Rosa Luxemburg: Die »schneidende Waffe der Hegelschen Dialektik«
Dogan Göçmen
     (javascript:imgToggle2768('img2768');)  


Die philosophische Seite des Luxemburgischen Werkes ist kaum  untersucht. 
Selbst unter Linken ist bislang hauptsächlich ihre politische  Theorie 
berücksichtigt worden, die sich allerdings häufig auf eine sehr  
fragmentarische 
Rezeption gründet und sich oft auf Schlagwörter reduziert. Dies  führt meistens 
dazu, 
daß ihre Kernaussage nicht nur verzerrt wird. Nicht selten  werden solche aus 
dem Zusammenhang gerissene Schlagwörter gerade von ihren  Gegnern gegen jene 
Ziele ins Feld geführt, für die Luxemburg gekämpft  hat.

Die fragmentarische Rezeption ergibt sich u.a. dadurch, daß sie  keine 
geschlossene Arbeit hinterlassen hat, die als ihr Hauptwerk identifiziert  
werden 
kann. Sie hat viele Artikel sowie kleinere und einige größere Schriften  
verfaßt, die auf die »praktischen Zeitfragen« der damaligen deutschen und  
internationalen sozialdemokratischen bzw. kommunistischen Bewegung eine Antwort 
 
suchten. Selbst ihre wohl umfassendste wissenschaftliche Arbeit, »Die  
Akkumulation 
des Kapitals«, liest sich noch an vielen Stellen wie ein  Rohmaterial. Aber der 
eigentliche Grund für die fragmentarische Lesart ihrer  Texte seitens ihrer 
Interpreten liegt wohl darin, daß ihr Werk nicht von ihrem  philosophischen 
Verständnis her interpretiert wird.

Zwar hat Luxemburg im  engeren Sinne des Wortes kein philosophisches Werk 
verfaßt, auch hat sie keine  »Philosophischen Hefte« oder »Konspekte« wie etwa 
Lenin hinterlassen. Dennoch  war sie an philosophischen Fragen mehr 
interessiert, als man zunächst vermuten  mag. Selbst philosophische 
Diskussionen, die nur 
für Fachphilosophen von  Interesse sein mögen, konnten ihrem auf das Ganze 
gerichteten Blick nicht  entgehen.1 Ihr Werk bietet einen »lebendigen Spiegel« 
der methodologischen und  wissenschaftstheoretischen Debatten zu Beginn des 20. 
Jahrhunderts, an denen sie  mit vielen Beiträgen aus hegelisch-marxistischer 
Perspektive beteiligt war.  Insofern ist ihr Werk eine unerläßliche Quelle – 
auch für die Vergegenwärtigung  dieser Debatten und ihrer philosophischen 
Haltung zu diesen. Zudem wäre es  falsch bei marxistischen Theoretikern wie 
Luxemburg, um sie als Philosophin  einzuordnen, nach »reinen« philosophischen 
Werken 
zu suchen, denn es geht ihnen  nicht allein um die Entwicklung der 
dialektischen Philosophie, sondern auch um  ihre Aufhebung, also um die 
Anwendung der 
Philosophie auf praktische Probleme. 
Widerspruch als Bewegungsform
In ihrem Werk findet man nicht mehr als ein Dutzend Hinweise  auf Hegel und 
seine Philosophie. Doch sie verweisen auf das Herzstück seines  Systems, auf 
die Dialektik der Bewegung und damit auf die des Widerspruchs. »Der  große 
Philosoph Hegel« habe gesagt, der Widerspruch sei »das Fortleitende«, also  das 
Bewegende (GW 5, S. 719). Der Widerspruch ist der Grund der Bewegung und  nicht 
etwa im siebenten Himmel zu suchen, sondern in den Dingen  selbst.

