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Hintergrund & Analyse | 25. Nov 2011
Vivir Bien ("Gut leben")
Zu Entstehung und Inhalt des "Guten Lebens"
Von Muruchi Poma (Übersetzung: Sabine Maruschke)
"Ich habe zwei Kleider – eines für besondere Anlässe wie zum Beispiel Feste,
und eins für alle anderen Tage. Mehr habe ich nicht, und mehr brauche ich auch
nicht." So lautete die kurze entschiedene Antwort der Ketschua-Bolivianerin auf
die Frage des Moderators "Welche Rolle spielt das wirtschaftliche Wachstum beim
Begriff des 'Guten Lebens'"? Bei diesem Anlass trug sie ein dunkles Kleid mit
farbenfrohen leuchtenden Ziersäumen am Halsausschnitt, am Oberteil und an den
Ärmelenden. Offensichtlich hatte sie also ihr elegantes Festkleid an. Sie saß
auf dem Podium neben dem renommierten Geisteswissenschaftler Alberto Acosta aus
Ecuador, der mehrere Bücher über "Gutes Leben" geschrieben hat.
Persönlichkeiten aus der Dritten Welt waren auch die Hauptreferenten des
Attac-Kongresses unter dem Motto "Jenseits des Wachstums?".
Die Menschen, die sich bei dieser Konferenz von Attac im Mai dieses Jahres
trafen, staunten nicht schlecht über die Antwort der festlich gekleideten
Bolivianerin. Sie hatten ein theoretisches Statement mit ökonomischen
Bezugsgrößen oder theoretischen Überlegungen zum Wachstum aus der Sicht des
Konzeptes "Gut Leben" erwartet. Die Antwort fiel anders aus. Statt eines
Theoriepaketes präsentierte sie ihnen ein Lebensweise-Paket. Der Moderator und
die Zuhörer mussten es interpretierend auspacken und seinen Inhalt mit den
Theoriepaketen vergleichen, die in Europa gültig sind. Vor dieser Aufgabe, dem
interkulturellen Dialog, stehen wir.
Entstehung des Begriffs "Gut leben" [1]
Zum Ende des 20. Jahrhunderts wollten Politiker, Geisteswissenschaftler und
Aktivisten verschiedenster Coulœur, vor allem in Bolivien, wissen, was der
Begriff "Entwicklung" in den Sprachen der originären Völker bedeutet. Sie
wollten mit ihnen in ihrer Sprache kommunizieren, um sie zu "entwickeln". Aber
sie fanden keine Entsprechung. Da staunten die Entwicklungsverfechter: In der
Sprache der "Indios" gibt es kein Wort für Entwicklung! Allerdings fanden sie
ein "bedeutungsentsprechendes Äquivalent", wie Javier Medina [2], Beteiligter
an diesen Aktivitäten und Theorieexperte auf diesem Gebiet, schreibt. Das
Äquivalent auf Aymara heißt Suma Qamaña. Im Ketschua gibt es das historische
Äquivalent Qhapaq Ñan [3], das in Peru bereits gebräuchlich war und in Ecuador
wurde Sumak Kawsay geschaffen.
Auch wenn diese gefundenen Entsprechungen der Verständigung mit den Aymara und
Ketschua dienen, müssen sie richtig übersetzt und interpretiert werden, um
darüber beispielsweise mit der westlichen Welt kommunizieren zu können. Die
gefundenen Wörter ähnelten dem Originalbegriff "Entwicklung" gar nicht. Sie
waren wie Stiefkinder mit völlig anderem Aussehen und Charakter. Folgerichtig
wurden sie im Spanischen auf einen anderen Namen getauft. So entstand der
Begriff Vivir Bien - "Gut Leben".
Aber er trifft nicht zu. Die Wortschöpfer sind in der unbequemen Lage darlegen
zu müssen, dass "Gut Leben" nicht "Besser Leben" bedeutet. Das ist etwas
absurd. Denn die Wörter "gut" und "besser" spiegeln in unterschiedlichem Grad
den gleichen Inhalt wider. Später geben die Ermächtigten den Übersetzungsfehler
zu. Und nun? Soll man die Übersetzung korrigieren? Das ist schwierig. Der
Geist, der gerufen wurde, hat sein Eigenleben entwickelt. Es ist aber
angebracht, die Übersetzung zu verbessern und anzupassen, um die wahre
Bedeutung der gefundenen Wörter zu verstehen. Im Falle von Ecuador wird ein
Konzept zum Guten Leben entwickelt, das seinem tatsächlichen Inhalt nahe kommt
und mit dem es nicht so schwierig ist umzugehen.
