+++Die Gegenwart der Zukunft - Strategische 
Vorüberlegungen zu Paraflows 08: Utopia+++

//Utopien als Gegenwartsentwürfe. Zur 
diagnostischen Bedeutung der utopistischen Kulturtechnik//

„The future is unwritten“ – und weil sie das ist, 
verändert sie sich ständig als Horizont von 
Geschichte, die selbst wiederum aus Veränderung 
besteht. Als Wunschprojektion in diese Zukunft 
ist der utopische Entwurf stets Bestandteil jener 
Gegenwart, in der er sich verfasst. Denn 
eigentlich erzählen die Utopien der Vergangenheit 
in erster Linie von ihrer Entstehungszeit: von 
jenem selbst wiederum geschichtlichen 
Vorstellungsraum, der jeweils zwischen Ökonomie, 
Ideologie und Theoriebildung entsteht. Dort 
ergeben sich Wünsche und Sehnsüchte, Hoffnungen, 
Erwartungen und Befürchtungen. So spielte z.B. 
die Geschlechterfrage in den idealen 
Gesellschaftsentwürfen der historischen 
Aufklärung meist dieselbe Rolle wie in deren 
gesellschaftlicher Praxis: nämlich keine. 
Feministische Utopien (wie ebenso die misogynen 
Dystopien bürgerlicher Männer) gab es erst seit 
dem Einsetzen der Emanzipationsbewegung.

Utopien sind insofern nicht unbedingt 
Zukunftsentwürfe, sondern sie lassen sich als 
Gegenwartsentwürfe lesen. In der Geschichte des 
utopischen Vorstellungsvermögens erzählt sich 
menschliche Bewusstseinsgeschichte: als Abfolge 
der Zukunftsprojektionen jeweiliger Gegenwarten. 
– Dass sich die Zukunft von gestern im Heute 
meist besonders verstaubt ausnimmt, wissen wir 
bereits von der Wiederausstrahlung uralter 
Science-Fiction-Serien. Und ebenso, dass sich 
z.B. „Raumpatrouille Orion“, „Mondbasis Alpha 1“ 
oder „Flash Gordon“ anhand ihrer futuristischen 
Entwürfe hinsichtlich Mode, Haartracht, 
Inneneinrichtung und technologischem Design recht 
genau datieren lassen. Ebenso kehren die 
machtpolitischen Konstellationen ihrer jeweiligen 
Gegenwart stets in mehr oder weniger chiffrierter Form wieder.

Die Gegenwartsgebundenheit von Utopien zeigt sich 
nicht nur daran, dass – wie Rolf Schwendter 
gemeint hat – das verstärkte Erscheinen 
utopischer Denkmodelle immer an ein krisenhaftes 
Moment geknüpft ist: etwa als Zusammenhang der 
Massenproduktion an utopischen Entwürfen im 19. 
Jahrhundert mit den Krisen des sich entfaltenden Kapitalismus. 1)

Und dennoch: Utopien beurlauben sich 
vorübergehend von der Realität generierenden 
Macht der Verhältnisse. Sie errichten zu diesem 
Zweck gedankliche bzw. fiktionale Räume, in denen 
Szenarien eines Anderswerdens entstehen und 
erscheinen können. Die Tatsache der Utopie ist 
damit selbst bereits utopisch, indem die Utopie 
(egal welchen Inhalts) kein Bestandteil der 
physischen Welt ist, sondern deren Abbildung 
unter den psychischen Prämissen des Begehrens. 
Der Realität bleibt sie dabei aber insofern 
verhaftet, weil sie in ihr einen Mangel 
vorfindet, der die utopische Phantasie in Gang 
bringt. Das „Was wäre, wenn…“, mit der sich das 
utopische Gedankenspiel eröffnet, ist ein 
Konjunktiv, der sich von einem gegebenen Sein ableitet.

Solchermaßen erhält sich im Modus der 
(fiktionalen) Veränderung die Realität, eben als 
ihr Anlass und als ihr Bedingungsgefüge. Die 
Utopie entsteht immer schon im Koordinatensystem 
eines historisch bedingten, also konkreten 
Vorstellungsvermögens. Und dieses 
Vorstellungsvermögen setzt sich u. a. zusammen 
aus zeitgebundenen ideologischen Prämissen und 
geschichtlichem Erfahrungsmaterial.

In der Utopie zeigt sich, was schon gedacht, aber 
noch nicht gemacht werden kann, – und beides, 
das, was gedacht, und das, was gemacht werden 
kann, sind Aggregatzustände von „Realität“ als 
spezifische Schnittstelle von psychischer und 
physischer Welt. Die Utopie ist Gedankenspiel, 
Traum oder Traumarbeit, Wunschbild, Phantasie, 
Science Fiction, Vision – aber all diese Formen 
psychischer und/oder ästhetischer Fiktion 
entnehmen ihr Material der Wirklichkeit, der sie 
entspringen. Und die ist wiederum nur eine 
soziale Übereinkunft, also geschichtlich. Genau wie die Utopie selbst …:

Die Wortgeschichte der Utopie wird gemeinhin mit 
Thomas Morus Text De optimo rei publicae statu 
deque nova insula Utopia von 1516 begonnen. Morus 
schildert dort (im Rahmen eines fiktiven 
Reiseberichts) die sozio-politische Ordnung der 
fernen und noch unbekannten Inselwelt „Utopia“, 
in deren Namen sich das Uneingelöste dieser 
Ordnung – ihr Noch-nicht – bekundet. Morus ideale 
Gesellschaftsform wird hier als „Nicht-Ort“ (so 
die wörtliche Übersetzung von „Utopia“) 
gekennzeichnet. Zugleich stiftet Morus einen 
Neologismus, der es möglich macht, Orte als Nicht-Orte zu denken.

Als „Nicht-Orte“ bzw. „Unorte“ gelten solche 
Orte, die aus der Ordnung der Orte – verstanden 
als die verräumlichte Ordnung einer bestimmten 
historischen Gegenwart – herausfallen. Es sind 
Orte, in denen jene Machtbeziehungen, die die 
Ordnung der Orte hervorbringen, nicht gelten, 
möglicherweise weil sie als Orte aufgegeben oder 
schlicht vergessen wurden. Sie sind damit Orte, 
die sich der Verwertbarkeit entziehen, Brachen 
oder weiße Flecken in einem als Stadt oder Raum 
manifestierten Sinn, Leerstellen im diskursiven 
Gewebe. Als desintegrierte oder unbespielte bzw. 
unbespielbare Orte sind Nicht-Orte 
Freiheitsmomente. Ihre Leere ist voll gesogen mit 
Freiheit, verstanden als die Abwesenheit von 
diskursiven oder anderen Herrschaftsbeziehungen 
(und nicht als wertförmiger Schlüsselbegriff der liberalen Ideologie).