Es ist diese Lehre, durch die Hegel die verknöcherte Denkweise in  Fluß 
brachte. Was man sonst über das Hegelsche System kritisch anmerken mag, er  
definiert bereits zu Beginn der »Wissenschaft der Logik« die permanente 
Bewegung  als 
das Wesen aller Existenz. Der Trieb, also die Bewegung, sagt er, sei »ein  
Negatives, das eine positive Richtung in sich enthält. Es ist eine der  
wichtigsten Erkenntnisse, diese Natur der betrachteten Reflexionsbestimmungen,  
daß 
ihre Wahrheit nur in ihrer Beziehung aufeinander und damit darin besteht,  daß 
jede in ihrem Begriffe selbst die andere anhält, einzusehen und  festzuhalten; 
ohne diese Erkenntnis läßt sich eigentlich kein Schritt in der  Philosophie 
tun.«2 Und wenig später fügt er dann hinzu: »Es ist aber eines der  
Grundvorurteile der bisherigen Logik und des gewöhnlichen Vorstellens, als ob  
der 
Widerspruch nicht eine so wesenhafte und immanente Bestimmung sei als die  
Identität; 
ja, wenn von Rangordnung die Rede und beide Bestimmungen als  getrennte 
festzuhalten wären, so wäre der Widerspruch für das Tiefere und  Wesenhaftere 
zu 
nehmen. Denn die Identität ihm gegenüber ist nur die Bestimmung  des einfachen 
Unmittelbaren, des toten Seins; er aber ist die Wurzel aller  Bewegungen und 
Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch  hat, bewegt 
sich, hat Trieb und Tätigkeit.«3 Es ist diese Widerspruchslehre, die  Luxemburg 
als »die schneidende Waffe der Hegelschen Dialektik« genannt hat (GW  1/2, S. 
137).

Geschichtlichkeit als Forschungsmethode ist für Luxemburg  vor diesem 
Hintergrund eine unerläßliche Bedingung, die erfüllt werden muß, wenn  die 
Untersuchungsgegenstände in ihrem Wesen, in ihrem gewordenen Werden und  
Vergehen 
angemessen erfaßt, erklärt und kritisch dargestellt werden sollen. Am  
ausdrücklichsten hat sie diesen Gedanken in ihrem Aufsatz »Karl Marx«  
ausgesprochen. Auf 
die Frage, was die »Marxsche Lehre« sei, antwortet sie: Sie  sei »in 
allgemeinsten Umrissen« die »Erkenntnis des historischen Weges, der aus  der 
letzten ›
antagonistischen‹, auf Klassengegensätze beruhenden  Gesellschaftsform in die 
auf Interessensolidarität aller Mitglieder aufgebaute  kommunistische 
Gesellschaft führt«. In ihr mache die historische  »Forschungsmethode« den 
»unvergänglichen Teil« aus (ebd., S. 377). 
Hegel, nicht Kant
Diese Methode bezieht sich auch auf die Philosophie, und die  Philosophie 
schließt notwendigerweise auch die Philosophiegeschichte ein. Sie  reflektiert 
in 
ihrem Werden und der Entwicklung ihrer Kategorien auch  
Gesellschaftsgeschichte. Die philosophischen Kämpfe widerspiegeln auch die  
Klassenkämpfe. Der 
Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft drückt  sich im 
Grundwiderspruch der Philosophie dieser Gesellschaft aus. Die  Bourgeoisie 
brachte als 
aufstrebende Klasse die Klassiker der Nationalökonomie  und Philosophie hervor 
und 
gestattete noch »jene Unbefangenheit der Forschung,  jene Rücksichtslosigkeit 
der Konsequenzen, jenen kühnen Flügelschlag in die Höhe  (...), aus der sie die 
inneren Zusammenhänge der bürgerlichen Produktionsweise  mit genialem Blick 
erfaßte« (GW 1/1, S. 734). Doch spätestens nach der  Französischen Revolution 
von 1789 geht es dem Bürgertum darum, alle schneidenden  Waffen in Philosophie 
und Wissenschaftstheorie abzustumpfen. Heute wendet die  bürgerliche 
Wissenschaft deshalb ihren »Blick von der Erforschung der  allgemeinen Gesetze 
zur 
Rechtfertigung der Einzelerscheinungen« (ebd.) ab.  Deshalb scheine das Zurück 
»heute die Losung der bürgerlichen  Gesellschaftswissenschaften zu sein. Zurück 
auf Kant in der Philosophie, zurück  auf Adam Smith in der Ökonomie! Ein 
krampfhaftes Zurückgreifen auf bereits  überwundene Standpunkte, das ein 
sicheres 
Zeichen der Ausweglosigkeit ist, in  die die Bourgeoisie geistig wie sozial 
bereits geraten ist« (ebd., S.  736).