Wenn man berücksichtigt, dass man unter den Begriffen Sumaq Qhamaña, Sumak
Kawsay oder Qhapaq Ñan [4] eine Form versteht, richtig mit den Wesen, seien es
Menschen, Tiere, die Natur oder der Kosmos, umzugehen, so müssten diese
Begriffe verstanden werden als Buen Convivir oder Convivir correctamente. Im
Deutschen entspricht das "Gut Zusammenleben" oder "Richtig Zusammenleben". Es
ist wie im täglichen Leben - die Namensgebung erfolgt nach der Geburt. Der
Begriff "Gut Zusammenleben" entsteht als Konzept für eine antikoloniale
postkapitalistische Alternative nach einer langen und komplizierten
Schwangerschaft. Mehrere Faktoren sind an diesem Entstehungsprozess beteiligt.
Die Kämpfe der sozialen Organisationen der Andenländer
In Ecuador ist vor allem der Verband der Indigenen Nationalitäten Ecuadors
(CONAI) zu nennen, der schon im Jahr 1990 einen Plurinationalen Staat [5]
forderte. Schlüsselereignis in Bolivien war der "Erste Historische Kongress für
Grund und Boden und politische Instrumentarien" im März 1995. Daran nahmen
unter anderem der Einheitliche Arbeiter- und Bauern-Gewerkschaftsverband
Boliviens CSUTCB und die Indigene Konföderation des Bolivianischen Ostens CIDOB
teil.[6] Die Teilnehmenden des Kongresses haben ihre historischen Forderungen
in einem Aufruf festgehalten. Nicht zu vergessen ist aber auch die
zapatistische Bewegung in Mexiko. Das”gehorchende Befehlen" (mandar
obedeciendo) ist einer ihrer Grundgedanken, die ganz Lateinamerika erleuchtet
haben und noch immer erleuchten. (Anm. d. Ü.: Gemeint ist das Treffen von
Entscheidungen im Sinne des Willens des Volkes).
Ein weiterer wichtiger Faktor, der im Inhalt von "Gut Zusammenleben" steckt,
ist die von den Vorfahren ererbten Überlieferung der vorkolumbianischen
Zivilisationen, die auf verschiedene Art und Weise widerstanden und die
Kolonialisierung überlebt haben. Die westliche Zivilisation konnte sie nicht
zerstören. Allem Anschein nach konnte das vorkolumbianische Leben entweder
insgeheim weiter praktiziert oder an die herrschende Lebensweise angepasst
werden. Das Ergebnis der Untersuchung, der Beschreibung und der
Systematisierung dieser Wirklichkeit bezeichnete man schließlich als "Mündliche
Geschichte".
Die Rolle bedeutender Theoretiker
Zu den Theoretikern, die das von den Vorfahren überlieferte Wissen
systematisiert haben, gehört Alberto Acosta [7], der die Verfassungsgebende
Versammlung in Ecuador leitete. Herausragend in Bolivien sind Javier Medina und
Simón Yampara, Fernando Huanacuni, David Choquehuanca und Raúl Prada Alcoreza.
Präsent sind aber auch die Arbeiten von sozialistischen Strömungen, zum
Beispiel von Àlvaro Linera, derzeit Vizepräsident von Bolivien, wenn sie auch
nicht direkt einen Beitrag leisteten, sondern versuchten, Rechte der Indígenas
einzufordern. Schließlich brachten einige Vertreter der Theologie der Befreiung
wie Leonardo Boff und Enrique Dussel wertvolle Überlegungen ein, natürlich aus
ihrer Perspektive.
Diese genannten Faktoren sind eine Art Geburtshelfer für das neue
Lebensparadigma. Vor der Geburt war jedoch ein früherer Schritt notwendig. In
beiden Ländern wurden mit absoluter Stimmenmehrheit neue Regierungen gewählt,
die sich selbst als antineoliberal bezeichnen. An ihrer Spitze steht in Ecuador
der Akademiker Rafael Correa, in Bolivien der Anführer der Kokabauern Evo
Morales. Und im Gefolge des neuen politischen Szenariums wird jeweils eine neue
Magna Charta angenommen – in Ecuador 2008 und in Bolivien 2009 -, in der das
Konzept vom "Guten Zusammenleben" eines der zentralen Ziele beim Aufbau der
neuen Staates darstellt.
