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Posted on: Wednesday, June 18, 2014 3:04 PM
Author: Stream towards Degrowth
Subject: Gerechtigkeit ist elementarer Bestandteil des Degrowth-Prozesses. Ohne 
geht es nicht.

In unserem Interview für den "Stream towards Degrowth" [1] diese Woche sprachen 
wir mit Joachim Spangenberg, dem Ko-Koordinator des EJOLT [2]-Projekts für 
Umweltgerechtigkeit, das im April eine Karte [3] der weltweiten Ressourcen- und 
Umweltkonflikte veröffentlichte. In einem Online-Kurs im Rahmen des Projekts 
trainieren Vertreter/innen von Umweltbewegungen den erfolgreichen Umgang mit 
Medien, Politikern und vor Gericht. Bei EJOLT arbeiten dazu 
Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler/innen zusammen, um 
Erfahrungen und erfolgreiche Praxisbeispiele auszutauschen und weiterzugeben. 
Joachim Spangenberg war außerdem Reviewer für die Degrowth-Konferenz [4] und 
koordinierte als Sprecher des Arbeitskreises Wirtschaft und Finanzpolitik die 
Beiträge des BUND [5]. In unserem Interview haben wir über die Aktivitäten von 
EJOLT gesprochen und sind den Zusammenhängen zwischen Gerechtigkeit und 
Degrowth [6] im Konzept der " Environmental Justice" [7] nachgegangen. 

[?] Herr Spangenberg, für viele bei EJOLT ist Degrowth im globalen Norden zu 
einem erheblichen Teil die korrespondierende Richtung zu Environmental Justice 
im globalen Süden…

[!] Auf unserer Karte der Umweltkonflikte kann man nicht nur sehen, welche 
Regionen betroffen sind und welche Branchen die Konflikte auslösen, sondern 
auch woher die Verursacher kommen. Diese Firmen sind sehr häufig aus dem 
Bergbausektor oder anderen verarbeitenden Industrien und sowohl privat, als 
auch staatlich. Aber ihr Sitz liegt fast ausschließlich - mit wenigen Ausnahmen 
- in Industriestaaten, insbesondere in Europa und den USA. Die Opfer dieser 
Konflikte sind durchgängig wesentlich häufiger in den Ländern des globalen 
Südens zu finden. In diesen Ländern werden jeden Monat zwei bis drei 
Führer/innen von Umweltbewegungen ermordet. Da hat Umweltschutz nichts mit 
gutem Willen zu tun - es geht um lebensbedrohendes und lebensverteidigendes 
Engagement.

[?] Staat oder Unternehmensorganisation - auf welcher Ebene wird dieses Handeln 
strukturell zugelassen bzw. begünstigt?

[!] Allein die staatlichen Firmen im Bereich der Energieförderung in den 
OECD-Staaten tragen 200 Milliarden Dollar im Jahr zu den Staatseinkommen bei. 
Viele Staaten sind finanziell abhängig von diesen Unternehmen, und von den 
Steuern der privaten Rohstofffirmen.

Gleichzeitig sind viele dieser Privatfirmen börsennotierte Unternehmen. 
Interessen an möglichst hohen Kursen kollidieren mit ambitionierten 
Umweltzielen. Ein Beispiel: für das Erreichen des 2°-Ziels müssten zwei Drittel 
der fossilen Ressourcen im Boden bleiben. Würde dies tatsächlich durchgesetzt, 
dann würden die Aktienkurse der weltgrößten Konzerne plötzlich ins Bodenlose 
fallen, weil ihr Marktwert sich nach den Ressourcen richtet, die sie besitzen, 
denn die gelten als die Basis zukünftiger Gewinne. Alles, was die 
Gewinnerwartung schmälert, drückt den Börsenwert - das gilt auch für 
Umweltgesetze, Arbeitsschutzgesetze und für den Schutz indigener Bevölkerung.

