Doğan  Göçmen*  
Scheich Bedreddin – der freidenkerische Philosoph und Revolutionär  aus dem 
Morgenland  
I.  Einleitendes 
Heute  spielen sich vor unseren Augen in fast allen Teilen der Welt Szenen 
ab, von  denen wir dachten, sie gehörten in die Vergangenheit. 
Es  wird in verschiedensten Formen die Ideologie des Kampfes der Kulturen  
propagiert, die wir vielleicht bis vor wenigen Jahren noch für unmöglich  
gehalten haben: Christentum gegen Islam, Islam gegen Christentum, um nur die  
gegenwärtig populärste Version dieser Ideologie zu nennen. 
Es  wird dabei propagandistisch behauptet, dass die Kulturen einander 
wesensfremd  sind. Wie können aber Kulturen einander wesensfremd sein, wenn sie 
auseinander  hervorgegangen sind und sich seit Jahrtausenden gegenseitig 
befruchtet 
 haben? 
Angesichts  der Ereignisse der letzten Monate und Jahre lautet der offizielle 
Sprachgebrauch  hierzulande, dass alle Integrationsbemühungen gescheitert 
seien. Es ist  allerdings nicht der Integrationsversuch, der gescheitert ist, 
sondern der  staatspolitische Assimilationsversuch, der gerade von diesem 
Ansatz 
der  "Wesensfremdheit" der Kulturen ausgeht. 
Doch  angesichts der kulturellen Vielfalt Anatoliens und der Tatsache, dass 
dort seit  Jahrtausenden viele Kulturen ineinander lebten, waren die Menschen 
dort mit  vielen Fragen und Problemen, mit denen wir gegenwärtig zu kämpfen 
haben, bereits  vor Jahrhunderten konfrontiert und mussten Lösungen entwickeln, 
von denen wir  heute noch sehr viel lernen können. Einer dieser Versuche ging 
im 15.  Jahrhundert von Scheich Bedreddin und seiner Bewegung aus, die leider 
in  Deutschland kaum bekannt ist. 
Scheich  Bedreddin (1360? - 1420) ist eine der interessantesten und ebenso 
umstrittensten  Figuren der anatolischen Geschichte. Sein Geburtsjahr kann 
nicht 
so genau  bestimmt werden wie sein Todesjahr. Der Grund, dass man im 
Gegensatz zu seinem  Geburtsjahr sein Todesjahr so genau bestimmen kann, liegt 
darin, 
dass er als  Anführer eines revolutionären Aufstandes im Jahre 1420 in Seres 
(Makedonien)  erhängt wurde. Je nachdem, wie man den Aufstand, den er durch 
seine  freidenkerische und frühkommunistisch-egalitäre Philosophie ausgelöst 
hatte,  einschätzt, positioniert man sich entweder gegen oder für ihn. 
Die  einen erklären ihn, obwohl sie seine überragende universale Gelehrtheit  
anerkennen, zum Verrückten. Er besaß, so behauptet man, trotz seines seriösen 
 und glanzvollen Studiums und einzigartig umfassenden Wissens einen 
"destruktiv  bösen Geist" und wollte deshalb die etablierte politische und 
soziale 
Ordnung  des Landes zerschlagen, mit dem durch große Meister der Wissenschaften 
 
errichteten Erziehungs- und Sittensystem und den Traditionen brechen. 
Die  anderen hingegen sehen in seiner Philosophie, die alle im damaligen 
Anatolien  vertretenen philosophischen Systeme, von Platonismus bis Suffismus, 
in 
sich  vereinigt habe, die beispielhafte „Vorwegnahme“ der Ideen der 
klassischen  deutschen Philosophie und der europäischen Aufklärung. Deshalb sah 
er die  
Befreiung von der Dekadenz und Korruption in der Errichtung einer  
kommunistischen Gesellschaft, die die Gleichheit unter den Menschen herstellen  
sollte.  