Wie oben beschrieben heißt der Terminus in Ecuador Buen Vivir (Gutes Leben) [8]
und in Bolivien Vivir Bien (Gut Leben) [9]. In Artikel 275 der Verfassung
Ecuadors finden wir eine ausdrückliche Formulierung seines Inhalts: die Achtung
der Diversität, das Menschenrecht [10] nicht nur für Einzelpersonen, sondern
auch für Personengemeinschaften (zum Beispiel Gemeinden) und das Zusammenleben
mit der Natur. Die Ecuadorianer benennen mit dem neuen Begriff die Art und
Weise, wie das Ziel "Entwicklung" vom Staat umgesetzt wird. Auf der Verpackung
steht noch "Entwicklung", aber der Inhalt ist ein anderer.
In der bolivianischen Verfassung sucht man vergeblich eine Begriffsbestimmung.
Die gibt es in diesem Dokument nicht.[11] Der Terminus erscheint neben anderen
als ein ethisches Prinzip des Multinationalen Staates (siehe Artikel 8) und
wird in dem Teil zu Biodiversität und Boden (Artikel 80) sowie bei den Zielen
des Wirtschaftsmodells aufgeführt. In diesem Zusammenhang spricht man von
"Gemeinsam Gut Leben".
Es wird deutlich, wie wenig ausgereift der Begriff Vivir Bien - "Gut leben"
ist. Aber sein mit Schwierigkeiten behafteter Gebrauch [12] in diesem Dokument
spiegelt auch die Interessenvielfalt der bolivianischen Gesellschaft wider. Das
erklärt auch am besten die aktuellen Widersprüche der bolivianischen Regierung:
Zum Einen will sie ein Gesetz über die Mutter Erde erlassen, zum Anderen
betreibt sie eine auf die Ausbeutung von Rohstoffen gerichtete
Wirtschaftspolitik; sie verabschiedet ein Gesetz zur Förderung der Produktion
organischer Stoffe, aber sie gestattet den Einsatz von gentechnisch veränderten
Produkten. Auf internationalem Parkett wird sie aktiv und schlägt zum Beispiel
der UNO vor, den 22. April zum Internationalen Tag der Mutter Erde auszurufen,
gleichzeitig möchte sie auf nationaler Ebene Projekte ohne die Berücksichtigung
der Entscheidungen der Indígenas durchführen. Dieses Paradoxon widerspiegelt
sich am deutlichsten in der Absicht der Regierung von Evo Morales, eine Straße
mitten durch TIPNIS (Indigenes Territorium des Nationalen Parks von Isiboro
Sécure) zu bauen.
Der Inhalt des Konzeptes zum "Guten Zusammenleben"
An dieser Stelle soll nicht auf die unterschiedlichen Interpretationen des
"Guten Zusammenlebens" eingegangen werden, wir wollen aber versuchen, seine
Hauptmerkmale zu beschreiben.
Das Prinzip der Pluralität:
Genauso wie wir in der Natur die Biodiversität finden und anerkennen, müssen
wir es in der menschlichen Gesellschaft tun. Wir kommen aus unterschiedlichen
Kulturen. Wir denken, handeln und verwirklichen uns auf unterschiedliche Art
und Weise. Wir sind voneinander verschieden und haben die Eigenschaft, dass wir
mehr als eins (ein Element) in der Gesellschaft sind. In diesem Sinne
repräsentieren wir die Pluralität. Wir sind der Vielfalt der Blätter an einer
Pflanze ähnlich: "Wir sind Teil der Gemeinschaft, wie das Blatt Teil der
Pflanze ist. Niemand sagt 'Ich werde mich nur um mich kümmern, die Gemeinschaft
hat keinerlei Bedeutung für mich.' Das ist genauso unsinnig, als würde das
Blatt zur Pflanze sagen 'Du bedeutest mir nichts, ich werde nur für mich
sorgen.'"[13]
Diese Sichtweise, die auf den ersten Blick sehr naiv zu sein scheint, ist im
Grunde von tief gehender Weisheit und weist eine lehrreiche Beobachtungsmethode
auf. Sie verlässt den engen Beobachtungswinkel, der zum Beispiel bei der
Dialektik zu finden ist. Der Widerspruch zwischen zwei Elementen, sagen wir
Klassen, schließt die Existenz anderer gesellschaftlicher Gruppen aus. Diese
Sichtweise ist exklusionistisch. Zum anderen kann es nicht sein, dass der
Widerspruch letztlich durch das Verbleiben einer einzigen Klasse aufgelöst wird
– die Synthese wäre das Ergebnis aus These und Antithese. Monisten beanspruchen
die Existenz einer einzigen Wirklichkeit. Ist das vielleicht zum Teil die
Erklärung für das kriegerische Leben der westlichen Welt? Sehr wahrscheinlich!
