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EurActiv - 27.12.2011

Potočnik fordert größere Ambitionen

Ressourceneffizienz: EU-Umweltminister bremsen Kommission

Von der Lebensmittelindustrie über das Bauwesen bis zum Verkehr - die 
EU-Kommission will Europas Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten auf 
Ressourceneffizienz trimmen. Mit der Idee, konkrete EU-Vorgaben zum 
Ressourceneinsatz zu entwickeln, ist die Brüsseler Behörde vorerst gescheitert. 
Es geht ums Detail - und ums Prinzip

Von Alexander Wragge

EU-Umweltkommissar Janez Potočnik hat sich enttäuscht über die Ergebnisse des 
EU-Umweltminister-Treffens zum Ressourcenschutz gezeigt. Ungewohnt deutlich 
erklärte Potočnik zu den Beschlüssen des Rates vom Montag vergangener Woche: 
"Die Kommission bedauert, dass die Schlussfolgerungen des Rates unter dem 
Niveau von Zielsetzungen bleiben, das notwendig ist."

Die Minister hatten über den "Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa" 
beraten, den die Kommission im September vorgelegt hat. Ziel des Fahrplans ist 
die Ressourcenschonung in den Bereichen Industrie, Verkehr und Energie in den 
kommenden Jahrzehnten. Beispielsweise soll die Besteuerung vom Faktor Arbeit 
weg auf Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch verlagert werden, damit 
Verbraucher auf ressourcenschonende Produkte umsteigen. Die Kommission drängt 
darauf, bis Ende 2013 "klar definierte Ziele und Indikatoren" zur 
Ressourceneffizienz zu entwickeln.

Der Rat der EU-Umweltminister verweigerte diesem Ansatz in seinen 
Schlussfolgerungen allerdings seine ausdrückliche Zustimmung, was einer 
vorläufigen Ablehnung gleichkommt.

Bulgarien und Großbritannien wollten die Erwähnung konkreter Effizienzziele 
("Milestones") nicht in das Abschlussdokument des Umweltministerrates 
aufnehmen, wie aus einem internen Arbeitspapier zum Treffen hervorgeht, das 
EurActiv.de exklusiv veröffentlicht.

Auch Deutschland und die Niederlande äußerten sich kritisch, wie die Berliner 
Tageszeitung "TAZ" berichtet. "Die Niederlande wollen erwähnt wissen, dass die 
Möglichkeiten der Mitgliedsstaaten, Effizienzziele vorzugeben, begrenzt seien."

Der grüne Industriepolitiker Reinhard Bütikofer kritisierte im Interview mit 
EurActiv.de "Was Umweltkommissar Janez Potočnik durchaus kompetent und 
umsichtig formuliert hat, ist durch den Rat leider nicht ausreichend 
aufgegriffen worden und droht nun als theoretische Erwägung zu enden, die nicht 
weiter ernst genommen wird und wieder im Schreibtisch verschwindet." Bei den 
Schlussfolgerungen des Umweltrates fehle die Ambition. "Konkrete 
Effizienzsteigerungsziele müssen Maßstäbe setzen", fordert Bütikofer. "Dann 
üben wir Druck aus, damit es wirklich vorangeht."

Brüssel vs. Berlin - Verschiedene Ressourcen-Begriffe

Offen bleibt, welche konkreten Vorbehalte das deutsche Umweltministerium (BMU) 
gegen den Ansatz der Kommission hat. Das deutsche Kabinett will im Januar 2012 
das Nationale Ressourceneffizienzprogramm (ProgRess) verabschieden, das 
federführend vom BMU erarbeitet wird. Deutschland hat sich 2002 das Ziel 
gesetzt, die Rohstoffproduktivität bis 2020 gegenüber 1994 zu verdoppeln.

Die deutschen Vorbehalte gegen die EU-Strategie scheinen teilweise der 
unterschiedlichen Herangehensweise an die Ressourceneffizienz geschuldet. 
ProgRess setzt generell auf einen engeren Ressourcen-Begriff als die 
EU-Kommission. Der Fokus liegt auf abiotischen, nichtenergetischen Rohstoffen, 
ergänzt um die stoffliche Nutzung biotischer Rohstoffe. "Die Nutzung von 
Rohstoffen steht zwar in Zusammenhang mit der Nutzung anderer natürlicher 
Ressourcen wie Wasser, Luft, Fläche und Boden sowie Biodiversität und 
Ökosystemen", heißt es zur Begründung. "Da diese Ressourcen jedoch bereits 
Gegenstand anderer Programme, Prozesse oder Regelwerke sind, werden sie in 
ProgRess nicht vertieft behandelt."

Die Brüsseler Behörde verwendet dagegen einen weitgefassten Ressourcenbegriff. 
Die übergeordnete EU-Strategie "Ressourcenschonendes Europa" zielt auf Metalle, 
Mineralien, Brennstoffe, "Ökosystemgüter" wie Holz, aber auch auf die Nutzung 
von Land, Wasser, fruchtbarem Boden, Biomasse, sauberer Luft und 
Ökosystemleistungen wie Kohlenstoffbindung und -speicherung, die 
Wasseraufbereitung, Luftfilterung und ähnliches.

