu überlegen wäre, ob eine ausgehandelte Separation nicht einem Zustand 
permanenter Instabilität vorzuziehen sei", hieß es 2013 in einem Papier der 
Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).[5] 2014 plädierte die Deutsche 
Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in einer Kurzanalyse dafür, Madrid 
solle "auf eine Übereinkunft hinarbeiten", um "dem neuen Staat" - gemeint war 
Katalonien - "entgegenzukommen".[6] Das Plädoyer für die Abspaltung Kataloniens 
entspricht alten Vorstellungen deutscher Strategen, denen zufolge es für 
Deutschland nur vorteilhaft sein könne, separatistische Kräfte in anderen 
Staaten zu fördern - denn damit würden auch Konkurrenten der Bundesrepublik, 
etwa Frankreich, erheblich geschwächt.
Sorge um die Machtbasis
Zuletzt sind allerdings eher besorgte Stimmen zu hören gewesen. Der 
katalanische Separatismus, der immer wieder Rückendeckung in Deutschland fand, 
stürzt den spanischen Staat aktuell in eine tiefe politische Krise. Diese kommt 
zur ökonomischen Krise hinzu, die ungebrochen weiterschwelt und auf lange Sicht 
- ähnlich wie die Krisen in Griechenland und Italien - eine Gefahr für den Euro 
und die EU ist. Damit droht sich der katalanische Sezessionskonflikt zu einem 
weiteren Brandherd in der krisengeschüttelten EU zu entwickeln, der den 
Staatenbund empfindlich schwächen könnte - zu Lasten der deutschen Weltpolitik, 
die in ihrer aktuellen Konzeption auf eine kontinentale Basis, die EU, 
angewiesen ist.


[1] S. dazu Ein positives Ungarn-Bild 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58355>.
[2] S. dazu Der Zentralstaat als Minusgeschäft 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58391> und Krisenprofiteure 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58475>.
[3] S. dazu Europa der Völker 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57038> und Völker ohne 
Grenzen <http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59207>.
[4] S. dazu Sprachenkampf 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57034>.
[5] Kai-Olaf Lang: Katalonien auf dem Weg in die Unabhängigkeit? Der Schlüssel 
liegt in Madrid. SWP-Aktuell 50, August 2013.
[6] Cale Salih: Catalonia's Separatist Swell. DGAPkompakt No 12, October 2014. 
S. dazu Ein inoffizielles Plebiszit 
<http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59178>.




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