Die bürgerliche Losung zurück auf den bereits überwundenen  Standpunkt der 
Kantischen Philosophie richtete sich in erster Linie gegen die  Hegelsche 
Philosophie. Diese Losung kam von den Neukantianern, von denen viele  auch 
Mitglieder der SPD waren, und richtete sich in erster Linie gegen die  
Hegelsche 
Widerspruchslehre, die u.a. in Marxens Klassen- und Revolutionstheorie  
weiterwirkt. 
Im Aufsatz »Hohle Nüsse« kommt Luxemburg zu folgender Feststellung:  »Da aus 
Hegel die philosophischen Wege nun einmal unvermeidlich in die  gefährlichsten 
Räuberhöhlen von Feuerbach und Marx führen, so blieb den  bürgerlichen 
Philosophen nichts anderes übrig, als einfach durch einen Ukas  [Befehl – D. 
G.] 
Hegel in der Entwicklung der Philosophie zu annullieren und die  Wissenschaft ›
auf Kant‹ zurückhufen zu lassen« (ebd., S. 490).

Hegel  selbst definiert seine Philosophie zum einen gegen die Kantische 
Philosophie und  zum anderen gegen die in starren Gegensätzen denkende 
traditionelle Metaphysik.  Bereits in der »Vorrede zur ersten Ausgabe« der 
»Wissenschaft 
der Logik« wirft  er Kant, der mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« alles 
metaphysische Denken  unmittelbar aus der Philosophie verbannen will, 
Empirismus 
vor. Hegel, trotz all  seiner Kritik an der Metaphysik, will sie keineswegs 
vernichten, sondern  aufheben. Wenn Kant z.B. das Ding-an-sich oder das Wesen 
des Objekts für  unerkennbar erklärt, was ihn dazu verpflichtet, 
erkenntnistheoretisch auf der  Oberfläche der Erscheinungen zu bleiben, erfaßt 
die Hegelsche 
Philosophie das  Allgemeine der Dinge, das das Besondere einschließt, in 
seinem Werden und  Vergehen.

Die bürgerliche Wissenschaft, die im Gegensatz zu Marx und  Luxemburg mit 
einem imaginären Salto mortale die Hegelsche Dialektik überwinden  und auf Kant 
zurückgehen will, muß auf Erkenntnisfähigkeit verzichten.  Wissenschaft endet 
dann wie im Fall von Eduard Bernstein in der dualistischen  »Gedankenschaukel« 
von Entweder-Oder, weil er »der Dialektik Valet sagt« (ebd.,  S. 439), oder 
sie bringt, wie z.B. in der Ökonomie, nichts als ein »Wirrwarr«,  nichts als 
eine »System-, Geist- und Kopflosigkeit« hervor (ebd., S. 736). Dies  führt 
folgerichtig zu dem wissenschaftstheoretisch erbärmlichen Zustand, in dem  sich 
die 
»Forschung wie der Vogel Strauß mit dem Kopf in den Sand der kleinen  
Splittererscheinungen vergräbt, um keine größeren Zusammenhänge sehen zu müssen 
 und 
nur für den Tagesbedarf zu arbeiten« (GW 1/2, S. 376). In der so zur  »Methode 
erklärten Zaghaftigkeit des empirischen Tastens« (ebd., S. 295)  betreibt die 
bürgerliche Wissenschaft eine »fleißige Atomisierungsarbeit«, die  »das Bild 
des sozialen Lebens wie in einem in tausend Splitter zertrümmerten  Spiegel« 
wiedergibt. Das ist auch »das sicherste Mittel«, so führt Luxemburg in  ihrem 
Aufsatz »Im Rate der Gelehrten« weiter aus, daß »alle großen sozialen  
Zusammenhänge theoretisch aufzulösen und den kapitalistischen Wald hinter 
lauter  
Bäume ›wissenschaftlich‹ verschwinden zu lassen« (ebd., S. 388). Um also auf 
das  
Wissen in Zusammenhängen verzichten zu können, muß die bürgerliche 
Wissenschaft  alles tun, um die Hegelsche Last abzuwerfen. Doch dies sei ein 
vergeblicher  Versuch, denn »es gibt ein Zurück ebensowenig in der Wissenschaft 
wie in 
der  tatsächlichen Entwicklung der Gesellschaft« (GW 1/1, S. 736).