Gerade weil Morus sein Utopia als Nicht-Ort 
ausgewiesen hat, als phantasmatischen Raum und 
als künstliches Produkt des menschlichen Geistes, 
der sich vorübergehend von der realitätsmächtigen 
Verpflichtung auf das, was ist, befreit, konnten 
sich in ihm ganz unterschiedliche Traditionen 
zusammen schließen. Im Zusammenschluss bilden sie 
einen historisch neuen Topos aus, der durch seine Nichtexistenz bestimmt ist.

In die Vorstellung der Inselwelt „Utopia“ ist zum 
einen die literarisch-philosophische Tradition 
politischer Idealstaatsentwürfe eingegangen. Sie 
führt von Platons Politeia über Euripides 
Panchaia zu Theopompos Meropis (all diese 
Entwürfe entstehen im Vollzug explizit politischer Gesellschaftsmodelle).

Zum anderen bezog er explizit oder implizit 
Motive volkstümlicher oder religiöser Erzählungen 
ein. Hierzu gehört das Schlaraffenland des 
Märchens; die Wiederkunft des Kaisers Barbarossa 
der Volksmythen; die utopischen Jenseitswelten 
der christlichen Metaerzählung, in der irdische 
Mühsal endlich aufgehoben würde; die 
Gerechtigkeitsrhetorik der aufständischen Bauern des Mittelalters usw.

Morus synthetisiert diese Momente. Es geht ihm 
dabei nicht darum, das Bestehende in einer Weise 
umzudenken, die die Möglichkeit ihrer 
unmittelbaren Realisierung enthält. Bekanntlich 
endet seine Schilderung mit der Feststellung, 
„daß es in der Verfassung der Utopier sehr vieles 
gibt, was ich in unseren Staaten eingeführt sehen 
möchte. Freilich ist das mehr Wunsch als Hoffnung.“ 2)

Die Utopie ist in ihrem Ursprung also keineswegs 
das Architekturmodell einer besseren Welt, 
sondern sie ist als Anklageschrift aufzufassen: 
Dass diese Welt nicht einfach in jene verwandelt 
werden kann, ist der Skandal, den sie benennt.

Die Utopie formuliert damit eigentlich einen 
Mangel, an dem sich das Begehren entzünden soll. 
Und verbleibt damit doch im Horizont des 
aufklärerischen Mangel-Primats. Denn als Mittel 
zum Zweck ist die produktive Kraft des Begehrens 
keineswegs frei geschalten. Sie ist eingebettet 
in teleologische Bezüge, in 
Abhängigkeitsverhältnisse und transzendente 
Sinnkonstruktionen. In ihnen soll Begehren nur 
diejenige Form sein, in der sich der Mangel 
darstellt. Damit reduziert der Mangel das 
Begehren zum Symptom – dies ist der 
Konvergenzpunkt der modernen Pädagogik mit der 
Psychoanalyse und dem christlichen Menschenbild. 3)

Für den Utopismus bedeutet dies: Der Wunsch ist 
das Differenzkriterium zwischen der gegebenen und 
einer in der Vorstellung möglichen Gesellschaft. 
Und dennoch fällt das utopische Begehren nicht 
einfach mit dem Mangel zusammen, der es 
hervorgebracht hat. Dies wird gerade deshalb 
möglich, weil sich das utopische Modell gegen 
seine sozialtechnokratische Umsetzung sperrt. Es 
ist eben nicht einfach nur zu verwirklichender 
Plan und muss sich daher auch nicht im 
pragmatischen Dispositiv der frühkapitalistischen 
Ordnung auf seine Tauglichkeit bzw. 
Untauglichkeit hin befragen lassen. (Wo dies 
dennoch geschieht, ist es eher der Ausdruck jener 
Angst bestehender Machtverhältnisse vor dem eigenen Verschwinden).

Die Utopie kann ebenso wenig verifiziert oder 
falsifiziert werden wie ein Kunstwerk. Als 
autonomes Artefakt und als Produkt des autonomen 
menschlichen Geistes folgt sie ästhetischen 
Regeln, nicht denjenigen praktischer Politik. 
Vergleichbar einer Sexualphantasie ist sie auf 
ihre momentane Unumsetzbarkeit angewiesen, auf 
jenes phantasmatische und phantastische Moment 
4), dem in der gültigen Wirklichkeitskonstruktion 
kein Ort zukommt. Gerade aus diesem Umstand 
beziehen sowohl Utopie als auch Sexualphantasie die ihnen eigene Intensität.

Und gerade weil sie selbst eben nicht unmittelbar 
deren Bestandteil ist, kann Utopie „Wirklichkeit“ 
umso schonungsloser ins Blickfeld rücken. Das 
Phantastische formuliert insofern – und nicht von 
ungefähr im Ursprungspunkt der modernen 
Autonomieästhetik – einen exterritorialen Punkt 
in dieser „Wirklichkeit“, von dem aus erst der 
Überblick über diese gewonnen werden kann.

Nicht zuletzt weil ihre Perspektive dergestalt 
die Draufsicht bzw. die Totale ist, haftet der 
Utopie etwas Totalitäres oder Totalisierendes an 
– was ihr AntiutopistInnen ja auch oft zum 
Vorwurf gemacht haben. Aber erst diese Totale 
ermöglicht die radikale Kritik gesellschaftlicher 
„Wirklichkeit“ als solche, die selbst wiederum 
eine Totalität darstellt. Und nur eine dergestalt 
radikale Kritik weist über den punktuellen 
Reformismus hinaus, der sich nach den Maßgaben 
des Realismus mit „Wirklichkeit“ bereits 
unauflöslich eingelassen hat und nur ein Mehr-Desselben bleibt.

Zu Morus Zeit war die Weltkarte (von der man/frau 
eben erst gelernt hatte, dass sie nur die 
zweidimensionale Repräsentation eines 
dreidimensionalen Körpers darstellt) noch selbst 
von Unorten durchsetzt: von fernen, 
unerschlossenen und unentdeckten Gefilden, die 
der Vorstellung vom „Anderen“ Nahrung gaben. In 
deren kategoriale Unbestimmtheit ließ sich das 
Begehren eintragen: Eldorado – 
geheimnisumwittertes Goldland; Utopia – fernes Gesellschaftsparadies usw.

