-------- Weitergeleitete Nachricht --------
Von: klimabewegungsnetzwerk <klimabewegungsnetzw...@lists.riseup.net>
Datum: Sat, 5 Aug 2017 07:15:35 +0000 (UTC)
An: nolager bremen <nolagerbre...@yahoo.de>
Betreff: [K!BN] Konferenz: Migration, Entwicklung, ökologische Krise (Okt)

Konferenz zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise: Gerne
weiterverbreiten - vielen Dank!

++ La version francaise sera disponible bientôt ++
++ The english version will be available soon ++

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Schönen guten Tag,

vom 6. bis 8. Oktober findet in Leipzig eine Konferenz unter dem Titel
"Selbstbestimmt und solidarisch! Konferenz zu Migration, Entwicklung und
ökologischer Krise" statt. Die Konferenz wird von einem gemischten Team aus
Geflüchteten, Migrantinnen und Leuten ohne Flucht- und Migrationsgeschichte
vorbereitet. Einige sind als Einzelpersonen dabei, andere u.a. in folgenden
Gruppen und Netzwerken aktiv: Afrique-Europe-Interact, Corasol (Berlin),
Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen e.V., glokal e.V. - machtkritische
Bildung und Beratung (Berlin) und Konzeptwerk Neue Ökonomie (Leipzig).

Die hier verschickte Einladung steht demnächst auch in englisch und
französisch zur Verfügung. Wir würden uns freuen, wenn sie möglichst große
Verbreitung finden würde, ab Mitte August kann sich für die Konferenz auch
angemeldet werden (bis dahin steht auch die allgemeine Konferenzeinladung
zur Verfügung - nicht nur die vorliegende, die von Afrique-Europe-Interact
stammt). In diesem Zusammenhang hätten wir auch die Bitte, interessierte
Geflüchtete bei der Fahrt nach Leipig zu unterstützen (Fahrtkosten können
von uns übernommen werden).

Mit besten Grüßen,

Afrique-Europe-Interact

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Selbstbestimmt und solidarisch!

Konferenz zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise

6.-8. Oktober 2017 in Leipzig

++

Programm

FREITAG

Ab 15:00 Uhr: Registrierung

Ab 16:00 Uhr: Offene Einstiege:
Einführungsworkshops, Theater und Projektebörse (siehe unten)

19:00 Uhr: Auftaktvorträge mit anschließender Fishbowl-Diskussion: Kritische
Perspektiven auf Migration, Entwicklung und ökologische Krise
++ Boniface Mabanza (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika, KASA,
Heidelberg)
++ Freweyni Habtemariam (Eritrean Initiative for Dialogue and Cooperation,
Berlin)

21:30 Uhr: Theater, Film und Kleingruppendiskussion

SAMSTAG

09:30 Uhr - 11:00 Uhr: Auftaktpodien:
Kämpfe von Frauen für selbstbestimmte Entwicklung
++ Mercia Andrews (Trust for community outreach and education (TCOE),
Südafrika)
++ Dora Sandrine Ndedi (Aktivistin, Berlin)
++ Nyima Jadama (Journalistin, Freiburg)

Leben auf Kosten anderer: Kapitalismus, (Neo-)Kolonialismus und die
Ausbeutung von Mensch und Natur
++ Ulrich Brand (Universität Wien, Österreich)
++ Lucía Muriel (Gründungsmitglied und Vorsitzende des migrantischen
Bundesverbandes Migration, Entwicklung und Partizipation MEPa e.V., Berlin)
++ Carolina Tamayo Rojas (Uni Bielefeld)

Zur Aktualität anti-kolonialer (Entwicklungs-)Konzepte
++ Gbassycolo Konaté (ökologisches Künstlerinnenkollektiv Faso Kele /
Afrique-Europe-Interact, Guinea)
++ Hamado Dipama (Arbeitskreis Panafrikanismus, München)

Soziale Bewegungen in Afrika, ökologische Krise und Alternativen zu
Entwicklung
++ Victor Nzuzi (Bauer und Aktivist, Afrique-Europe-Interact / La Via
Campesina, DR Kongo
++ Nnimmo Bassey (Architekt und Umweltaktivist, Nigeria - angefragt)

11:30 Uhr - 19:00 Uhr: Workshops, Filme und Vernetzungstreffen (siehe unten)

20:00 Uhr - 20:30 Uhr: Theater:
"Eldorado - Europa": Riadh Ben Ammar (Afrique-Europe-Interact/Theater für
Bewegungsfreiheit)