Gegen die  bürgerliche »Erkenntnisskepsis«, den »in allen Farben 
schillernde[n]  Eklektizismus« und gegen die »Theorielosigkeit« (GW 1/2, S. 
376) setzt sie 
die  Widerspruchslehre und den Erkenntnisoptimismus, der allerdings die  
wissenschaftlich begründete und prüfende Erkenntniskritik einschließt. Den  
Anspruch, daß man wissenschaftstheoretisch auf die Widerspruchslehre nicht  
verzichten könne, formuliert sie ausdrücklich in ihrem Buch »Einführung in die  
Nationalökonomie«: »Die menschliche Gesellschaft im ganzen verwickelt sich aber 
 
fortwährend in Widersprüche, sie geht aber daran nicht zugrunde, sondern tritt  
umgekehrt erst dann in Bewegung, wo sie in Widersprüchen steckt. Der 
Widerspruch  im Leben der Gesellschaft löst sich nämlich immer in Entwicklung, 
in neue  
Fortschritte der Kultur auf. Der große Philosoph Hegel sagt: ›Der Widerspruch  
ist das Fortleitende.‹ Und diese Bewegung in lauter Widersprüche ist eben die 
 wirkliche Art der Entwicklung der menschlichen Geschichte« (GW 5, S. 719).  
Historisierend kommt sie dann in ihrem Aufsatz »Zurück auf Adam Smith« zu dem  
Schluß: »Das innerste Wesen der bürgerlichen Produktionsweise, ihr 
eigentliches  Geheimnis läßt sich nur dann entziffern, wenn man sie in der 
Bewegung, in 
ihrer  historischen Bedingtheit betrachtet« (GW 1/1, S. 734).

Annulliert man  aber Hegel in der Philosophie, so vernichtet man zugleich 
umfassende  Erkenntnisfähigkeit und -möglichkeit selbst. So kann weder die  
Gesellschaftsgeschichte noch die Entwicklung des Denkens, die sich beide in  
Widersprüchen vorwärts bewegen, erklärt werden. Man stünde sozusagen vor einem  
großen Chaos einzelner Fakten. Deshalb kann die Losung für Luxemburg nur sein:  
Weiter mit Hegel in der Philosophie »auf dem bereits von Marx beschritten Wege  
der dialektischen Methode« (ebd., S. 736).

Das darf aber nicht im engeren  Sinne des Wortes genommen werden. Das »Weiter 
mit Hegel in der Philosophie«  bedeutet für Luxemburg, daß Kants Philosophie 
genauso mitgenommen werden muß wie  alle zivilisatorischen Errungenschaften 
der Menschheit, einschließlich die der  Bourgeoisie. Denn der Ruf der 
bürgerlichen Wissenschaft zurück auf Kant, Smith  usw. bedeutet nicht, daß sie 
einfach 
wiederbelebt werden. Es bedeutet vielmehr  die Zerstörung vor allem jener 
Elemente ihrer Lehre, die über sich hinausweisen,  wie es die Neukantianer zu 
genüge am Kantischen Werk praktiziert haben.  Luxemburg sieht daher die Aufgabe 
der 
Arbeiterklasse und damit auch ihre  besondere Aufgabe als eine Intellektuelle 
dieser Klasse darin, selbst »die  Kultur der Bourgeoisie vor dem Vandalismus 
der bürgerlichen Reaktion zu schützen  und die gesellschaftlichen Bedingungen 
der freien Kulturentwicklung zu schaffen«  (GW 1/2, S. 367). 
Hegel und Marx
Luxemburgs Kritik der bürgerlichen Wissenschaftstheorie liest  sich wie eine 
Verteidigung der Dialektik Hegels. Diese Verschränktheit der  Marxschen 
Dialektik mit der Hegelschen und umgekehrt kommt vielleicht nirgends  besser 
zum 
Ausdruck als in ihrem Werk. Nach der Lektüre ihrer  wissenschaftstheoretischen 
Schriften möchte man fast sagen, die Marxsche  Dialektik falle oder stehe mit 
der Hegelschen Dialektik und umgekehrt die  Hegelsche Dialektik falle oder 
stehe 
mit der Marxschen Dialektik.