Mit der fortschreitenden Kartografierung der Erde 
löste sich das Begehren vom ausgekundschafteten 
Raum und band sich an eine neu entdeckte 
Kategorie der menschlichen Existenzweise: die 
Zeitdimension. Denn: die expansive Weise, in der 
der abendländische Mensch auf dem Globus 
fortschritt, ließ sich ja auf die Zeitachse 
übertragen. Die Zukunft war demzufolge nicht 
länger Kontingenzmoment oder Erfüllungsort eines 
vorgebahnten Schicksals, sondern sie war das 
Unbekannte: ein zu eroberndes Territorium.

Erst im geschichtsphilosophischen Diskurs der 
Aufklärung verbindet sich das geschichtsmächtige 
Moment menschlichen Daseins mit dem Versprechen 
auf Zukunft. Beide werden im Begriff des 
„Fortschritts“ amalgamiert – und am Horizont 
erscheint bereits Hegels Reformulierung des 
hellenischen Weltgeistes. Fortschritt – für Oscar 
Wilde „the realisation of Utopias" 5) – meint 
künftighin jenen Weg, der in dieses unwirtliche 
und abweisende Territorium gebahnt werden muss.

In der noch ausstehenden Geschichte konnte noch 
einmal jenes Unbekannte verankert werden, das in 
Morus Utopie noch im Nebel der Entfernung zu 
haben war. Die Entfernung wurde damit 
gewissermaßen verzeitlicht, und erst in der 
späten „Zukunft“ des beginnenden 20. Jahrhunderts 
eröffnete sich in der Zeit ein neuer Raum als 
schier unendlicher Möglichkeitsraum, der dem 
utopischen Vorstellungsvermögen als Nährboden 
dienen konnte: der Weltraum mit seiner Unzahl an 
vorstellbaren Zivilisationen. Das seither 
etablierte Genre der Science Fiction hat 
zahlreiche Zivilisationsutopien in den 
„unendlichen Weiten“ (wie es programmatisch im 
Intro der Folgen der „Star Trek“-Saga heißt) dieses Raums angesiedelt.

Die Aufklärung stiftete mit dem Fortschritt eine 
neue Denkfigur: die Eroberung der eigenen Zukunft 
als menschheitsgeschichtliches Projekt. Die 
Zukunft des Menschen wurde so zum säkularisierten 
Jenseitsbereich, der den Klauen des Klerus und 
seiner esoterischen Wurmfortsätze entrissen 
worden war. Was die eigene Gegenwart noch 
verunmöglichte, konnte zumindest in der Zukunft erscheinen.

Dass sich die Zukunft als verschieden von der 
Gegenwart und mithin als deren genaues Gegenteil 
denken ließ, war wiederum ein Abfallprodukt der 
jüngeren Geschichte: schließlich erlebten die 
Menschen der Frühaufklärung das Umwälzende der 
menschlichen Erfindungsgabe bereits in einer 
Geschwindigkeit, aus der heraus sich die beinahe 
zwanghafte Vorstellung ergab, die Zukunft müsse 
ein Ensemble gewaltiger und tief greifender 
Veränderungen sein. Es war gerade diese 
Vorstellung von der Unvorstellbarkeit der 
Zukunft, die das frühaufklärerische 
Vorstellungsvermögen auf Trab hielt. Nur wenige 
Generationen zuvor war die Existenz der meisten 
Menschen noch derart statisch verlaufen, dass sie 
es sich nicht einmal hätten träumen lassen, die 
eigenen Kinder könnten in einer Welt leben, die 
wesentlich anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als die eigene.

Indem die Aufklärung die Zukunft als 
Projektionsfläche und Fluchtpunkt aus der noch 
längst nicht optimierten Gegenwart erfand, erfand 
sie zugleich die Zeitdimension des Menschen als 
zusammenhängend, als etwas in sich Sinnhaftes. 
Erst von der Zukunft aus ließ sich Vergangenheit 
verstehen – im Lichte von Imperativen, die sich 
auf jene Zukunft richteten. Das Mittelalter 
konnte z.B. retrospektiv als Ort existenzieller 
Verdunkelung imaginiert werden, als lichtlose 
Epoche, die eben noch nicht erhellt war vom 
Flutlicht der Vernunft und ihrer kategorischen Imperative.

Im Spiegel der Zukunft erschien also – als 
ideeller Rückkopplungseffekt und in Form 
diskursiv erzeugter Rückblenden – die 
Vergangenheit, von der man/frau sich befreien 
wollte, in der man/frau aber auch die 
menschheitsgeschichtlichen Spuren in die Zukunft 
sicherstellte. Die Utopie wurde so das wichtigste 
Vergegenwärtigungsmoment der eigenen Geschichte.

Ebenso zeigte sich die Gegenwart in der Zukunft: 
als ihr Noch-Nicht, als Zeit, in der das 
Versprechen einer besseren, gerechteren und 
geretteten (denn die aufgeklärte Gegenwart 
schrammte ja noch an einem Abgrund aus Religion 
und Unvernunft entlang) Welt schon gegeben, aber 
noch nicht eingelöst werden konnte.

Die Bedeutung der Utopie für die in ihr 
entworfene Gegenwart besteht, wie gesagt, nicht 
so sehr darin, konkreter Plan für eine konkrete 
Zukunft zu sein – auch wenn sich zahlreiche 
Utopien explizit im Bereich der Zukunftsplanung 
verorten, indem sie die komplexen Systeme 
zukünftiger Gesellschaften entwerfen und sogar 
Lösungsvorschläge für angenommene und erwartete Probleme mitliefern.

Aber indem eine Zukunft denkbar wurde, die 
gestaltet war (im Sinne zu sich selbst gekommener 
Vernunft), wurden Probleme der Gegenwart als 
Effekte ihrer konkreten Gestaltung verstehbar: 
Sie waren aus der Struktur der gegenwärtigen 
Ordnung abzuleiten und ihre Behebung bedurfte 
eines Umbaus der gesellschaftlichen Matrix.

Hieraus resultieren die unterschiedlichen 
Annahmen einer Veränderbarkeit von Geschichte, 
wie sie sich sowohl in politischen 
Gestaltungsprogrammen als auch in der Idee der 
Revolution (als die radikalste Form solcher Programme) übersetzten.

Der historisch neue Gedanke der Revolution, der 
erstmals im Zusammenhang mit der 
Durchsetzungsgeschichte der bürgerlichen 
Gesellschaft erschien und später die Grundlage 
kommunistischer und anarchistischer 
Veränderungskonzepte bildete, unterschied sich 
wesentlich von den – gerne als seine Vorlaufsform 
vereinnahmten – Bauernkriegen. Den aufständischen 
Bauern und Bäuerinnen war es meist nur um die 
Wiedereinsetzung von Gerechtigkeit im Sinne eines 
„alten Rechts“ gegangen, um einen Regress in eine 
bessere Vergangenheit, über die FürstInnenwillkür 
sich hinweggesetzt hatte. Die Revolution 
versprach hingegen, die Welt völlig neu zu errichten.