Die großen Bergbauunternehmen Australiens zum Beispiel würden 50 Prozent ihres 
Börsenwertes verlieren, wenn sie 2/3 ihrer fossilen Reserven als „unburnable 
fuels“ abschreiben müssten. Bergbau- und Ölfirmen, aber auch die 
Abfallwirtschaft tun natürlich alles um strengere Gesetze, ambitionierte 
politische Ziele und effektive Sanktionsmöglichkeiten zu verhindern. Seit dem 
Energie-Einspeisungs-Gesetz weiß man, dass die großen Unternehmen nicht 
unbedingt am längeren Drücker sitzen - RWE hat 80 Prozent seines Börsenwertes 
verloren. Man sieht aber auch, wie zäh der Kampf gegen die Erneuerbaren, auch 
mit Hilfe der Bundesregierung, fortgesetzt wird um so viel es geht vom 
Börsenwert zu retten.

[?] Welche Potenziale liegen in der globalen Vernetzung von 
Umweltorganisationen?

[!] Bei EJOLT arbeiten NGO-Vertreter/innen und Wissenschaftler/innen zusammen 
und lernen dabei gemeinsam, die - völlig berechtigten - Anliegen der NGOs in 
einer ökonomischen oder juristischen Sprache zu formulieren, mit der sie 
gegenüber bei Medien und Politiker/inne/n oder vor Gericht eine bessere 
Würdigung erfahren. Dabei bauen wir auf den Erfahrungen und Praktiken von NGOs 
weltweit auf. Wir arbeiten zum Beispiel derzeit mit Friends of the Earth 
Nigeria zusammen, die gegen Shell kämpfen. Auf Basis dieser Erfahrungen haben 
wir - Umweltaktivisten aus Nigeria, den Niederlanden, Norwegen und Italien, 
unterstützt von Wissenschaftlern aus Spanien, Brasilien und Deutschland - 
Informationsmaterialien darüber erstellt, wie man Konzerne erfolgreich vor 
Gericht bringt. Diese Materialien sind über die Projekthomepage kostenlos 
verfügbar und werden über unsere NGO- und Wissenschafts-Netzwerke verbreitet; 
auch das europäische Umweltbüro EEB macht mit.

[?] Mit Konzepten wie den „ökologische Schulden“ machen Sie auf ungleichen 
Beziehungen zwischen globalem Norden und globalen Süden aufmerksam. Welche 
Implikationen haben diese? Gleicht das einer Forderung an die Industrieländer 
sich ökonomisch „zurückzuziehen“?

[!] Zuerst: Es ist bemerkenswert, dass die Konzepte vom ökologischen Fußabdruck 
bis zum unfairen Austausch sich aus den sozialen Bewegungen entwickelt haben 
und dann erst von der Wissenschaft übernommen wurden. In vielen großen 
Förderprogrammen wird übersehen, dass die Wissenschaft im eigenen Saft kocht, 
wenn sie nicht von der Zivilgesellschaft lernt wo die Probleme liegen und wie 
die Leute damit umgehen.

Durch feste Vorschriften für die nachhaltige Bewirtschaftung von Ressourcen 
würden einige Umweltvergehen wirtschaftlich unrentabel, die vorher rentabel 
waren, und anders herum würde es attraktiv zum Beispiel in Energieeinsparung 
und Effizienz zu investieren, statt neue Kohle- und Ölreserven zu erschließen. 
Trotzdem können Abgaben und Ökosteuern oder Appelle an die 
Unternehmensverantwortung nicht unterbinden, dass weiterhin verantwortungslos 
agiert wird, um Kapital rentabel anzulegen; dem kann im Prinzip nur politisch 
eine Grenze gesetzt werden. Es ist die Aufgabe der NGOs (Umweltverbände, 
Dritte-Welt-Gruppen, Gewerkschaften …) in den Industrieländern, auch und gerade 
in Deutschland, diesen Ungerechtigkeiten gemeinsam etwas entgegen zu setzen.

Aber ist das ein Rückzug? Das glaube ich nicht. Es geht weniger darum, 
geographische, als moralische Grenzen aufzuzeigen. Bisher profitieren global 
agierende Firmen davon, dass Schutzvorschriften für den Erhalt von Gemeingütern 
zu schwach sind - oder die sie durchsetzenden Institutionen. Das muss sich 
ändern.

[?] Ist daraus nicht eine klare Folge, dass die Wirtschaft in den 
Industrieländern schrumpfen muss?

