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Zentralasien

Rückschläge bei der Wasserversorgung 

Alleingänge kommen Staaten teuer / Von Partnerschaft bei Strom- und
Wasserversorgung keine Spur 

von Christopher Pala

Almaty, Kasachstan, 18. November (IPS) [1] - Dass ein Heer von Geberländern,
die seit 20 Jahren in die gemeinsame Wassernutzung der zentralasiatischen
Staaten investieren, so wenig erreichen konnte, hat Seltenheitswert. Die
Zusammenarbeit zwischen den Nachbarn der Region nimmt nicht zu, sondern ab.

Auch wenn die Frage der Wasserzuteilung in vielen Teilen der Welt ein
Problem darstellt - etwa an Donau und Nil - ist die Situation der
zentralasiatischen Länder speziell. Diese haben nämlich vor 20 Jahren die
Erfahrung gemacht, dass sich eine faire Wasserpartnerschaft sowohl für die
wasserreichen als auch für die wasserarmen Länder auszahlt.

"Anstatt auf eine Win-Win-Situation zu setzen, stecken die seit dem
Zusammenbruch der Sowjetunion unabhängigen zentralasiatischen Staaten nun in
einer Lose-Lose-Situation", meint der usbekische Berater Iskandar
Abdullajew.

In der meerfernen Region sind Niederschläge selten. Der meiste Regen geht
über dem Pamir-Gebirge nieder, von wo aus die beiden größten Flüsse der
Region ihren Weg Richtung Osten einschlagen. Sowohl der Amu Darja als auch
der 100 Kilometer südlich entspringende Sir Darja münden in den Aralsee.
Dass der Großteil des Wassers für die Landwirtschaft verwendet wird, hat
dazu geführt, dass der nördliche Teil des Aralsees ausgetrocknet ist.

Mit dem Ziel vor Augen, das Wasser der Flüsse für die Bewässerung der
Landwirtschaft zu nutzen, hatten die sowjetischen Behörden ein Bataillon von
Dämmen am Sir Darja angelegt. Da Kirgisistan am Oberlauf des Flusses liegt,
ist es gegenüber den stromabwärts gelegenen Ländern Usbekistan und
Kasachstan im Vorteil. Die Dämme waren zudem mit Strom produzierenden
Turbinen ausgestattet, die Kirgisistan mit preiswertem Strom versorgten.

Lohnender Tausch

Jahrzehnte lang sorgte das im Sommer in die Stauseen einlaufende
Schmelzwasser dafür, dass der Wassernachschub gewährleistet und auch die
usbekischen und kasachstanischen Felder bis in den Frühling hinein bewässert
werden konnten. In der Winterzeit half Usbekistan den Kirgisen mit seinen
reichlich vorhandenen Gas- und Kohlevorräten aus.

Doch nach der Unabhängigkeit stoppte Usbekistan die Lieferung seiner
Heizmaterialien, was wiederum Kirgisistan nötigte, auch im Winter auf
Wasserkraft zurückzugreifen. Ein großer Teil des Winterwassers versickerte
ungenutzt in der Usbekischen Wüste. Aufgrund der hohen Wasserverluste sah
sich Usbekistan in der Situation, nicht mehr alle seine Agrarflächen
bewässern zu können. Ein Viertel des Farmlands ist inzwischen unfruchtbar.

Derweil arbeitet Tadschikistan an der Fertigstellung eines zwei Milliarden
US-Dollar teuren Wasserkraftwerks an einem Zufluss des Amu Darja. Der
sogenannte Rogun-Damm soll 3.600 Megawatt Strom produzieren - sechs Mal so
viel wie ein Kohlekraftwerk.

Sowjetische Ingenieure hatten den Damm ursprünglich so konzipiert, dass er
das Wasser für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen reguliert. Doch
nun soll er vordergründig Exportstrom generieren. Das heißt, dass eine
optimierte Freisetzung von Wasser zum Wohl der usbekischen Landwirtschaft
nicht mehr gegeben ist.

Nachdem das Vorhaben auf usbekischer Seite heftige Proteste ausgelöst hatte,
beantragte Tadschikistan bei der Weltbank einen weichen Kredit für die
Erstellung mehrerer Machbarkeitsstudien. "Wir werden keine Entscheidung
treffen, solange die Untersuchungen nicht abgeschlossen sind", versicherte
unlängst der tadschikische Wasserminister Rachmat Bobokalonow. Und
Weltbankwasserexperte Daryl Fields fügte hinzu, dass es zu früh sei, um sich
zu den Ergebnissen zu äußern.

Langzeitschäden

Sollte der Damm fertiggestellt und vorrangig für die Stromproduktion genutzt
werden, hätte dies nach Ansicht von Wadim Sokolow von der zentralasiatischen
Zwischenstaatlichen Kommission für Wasserkoordinierung (ICWC) [2]
verheerende Folgen. So würden weitere Teile des usbekischen Farmlands
vernichtet und die Feuchtgebiete im ehemaligen Mündungsgebiet des Amu Darja
geschädigt.

Der Rogun-Damm ist ein gutes Beispiel für die derzeitigen Bemühungen der
zentralasiatischen Länder, sich von ihren Nachbarn unabhängig zu machen.
Doch Sokolow zufolge verlangt eine solche Strategie Usbekistan kostspielige
Investitionen in Methoden ab, Wasser auch im Winter speichern zu können.

Darüber hinaus sahen sich die Länder plötzlich zum Bau neuer Straßen zu den
Grenzübergängen gezwungen, nachdem alle übrigen Übergänge geschlossen worden
waren. Hinzu kommt, dass die erhöhte Stromnachfrage im Winter die ohnehin
maroden kirgisischen und tadschikischen Energienetze weiter belastet und
Stromausfälle begünstigt.

"Selbst kirgisische Bauern leiden", meinte Sokolow. "Sie konnten 2008, einem
sehr trockenen Jahr, nur 60 Prozent ihres Wasserbedarfs decken. Damit
standen sie schlechter als die usbekischen Bauern da, die im gleichen Jahr
70 Prozent ihres Wasserbedarfs decken konnten."

1998 hatten die vier Länder auf Initiative der USA ein Abkommen
unterzeichnet, in dem sie sich für eine Rückkehr zum sowjetischen Modell
entschieden: So sollten Usbekistan und Kasachstan als Gegenleistung für die
Freisetzung von Wasser im Frühling und Sommer Kirgistan und Tadschikistan
mit Strom, Kohle und Gas versorgen.

Doch die stromabwärts gelegenen Länder haben in den letzten drei Jahren nur
einen Teil des Deals erfüllt, während sich die Länder am Oberlauf gezwungen
sahen, im Winter das Wasser in ihren Stauseen für den fortgesetzten Betrieb
ihrer Wasserturbinen zu verwenden.

Der Klimawandel wird die bestehenden Probleme noch weiter verschärfen.
Abgesehen von den Gefahren, die die Gletscherschmelze mit sich bringt,
bedeuten wärmere Temperaturen einen höheren Verdunstungsgrad, was wiederum
zu einer weiteren Verringerung des Wassers für Bewässerungszwecke führen
wird. (Ende/IPS/kb/2011) [WASSER/043]

Links:

[1] http://www.icwc-aral.uz/
[2] http://www.ipsnews.net/news.asp?idnews=105889




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