Als Versprechen eines ungekannten Neuen in zu 
erringender Zukunft fügt sie sich allerdings gut, 
vielleicht zu gut, ins bürgerliche Geschichtskonzept.

Weil aber das Utopische, wie oben beschrieben, 
eher ein nebulöser, tagträumerischer, ja, 
pietistischer und zutiefst passiver 
Wunschtraumraum war, der keine konkreten, 
geschichtlich spezifischen Handlungsanweisungen 
generierte, grenzten sich die sozialistischen 
TheoretikerInnen recht bald vom „schafsköpfigen, 
sentimentalen, utopischen Sozialismus“ 6) ab. Dem 
hielten Karl Marx und Friedrich Engels 7) die 
analytische Methode entgegen, aus der, wie sie 
glaubten, einzig das objektive Potential 
erwüchse, die hegemoniale politische Ökonomie zu 
verändern. Sie betonen darin das Vorgängige der 
Ökonomie – und implizit das Gegenwartsbezogene 
der Utopie, die gerade in ihrer frei schwebenden 
Gegenwartslosigkeit nicht über diese hinaus kann.


//Die Kunst als Nichtort//

Kunst hatte seit jeher großen Anteil am 
utopischen Diskurs über die Gegenwart, was sich 
nicht zuletzt auch darin zeigt, dass der längst 
in die Alltagssprache migrierte Begriff der 
„Utopie“ einer literarisch-philosophischen 
Phantasie – eben Morus fiktiver Reiseschilderung 
– entnommen wurde, die wiederum ein eigenes narratives Genre begründet hat.

Das hat v. a. damit zu tun, dass Kunst in der 
bürgerlichen Gesellschaft einen Raum bezeichnet, 
der dem „Anderen“ zugewiesen ist. Sie ist als ein 
Ort konzipiert, der gesellschaftlicher Normalität 
gewissermaßen gegenüberliegt und von dem aus sich 
diese Normalität anders, nämlich vermeintlich unverstrickt, betrachten lässt.

Die viel beschworene Autonomie der Kunst bedeutet 
ja nichts anderes, als dass sie weitgehend aus 
dem Bereich lebenspraktischer Alltagsvollzüge 
ausgegliedert wurde. Sie soll eine Art 
„Sonderwirtschaftszone“ sein und über eine eigene 
Ökonomie verfügen. Ebenso sollen die kulturellen 
Darstellungsformen der politischen Ökonomie – 
Moral, Phantasie, Werthaltungen, das 
Urteilsvermögen, der Bereich des Sinnlichen usw. 
– in ihr anders begründet sein. Das 
Schöne-Gute-Wahre als Eigenmoralität des 
ästhetischen Raumes ist als bewusster Bruch mit 
bzw. als Kontrast zu der Moralität und Logik der 
kapitalistischen Ökonomie gedacht.

Das bedeutet natürlich nicht, dass in diesem 
Kunstraum nicht dieselbe politische Ökonomie 
angetroffen werden kann, von der aus alle 
gesellschaftlichen Teilsysteme organisiert und 
strukturiert werden. Wohl aber, dass ihre 
Verstrickung in diese Ökonomie ein Problem 
darstellt, gegen das bereits viel diskursiver 
Abwehrzauber im Rahmen von Kunsttheoriebildung 
sowie Kunstkritik und -betrachtung aber auch 
öffentlicher Meinung ins Feld geführt wurde. Dies 
geschah um der Illusion willen, der aufgeklärte 
Mensch würde nicht mit seinen sozioökonomischen 
Ermöglichungsbedingungen zusammenfallen, sondern 
könnte eben jene Humanität erlangen, die das 
ökonomisch-politisch konfigurierte Alltagshandeln 
in einem fort in Abrede stellt. Und weil das in 
der realen Welt nicht möglich ist, bedarf es 
zumindest eines irrealen bzw. symbolischen Ortes 
für diese Differenz zwischen Anspruch und „Wirklichkeit“: eben der Kunst.

Die Funktion der bürgerlichen Kunst ist es also, 
das Andere zu denken und in einem isolierten 
Raum, dem Kunstraum, zur Entfaltung zu bringen. 
Sie hat an dieser Stelle das Problem, dass sie 
dieses Andere nur um den Preis ihrer 
gesellschaftspolitischen Folgenlosigkeit zur 
Erscheinung bringen darf. Zwar soll es in der 
Kunst erscheinen dürfen, von hier aus aber 
keineswegs auf die gesellschaftliche Ordnung 
außerhalb des in sich selbst kreisenden 
Kunstsystems durch- bzw. zurückschlagen. Deswegen 
müssen die Grenzen des Kunstsystems sehr gut 
bewacht werden, eine Aufgabe, die der Kunstdiskurs zu leisten hat.

In ihrer Isolation vom gesellschaftlichen Umfeld 
ist die Kunst ein Nichtort. Sie ist es 
ideologisch als die Fiktion eines Raumes, wo die 
grundlegenden Machtbeziehungen des 
Spätkapitalismus nicht gelten sollen, auch wenn 
sie gegenwärtig in Form viraler Diskurse – z.B. 
in der Gestalt von ästhetischem Eventmanagement – 
wieder verstärkt einströmen und das Kunstfeld 
gänzlich zu rekonfigurieren drohen. Und sie ist 
es faktisch als weitgehend von gesellschaftlicher 
Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit entkoppelte 
Sphäre, die umso mehr in Wirkungslosigkeit zu 
versinken droht, je mehr sie sich als kritisches 
Korrektiv inszeniert. Wo Kunst als ein solcher 
Nichtort aber weiterhin über Gesellschaft 
spricht, ist sie per se utopisch, weil aller 
Inhalt in der für Kunst konstitutiven Entkopplung 
vom gesellschaftlich Realen hypothetisch und phantastisch wird.

Das Utopische der Kunst läge somit darin, dass 
sie einen Weltbezug enthält und formiert, der 
zwar fiktional (nämlich auf das künstliche 
Gebilde des so genannten Kunstraums begrenzt) 
ist, aber zugleich das Begehren auf ein anderes 
Leben enthält. Sie ist derjenige zukunftsförmige 
Ort in der Gegenwart, an den sich utopisches 
Denken unmittelbar heften kann und von wo aus 
sich anders in die Zukunft denken lässt. In ihr 
ist – wenn auch nur als ideologischer Trick – die 
schlechte Gegenwart, verstanden als das alles 
durchdringende Diktat der gesellschaftlichen Ökonomie, bereits überwunden.