20:30 Uhr - 22:00 Uhr: Podiumsdiskussion: Kriminalisierung der Migration und
Marshallplan mit Afrika - ein Gegensatz oder die beiden Seiten derselben
Medaille?
++ Alassane Dicko (Afrique-Europe-Interact, Mali)
++ Rex Osa (Flüchtlingsaktivist, Stuttgart)
++ Napuli Paul Göhrlich (Geflüchtetenaktivistin, Berlin)

Ab 22:00 Uhr

Party, Konzert, Tanzen, Film

SONNTAG

09:30 Uhr - 11:00 Uhr: World-Café zu den Leitfragen der Konferenz

11:30 Uhr - 13:00 Uhr: Abschlussdebatte und Abschlussdeklaration:

What's next? Schlussfolgerungen nach zwei Tagen Debatte. Mit Inputs von 
++ Emmanuel Mbolela (Afrique-Europe-Interact, Niederlande) 
++ Maria do Mar Castro Varela (Alice-Salomon-Hochschule, Berlin - angefragt)

++

Workshops

Hinweis: Viele der Workshop-Titel sind noch Arbeitstitel, eine Liste der
Workshop-Leiterinnen findet sich weiter unten

1. Migration: Von der Notwendigkeit zu gehen

* Bleiben oder Gehen? Chancen und Risiken von Infokampagnen unter jungen
Leuten in afrikanischen Ländern

* Zirkuläre Migration als echte Alternative zu Abschiebung und
"freiwilliger" Ausreise

* Stress als Grundzustand: Geflüchtete zwischen Isolation, Rassismus und
Abschiebeangst

* Die Stimme erheben - Selbstorganisierte Zeitschriften von und für
geflüchtete und migrantische Frauen

2. Fluchtursachen dekolonial ausbuchstabiert

* Agrarindustrie contra Kleinbäuerliche Landwirtschaft

* Klimawandel und Migration

* Ressourcen-Ausbeutung und korrupter Staat (Kongo, Niger und Mali)

* Occidentalisation: Zur Identifizierung afrikanischer Eliten mit westlichen
Denk- und Handlungsstrategien

* Ökozid im Nigerdelta: Flucht und Migration als Folge westlicher
Rohstoffpolitik.

* Koloniale Erbschaften: Zur Dominanz kolonialer Sprachen im Bildungssystem
afrikanischer Länder

* Zu den Auswirkungen neoliberaler Handelsabkommen zwischen Afrika und
Europa

* Globale Gerechtigkeit, Klimawandel und Migration

3. Kritik an Entwicklung & Alternativen zu Entwicklung

* Entwicklungspolitik in bzw. mit autoritären Regimen - und Widerstand
dagegen. Das Beispiel Äthiopien

* Wie Migrantinnen durch Geldüberweisungen und Erfahrungstransfers zur
selbstbestimmten Entwicklung von unten beitragen

* Geschichte der Ungleichheit zwischen Nord und Süd aus der Perspektive des
Post-Development-Ansatzes

* Alternativen zum westlichen Entwicklungsmodell in der zapatistischen
Bewegung

* Vom Leben auf Kosten anderer zu globaler Solidarität

* Ökologische Landwirtschaft und Bewegungsfreiheit: Das Künstlerinnendorf
Faso Kele in Guinea

* Kommerzielle Landwirtschaft, Migrantinnen und die Rolle von
Gewerkschaften. Das Beispiel Südafrika

4. Allianzen und Kooperationen: Gemeinsam für globale Gerechtigkeit

* Transnationale Verbindungen: Die Arbeit von Voix des Migrants in Europa
und Kamerun

* Reparationen für Versklavung und ökologische Zerstörung - Erfahrungen aus
der Karibik

* Zum Umgang mit unterschiedlichen Positionen und Privilegien in der
transnationalen Zusammenarbeit. Erfahrungen aus der Arbeit von
Afrique-Europe-Interact

* Diaspora meets Geflüchtetenbewegung: Möglichkeiten und Grenzen der
Solidarität

++

Filme & Ausstellungen

Im Begrüßungs- und Aufenthaltsbereich der Konferenz wird es mehrere kleine
Ausstellungen geben. Außerdem werden wir unter anderem folgende Filme
zeigen:

God is not working on Sunday!, Ruanda 2015, 84 Minuten
Mehrfach preisgekrönter Film zur Situation von Frauen nach dem Genozid in
Ruanda 1994. Ohne finanzielle Mittel oder eine einschlägige Ausbildung ist
es einigen Frauen gelungen, ein lebendiges und unabhängiges Frauen-Netzwerk
zu schaffen, das heute eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau der
Nachbarschaften, im Versöhnungsprozess und beim Vorantreiben des sozialen
Wandels spielt. Mit der Regisseurin Leona Goldstein.