Wie ist  aber diese »Schicksalsgemeinschaft« zu verstehen? Luxemburg 
definiert die  Marxsche Lehre als »ein Kind der bürgerlichen Wissenschaft«, 
dessen 
»Geburt«  aber habe »der Mutter das Leben gekostet« (ebd., S. 376). Luxemburgs 
hoch  dialektischer metaphorischer Gebrauch der Begriffe von »Mutter«, »Kind« 
und  »Leben« verdeutlichen, in welchem Sinn das Verhältnis zwischen der 
klassischen  bürgerlichen Wissenschaft und der Marxschen Lehre zu verstehen 
ist: im 
Sinn der  Hegelschen Kategorie der Negation bzw. Aufhebung, wonach etwas wohl 
vernichtet  wird, aber in der Form des Bewahrens des Positiven des 
Aufgehobenen, 
so daß das  Vernichtete im Neuen weiterlebt. Auch Marx’ Philosophie ist ein 
Kind der  bürgerlichen Philosophie, insbesondere das der Hegelschen als die 
höchste Form  dieser Philosophie. Bezugnehmend auf Friedrich Engels’ Artikel 
»Ludwig Feuerbach  und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« 
definiert Luxemburg »das  Wesen der Philosophie als die ewige Frage nach dem 
Verhältnis von Denken und  Sein«, also »von menschlichem Bewußtsein in der 
objektiven 
materiellen Welt«  (ebd., S. 370).

Diese »ewige Frage« wurde in der Philosophiegeschichte  erst von Hegel bewußt 
zum Grundproblem der Philosophie erhoben. In der  »Einleitung« zur 
»Wissenschaft der Logik« kritisiert er den bisherigen »Begriff  der Logik«, 
weil er den 
»Stoff des Erkennens als eine fertige Welt außerhalb des  Denkens an und für 
sich vorhanden« voraussetze und davon ausgehe, daß »das  Denken für sich leer 
sei, als eine Form äußerlich zu jener Materie hinzutrete,  sich damit erfülle, 
erst daran einen Inhalt gewinne und dadurch ein reales  Erkennen werde.«4 Im 
Rahmen einer so konzipierten Logik bleibt aber das Denken  bei sich, es geht 
nicht über sich hinaus. Seine Modifikation bleibt deshalb als  »eine 
Modifikation seiner selbst, es wird dadurch nicht zu seinem Anderen; das  
selbstbewußte 
Bestimmen gehört ohnedies nur ihm an; es kommt also auch in seiner  Beziehung 
auf den Gegenstand nicht aus sich heraus zu dem Gegenstande: Dieser  bleibt als 
ein Ding an sich schlechthin ein Jenseits des Denkens.«5 Hegels  implizite 
Kritik an Kant kann hier nicht überhört werden. Er begreift seine  
»Wissenschaft 
der Logik« deshalb als einen alternativen Entwurf gegen Kants  
Transzendentalphilosophie, mit der Kant jede Ontologie ersetzen will, in der  
begründet 
werden soll, wie das Denken über sich hinausgehen und den Gegenstand  aneignen 
kann.

