At 09:55 01.03.99 +0100, Andreas Von Gunten wrote:

><da fragt man sich doch: Warum wollen die Chefs immer Festangestellte ? (...)
>Ich denke es geht hier vor allem um veraltete Denkmuster und um Macht.

hmm, also ich sehe das nicht so.
Wenn Du Leute nicht fest anstellt, kannst Du Dir im Endeffekt nie sicher
sein, ob Du sie gerade dann, wenn Du sie brauchst, auch bekommst.
Schliesslich muessen Freelancer immer mit einem Bein auch noch in anderen
Projekten stehen, um a) selbst keine Durststrecke durchzumachen, wenn eine
Firma sie fallenlaesst, b) nicht scheinselbstaendig zu sein, c) ihre Zeit
auszufuellen.

Aus meiner Erfahrung heraus verlaufen solche Projekte aber nicht immer
schoen hintereinander, sondern da gibt es durchaus Ueberschneidungen.
(selbst bei guter Planung kommt es vor, dass ein Projekt mal laenger dauert
als geplant), d.h. es kann ein Problem sein, den gewuenschten Freelancer zu
einem bestimmten Zeitpunkt zu bekommen.

Von der Chefperspektive heisst das: Leute, die ich fuer zentrale Aufgabe
brauche, muss ich eigentlich fest anstellen, damit ich auch wirklich fest
mit ihnen planen kann. Das hat mit Machtbewusstsein imho wenig zu tun,
sondern einfach mit Firmenorganisation.
Bei guten Leuten, deren Profil und KnowHow nicht einfach austauschbar ist
und von einer Firma wirklich gebraucht werden, sehe ich die Festanstellung
nahezu als logische Konsequenz, um das Risiko zu minimieren, diese Personen
fuer die Mitarbeit zu verlieren. 

Man muss das ja mal so sehen: Wenn ein Freelancer wirklich laenger und fest
fuer eine Firma arbeitet, kostet es die ja eine ganze Menge Zeit und Geld
nachher einen neuen einzuarbeiten, wenn der Freelancer fuer ein
attraktiveren Projekt verschwindet.
Beispiel: Bei einem Projekt, in dem ich arbeite, wuerde es jemanden, der
das uebernimmt, schaetzungsweise mindestens 4 Wochen kosten, um ueberhaupt
die "Basics" zu verstehen und mich ersetzen zu koennen. Diese
Einarbeitungszeit faellt als Mehrkosten fuer den Arbeitgeber an (plus die
Betreuung durch einen Festanstelltem zum Einarbeiten bzw. meine
"Uebergabezeit"). Wenn das 3 Mal im Jahr passiert, ist das nervig und teuer.

Von daher wuerde ich den Einsatz von Freelancern von einer strukturellen
Ebene her nur in folgenden Faellen fuer sinnvoll halten: fuer Jobs, die in
einer Firma nur voruebergehend anfallen oder nur so eine geringe Zeit in
Anspruch nehmen, dass sich Festanstellung nicht lohnt. Oder eventuell fuer
Jobs, die staendig neuen "Input" ("Frisches Blut") brauchen (dies koennten
z.B. kreative Sachen sein).
Ausserdem fuer Jobs, die Arbeit mit "wenig Profil" erfordert. Je
spezialisierter und dauerhafter eine Taetigkeit ist, desto wichtiger halte
ich eine Festanstellung aus der Unternehmersicht.

Virtuelle Unternehmen scheinen mir mittlerweile eher eine Sache fuer
Neugruendungen, da sie so wenig Anfangskapital brauchen und fuer den
Gruender wenig Investitionsrisiko bedeuten. Auch bei sehr spezifischen
Aufgabenstellungen mag die Organisationsform ihren Sinn haben (z.B. Presse,
Werbung - wo es bei beiden ja auf kreativen Input von vielen Verschiedenen
ankommt), aber ich wuerde das auf keinen Fall als _die_ Unternehmensform
der Zukunft sehen.

Auch von der Freelancer-Perspektive sehe ich nicht alles so rosig wie hier
bisher zum Teil beschrieben. Durch oben beschriebene Grund-Struktur
(mehrere Kunden, mehrere paralle Projekte) kann es zum Teil erheblichen
Stress in "Stosszeiten" geben.

Man muss eine (schwierige) Balance zwischen den Extremen "Staendig neue und
viele Kunden" (anstrengend und teuer) und "einer/wenige grosse Dauerkunden"
(gefaehrlich bei Verlust) finden.

>Felxibilit�t, Freiheit, Verantwortungsbewusstsein, usw.

eben und genau da liegt Haken. Erstens bringt die nicht jeder mit und
zweitens ist es Dir als Chef gar nicht so lieb, wenn die Leute zuviel
Freiheit haben (vor allem die Freiheit, das naechste Projekt nicht mit Dir
zu machen, sondern mit einem anderen, der z.B. besser zahlt oder sonstwie
attraktiver ist).

Petra

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