Revolution mit bloßen Händen, Ouagadougou/Wien 2015, 90 Minuten
Ein Film über die Revolution in Burkina Faso im Oktober 2014. Hans-Georg
Eberl (der den Film mit Moussa Ouédraogo produziert hat) wird vor Ort sein.

Kamerun - Autopsie einer Unabhängigkeit, Frankreich 2008, 52 Minuten
Frankreichs schmutziger Geheimkrieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung in
Kamerun. Der Filmemacher Richard Djif und der Buchautor Péguy Tadkou Ndie
werden den Film präsentieren.

Concerning Violence, Schweden/USA/Dänemark/Finnland 2014, 85 Minuten
Dokumentarfilm über den Kolonialismus, der auf dem antikolonialen Klassiker
"Die Verdammten dieser Erde" von Frantz Fanon basiert.

Der Mann, der die Wüste aufhielt, 2013, 52 Minuten
Wie der Bauer Yacouba Sawadogo mit Aufholzung und anderen
agroforstwirtschaftlichen Methoden die Ausbreitung der Wüste in seinem Dorf
im Norden von Burkina Faso stoppte.

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Namen der Referentinnen (noch unvollständig)

Mercia Andrews(Direktorin von Trust for community outreach and education,
Südafrika), Riadh Ben Ammar (Theatermacher, AEI, Berlin), Olaf Bernau (AEI,
Bremen), Daniel Bendix (glokal, Berlin), Ulrich Brand (Universität Wien,
Österreich), Julia Daiber (AEI, Bremen), Tahir Della (Initiative Schwarze
Menschen in Deutschland, ISD / glokal), Abbas Diallo (AEI, Magdeburg),
Alassane Dicko (AEI, Mali), Hamado Dipama (Arbeitskreis Panafrikanismus,
München), Peter Donatus (Umwelt- und Menschenrechtsaktivist, Köln), Stephan
Dünnwald (Bayrischer Flüchtlingsrat, München), Richard Djif (Filmemacher,
AEI, Berlin), Carina Flores (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen,
Leipzig), Dorette Führer (AEI, Bremen), Geraud Potago (NoStress-Tour),
Hans-Georg Eberl (AEI, Wien), Gustavo Estava (Post-Development-Aktivist,
Mexiko Stadt), Malcolm Ferdinand (Royal Netherlands Institute of Southeast
Asian and Caribbean Studies, Niederlande), Julia Friese (AEI, Guinea), Conni
Gunnßer (Flüchtlingsrat Hamburg), Miriam Gutekunst (Konzeptwerk Neue
Ökonomie, Leipzig), Leona Goldstein (Filmemacherin, Berlin), Ousman Oumarou
Hamani (AEI, Bremen), Nyima Jadama (Journalistin, Freiburg), Gbassycolo
Konaté (Faso Kele, Guinea), Lydia Lierke (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Halle),
Boniface Mabanza (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika, KASA,
Heidelberg), Manuela Matthes (Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin), Emmanuel
Mbolela (AEI und ARCOM, Niederlande), Mehrere namentlich nicht genannte
Aktivistinnen (Corasol, Berlin), Ermyas Mulugeta (Politikwissenschaftler,
Potsdam), Franziska Müller, Universität Kassel / kassel postkolonial), Lucía
Muriel (Bundesverband Migration, Entwicklung und Partizipation, Berlin),
Dora Sandrine Ndedi (Aktivistin, Berlin), Péguy Tadkou Ndie (Buchautor, AEI,
Berlin), Victor Nzuzi (La Via Campesina, Demokratische Republik Kongo), Rex
Osa (Flüchtlingsaktivist, Stuttgart), Carolina Tamayo Rojas (Bielefeld),
Miguel Ruiz (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen, Leipzig), Matthias
Schmelzer (Konzeptwerk Neue Ökonomie, Berlin), Trésor (Voix des Migrants,
Berlin), Miriam Trzeciak (Uni Kassel), Ekanga Claude Wilfried (Buchautor,
Frankfurt), Darik Yonkeu (NoStress-Tour, Berlin), Aram Ziai, Universität
Kassel / kassel postkolonial.