Diese  Einschätzungen über eine historische Persönlichkeit wie Bedreddin 
dürften kaum  für Überraschung sorgen; denn welche Einschätzung seiner Person 
und 
seines  Werkes man auch zugrunde legt, eines wird sofort klar: Es geht dabei 
um einen  freidenkerischen Philosophen und Revolutionär. Die Einschätzung 
solcher  historischer Persönlichkeiten impliziert un- mittelbar auch 
Konsequenzen 
für die  Gegenwart. Wenn man also heute über Bedreddins philosophisches und 
politisches  Erbe streitet, streitet man zugleich über die Gegenwart. 
Wer  war nun dieser Revolutionär, der im 15. Jahrhundert die Religionen auf 
Grundlage  der freidenkerischen Prinzipien reformieren, die Philosophie und 
folglich die  Macht- und Eigentumsverhältnisse revolutionär verändern wollte? 
Welche Ideen  haben ihn dazu getrieben, eine seitens des Königs angebotene, für 
damalige  Verhältnisse durchaus sehr großzügige permanente monatliche Pension 
abzulehnen,  und einen revolutionären Volksaufstand anzuzetteln? Was hat ihn 
und seine  Tausende Anhänger dazu veranlasst, die Konsequenzen ihrer Ideale 
ohne 
Scheu mit  ihrem Leben zu zahlen? 
II.  Biographisches über Bedreddin 
Bedreddin  stammte aus einem multireligiösen Hintergrund. Seine Mutter 
konvertierte nach  der Heirat mit seinem Vater, dem Richter von Simavna 
(Bulgarien) 
vom Christentum  zum Islam. Dieser Sachverhalt wird vor allem später in seinem 
Leben, als er sein  philosophisches Hauptwerk „Varidat“ (etwa: Die im 
Inneren geborene Idee)  verfasste, zur Geltung kommen. Doch zunächst, wohl dem 
Beispiel des Vaters  folgend, strebte er nach einem Jurastudium. 
Die  erste Erziehung erhielt er von seinem Vater und dem Gelehrten Molla 
Yusuf in  Edirne (Türkei). Nach dem Tod des letzteren machte er sich auf die 
lange 
 Studienreise und genoss in Bursa und Konya (Türkei) das Studium des 
islamischen  Rechts (fikih), der Logik und der Astronomie. Um seine Studien 
fortzusetzen,  ging er anschließend nach Kairo, der damaligen Hochburg der  
Wissenschaften. 
Bereits  während des Studiums machte er dort Bekanntschaft mit den größten 
Gelehrten  seiner Zeit. Er ging später auch nach Damaskus, um die dortigen 
Gelehrten kennen  zu lernen. Er erlangte seinen Ruhm als Gelehrter vor allem 
durch 
viele  wissenschaftliche Disputationen am Hofe von Timur, dem 
türkisch-mongolischen  Herrscher. Seine späteren Bücher über das islamische 
Recht sollten ihm 
größere  Bekanntheit und Respekt unter den damaligen Gelehrten verschaffen. 
Während  seines Aufenthalts in Ägypten lernte er auch den berühmten Suffisten 
Scheich  Hüseyin Ahlati kennen und wurde sein engster Freund, was sein Leben 
tief prägen  sollte. Als Ahlati 1404 starb, wurde Bedreddin in der von Ahlati 
gegründeten  suffistischen Bruderschaft der Nachfolger. 
Doch  bereits 1405 beschloss er, dieses hoch angesehene Amt als Scheich der  
Bruderschaft aufzugeben und nach Edirne, also in die Stadt zurückzukehren, wo  
seine große Studienreise begann. Nach einer langen Reise und Aufenthalten in 
den  Städten Konya, Aydin und Izmir erreichte er ein Jahr später, 1406, 
endlich sein  Reiseziel. 
Nachdem  er fünf Jahre eher zurückgezogen gelebt hatte, wurde er vom 
Seldschuken-König  Musa Tschelebi zum „Kazasker“, dem obersten Heeresrichter 
ernannt. 