Kunst ist der Ort vergleichsweise ungefilterter 
Wunschproduktion, was auch heißt, dass sich in 
ihr artikulierte Zukunftsentwürfe – die hier oft 
in ihr Gegenteil: die so genannten „Dystopien“ 8) 
umschlagen – nicht am kapitalistischen Maßstab 
der Verwertbarkeit messen lassen müssen. Anders 
gesagt: Kunst muss nicht gefallen, um zu 
gefallen. Schließlich ist bereits die Tatsache 
der Kunst eine verwertete, d.h. Kunst ist an sich 
immer schon verwertet (in Form ihrer 
ideologischen Funktion), weshalb sie dann auch 
das materiell Wertlose (Müll, Fettecken) in ihre 
Wertschöpfungsketten integrieren kann. Als 
ideeller Wert (d.h. als wichtiger Bestandteil 
bürgerlichen Selbstverständnisses) hat Kunst 
bereits einen materiellen (als Ware), und Kraft 
ihrer ideellen Werthaftigkeit muss es ihr nicht 
mehr auf den in ihren Bestandteilen selbst 
akkumulierten Materialwert ankommen. Der hat sich 
mit der Durchsetzung der ästhetischen Moderne ans Kunsthandwerk durchgereicht.
Dieses ist ihre Ausgangslage, hinter die sie 
nicht einmal symbolisch zurückgehen kann. Kunst 
kann nicht so tun, als wäre sie nicht gerade in 
ihrer spezifischen - ja: justitiablen - Freiheit 
entschieden unfrei, im Sinne eines 
Gesellschaftsanhängsels. Ihre Freiheit ist die 
Freiheit des inneren Exils. Sie wäre andernfalls 
Kitsch (wie in: „Kunsthandwerk“). Aber gerade 
diese Unfreiheit ist dennoch als Freiheitsmoment 
aufzufassen, weil sie jene entscheidende 
Sekundarisierung ermöglicht: Was in ihr gesagt 
und was in ihr getan wird, muss zwangsläufig ein 
Kommentar sein zu jener ersten „Wirklichkeit“. 
Die Möglichkeit eines solchen Kommentars liegt 
gerade in ihrer Distanz, ihrer Nichtteilhabe, 
sprich: ihrem Nichtort-Sein begründet. Das 
oberste Gesetz der bürgerlichen Kunst lautet 
daher: Realität ist woanders – woraus sich auch 
das zwischen seliger Dumpfheit und heilloser 
Panik oszillierende Moment der meisten realistischen Kunstverfahren ergibt.

Die Autonomieform der Kunst besteht also gerade 
darin, selbst nicht absolut autonom sein zu 
können. Ihre Autonomie ist eine relative, abhängige, eine Vermittlungsform.

Zu dieser Vermittlungsform gehört, dass das in 
ihr bearbeitete Material immer etwas 
gesellschaftlich Vorgefundenes ist. Woraus sich 
ergibt, Kunst als permanente Auslegungsarbeit an 
der Gesellschaft zu verstehen, eben weil sie ihr 
Material als Bestandteil des 
Gesellschaftszusammenhangs, der sich in ihm ausdrückt, auffasst.


//Zur Position der digitalen Kultur zwischen Zukunft und Gegenwart//

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich die Frage, 
wie im Rahmen eines Kunstfestivals im Bereich 
„Digitale Kunst und Kulturen“ das Thema „Utopie“ 
verhandelt werden kann. Sicherlich nicht, indem 
digitale Kunst – in Fehldeutung ihrer 
Autonomieform – einfach nur selbst utopische 
Entwürfe formuliert, bessere Zukünfte entwirft 
oder schlicht bebildert und veranschaulicht bzw. 
auf einer sozialplastischen Ebene ins Werk zu setzen versucht.

Digitaler- und Medienkunst wäre, wo sie sich 
einem derartigen Zukunftspathos oder der 
futuristischen Naivität von techno-social 
engeneering hingibt, der Vorwurf zu machen, dass 
sie technokapitalistische Diskurse auf der 
ästhetischen Ebene bruchlos wiederholt.

Zwar mag digitale Kunst zurzeit diejenige Form 
sein, in der sich die Kunst mit dem 
Entwicklungsgang von Gesellschaft nicht nur 
metaphorisch identisch weiß. Denn Digitalität als 
Zukunftserwartung überwölbt gegenwärtig so gut 
wie alle gesellschaftlichen Bereiche. Und die 
Annahme, dass es sich bei den digitalen 
Kulturtechniken der unterschiedlichen 
Gesellschaftsfelder um Schüsselkulturtechniken 
der unmittelbaren Zukunft handeln wird, mag 
aktuell von unerschütterlicher Plausibilität sein.

Diese Zukunftshöhe kann digitale Kunst zu 
Futurismus verleiten, verstanden als dasjenige 
kunstästhetische Programm, das die historischen 
Widersprüche in großformatigen Zukunftsphantasien 
untergehen lässt. – Die futuristischen Bewegungen 
des frühen 20. Jahrhunderts brachten noch einen 
solchen historischen Widerspruch zur 
Artikulation: nämlich den Bruch mit der 
humanistischen Kunsttradition. In der Perspektive 
der Gegenwart entspräche die technoeuphorische 
Haltung des frühen Futurismus jedoch allenfalls 
noch der einsilbigen Vetternwirtschaft von Kunst 
und Ökonomie, die hinter selbst noch die 
begrenzten und verkapselten Möglichkeiten der 
ersten zurückfällt - und Reklame wird.

Die Erwartung von und aus digitaler Kunst etwas 
über zukünftige gesellschaftliche Strukturen und 
Handlungsweisen zu erfahren, speist sich aus 
ihrer vorgeblichen Zukunftshöhe. Die Versuchung 
mag also groß sein, das unterstellte 
prognostische Potential, die 
Zukunftsfeldforschung auszuspielen im Sinne ihrer institutionellen Verankerung.

Zur Krise der digitalen Kultur gehört, dass sie 
sich der medientheologischen 9)Tendenz der 
bürgerlichen Gesellschaft folgend als Ensemble 
medienspezifischer Probleme, Interventionen und 
Innovationen artikuliert und so in genau 
derselben Weise das Problem der Medien nicht in 
den Griff bekommt, wie es ein Großteil der so 
genannten „Medienkritik“ oder der bestehenden Medientheorie 10) nicht vermag.

