via rohrpost

>Hallo,
>
>aus der aktuellen Ausgabe der springerin 
>(http://www.springerin.at/de) ein Text über 
>Geert Lovink und die Suche nach einer aktualisierten Netzkritik
>
>Gruss,
>
>Krystian
>
>Berliner Gazette e.V.
>Schoenhauser Allee 141a
>D - 10437 Berlin
>[EMAIL PROTECTED]
>www.berlinergazette.de
>
>
>Fuchs unter Igeln
>Geert Lovink und die Suche nach einer aktualisierten Netzkritik
>
>Roman Schmidt
>
>Isaiah Berlin wusste im intellektuellen Feld 
>Füchse von Igeln zu unterscheiden. Dem 
>griechischen Lyriker Archilochos entwendete er 
>das obskure Diktum, ein Fuchs kenne viele Dinge, 
>ein Igel dagegen nur ein großes. Igel sind, 
>zoologische Einwände hintangestellt, auf 
>Kohärenz bedachte Reduktionisten, Füchse indes 
>sammelnde, nomadische Pluralisten. Igel wie 
>Hegel treiben Geschichtsphilosophie, Füchse wie Montaigne schreiben Essays.
>
>Isaiah Berlins Essays lagen auf Geert Lovinks 
>Schreibtisch, als ich den Internettheoretiker am 
>Berliner Wissenschaftskolleg interviewte, wo er 
>gerade an seinem neuen Buch schrieb. Nun ist es 
>erschienen, und wen wundert es, dass es sich wie 
>das Arbeitstagebuch eines Fuchses liest?
>
>Lovink setzt mit »Zero Comments« seine »studies 
>into critical internet culture« fort, wie er die 
>routinierten Streifzüge durch die Szene der 
>»Netzkritik« nennt, an deren Herausbildung er 
>seit den späten 1980er Jahren wesentlich 
>beteiligt war. Bereits in »Dark Fiber«, 2001 
>veröffentlicht, kollagierte Lovink 
>Mailinglisten-Diskussionen, verstreut 
>veröffentlichte Interventionen, Reisenotizen, 
>Lektüreberichte und Theoriefragmente aus zehn 
>Jahren. Damit war der Stil gefunden, der sich in 
>»My First Recession« (2003) und nun in »Zero 
>Comments« fortsetzt: Als teilnehmender 
>Beobachter sucht der »Net-Squatter turned 
>Institutsgründer«[1] im Rauschen der Listen und 
>Kongresse nach »Kristallen der Netzkritik« 
>(Lovink), die er für ein dankbares Publikum in 
>Academia, Kunstbetrieb und interessierter 
>Öffentlichkeit in Buchform aufbereitet.
>
>Von seinem letzten Buch aus zurückblickend wird 
>deutlich, welche Verschiebungen des politischen 
>und technologischen Kontexts sich in den letzten 
>zehn Jahren, etwa gegenüber der Gründung von 
>Next5Minutes und nettime, ereignet haben. Der 
>Diskursmix aus taktischem Mediengebrauch, 
>»Economy of Friendship« und partizipativer 
>Radiotheorie, der das junge Medium ins 
>messianische Licht tauchte, ist längst 
>Business-Modell. Hinter dem Rücken der 
>virtuellen Intellektuellen beziehungsweise 
>abseits ihrer Klickpfade wurde das Internet zu 
>einem Alltagsmedium, das mehr als eine Milliarde 
>Menschen nutzen und kostenlos mit Content 
>füllen. Mit dem Erfolg großer »Social 
>Internet-Dienste« wie Facebook, YouTube oder 
>Blogspot werden fast beiläufig zwei Pfeiler der 
>großen Netzerzählung unterspült: statt 
>ambitionierter DIY-Ästhetik sind die NutzerInnen 
>glücklich über Wordpress’ 
>5-Minuten-Installation, wählen zwischen blumig 
>oder minimal, zwei oder drei Spalten, und 
>starten ihren neuen Blog; der entsteht in der 
>Regel in der Muttersprache, und überhaupt 
>erscheint, trotz fortbestehender digitaler 
>Spaltung, inzwischen deutlich weniger als ein 
>Drittel des online Veröffentlichten auf 
>Englisch. Von wegen lingua franca. Dass solche 
>Transformationen Konsequenzen für Theorie und 
>Praxis kritischer Netzkultur haben müssen, ist 
>die wichtigste Botschaft von »Zero Comments«, gerade auch an Geeks.