++

Praktische Informationen

Sprachen: Alle Podien und Workshops werden in drei Sprachen stattfinden
(deutsch, französisch und englisch) - weitere Sprachen müssen nach Bedarf
organisiert werden. Wer das Übersetzungsteam verstärken möchte oder als
Ersatz zur Verfügung steht (ob für simultane oder konsekutive Übersetzung),
möge sich bitte bei uns melden.

Konferenzort: Die Konferenz findet in Leipzig im Westbad (Innenstadtbereich)
statt: Odermannstr. 15, 04177 Leipzig

Verpflegung: Während der Konferenz wird eine KüFa (Küche für Alle) kochen.
Es wird Frühstück, Mittag- und Abendessen gegen Spende geben, das Essen wird
vegan sein.

Teilnahme- und Fahrtkosten: Alle sollen an der Konferenz teilnehmen können.
Deshalb möchten wir die Fahrtkosten von denjenigen übernehmen, die die
Anreise nicht selber finanzieren können (bitte billige Anreise mit Bus,
Frühbucherrabatt, Quer-durchs-Land-Ticket, Mitfahrgelegenheit etc. nutzen).
Damit dies möglich ist, bitten wir um einen Teilnahmebeitrag von allen, die
sich das leisten können (20 bis 60 Euro - je nach Selbsteinschätzung).

Übernachten: Für alle, die keine andere Übernachtungsmöglichkeit in Leipzig
haben, wird es eine Schlafplatzbörse geben.

Anmeldung: Die Online-Anmeldung zur Konferenz startet ab Mitte August auf:
www.degrowth.de

Infos & Kontakt: Infos zur Konferenz und inhaltliche
Hintergrundinformationen finden sich auf www.degrowth.de und
www.afrique-europe-interact.net

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Dekolonisierung als Fluchtpunkt

Spätestens seit Geflüchtete im Sommer 2015 das europäische Grenzregime
vorübergehend aus den Angeln gehoben haben, ist die Beschäftigung mit
Fluchtursachen zu einer Art Dauerbrenner in der europäischen Öffentlichkeit
avanciert - dies insbesondere mit Blick auf afrikanische Länder. Denn die
EU-Regierungen hoffen, auf diese Weise die Zahl neu ankommender Geflüchteter
deutlich reduzieren zu können.

Mittels milliardenschwerer Programme wie dem "Marshallplan mit Afrika" oder
dem jüngst beim G20-Gipel in Hamburg beschlossenen "Compact with Africa"
sollen Privatinvestitionen aus den reichen Ländern gefördert werden. Nur so,
heißt es, ließen sich jene Wachstumsimpulse setzen, die langfristig zu
wirtschaftlichem Aufschwung und somit neuen Arbeitsplätzen in Afrika führen
würden. Gleichzeitig ist die EU weiterhin mit der Vorverlagerung ihres
Grenzregimes beschäftigt. Dabei schreckt sie auch nicht vor einer
Kooperation mit Diktaturen wie im Sudan oder Eritrea zurück - genauso wenig
wie vor einer Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache, obwohl selbst
das deutsche Außenministerium die Situation in libyschen Auffanglagern als
blanken Horror beschreibt.

Doch nicht nur die Inkaufnahme schwerster Menschenrechtsverletzungen ist
skandalös. Nicht weniger dramatisch ist, dass die ins Auge gefassten
Entwicklungsstrategien in erster Linie den Profitinteressen transnationaler
Unternehmen dienen, nicht aber dem Wohl jener Länder, um die es eigentlich
geht. Vor allem drei Aspekte sind in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen
- auch mit Blick darauf, dass wir bei der Konferenz verschiedene Themen und
Fragestellungen verknüpfen wollen:

Erstens sind die katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse im Süden des Globus das Ergebnis jahrhundertelanger, tief im
Kolonialismus verankerter Dominanz- und Ausbeutungsverhältnisse -
einschließlich der Installierung oder des Schutzes "westlich" orientierter
Regime. Jedes Reden über Entwicklung muss sich diesem komplexen Erbe
stellen, ein schlichtes "Weiter so" verbietet sich von selbst.