[!] Allein der physische Durchsatz der westlichen und nördlichen 
Volkswirtschaften muss sich um 70-80 Prozent im Laufe dieses Jahrhunderts 
verringern und die Frage ist dabei: wie kann man das gestalten, ohne dass bei 
uns Elend und Armut ausbricht? Welche Folgen das für das Bruttosozialprodukt 
hat ist im Prinzip völlig egal, es interessiert niemanden außer dem 
Finanzminister und vielleicht den Bankern, die Angst um ihre Zinseinnahmen 
haben. Wir müssen mit dem physischem Verbrauch runter, wir brauchen eine 
schlankere Ökonomie und wir müssen auch dafür sorgen, dass es dabei sozial 
gerecht zugeht.

[?] Sie sagen damit, Sie sehen Gerechtigkeit als eine Begleiterscheinung des 
Prozesses? Würde ein Reduktionsprozess durch eine gerechte Verteilung positiv 
beeinflusst?

[!] Erstens ist Gerechtigkeit ein elementarer Bestandteil wie auch eine 
Voraussetzung eines jeden Degrowth-Prozesses und keine Begleiterscheinung. Ohne 
das geht es nicht.

Zweitens zur Verteilung: Man kann in einem Land die Wohlfahrt erhöhen, indem 
man Einkommen und Ressourcen umverteilt (ein Hartz IV-Empfänger hat mehr von 
100 Euro extra als ein Millionär). Aber mehr Einkommensgerechtigkeit führt auch 
zu einem Anstieg des Konsums, weil die ärmeren Schichten einen größeren Teil 
ihres Einkommens direkt konsumieren (müssen). Es geht also darum, wie dieser 
Konsum aussehen kann. Im Prinzip müsste es darauf hinauslaufen, mehr auf 
Qualität und Langlebigkeit statt auf Quantität zu setzen und die 
Lebensqualität, die Art der den Menschen verfügbaren Dienstleitungen steigern, 
ohne dass die Anzahl der Produkte zunimmt.

Ich glaube, der Unterschied zwischen „mehr Konsumieren“ und „besser Leben“ 
zeigt sich sehr deutlich in den Debatten über das „gute Leben“, die jetzt in 
Lateinamerika geführt werden (bei uns ist es um diese Themen nach den 
Diskussionen in den 1970er und 1990er Jahren ja sehr ruhig geworden) - da haben 
wir noch Lernbedarf. Aber eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir von 
„weit entfernten Nachbarn“ im globalen Süden lernen können, ist, unsere 
Vorstellung zu de-ökonomisieren. Ohne ein Umdenken, das Lebensqualität in den 
Vordergrund setzt statt mehr zu verdienen, finden wir keine Lösung.

[?] Büßt Wachstumskritik nicht stark ein, wenn sie lediglich auf das Ziel 
begrenzt wird, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren? Der gerechte Zugang für 
Menschen zu ihren Lebensgrundlagen hat schon rein terminologisch mit „Rechten“ 
zu tun, das ist klar. Wenn man, wie Sie es tun, starke Institutionen, als 
starke Rechtsvertreter der Gesellschaft, gegenüber Wirtschaftsinteressen 
fordert - kann man dann gleichzeitig die Abhängigkeit von Wirtschaftswachstum 
in Kopplung mit Banken und Finanzstrukturen als destabiliserenden Faktor 
übersehen? Was hilft die Kritik an rücksichtslosen Wirtschaftsinteressen, wenn 
man sie nicht bis auf die höhere Ursachenebene durchzieht? Muss man in diesem 
Punkt nicht mehr als wachsam bleiben?

[!] In den letzten 250 Jahren haben es 20 Prozent der Menschheit geschafft, 
Armut, Not und Krankheit weitgehend zu überwinden, und dabei die Ressourcen des 
Planeten geplündert. Heute sind weitere 60 Prozent auf demselben Wege und es 
ist völlig klar, dass - wenn sie diesen Weg so weitergehen wie wir es 
vorgemacht haben - das zum Kollaps des Systems Erde führen muss. Die globale 
Herausforderung ist also, ein menschenwürdiges Leben für alle zu ermöglichen 
bei dem absolut deutlich weniger Ressourcen verbraucht und Emissionen erzeugt 
werden wie heute; mit einer Halbierung wären wir wahrscheinlich auf der 
sicheren Seite.