Die von den Vertretern des guten Zusammenlebens vorgeschlagene Methode besteht
darin, den Beobachtungswinkel zu erweitern: die Mathematiker Molina und Javier
Amaru nennen das Tetralektik [14]. Diese Methode sieht mehr als zwei Elemente.
Die Autoren erläutern beispielsweise, dass die Zahl vier nicht nur als das
Ergebnis von zwei Elementen, nämlich die Summe von zwei Zweien, gesehen werden,
sondern auch als die Summe aus vier Einsen oder aus einer Drei und einer Eins.
Oft vergessen wir solche einfachen Dinge. Diese Betrachtungsweise erlaubt es,
das Vorhandensein einer pluralen Gesellschaft anzuerkennen, einer Gesellschaft,
die nicht nur aus zwei Klassen besteht, sondern aus verschiedenen sozialen und
kulturellen Schichten. Ausgehend von dieser Erkenntnis schlägt Simon Yampara
vor, mit der Suche nach der Komplementarität, der gegenseitigen Ergänzung
verschiedener Faktoren, ein Gleichgewicht anzustreben. Wir müssten uns die
verschiedenen Zivilisationen als ein Apthapi (ein Bankett) [15] vorstellen, von
dem wir uns alle bedienen können. Die westliche Zivilisation hat den Irrtum
begangen, das Individuum zu verabsolutieren und hat damit dem Individualismus,
dem Egoismus und dem Machismus freie Bahn gegeben.
Das Prinzip der Komplementarität von Natur und Kosmos:
Nach Auffassung der Andenvölker des Amazonasgebietes ist das Leben nicht auf
dasjenige der Menschen oder der Tiere beschränkt, sondern bezieht all das mit
ein, was uns umgibt, auch den Kosmos. Das Leben der Mutter Erde (Pachamama)
drückt sich in ihrer Wiedergeburt aus. Dieses ständige und lebendige
Neuerstehen bedingt unsere biologische Reproduktion und unsere spirituelle
Verwirklichung. Auf diese Weise ist die Mutter Erde nicht mehr ein Objekt,
sondern als Teils des menschlichen Subjekts. So gesehen wird die Pachamama zu
einer Art Erweiterung unserer Extremitäten. Deshalb soll sie das Recht auf ihre
Reproduktion haben wie das Subjekt Mensch.
Wenn wir in Betracht ziehen, dass die Zerstörung der Pachamama auch unsere
allmähliche Beseitigung bedeutet, so heißt das, dass wir sie achten und sie und
uns schützen müssen, indem wir juristische Grundlagen erarbeiten, die ihr einen
autonomen regenerativen Zyklus ermöglichen. Die westliche Zivilisation hat den
Menschen in das Zentrum allen Seins gerückt. Das ist ein schädlicher
Ethnozentrismus – einzig der Mensch verfügt über Rechte. Der Natur als seinem
Objekt sind alle Rechte entzogen, sie muss ihm zu Diensten sein. Das Ergebnis:
der Mensch zerstört die Natur unbarmherzig. Scheinbar frisst das Wesen Mensch
seine eigenen Extremitäten auf. Die originären Völker hingegen betrachten das
menschliche Leben als ein Leben von vielen im Kosmos. Wenn man so will,
schlagen sie eine Art Kosmozentrismus (Yampara), Biozentrismus (Gudynas) oder
Sozio – Biozentrismus (Acosta) des Lebens vor.