Da aber Musa  Tschelebi in einem Machtkampf von seinem Bruder Mehmet 
Tschelebi ermordet wurde,  wurde Bedreddin 1413 nach Iznik (dem alten Nikäa) 
verbannt 
und unter ständige  Beobachtung gestellt. Doch die kurze zweijährige Amtzeit 
nutzte er, um fast in  allen damaligen großen Städten Anatoliens seine bereits 
spontan entstandene  Anhängerschaft zu organisieren. Von seinem Verbannungsort 
aus bereitete er dann  den größten und wohl auch berühmtesten Aufstand in der 
mehr als 600-jährigen  Herrschaftszeit der Seldschuken und Osmanen in 
Anatolien vor. 
Seine  beiden wohl bekanntesten Anhänger Börklüce Mustafa in Aydin und Torlak 
Mustafa  in Manisa organisierten 1416 den Aufstand. Noch während des 
Aufstandes flüchtete  Bedreddin in den Kaukasus, siedelte dann nach Silistra 
(Bulgarien) über, um von  dort den Aufstand zu organisieren. 
Innerhalb  kürzester Zeit sammelten sich um ihn Tausende von Anhängern: 
Soldaten fast jeden  Ranges, Derwische, Bauern, Muslime, Christen und Juden. 
Der 
Aufstand hatte zum  Ziel, das Gemeineigentum an Grund und Boden durchzusetzen, 
alle Religionen  gleichzustellen, dadurch alle religiös motivierten Kämpfe zu 
beenden und  religiös begründete Privilegien aufzuheben. Selbst das Erbrecht 
sollte  abgeschafft und der König in Zukunft gewählt werden. Nach einigen 
durchaus ernst  zu nehmenden anfänglichen Erfolgen wurde der Aufstand  
niedergeschlagen. 
Scheich  Bedreddin wurde gefasst und in seine Geburtsstadt Seres gebracht, wo 
er von  einem Gericht aus islamischen Geistlichen zum Tode verurteilt wurde. 
III.  Philosophische Überwindung der Religion 
Anatolien  wird manchmal nicht zu Unrecht als Wiege der Menschheit 
beschrieben. Dies ist  allerdings nicht in dem Sinne zu verstehen, dass der 
Ursprung der 
Menschheit  dort zu suchen wäre. Die Beschreibung ist vielmehr in dem Sinne 
zu verstehen,  dass dort spätestens ab dem 12. Jahrhundert eine Lebensform zu 
entstehen begann,  die man als kulturelle und philosophische Überwindung aller 
Religionen und  religiösen Kämpfe beschreiben kann.  
Das  14. und 15. Jahrhundert, also das Zeitalter von Bedreddin, stellt einen 
gewissen  Höhepunkt in dieser Entwicklung dar und findet seinen Ausdruck in 
seiner  philosophischen Abhandlung Varidat. Diese Entwicklung wurde jedoch 
durch 
 Klassenverhältnisse und politische Strukturen ständig konterkariert. Die  
politisch herrschenden Schichten, ob sie sich auf das Christentum beriefen  
(Byzanz)oder auf den Islam (Seldschuken), waren alle unproduktiv und deshalb  
parasitär. Sie lebten ausschließlich vom Zehnten, den sie von den armen Bauern  
mit politischer und oft auch mit militärischer Gewalt eintrieben. 
Bedreddins  Varidat als eine kompakte philosophische Abhandlung war deshalb 
nicht nur  Ausdruck des bereits im Volk entstandenen kulturellen 
Zusammenlebens, sondern  zugleich auch das Manifest des oben erwähnten 
Aufstandes.  
