http://www.paulofreirezentrum.at/artikel.php?Art_ID=54 [27.Oktober 2007]


Solidarökonomie: Kongress in Österreich?!


Solidarische Initiativen, wie Ökodörfer, Regionalwährungen,
selbstverwaltete Räume oder Volksküchen, gibt es auch hierzulande. Am
19. und 20. Oktober 2007 begannen die Vorbereitungen für einen Kongress
zum Thema Solidarökonomie in Österreich im kommenden Jahr.

Do 25. Okt 2007 | Simone Grosser        


Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Mit Wettbewerbsdenken,
Konkurrenzkämpfen, individualistischer Ellbogentaktik. Dies bringt
Folgen wie soziale Ungleichheit, Armut und Ausbeutung mit sich. Das
alleine ist schon bedenklich. Noch bedenklicher ist aber das sich breit
machende Gefühl der lähmenden Ohnmacht, der Unfähigkeit etwas dagegen
tun zu können.

Die Solidarökonomie erobert die Welt…

Die Vorstellung, dass ein gemeinsames, solidarisches Wirtschaften mit
demokratischen und partizipativen Entscheidungsprozessen möglich ist,
wird im kapitalistisch geprägten Denken schnell für unmöglich gehalten.
Und doch existieren weltweit Alternativen in unterschiedlichen Formen
und unter verschiedenartigen Begriffen, die sich den Kampf gegen den
"Turbokapitalismus", wie ihn Franz Nuscheler bezeichnet, auf die Fahnen
schreiben.

Eine davon nennt sich Solidarökonomie. Mit ideologischen Wurzeln in der
sozialistischen Kapitalismuskritik, bekommt sie seit den 1980er Jahren
wieder vermehrt Gehör. Das Ministerium für Economía Solidaria in
Venezuela, Veranstaltungen zur Solidarity Economy auf den Philippinen,
das Nationalsekretariat für Economia Solidária in Brasilien oder der
Kongress zur Solidarökonomie in Deutschland sind nur einige Signale, die
das Auftauchen dieser neuen/alten Wirtschaftsform bezeugen.

…und auch Österreich.

Am 19. Oktober 2007 wurden im 7. Wiener Bezirk die ersten Weichen
gelegt, um auch in Österreich "solidarische Zeichen" zu setzen und für
das kommende Jahr einen Kongress zum Thema zu veranstalten. In den
Räumlichkeiten des Lokals "Depot" fanden sich an die 50 interessierte
TeilnehmerInnen ein, um den Worten der eingeladenen ReferentInnen zu
lauschen und eigene Meinungen kundzutun. Impulsreferate kamen von Dagmar
Embshoff aus Deutschland (Mitorganisatorin des Kongresses "Wie Wollen
Wir Wirtschaften?" 2006 in Berlin), Arno Uhl (Kostnixladen, TÜWI), Utta
Isop (AG Sol-Ök 2008) und Karl Reitter (Netzwerk Grundeinkommen,
Zeitschrift grundrisse).

Was am Freitag geschah

Dagmar Embshoff erzählte von dem Kongress in Deutschland
<http://www.solidarische-oekonomie.de>, der über 1400 Menschen
zusammenbrachte und sich folgende Ziele setzte: Bekanntmachung des
Begriffes solidarische Ökonomie; Sichtbarkeit von solidarischen
Initiativen; Zusammenführung und Motivation von AkteurInnen. Sie
definierte Solidarität als gegenseitige Unterstützung auf lokaler und
globaler Ebene inklusive des zentralen Elements der ökologischen
Nachhaltigkeit. Ökonomie sei im weitesten Sinne ein System zur
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, ohne gewinnstrebenden Aspekt.

Arno Uhl berichtete von verschiedenen Projekten in Wien. Eines davon ist
der von WEG (wertkritische emanzipatorische Gegenbewegung) gegründete
Kostnixladen <http://www.umsonstladen.at> im fünften Bezirk. Dort kann
jedeR alle möglichen Gegenstände, von Kleidung bis Küchengerät,
abliefern und jedeR darf unabhängig davon, ob er/sie etwas bringt, Dinge
mitnehmen – allerdings nicht mehr als drei Stück pro Tag. Der auf der
Überschussproduktion der kapitalistischen Gesellschaft aufbauende Laden,
werde nur durch das persönliche, unentgeltliche Engagement der
MitarbeiterInnen am Leben erhalten.
Als weiteres Beispiel brachte er das seit zwei Jahren selbstverwaltete
"Beisl" TÜWI in der Nähe der Universität für Bodenkultur.
Schwierigkeiten dabei sei vor allem der hohe Druck, den man als
Eigentümer und Arbeiter in einer Person ausgesetzt sei.

Uta Isop berichtete von der fünfköpfigen Impulsgruppe, die sich - seit
dem Kongress in Berlin - eine ähnliche Veranstaltung in Österreich zum
Ziel setzt und forderte die Anwesenden auf, sich anzuschließen.

Karl Reitter appellierte, sichtlich persönlich bewegt, für ein
bedingungsloses Grundeinkommen und sah dieses als Möglichkeit für die
Solidarökonomie. Er warnte allerdings vor Blauäugigkeit und wies auf
folgende Problematik hin: einerseits können AkteurInnen von der
solidarischen Produktion oft nicht leben; andererseits birgt der
wirtschaftliche Erfolg aber mitunter die Gefahr des Wandels zu einem
kapitalistischen Unternehmen in sich.

Der Abend klang mit einer regen Diskussion aus. Unter anderem berichtete
Dagmar Embshoff Interessantes von ihrem Ökozentrum in Verden
<http://www.oekozentrum.org> und Marianne Schallhas von der
Arbeitsgemeinschaft "Gerecht Wirtschaften" erläuterte Gedanken des
chilenischen Sozialwissenschafters Luis Razeto Migliaro.

Was am Samstag geschah

Der nächste Tag (20.Oktober) stand ganz im Zeichen der Vorbereitung des
österreichischen Kongresses. Die Impulsgruppe lud zu einem ganztägigen
Workshop in die katholische Sozialakademie ein. Ungefähr 20 Personen,
mit unterschiedlichen Hintergründen und Interessen, debattierten über
mögliche Themen des Kongresses, die verschiedenen Organisationsschritte
und die Art der Einbindung von solidarökonomischen Prinzipien in die
eigenen Arbeitsprozesse. Bei Kaffe und Kuchen vor Ort und bei einem
gemeinsamen Mittagessen im Deewan konnten Erfahrungen und Kontakte
ausgetauscht, sowie mögliche Veranstaltungen anvisiert werden.

Nächstes Treffen

Das nächste Treffen findet am 10. November 2007 um 13:00 Uhr in der
katholischen Sozialakademie (Schottenring 35/DG) statt und ist offen für
alle. Weiters besteht die Möglichkeit der Kontaktaufnahme unter
folgender Adresse: [EMAIL PROTECTED]
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Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert
Kultur- und Sozialanthropologie sowie Portugiesisch./
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