Medien – als deren aktuell avanciertester 
kunstästhetischer Stand die digitale Kunst sich 
geltend machen kann – generieren dabei sowohl 
utopische als auch dystopische Zukunftsszenarien 
(in denen entweder angenommen wird, dass Medien 
ihre gegenwärtige Funktion als Realitätsmaschinen 
beibehalten werden – oder nicht beibehalten 
werden). Und sie stellen die unhintergehbaren 
Darstellungsmittel des Utopischen bereit. Aus 
dieser Konstellation ergibt sich eine prekäre 
Verschränkung von Medialität und Utopizität. Sie 
mündet mithin darin, Medien als einzige Utopie 
bzw. als einziges utopisches Moment zu begreifen, 
das sich der politischen Ökonomie entgegenstellen 
und auf diese im Auftrag latenter Hoffnungen und 
Wünsche einwirken könne. Zugleich gehen Medien 
jedoch aus eben dieser politischen Ökonomie 
hervor und entsprechen ihr bis ins Detail. 
Wollten sie diese überwinden, müssten sie sich 
also zunächst einmal selbst überwinden.

Wo Medien ihre eigene Medialität allerdings 
einbekennen (und sich nicht auf die 
Abbildfunktion des klassischen Kunstwerks – das 
seine eigene Medialität ja vergessen will – 
verlassen), geraten sie in eine Position, die auf 
das Andere zumindest verweist. Und zwar im Sinne 
des beschriebenen utopischen Gehalts von Kunstwerken.

Die bürgerlichen Informationsmedien werden 
anzunehmender Weise ihrem Erfolgsrezept auch 
weiterhin folgen, das darin besteht, die eigene 
Medialität in der in ihr erzeugten Realität 
verschwinden zu lassen – also gesellschaftliche 
„Wahrheit“ zu produzieren. Dem gegenüber kann die 
Medienkunst in ihrer jeweiligen geschichtlichen 
Form (als Ästhetisierung des gesellschaftlich 
dominanten Medientyps) darauf verweisen, dass 
Medialität eine Abfolge spezifischer Funktionsbeziehungen ist.

Der Bezug auf Technologie als neuer 
Möglichkeitshorizont hat einen Großteil der 
historischen Utopien geprägt, z.B. Francis Bacons 
Neu Atlantis. Bacons Text ist ein früher 
(allerdings Fragment gebliebener) 
Gesellschaftsentwurf auf der Basis des schon 
erahnbaren technologischen 
Veränderungspotentials. Bacon gibt hier der 
bürgerlichen Leit-Utopie eine plastische Form. 
Jener Utopie, die eher die Form eines 
Zukunftsgerüchts, weniger die eines konkreten 
Planes oder Entwurfes hat. Sie erzählt von einer 
freien Gesellschaft auf der Basis umfassender 
technischer Rationalität. Nach Überwindung all 
derjenigen sozialen Probleme, die sich jeweils 
aktuell aus der Entfaltung dieser Rationalität 
ergeben, solle sie sich als Ende von Geschichte 
und als eine Art Kommunismus unter Ausschaltung 
der Klassenfrage wie von selbst einstellen – irgendwann und irgendwo.

Kunst kann, indem sie diese gezielt vage 
Perspektive einer technologischen Erlösung der 
bürgerlichen Gesellschaft von sich selbst (bzw. 
ihr Scheitern in Form dystopischer 
Technozukünfte) in die Anschaulichkeit 
zurückholt, ihre als unbestimmte 
Zukunftsvorstellung hinausgezögerte Einlösung vor 
Augen führen (bzw. deren kapitalistische Unmöglichkeit).

Es geht also für die digitale Kunst nicht darum, 
ein Utopieverbot auszusprechen, wie dies Marx und 
Engels für den Bereich politischer Phantasterei 
und Projektmacherei getan haben. Es geht vielmehr 
darum, in die entworfene Utopie zugleich das 
Wissen um ihre Unmachbarkeit einzufügen. So 
allein kann der Nichtort eben vor jener 
Konkretion bewahrt werden, die ihn an den 
bürgerlichen Verblendungszusammenhang von Medien und Technologie ausliefert.

Allein im Unbestimmten, Übertriebenen, 
Persiflierten, Unrealistischen, Grundlosen oder 
gnadenlos Phantastischen ist eine solche 
Differenz zwischen sozial-ökonomischem 
Zukunftspathos und seiner ästhetischen 
Verarbeitung (als Material) noch möglich.

Denn nur insofern kann es der Kunst gelingen, das 
Zukunftspathos als Moment einer konkreten 
„Wirklichkeit“ auszuweisen. Und zwar indem sie es 
in diejenigen utopischen Zusammenhänge bringt, 
von denen es vorgeblich handelt.

Der Science Fiction gelingt dies bisweilen und 
sie stellt damit die Frage, was uns 
Zukunftsvisionen über unsere Gegenwart erzählen, 
wenn wir diese Gegenwart aus ihrer Einbettung in 
sich selbst herauslösen und in den Rahmen eines – 
nennen wir es: „Zukunftspolaroids“ stellen.

In derlei Strategien kann sich Medienkunst, auch 
da, wo sie von Zukunft träumt, als Unterschied zu 
bürgerlicher Reform-Utopistik positionieren, die 
sich in alternativen Zukunftswunschbildern 
verliert, es aber weder vermag, sich selbst noch 
die von ihr erzeugten Bilder als Effekte 
gesellschaftlicher Machtverteilung zu verstehen.

Dies ist ja der tote Winkel der meisten 
Realutopien: das Nichteinbedenken der eigenen 
klassenspezifischen Existenzweise ihrer UrheberInnen.

Die ästhetische Utopie müsste sich in Absetzung 
hiervon als Verarbeitungsform und vielleicht 
sogar als manipulative Maßnahme (im Sinne der 
Kommunikationsguerilla) gegen jene Wunschökonomie 
verstehen, die letztlich eine gesellschaftliche 
Produktivkraft im Sinne des kapitalistischen 
Produktivitätsparadigmas darstellt. Mittels ihrer 
spezifischen gesellschaftlichen Position als 
teilnehmende Beobachterin kann Kunst die 
zirkulierenden gesellschaftlichen Wünsche und 
Projektionen, ja den gesamten Bereich der 
Zukunftsvorstellungen, als Effekte von Klassen-, 
Rassen- und Geschlechterpositionen lesbar machen. 
Dazu bedarf diese eines Distanzierungsmomentes, 
indem sie sich gerade nicht von der jeweils in 
den utopischen Entwürfen produzierten Euphorie kassieren lässt.