Diese Sichtweise rührt von ihrem Verständnis von Zeit und Raum her. Für die
Andenvölker sind diese beiden Elemente nahezu gleich. Sowohl in der Ketschua-
als auch in der Aymara-Sprache ist das entsprechende Wort, das die originären
Völker als Äquivalent dafür benutzen, das Wort pacha. Sie differenzieren
lediglich bei der Beschreibung ihrer verschiedenen Zustandsformen. In Bezug auf
die Zustände der Zeit verwenden sie: Zukunft = qipapacha; das Heute = kaypacha;
die Vergangenheit = ñaupapacha. Für den Raum haben sie die Begriffe: oben =
hananpacha; unten = urinpacha; Horizont(al), das heißt der Punkt des
Gleichgewichts = qha(o ukhu)pacha. Raum und Zeit werden zu einer Art Kreuz und
haben einen Schnittpunkt, der von der Zeit her gesehen kaypacha ist, und vom
Raum her qhapacha. In diesen unterschiedlichen Zustandsformen von Raum und Zeit
findet das Leben in seiner Ganzheit statt und in diesem Schnittpunkt von Raum
und Zeit, im Leben der Gegenwart, findet es sein Gleichgewicht.
Das Prinzip des pachakuti, der zyklischen Wiederholung:
Wenn wir Teil der Natur und des Kosmos sind, so ist es nur natürlich, dass die
Mutter ihren organischen Zyklus wiederholen muss, um unsere Reproduktion zu
ermöglichen. Wiederholen bedeutet aber das Holen ihres früheren Zustands in die
Gegenwart. Wenn sich die Mikroorganismen der Erde nur teilweise oder gar nicht
mehr reproduziert haben, das heißt, wenn sie ihren früheren Zustand nicht
erreicht haben, so steht das spätere Funktionieren dieser Mikroorganismen auf
dem Spiel. Das ist jedem Biologen bekannt und gehört zum Allgemeinwissen. Auch
die westliche Zivilisation weiß das, aber hier wird die Zukunft so sehr
überbetont, dass man blind für die Vergangenheit wird. Die Zukunft erscheint
als etwas völlig Neues. Man vergisst, dass in der Zukunft die Funktion der
Vergangenheit gewährleistet sein muss. Für die Verfechter des Sumaq Qhamaña
dagegen ist die Zukunft die Vergangenheit. Wenn wir als Menschheit weiterhin in
Zukunft existieren wollen, muss sich die frühere Fähigkeit der Erde zur
Regeneration heute und in Zukunft erneut wiederholen.
Die Vergangenheit muss in der Zukunft präsent sein. Diese Aussage ist scheinbar
töricht, aber sie trägt viel Vernunft in sich. Nur so ist der Begriff der
Nachhaltigkeit zu verstehen. Alles, was wir verbrauchen, muss sich biologisch
abbauen, damit wir von Neuem darüber verfügen können. Das ist genauso wie wenn
wir alles unternehmen, damit unsere Eltern oder Kinder morgen noch so gesund
sind wie gestern und heute. An Hand des biologischen Abbaus kann man das
Prinzip des pachakuti besser verstehen. Es muss aber auch gesagt werden, dass
dies nicht in Widerspruch zu einer bestimmten Form technologischer Entwicklung
[16] steht. Wenn technologische Entwicklung der Regeneration der Pachamama
entspricht und sie ermöglicht, dann wird sie willkommen sein. Wir stehen also
einem bestimmten Modernismus nicht feindlich gegenüber. Diejenigen, die
glauben, wir möchten ins Zeitalter der Steinzeit zurückkehren, täuschen sich.
Wie festzustellen sein wird, ist das Stiefkind "Gut Leben" oder "Gutes Leben",
das als "Gutes Zusammenleben" aufzufassen ist, der Lieblingssohn oder die
Lieblingstochter der Wissenschaftler und Völker nicht nur in Südamerika,
sondern auf der ganzen Welt. Noch muss das Kind wachsen, und zwar mit der Hilfe
aller. Mit ihrer Antwort wollte unsere bolivianische Freundin im Festkleid
ausdrücken, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen und dass dem Wachstum im
Konzept des "Gut leben" deutliche Grenzen gesetzt sind. Wir können mit unserem
Konsum nicht so weitermachen, während unsere Lebensquelle dabei ist
auszutrocknen.
Muruchi Poma, Ayni e.V., Leipzig, den 28. Juli 2011
E-Mail: [email protected], Internet: www.amigo-latino.de
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1. Einen ersten Versuch, die Entstehung dieses Begriffes/Konzeptes zu erklären,
ist nachzulesen in: Bolivien im Umbruch. Der schwierige Weg der Neugründung.
Quetzal/Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2010, S. 686.
2. Siehe Medina, Javier: Suma Qamaña. Por una convivialidad postindustrial
(Suma Qamaña. Wege in ein postindustrielles Zusammenleben), Carza Azul
Editores, La Paz, Bolivia, 2006, S. 7 Vergleiche auch:
http://lareciprocidad.blogspot.com/2011_01_16_archive.html (besucht am 25.