Die deutsche Skepsis mag also auch darin begründet sein, dass noch nicht 
ausgemacht ist, welche Ressourcen auf die EU-Agenda sollen.

Umwelt- versus Wirtschaftspolitik 

Vorbehalte macht auch das Bundeswirtschaftsministerium geltend. 
Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler (FDP) erklärte Ende September zu den 
EU-Plänen: "Eine weitere Kostensteigerung im Bereich der Ressourcennutzung 
durch zusätzliche Regulierungen und Steuern, wie sie die EU-Kommission jetzt 
vorschlägt, kann die Wettbewerbsposition der europäischen Wirtschaft massiv 
beeinträchtigen. Um Standortnachteile für die europäische Wirtschaft zu 
vermeiden, muss daher dringend ein internationaler Ansatz verfolgt werden." 
Zwar setzt der Fahrplan der Kommission darauf, die Ressourceneffizienz 
international zu fördern, er macht aber weltweite Abkommen nicht zur Bedingung 
für europäische Maßnahmen. Industrieverbände warnen, die Regulierung des 
Ressourceneinsatzes in der EU könnte zur Produktionsverlagerung ins Ausland 
führen.

Ende September hatten sich Rösler und die anderen EU-Wirtschaftsminister 
skeptisch zu den EU-Plänen geäußert. Mehr Ressourceneffizienz dürfe nicht zu 
Lasten der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gehen, so der Tenor 
der Schlussfolgerungen des EU-Wettbewerbsrates. Die Rechtsetzung der EU bei 
Maßnahmen zur Erhöhung der Ressourceneffizienz müsse entsprechend 
widerspruchsfrei, intelligent, berechenbar und der Unternehmensgröße angepasst 
sein und sich auf zuverlässige Daten und Voranalysen stützen. 

Der grüne EU-Abgeordnete Bütikofer bestreitet, dass zwischen Regulierungen des 
Ressourceneinsatzes und der Wettbewerbsfähigkeit ein prinzipieller Widerspruch 
besteht. "Die Bremser von heute sehen nicht, dass Wettbewerbsfähigkeit ohne 
Ressourceneffizienz gar nicht mehr geht", so Bütikofer gegenüber EurActiv.de. 
Das grüne Denken sei nicht hinderlich für die Ökonomie, sondern die Basis 
künftigen wirtschaftlichen Erfolgs. "Die Rohstoffeffizienz setzt sich ohne 
entsprechende Rahmenbedingungen nicht durch."

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Positionen

Der Konflikt zwischen Umwelt- und Wirtschaftspolitik beim Thema 
Ressourcenschutz spiegelt sich auch in den Positionen der Verbände.

NABU: Verbindliche Einsparziele gefordert

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) forderte Umweltminister Norbert Röttgen 
vor dem Rat der EU-Umweltminister auf, sich für verbindliche Einsparziele beim 
Rohstoff- und Materialverbrauch der europäischen Volkswirtschaft stark zu 
machen und eine Steuer- und Subventionspolitik zu betreiben, die dies 
berücksichtigt. "Umweltminister Röttgen hat versprochen Deutschland zum 
Ressourceneffizienzweltmeister zu machen. Als einflussreiches Mitglied des 
Umweltrates liegt es nun an ihm, diesen Anspruch im Sinne einer 
generationengerechten Ressourcenpolitik auf ganz Europa auszuweiten", erklärte 
NABU-Präsident Olaf Tschimpke. 

"Die natürlichen Ressourcen sind der Ast, auf dem wir sitzen. Wir begrüßen 
daher, dass der Ressourcenschutz auch in Zeiten der Finanzkrise auf der 
europäischen Agenda steht. Die Veränderungen durch die Finanz- und 
Wirtschaftskrise sollten umweltpolitische Chancen ergreifen und nicht 
negieren", erklärte NABU-Ressourcenexpertin Ulrike Meinel.

BDI: Keine absoluten Reduktionsziele in der Produktion

Der Bund der deutschen Industrie (BDI) warnt in seiner Stellungnahme zum 
Fahrplan der Kommission: "Eine verantwortungsvolle Ressourcenpolitik darf nicht 
zur De-Industrialisierung Europas führen. Politische Maßnahmen dürfen die 
Produktion in Europa daher nicht verteuern, damit die Unternehmen auf der 
ganzen Breite der industriellen Wertschöpfungskette international 
wettbewerbsfähig bleiben. Kann dies nicht gewährleistet werden, ist die 
Verlagerung von wesentlichen Teilen der industriellen Produktion ins Ausland 
absehbar. Inwieweit das grundsätzlich zu begrüßende Ziel der Ressourcenschonung 
mit den häufig weniger nachhaltigen Produktionsverfahren anderer Regionen der 
Welt erreicht werden kann, ist mehr als fraglich."

Absolute Reduktionsziele in der Produktion lehnt der BDI ab, "da sie die 
industrielle Basis gefährden". "Sie haben hinsichtlich des bereits aktuell 
effizienten Ressourceneinsatzes keine Aussagekraft und vernachlässigen überdies 
die vorteilhafte Wirkung von Produkten über den Lebenszyklus. Nur unter Einsatz 
von Ressourcen können wiederum die für einen ressourcenschonenden Konsum 
notwendigen Produkte hergestellt werden."

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