//Individuelle Zukunftsinseln: Von der 
spätkapitalistischen Bonsaifizierung der Utopie//

Die gegenwärtige Gesellschaftslage wird 
vielerorts als umfassende Krise interpretiert, 
was wiederum seinen Niederschlag im forcierten 
Utopismus findet – der Ruf nach 
„unkonventionellen Lösungen“ im Angesicht einer 
Strukturkrise des Konventionellen (in 
ökonomischer, politischer, ja kulturindustrieller Hinsicht) erzählt hiervon.

Zugleich wird der Spätkapitalismus jedoch als 
weit reichender Verlust von Utopie erlebt. Zwar 
ist die spätkapitalistische 
Wirklichkeitsoberfläche durchsetzt von einer 
Vielfalt an utopischen Verheißungen und 
Sinnangeboten, die sich in den unterschiedlichen 
Formen der Populärkultur aussprechen (von der 
Werbung über Popsongs bis zum politischen 
Diskurs). Diese Utopien verstehen sich aber nicht 
mehr als gesellschaftliche Entwürfe, als in die 
Zukunft verlegte Hoffnung darauf, dass das, was 
ist, auch anders sein könnte – in einer 
gesamtgesellschaftlichen Dimension. Es sind 
vielmehr individuelle Hoffnungshäppchen, 
Utopie-Miniaturen, Bonsaifizierungen der großen 
Menschheitsträume – und eine grelle Parodie von 
Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ 11)

Es geht hier eben nicht mehr um Szenarien etwa 
einer anderen Güterverteilung, sondern um die 
persönliche Vorteilnahme im Chaos aufeinander 
prallender pursuits of happiness. Utopie als 
fiktionale Gesellschaftsveränderung wurde somit 
pulverisiert zu spezifischen Zukunftsangeboten, 
die sich im Kategorienrahmen von Angebot und Nachfrage konstituieren.

Hier taucht der Begriff der „Utopie“ (jenseits 
des Wirtschaftsjargons) allenfalls noch als 
individuelles Regressionsmoment auf, wie es sich 
in Buchtiteln wie Heimat als Utopie 12) ausspricht.

Auf einer metaphorischen Ebene wird damit die 
Utopie aus der Zukunft (wo sie in der Regel den 
gesamten Zivilisationsraum meint) zurückgebracht 
auf jene Inseln, auf denen sich Platons und Morus 
Utopien vorfanden. Die individualisierten Utopien 
von Sicherheit und privater Altersvorsorge, von 
beruflichem Erfolg und häuslichem Glück, von 
nationalstaatlicher Wirtschaftsmacht und 
undurchlässigen Wohlstandsgrenzen meinen nur noch 
individuelle Zukunftsinseln in jener schweren 
See, die kapitalistische Ökonomie zu sein 
begehrt. Es sind sichere Privathäfen im 
Ungewissen, die in Politik und Kultur die Stelle 
der utopischen Hypothese eingenommen haben.

Auch die historischen Utopien waren, wie Rolf 
Schwendter bemerkt hat, an Privilegien geknüpft: 
„In den vergangenen Blütezeiten der 
Utopienproduktion, etwa im 18. und 19. 
Jahrhundert, war es nur Intellektuellen und 
einigen wenigen Autodidakten, wie dem 
Schneidergesellen Wilhelm Weitling, möglich, ihre 
Wunschbilder schriftlich auszuarbeiten und 
dadurch weiterzuvermitteln 13). Ihr Kennzeichen 
war es aber, dass sie – zumindest in der 
Intention ihrer VerfasserInnen – ihren 
privilegierten Entstehungsraum überwinden 
wollten. Sie waren imaginierte 
Menschheitsprojekte – und als solche schrieben 
sie sich in ihre Gegenwart ein: als Bewusstsein 
eines über den individuellen Anspruchsrahmen 
hinausgehenden Veränderungswunsches.


//Nichtorte zwischen Utopie und Dystopie: die Wiener Flaktürme//

Der Gefechtsturm Arenbergpark wurde von Dezember 
1942 bis Oktober 1943 erbaut, um im Verbund mit 
den anderen Flaktürmen Wiens „eine effektive 
Stadtverteidigung zu ermöglichen 14). Zu diesem 
Zeitpunkt hatten die Alliierten längst die 
Lufthoheit über die NS-Streitkräfte errungen, und 
die Städte des deutsch-österreichischen 
Nationalsozialismus waren zu Zielscheiben für 
Luftangriffe geworden, in denen die nazistische 
Barbarei wieder zu ihren AdressatInnen zurückkehrte.

Der Nationalsozialismus war – was man/frau über 
der Brutalität seiner Vernichtungsmaschinerie 
beinahe vergessen könnte – eine 
Patchworkideologie, ein fast schon postmoderner 
Synkretismus. Er bediente sich aus einem 
reichhaltigen Fundus an Ideologien. Vom 
Vulgärmarxismus übernahm er den kruden 
Antikapitalismus (den er noch mal vergröberte), 
aus der deutschen Ideologie die Angst vor dem 
Fremden, aus christlichen und konservativen 
Traditionen und deutscher Befindlichkeit 
inkorporierte er den eliminatorischen 
Antisemitismus, von der Aufklärung entlieh er 
sich eine bestimmte Form der Rationalität, seine 
ästhetischen Bezüge stammen zum Teil aus einer 
später strategisch dem Volkszorn preisgegebenen Moderne usw.

Sein utopisches Selbstverständnis unterscheidet 
ihn als Sonderform von anderen zeitgleichen 
Faschismen, die in der Regel reine Autokratien 
ohne Menschheitserlösungsmandat waren. Die 
nazistische Eschatologie war ein Versatzstück aus 
der parareligiösen bürgerlichen Ideengeschichte, 
aber sie drängte mit aller Gewalt zur Umsetzung, 
indem sie die für Utopien konstitutive Trennlinie 
zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit durchstieß. 
Vielleicht nimmt sich der Nationalsozialismus ja 
deshalb manchmal wie eine versehentlich in 
geschichtliche Wirklichkeit verirrte literarische Phantasie aus.

Die zwangsweise Errichtung von urbanen Nichtorten 
– wie sie die im Wiener Stadtgebiet verteilten 
Flaktürme repräsentieren – durch Kriegsgefangene 
und ZwangsarbeiterInnen markiert zugleich den 
Umschlagspunkt der nazistischen Utopie expansiver 
militärischer Gewalt und rassischer Säuberung in 
seine dystopische Kehrseite: die Heimatfront und 
der ins eigene Hoheitsgebiet zurückschnappende 
Luftkrieg. Anders als in Berlin, wo Hitlers 
Leibarchitekt, der nationalsozialistische Utopist 
Albert Speer, selbst die Planung der 
Luftabwehrtürme übernommen hatte und sich darum 
bemühte, sie in den monumentalen Kitsch der 
NS-Architektur ästhetisch zu integrieren, sind 
sie eine reine Verteidigungsmaßnahme ohne 
Rücksicht auf ihre bauliche Integrationsfähigkeit 
und ohne Rückbindung an spezifische 
Architekturphantasien, kurzerhand dort hingestellt, wo eben noch Platz war.