Nun sieht Marx in der Hegelschen »Logik« denselben Mangel.  Er gewinnt diese 
Einsicht durch ein tiefes Studium der Hegelschen Philosophie  und durch die 
Konfrontation seiner daraus gewonnenen philosophischen Einsichten  mit den 
praktischen Zeit- und Streitfragen. Dieses Vorgehen unterscheidet nach  
Luxemburgs 
Darstellung Marx von anderen Junghegelianern. Marx geht dabei von  Beginn an 
dem gleichen »Hauptproblem« der Philosophie nach. Luxemburg schildert  Marx’ 
Werdegang in »Aus dem Nachlaß unserer Meister« (GW 1/2, S. 130–141). Sie  
schildert, wie Marx, getrieben von einer »inneren Krise« bzw. von »inneren  
Kämpfen« 
um das Hauptproblem der Philosophie und Emanzipation des Menschen, mit  der 
Kritik des ganzen Rechtsgebiets anfängt und über eine Kritik der Philosophie  
und Politik schließlich zur Kritik der politischen Ökonomie gelangt, die den  
»Granitblock« seiner totalen Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsformation 
 bildet.

Ist aber damit die »Lösung des philosophischen Konflikts zwischen  Denken und 
Sein, zwischen der materiellen Welt und dem Denkprozeß« (ebd., S.  139) 
endgültig gefunden, ist damit Hegels Philosophie ein für alle mal erledigt?  
Keinesfalls! Im Gegensatz zu vielen Marxisten, die von einem mechanistischen  
Standpunkt aus den Marxismus auf seine ökonomische Lehre reduzieren, kommt  
Luxemburg zu dem Schluß, daß »von einem mehr oder weniger ausgearbeiteten  
Lehrgebäude 
(...) bei Marx nur auf dem ökonomischem Gebiet die Rede sein« kann  (ebd., S. 
364). »Dagegen, was das Wertvollste seiner Lehre betrifft: die  
materialistisch-dialektische Geschichtsauffassung, so stellt sie nur eine  
Forschungsmethode dar, ein paar leitende geniale Gedanken, die den Ausblick in  
eine ganz neue 
Welt gestatten, die unendliche Perspektiven der selbständigen  Betätigung 
eröffnen, die den Geist zu kühnsten Ausflügen in unerforschte Gebiete  
beflügeln.« Doch »unbenützt liegt die herrliche Waffe, und die Theorie selbst  
des 
geschichtlichen Materialismus ist heute genauso unausgearbeitet und  
schematisch, 
wie sie aus der Hand ihrer Schöpfer gekommen ist« (ebd.). Sie muß  deshalb 
ständig weiterentwickelt werden, und es liegt sicherlich nicht an der  
»Starrheit 
und Fertigkeit des Marxschen Lehrgebäudes«, wenn es nicht weiter  ausgebaut 
wird. Die Weiterentwicklung der Marxschen Philosophie ist aber eine  Aufgabe, 
die nur dann bewältigt werden kann, wenn man das Denken an der  »schneidenden 
Waffe der Hegelschen Dialektik« immer wieder schärft, um sich eben  jenen 
»Adlerblick eines Marx« für das Ganze anzueignen.




1)  Man nehme z. B. jene Stelle aus Luxemburgs Schrift »Die Akkumulation des  
Kapitals. Eine Antikritik«, wo sie über die zum Teil haarspalterischen 
Debatten  zu Kants »Prolegomena« berichtet. Vgl. Rosa Luxemburg, Gesammelte 
Werke, 
Bd. 5,  Dietz Verlag Berlin, 1990, S. 435. Im folgenden wird diese Ausgabe im 
Text  zitiert mit GW, Band und Seitenzahl.

2) G. W. F. Hegel, Wissenschaft der  Logik II, in: Werke, Bd. 6, Frankfurt/M. 
1993, S. 73

3) Ebd., S.  75

4) G. W. F. Hegel, Wissenschaft der Logik I, in: Werke, Bd. 5,  Frankfurt/M. 
1993, S. 36f.

5) Ebd., S. 37
 
Source: Junge Welt  13/09/2006


_______________________________________________
Marxism-Thaxis mailing list
[email protected]
To change your options or unsubscribe go to:
http://lists.econ.utah.edu/mailman/listinfo/marxism-thaxis

Reply via email to