>
>Für Lovink ist es Zeit, die Nischen der 
>Internetsubkultur zu verlassen. Das gilt auch 
>für die gegenwärtige Medien- und Netzkunst, die 
>in »Zero Comments« ebenso schlecht wegkommt wie 
>zur Zeit überall. Sie sei, meint Lovink, 
>unkritisch, maschinistisch und in ihren ewigen 
>Betastadien isoliert. Während die Medienkunst 
>noch an »heiligen, barocken 3D-Installationen« 
>bastelte, zogen die Menschen und ihre 
>Bedürfnisse, säkular und mobil, mit Web 2.0, 
>Handy und iPod an ihr vorbei. Was bleibt? Lovink 
>empfiehlt der Medienkunst, ihr Label aufzugeben, 
>die Festivals wie transmediale und Ars 
>Electronica zurückzulassen und sich starke, 
>lokale Partner zu suchen, in die sie sich als 
>kritisches »Materialbewusstsein« einbringen 
>kann. Medienkunst hatte als transitorisches 
>Genre ihre Zeit, sie wird unter der Feder des 
>radikalen Pragmatisten Lovink zur Propädeutik 
>über die Tücke des digitalen Objekts.
>
>»Zero Comments« widmet sich auch dem 
>Zusammenhang von Entwicklungszusammenarbeit und 
>digitaler Kultur: Ein langer Arbeitsbericht 
>rekonstruiert die konkreten Erfahrungen und 
>Probleme mit Sarai.net in Delhi, dem äußerst 
>erfolgreichen Liebling vieler NetzkritikerInnen. 
>Ein anderer Aufsatz nimmt dann den Weltgipfel 
>der Informationsgesellschaft 2005 zum Anlass für 
>eine NGO-Kritik aus »Bewegungsperspektive«. Hier 
>wie auffällig oft in Lovinks neuem Buch stehen 
>letztlich Fragen der Organisation und 
>Interessenvertretung prekarisierter 
>KulturarbeiterInnen zur Debatte. Gerade weil 
>Lovink des Leninismus völlig unverdächtig ist, 
>darf es als Indikator gelten, wenn er zur 
>Revision der lange angesagten taktischen 
>Medientheorie aufruft und an die Stelle ihrer 
>ephemeren Allianzen Ned Rossiters Theorie 
>»organisierter Netzwerke«[2] setzt, der das 
>Abschlusskapitel von »Zero Comments« gilt. Auf 
>dem Spiel steht dabei nicht weniger als die 
>Frage, wie Netzwerkstrukturen zu denken sind, 
>die postrepräsentative, postidentitäre 
>Gesellschaften zu tragen vermögen. Dass dies 
>nicht nur ein demokratietheoretisches, sondern 
>auch ein ästhetisches Problem bedeutet, 
>verdeutlicht Lovink, indem er auf die Kartierung 
>und Darstellbarkeit von sozialer Komplexität 
>eingeht und sich für eine »gestreute Ästhetik« 
>(distributed aesthetics) einsetzt.
>
>So vage Geert Lovinks Gedanken in diesen Fragen 
>bleiben (müssen), so bestimmt rüttelt er an den 
>Fundamenten des techno-libertären 
>Internetmythos. Die »Ideologie des free« zu 
>demaskieren, ohne in die Logik der 
>Gutenberg-Ökonomie zurückzufallen, ist die 
>konkrete Aufgabe, die für eine Kritik der 
>Kritik, wie Lovink sie leistet, nun ansteht, 
>denn: »Die Internet-Ideologie macht uns blind 
>dafür, was wir eigentlich zahlen, während wir 
>uns überglücklich der Geschenk-Ökonomie des 
>›free‹ anschließen«. Es müssten zunächst 
>ökonomische Modelle entwickelt werden, die 
>»ambitionierten Amateuren« erlauben, von ihrer 
>Arbeit im Web zu leben. Allein, was tun? Google 
>vergesellschaften? Verwertungsgemeinschaften für 
>YouTube? Das bleibt einstweilen des 
>Internettheoretikers Geheimnis. Denn seine 
>problemeröffnenden Essays hören immer dann auf, 
>wenn die virulenten Meme zusammengetragen und 
>die richtigen Fragen gestellt sind. »Zero 
>Comment« macht dabei keine Ausnahme. So ist das mit den Füchsen.
>
>P.S. Im Übrigen geht es in »Zero Comments«, dem 
>Titel nach sogar hauptsächlich, um Blogs. Lovink 
>beschreibt deren AutorInnen als »digitale 
>NihilistInnen«, radikale PluralistInnen, die den 
>Glauben an die Medien verloren haben und mit 
>ihren mikro-heroischen Akten am Untergang der 
>Rundfunkmedien mitschreiben. Die Diskussion dazu 
>findet sich natürlich im Netz.[3]
>
>1 Krystian Woznicki, Zur Sache an sich jetzt, in: springerin 1/2007, S. 14.
>2 Ned Rossiter, Organized Networks. Media 
>Theory, Creative Labour, New Institutions, Rotterdam 2006.
>3 Vgl. http://www.technorati.com/search/Lovink+Blogging
>
>Geert Lovink, Zero Comments. Blogging and 
>Critical Internet Culture, New York/London 2007. 
>Das Buch erscheint Anfang 2008 auf Deutsch bei Transcript, Bielefeld

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