Diese  philosophische Abhandlung ist jedoch nicht im modernen Sinne als ein 
Manifest zu  verstehen, etwa im Sinne des Manifests der kommunistischen Partei 
von Marx und  Engels. Streng genommen handelt es sich dabei um einen Versuch, 
das Verhältnis  zwischen Wesen und Erscheinung ontologisch zu bestimmen. Sie 
macht dabei kaum  direkte gesellschaftstheoretische und politische Aussagen, 
dennoch sind die  philosophischen Aussagen so formuliert, dass man fast 
unmittelbar politische  Schlussfolgerungen ziehen kann. 
Das  erste und nach wie vor aktuelle Ziel Bedreddins in seiner Abhandlung 
(und das  unterscheidet ihn als Reformator etwa von Martin Luther) ist zunächst 
die  Gleichstellung aller Religionen. Es wirkt im Hintergrund dabei das Prinzip 
der  Toleranz, das eine der ideellen Voraussetzungen für die Entstehung der  
europäischen Aufklärung war und in der gegenwärtigen Situation, in der vor 
allem  die Ideologen des Pentagon vom "Kampf der Kulturen" sprechen, nicht 
genug  
hervorgehoben werden kann. Trotz ihrer Unterschiede sind nach Bedreddins  
Auffassung alle Religionen gleich zu behandeln. 
Der  einzige wesentliche Unterschied zwischen den Religionen besteht darin, 
dass sie  in verschiedenen historischen Situationen und kulturellen Kontexten 
entstanden  sind. Diese Aussage Bedreddins kann aber auch deshalb nicht genug 
hervorgehoben  werden, weil er damit gegen eine noch heute herrschende 
Vorstellung islamischer  Gelehrter argumentiert: nämlich, dass im Islam als 
zuletzt 
entstandener Religion  Gottes alle anderen Religionen aufgehoben seien. Damit 
argumentiert Bedreddin  freilich nicht nur gegen den Anspruch islamischer 
Gelehrter, im Besitz der  einzigen Wahrheit zu sein, er argumentiert damit auch 
gegen jedwede religiös  begründete partikulare Form von Inanspruchnahme der 
Wahrheit, als wollte er wie  Hegel sagen, dass das Wahre das Ganze sei. 
Bedreddin  bleibt freilich bei dieser Forderung nicht stehen. Er sucht neben 
diesem eher  politischen Argument nach einem Prinzip, das die Grundlage der 
Einheit aller  Kulturen liefern könnte. Er sucht diese Grundlage aber nicht 
mehr 
in einer  beispielsweise alle Religionen umfassenden Weltreligion, was man 
vielleicht aus  dem historischen Kontext von Bedreddins Wirken erwartet hätte. 
Vielmehr sieht er  diese Grundlage in einer ontologisch fundierten Philosophie. 
IV.  Philosophische Fundierung der Weltauffassung 
Was  ist nun das Philosophische in dem Werk von Bedreddin? Er begreift das 
ganze  Universum, das nur ein anderer Begriff für das Sein ist, mit all seinen  
Widersprüchen als eine Einheit, etwa wie die Stoiker. Deshalb kann sein  
philosophisches Hauptwerk der Sache nach auch als „Das Sein“ übersetzt werden.  
Das ganze Universum, also das ganze Sein, besteht nach Bedreddin aus  
Erscheinungen, die auf ein Prinzip, also auf das Wesen oder die Natur  
zurückgeführt 
werden müssen. Dabei ist die Differenz das Grundprinzip des  Wesens, sonst kann 
es gar nicht erscheinen. Bedreddin legt dabei eine Theorie  der Erscheinung zu 
Grunde, die uns unmittelbar an die Monadenlehre des großen  deutschen 
Philosophen Leibniz erinnert. 
Nach  Leibniz sind die Monaden, also das Individuationsprinzip des 
Universums,  lebendige Spiegel des Universums. Ähnlich definiert Bedreddin nun 
die  
Erscheinungen. Er gebraucht zwar die Metapher Spiegel nicht, er behandelt die  
Erscheinungen aber auf ähnliche Weise wie Leibniz. 