Außerdem hat niemand die natürlichen Ressourcen gemacht, hergestellt oder 
verteilt - sie sind nach meiner Auffassung ein gemeinsames Erbe der Menschheit 
und das Recht sie zu nutzen muss gerecht verteilt werden. Das klingt harmlos, 
bedeutet aber (weil heute 20 Prozent der Menschheit rund 80 Prozent der 
Ressourcen verbrauchen) eine Reduzierung um rund 4/5. Zusammen ergibt sich die 
Notwendigkeit für uns in den reichen Ländern, rund 90 Prozent weniger 
Ressourcen zu verbrauchen, als eine Bedingung ökologischer wie globaler 
sozialer Nachhaltigkeit.

Das wird ohne andere Produktionsweisen und Konsumstile nicht gehen, und es 
erfordert eine massive Umverteilung, wenn es nicht zu einer sozialen 
Katastrophe führen soll. Und das wiederum heißt, sich nicht länger vor der 
entscheidenden Frage zu drücken: wie bricht man die Macht derer, die vom Status 
quo profitieren und alles tun, um ihn weiter zu verlängern, zum eigenen Gewinn 
und zu Lasten der großen Mehrheit?

Konkret, wenn man z.B. eine gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung 
durchsetzen will muss man nicht nur ein besseres und umfassendes 
Mindesteinkommen fordern, sondern auch ein Maximaleinkommen. Und wenn man die 
Vermögensverteilung ändern will ist die beste Methode die Erbschaftssteuer zu 
nutzen, oder Erbschaften zu deckeln: 10 Millionen sind rechnerisch genug um 
einem Erben lebenslang, über 80 Jahre, jeden Monat 10.000 Euro ohne jede Arbeit 
zukommen zu lassen: wer braucht eigentlich mehr? Natürlich gibt es da von 
Steuern bis zu vererbten Unternehmensanteilen zahlreiche Detailfragen, aber das 
sollte nicht vom Kern der Frage ablenken: sollte nicht eine 
Vererbungs-Obergrenze das nächste wichtige Diskussionsthema sein?

Nachhaltigkeit heißt gemäß der Brundtland-Kommission „Menschliche Bedürfnisse 
befriedigen, insbesondere die der Ärmsten, und dabei die Grenzen der 
Naturnutzung einhalten“. Das schafft unser heutiges Wirtschaftssystem nicht, es 
ist sozial ignorant und ökologisch blind; wir können es uns eigentlich schon 
seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr leisten. Wir leben ökologisch (nicht so 
sehr monetär) vom Bestand und verpulvern das, was nachkommende Generationen als 
Lebensgrundlage brauchen würden, und wir verteilen den Gewinn so, dass 1 
Prozent massiv profitiert und 90 Prozent leer ausgehen, z.T. sogar weniger 
haben. Das ändern zu wollen heißt aber echte Demokratie zu fordern, und damit 
die Frage nach der Macht im Lande zu stellen. Das klingt radikal, und ist es 
auch: Die Wurzel (radix) der Probleme ist es, wo man ansetzen muss, wenn sich 
mehr als kosmetische Änderungen ergeben sollen, und die sind für die weitere 
Existenz unserer Zivilisation (nicht der Menschheit) überlebenswichtig.

[?] Vielen Dank!

Das Interview führte Felicitas Sommer mit Joachim Spangenberg. 

Stream towards Degrowth [1] ist ein Projekt der 4. internationalen 
Degrowth-Konferenz [4] und möchte einen Überblick über das Geschehen und die 
vielseitigen Perspektiven innerhalb des Degrowth [6]-Diskurses geben. In 
Zusammenarbeit mit dem Blog Postwachstum [8] schaffen wir einen 
Informations-Pool mit Videos, Veranstaltungsdokumentationen und Interviews, in 
denen Engagierte von ihren Perspektiven und Visionen erzählen.

[1] http://leipzig.degrowth.org/de/stream-towards-degrowth/
[2] http://www.ejolt.org/
[3] http://www.ejolt.org/maps/
[4] http://leipzig.degrowth.org/de/
[5] http://www.bund.net
[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Wachstumsrücknahme
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Umweltgerechtigkeit
[8] http://blog.postwachstum.de/

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http://tinyurl.com/pk6njyk




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