November 2011); Zit. von Thomas Fatheuer: Buen Vivir. Eine kurze Einführung in
Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur. S.
21.
3. Siehe Muruchi Poma, Günther Buhlke: Qhapaq Ñan y Socialismo. La Paz,
Bolivia, 2011, S. 20 ff.
4. Zur Etymologie dieser Wörter siehe ebd.
5. Huanacuni Mamani, Fernando: Buen Vivir/Vivir Bien. Filosofía, políticas,
estrategias y experiencias regionales andinas ("Gutes Leben/Gut Leben.
Philosophie, Politik, Strategie und Erfahrungen in den Andenregionen").
Bolivien, 2010, S. 12
6. Muruchi Poma: Evo Morales. Die Biografie; Leipzig 2007, S. 108
7. Siehe Alberto Acosta: Buen Vivir auf dem Weg in die Post-Entwicklung. Ein
globales Konzept? In: Werner Rätz/Tanja von Egan-Krieger u.a. (Hrsg.):
Ausgewachsen! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben. Ein
Projekt von Attac. VSA-Verlag Hamburg, 2011.
http://shop.attac.de/index.php/bucher/buch-ausgewachsen.html (besucht am 25.
November 2011)
8. Siehe Artikel 275 der geltenden Politischen Verfassung Ecuadors:
http://es.wikipedia.org/wiki/Constitución_de_Ecuador_de_2008 (besucht am 25.
November 2011)
9. Siehe Magna Charta von Bolivien
http://es.wikipedia.org/wiki/Constitución_Política_de_Bolivia_de_2009 (besucht
am 25. November 2011)
10. Thomas Fatheuer schreibt dazu: "... das Recht auf Ernährung, Gesundheit,
Erziehung und Wasser. Diese Formulierungen erinnern stark an die so genannten
Menschenrechte der dritten Generation, die wirtschaftlichen, sozialen und
kulturellen Rechte (WSK-Rechte)." Siehe: Buen Vivir. Eine kurze Einführung in
Lateinamerikas neue Konzepte zum guten Leben und zu den Rechten der Natur.
http://www.boell.de/downloads/Endf_Buen_Vivir.pdf (besucht am 25. November
2011). In: Heinrich-Böll-Stiftung, Ökologie, Band 17, S. 21
11. Eine Begriffsbestimmung erschien kürzlich in dem im Juni 2011 erlassenen
"Revolutionsgesetz über die Gemeinschaftliche und Landwirtschaftliche
Produktion". In Artikel 6 Nummer 5 werden die folgenden Aspekte als Ziel
benannt: "kollektiver Nutzen", "Befriedigung von Grundbedürfnissen", "Harmonie
mit der Mutter Erde" und "Gemeinschaft mit den menschlichen Wesen".
http://www.gacetaoficialdebolivia.gob.bo/normas/verGratis/139308 (besucht am
25. Juli 2011)
12. Natürlich müssen wir berücksichtigen, dass die erste Version der
Verfassung, die von der Verfassungsgebenden Versammlung angenommen wurde, im
Zuge der Verhandlungen mit den Vertretern der Rechten aufgeweicht wurde. Siehe
das Interview mit der Präsidentin der Verfassungsgebenden Versammlung, Silvia
Lazarte,
http://quetzal-leipzig.de/lateinamerika/interview-mit-silvia-lazarte.html
(besucht am 25. November 2011)
13. Choquehuanca, David: América Latina en movimiento ("Lateinamerika in
Bewegung"). Bd. 452, Februar 2010, S. 10
14. Eine Zusammenfassung dieser Methode ist zu finden in: Muruchi Poma,
Günther Buhlke: Qhapaq Ñan und Sozialismus, S. 20 ff.
15. Siehe Tani tani, Nr. 451 oder
www.amigo-latino.de/indigena/noticias/newsletter_6_10/429_vivir_bien_sy.html
(besucht am 25. November 2011)
16. Siehe Braungart, Michael; McDonough, William: Die nächste industrielle
Revolution. Die Cradle to Cradle-Community.
Hamburg, 2009.
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Quelle:
Vivir Bien (”Gut leben“) als PDF
http://tinyurl.com/bp2fyga
Tags: Buen Vivir
http://amerika21.de/tag/buen-vivir
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