Denn  die These, dass das Wesen nicht anders erscheinen kann als in 
verschiedenen  Formen oder dass die Erscheinungen nur verschiedene 
Ausdrucksformen des 
Wesens  sind, bedeutet ja, dass sie als Erscheinungen nichts anderes sein 
können als  Präsentanten des Wesens in ihrer besonderen Form. 
Was  ist nun das Wesen? Bedreddins Philosophie wird gelegentlich als 
pantheistisch  bezeichnet. Es gibt jedoch viele Gründe, sie als materialistisch 
einzuordnen,  und zwar nicht nur der Tendenz nach. Er setzt zwar wie die 
Stoiker oft 
das Wesen  oder die Natur mit Gott gleich, man hat allerdings oft den 
Eindruck, dass er vom  Konzept Gott nur in einem rhetorischen Sinne Gebrauch 
macht. 
Denn im Rahmen  seiner Religionskritik greift er die Grundlagen der 
theologischen Weltauffassung  radikal an. Dies betrifft zum einen die 
Vorstellung von 
Propheten. 
Nach  gängiger Vorstellung sind die Propheten Botschafter Gottes. Gegen diese 
 Behauptung setzt er nun die These, dass  die Propheten ganz gewöhnliche 
Menschen wie alle anderen sind, und dass man sie  erst nach Generationen durch 
Sagen- und Mythenbildungen um ihre Person zum  Propheten macht. Die zweite 
fundamentale Kritik betrifft die damaligen  Traumdeutungen. Im 14. und 15. 
Jahrhundert wurden in Anatolien die Träume, vor  allem wenn man darin mit 
irgendwelchen 
übernatürlichen Kräften in Berührung kam,  als Beziehung zu Gott gedeutet. 
Auch Bedreddin macht gelegentlich Gebrauch  davon, um seinen eher 
philosophischen Argumenten zumindest in den Augen der  Leser eine weitere 
Legitimationsgrundlage zu verschaffen. 
Aber  er stellt dann an der entscheidenden Stelle, an der es um die 
Traumdeutung geht,  klar, dass Träume auf die inneren und äußeren Erfahrungen 
des Tages 
verweisen.  Damit ist nicht genug. Er greift, zum Dritten, solche theologisch 
fundamentalen  Kategorien wie Gott und Satan, Paradies und Hölle selbst an 
und legt den  Ursprung solcher Vorstellungen in die Verhältnisse der Menschen. 
So ist z.B.  Gott das weltliche Prinzip, das die Menschen zum Guten leitet, 
während der Satan  zur bösen Handlung verleitet. 
Über  Paradies und Hölle braucht man nicht zu spekulieren. Paradies ist es, 
wenn die  Verhältnisse der Menschen bestens eingerichtet sind, und umgekehrt 
ist es die  Hölle, wenn die Verhältnisse den Menschen wie eine Last auf die 
Schultern  drücken. Und schließlich greift er das wichtigste Fundament der 
Theologie an:  Nach Bedreddin gibt es so etwas wie Apokalypse und Auferstehung 
nicht. 
Es ist  deshalb vergeblich, auf die Rückkehr des Messias oder ähnliche 
Rettungen zu  warten. Selbst wenn die Welt untergehen würde, würde die Natur 
aus 
sich heraus  neue Lebewesen (auch Menschen) hervorbringen. Insofern ist es 
unsinnig  anzunehmen, dass es so etwas wie Apokalypse und Auferstehung geben 
wird. 
Das  Universum ist ewig. 
V.  Gemeineigentum und Kooperation in allem - außer in Sachen Liebe 
Wie  ich oben angedeutet habe, ist Varidat eine rein philosophische 
Abhandlung. Es  gibt in ihr kaum eine Aussage, die als gesellschaftstheoretisch 
oder 
politisch  eingestuft werden kann. Dennoch scheinen Bedreddins Anhänger daraus  
gesellschafts-theoretische und politische Schlussfolgerungen gezogen zu haben. 