Sie sind heute Nichtorte, in deren Massivität 
sich das anderweitig in der österreichischen 
Gesellschaft weitgehend marginalisierte 
Einbekenntnis der aktiven Beteiligung sowohl am 
nazistischen Utopismus wie an seinem dystopischen 
Umschlag manifestiert. Sie stören durch ihre 
schiere – in den meisten Fällen zurzeit 
funktionslose – Anwesenheit den Vollzug jener 
Verdrängungsarbeit, in der sich die 
post-nazistische österreichische Nation stiftete.

Damit reflektieren sie zugleich das Thema des 
dritten „Paraflows“-Festivals, das sich im 
Gefechtsturm Arenbergpark bewusst am historischen 
Kippmoment von Utopie in Dystopie positioniert. 
Der im Veranstaltungsort ausgesprochene Bezug auf 
das Jahr 1938 – Österreichs Anschluss an den oder 
auch: Aufschluss zum Nationalsozialismus – 
verweist auch auf die Reihe der so genannten 
„Achter-Jahre“, die utopische Momente der 
österreichischen Geschichte bereitstellen, 
beginnend mit der antimonarchistisch-bürgerlichen 
Revolution von 1848, über den Zerfall des alten 
Großreichs um 1918, den besagten 
„Wiederanschluss“ (in NS-Diktion) an ein 
imaginäres Heiliges Römisches Reich Deutscher 
Nation 1938, bis zur so genannten „Uniferkelei“ 
im Jahre 1968, die als Begründungsakt des in 
einem psychoanalytischen Sinne utopischen Wiener 
Aktionismus gilt, der wiederum die 
österreichische Kunst- und Kulturlandschaft 
nachhaltig verändert hat. All diese Daten fließen 
zu ihrem jeweiligen Jahrestag 2008 noch immer in 
der einen oder anderen Weise in den utopistischen Diskurs hierzulande ein.


1) „Als allgemeiner Grundsatz kann dabei 
festgehalten werden, daß, je mehr die Produktion 
von Utopien sich häuft, desto stärker wird die 
ökonomische Strukturkrise fühlbar.“ (Rolf 
Schwendter: Utopie. Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff. Hamburg 1994.
Erste Auflage. S. 11.)

2) Thomas Morus: Utopia. Übersetzt von Gerhard 
Ritter. Mit einer Einleitung von Herman Oncken. Darmstadt 1979. S. 114.

3) Zur theoretischen Befreiung des Begehrens vom 
Mangel vgl. das Kapitel „28. November 1947 – Wie 
schafft man sich einen organlosen Körper?“ in: 
Gilles Deleuze/Félix Guattari: Tausend Plateaus: 
Kapitalismus und Schizophrenie. Aus dem 
Französischen übersetzt von Gabriele Ricke und 
Ronald Vouillé. Berlin 1992. S. 205-227.

4) Bei Charles Fourier findet sich z.B. neben den 
Ausführungen zur post-arbeitsteiligen, 
solidarischen Gesellschaft auch der Vorschlag, 
die Meere in Zitronenlimonade und essbare 
Gallerte zu verwandeln, vgl. Schwendter: Utopie S. 10.

5) Oscar Wilde: The Soul Of Men. In: Ian Small 
(Hg.): The Complete Works Of Oscar Wilde. Volume 
4: Criticism. Ed. By Josephine M. Guy. Oxford 2007. S. 229-268. S. 247.

6) Brief an P. W. Annenkow vom 28. Dezember 1846. 
Zitiert nach: Ulrich Dierse: Utopie. In: Joachim 
Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hg): 
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig 
neubearbeitete Ausgabe des ›Wörterbuchs der 
philosophischen Begriffe‹ von Rudolf Eisler. Band 
11: U-V. Darmstadt 2001. AS. 510-526. S. 518.

7) Vgl. hierzu: Friedrich Engels: Die Entwicklung 
des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. 
In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Band 19. 
Berlin 1973. 4. Auflage, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage. S. 189-201.

8) Die Dystopie ist eine negative Utopie, die 
nicht immer eindeutig von der Utopie abzugrenzen 
ist. Sie liest vom gegenwärtigen 
Entwicklungsstand eine negative, katastrophale 
Zukunft ab, wie dies exemplarisch George Orwell 
in 1984 getan hat, indem er bestimmte Elemente 
der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts: 
Faschismus, Nazismus, Sozialismus und 
Kapitalismus in einem dystopischen Szenario neu zusammengesetzt hat.

9) Zum Begriff der „Medientheologie“, vgl. 
umfassend: Frank Apunkt Schneider: The medium is 
the Messiah. Über die implizite Ideologie des 
Medienaktivismus, seine aktuellen Chancen und 
generelle Verstricktheit. In: Heinrich 
Geiselberger (Hg.): Und jetzt? Politik, Protest 
und Propaganda. Frankfurt/Main 2007. S. 295-311.

10) Medientheorie ist der in der Regel an zu 
großen, zu kleinen oder ideologiekritisch nicht 
durchgesehenen Fragestellungen misslingende 
Versuch, Gesellschaftsdiagnose aus der und auf 
der Ebene ihrer Vermitteltheit zu betreiben; im 
Wissen, dass das, was ist, erst entsteht, indem 
man/frau danach fragt. Dabei verwandeln sich 
Probleme der politischen Ökonomie in 
Darstellungsprobleme, die im chaotischen Vollzug 
ihrer aussichtslosen Bewältigung die Probleme 
selbst zum Verschwinden bringen. (Vgl. dazu ebd.)

11) Bloch hatte in Das Prinzip Hoffnung zwar das 
utopische Denken in der individuellen 
Alltagserfahrung verankert, in den Tagträumen 
z.B. als vorübergehende Realitätsabtrünnigkeit. 
Dieses experimentelle Potential des menschlichen 
Geistes wurde von ihm aber in den Rahmen eines 
Menschheitsprojekts gestellt, und zwar 
dergestalt, dass sich der private Tag- oder 
Wunschtraum durchaus zu vergesellschaften vermag.

12) Vgl. Bernhard Schlink: Heimat als Utopie. Frankfurt/Main 2000.

13) Schwendter: Utopie. S. 63.

14) 
<http://www.airpower.at/news03/0813_luftkrieg_ostmark/flaktuerme.htm>www.airpower.at/news03/0813_luftkrieg_ostmark/flaktuerme.htm
 

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