 Denn als seine Tausende Anhänger gegen Mehmet Tschelebis despotische  
Willkürherrschaft den größten Aufstand in der Geschichte der Seldschuken und  
Osmanen organisierten, forderten sie, außer in Sachen Liebe, Gemeineigentum und 
 
Kooperation in allem - in der Produktion wie in der Konsumtion. Nach ihrer  
Auffassung könnte nur eine auf dieser Grundlage organisierte Gesellschaft die  
Basis für ein gemeinsames Leben aller Menschen, ungeachtet ihres religiösen  
Glaubens und kulturellen Hintergrunds, sichern. 
Bedreddin  mag diese gesellschaftstheoretischen Aussagen selbst nicht 
getroffen haben. Es  gibt allerdings vor allem zwei Stellen in seinem Werk, die 
diese 
Aussagen  nahelegen. Eine Stelle betrifft die Eigentumsverhältnisse, die 
andere die  Stellung der Menschen zueinander. Er scheint, wie die schottischen 
Aufklärer  Adam Ferguson und Adam Smith im 18. Jahrhundert, durch einen 
Rückgriff 
auf eine  römische Diskussion die Frage des Privateigentums zu diskutieren. 
Die  Römer taten sich offenbar schwer, das Privateigentum an Grund und Boden 
zu  rechtfertigen, wenn zugegeben wird, dass die Substanz, also die Natur, 
allen  gehört. Die Schotten hatten das gleiche Problem, sind aber im Gegensatz 
zu 
 Bedreddin der römischen Paradoxie gefolgt. Bedreddin hingegen scheint die  
Position zu vertreten, dass, wenn die Natur allen gehört, niemand das Recht  
haben kann, alle anderen von dem Gebrauch eines Teils dieser Natur  
auszuschließen. Denn jeder Mensch geht aus der Natur, also aus dem Wesen hervor 
 und kehrt 
wieder zur Natur zurück. Deshalb ist das Wesen nicht  teilbar. 
Die  andere Stelle im Bedreddins Werk behandelt die Frage der Gleichheit 
unter den  Menschen, und zwar im Rahmen seiner Diskussion, wer wen Prophet 
nennen 
dürfe.  Nach Bedreddin darf niemand einen anderen Menschen Propheten nennen, 
d.h. sich  einem anderen Menschen unterwerfen. Es ist dieser betreffende Mensch 
selbst, der  sich so nennt. Demnach ist aber jeder Mensch berechtigt, sich 
Prophet zu  nennen. 
Es  sind insbesondere diese beiden Textstellen, die Bedreddins Anhängern bei 
ihrem  Umsturzversuch losungstauglich erschienen. Bedreddin war aufgrund der  
kulturellen und religiösen Struktur in Anatolien mit einer ähnlichen Situation 
 der Religions- und Kulturkämpfe und -kriege konfrontiert, wie wir heute im 
21.  Jahrhundert. Sein recht früh entwickelter Gerechtigkeitssinn und das  
Sympathiegefühl für die Unterdrückten befähigte ihn zu sehen, dass diese Kämpfe 
 
und Kriege nur Kämpfe und Kriege der herrschenden Klassen waren. Denn im  
Gegensatz zu den Herrschenden, die sich ständig bekämpften und dafür auch die  
Gefühle des Volkes zu missbrauchen suchten, hatten die Völker Anatoliens in  
ihrem 
Alltagsleben bereits die Elemente einer zukünftigen Weltgesellschaft  
entwickelt.   
*Doğan  Göçmen ist Mitglied des _Deutschen  Freidenker-Verbandes_ 
(http://www.freidenker.de/startseite.htm)  in Hamburg und zu erreichen über  
dogangoecmen(at)aol.com 
Druckfassung:  Doğan Göçmen:  Scheich Bedreddin - der freidenkerische 
Philosoph und Revolutionär aus dem  Morgenland, _Freidenker 4 -  2004_ 
(http://cms.freidenker.org/index.php?id=81) : Philosophie und freies Denken im 
islamischen  
Kulturkreis.
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