Zweitens ist es irreführend, Migration und Entwicklung als Gegensätze zu
präsentieren - so wie das seitens der Politik in aller Regel passiert. Denn
Geflüchtete und Migrantinnen - die Übergänge zwischen den beiden Gruppen
sind fließend - leisten unter anderem durch regelmäßige Geldüberweisungen an
ihre Familien und Freundinnen einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung
ihrer Herkunftsgesellschaften. Wo dies durch repressive Migrationspolitik
verhindert wird, drohen beträchtliche Finanzengpässe bei Ernährung,
Gesundheitsversorgung und Schulbildung, wofür die Rücküberweisungen in aller
Regel verwendet werden.

Drittens ist die Welt von vielfältigen ökologischen Krisen betroffen -
insbesondere hinsichtlich Klima, Bodenqualität, Wasser und Biodiversität.
Ungebremstes Wirtschaftswachstum, jetzt auch im Süden des Globus, ist daher
auf keinen Fall eine Lösung. Hier bedarf es ganz anderer Debatten, vor allem
zur Frage, was überhaupt unter selbstbestimmter Entwicklung zu verstehen
ist. In diesem Sinne sollen bei der Konferenz ganz verschiedene Fragen zur
Sprache kommen:

Aus welchen Gründen machen sich Geflüchtete und Migrantinnen auf den Weg?
Stichwort: "Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört!"

Was ist gemeint, wenn wir das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung fordern?
Geht es um die Befriedigung von Grundbedürfnissen oder haben wir
weitergehende Konzepte zur Veränderung ganzer Gesellschaften im Kopf? Ist es
überhaupt sinnvoll, von "Entwicklung" zu sprechen oder sollten wir andere
Begriffe benutzen?

Welche alternativen Konzepte oder Strategien zum dominanten westlichen
Entwicklungsmodell gibt es bereits? Was können wir von Konzepten wie
"Ernährungssouveränität", "Buen Vivir", "Klimagerechtigkeit", "Degrowth"
oder "Post-Development" lernen?

In welchen Bereichen muss es auf globaler, nationaler und lokaler Ebene
jeweils Veränderungen geben, damit überhaupt so etwas wie selbstbestimmte
Entwicklung möglich ist?

Wie können Migrantinnen und Geflüchtete in Europa - oder die
Diaspora-Communities insgesamt - alternative Entwicklungswege von unten in
ihren Herkunftsländern politisch, finanziell und sozial unterstützen, auch
im Rahmen zirkulärer Migration? Und wie können Menschen ohne
Migrationsgeschichte dabei mitwirken?

In welche Richtung müssen sich die reichen Länder (einschließlich der
transnationalen Verbraucherklassen in Nord und Süd) entwickeln, wenn es
nicht endgültig zum ökologischen (Klima-)Kollaps kommen soll? Konkreter:
Inwiefern müssen die Ökonomien der reichen Industrieländer schrumpfen bzw.
durch andere Wirtschaftsweisen ersetzt werden, damit die Menschen in den
seit Jahrhunderten arm gemachten Ländern des globalen Südens endlich Luft
zum Atmen bzw. zur selbstbestimmten Entwicklung bekommen?

Schließlich: Unsere Konferenz steht unter dem Titel "selbstbestimmt und
solidarisch". Einerseits, um jener Haltung zu widersprechen, die Entwicklung
lediglich als Kopie des westlich-kapitalistischen Modernisierungspfads zu
begreifen vermag. Andererseits, um deutlich zu machen, dass globale
Solidarität Voraussetzung für kollektiv verankerte und somit an den
wirklichen Interessen der Menschen orientierte Entwicklungsprozesse ist -
ganz im Sinne des aus Martinique stammenden Befreiungstheoretikers Frantz
Fanon (1925-1961), der in seinem berühmten Werk "Die Verdammten dieser Erde"
den Prozess der Dekolonisierung als Selbstermächtigung beschrieben hat: "Die
Dekolonisation geschieht niemals unbemerkt, denn sie betrifft das Sein, sie
modifiziert das Sein grundlegend, sie verwandelt die in Unwesentlichkeit
abgesunkenen Zuschauer in privilegierte Akteure, die in gleichsam grandioser
Gestalt vom Lichtkegel der Geschichte erfasst werden. Sie führt in das Sein
einen eigenen, von den neuen Menschen mitgebrachten Rhythmus ein, eine neue
Sprache, eine neue Menschlichkeit."

++

Alternative Entwicklungskonzepte

Seit jeher gehört "Entwicklung" zu einem der schillerndsten, ja
umstrittensten Begriffe in der politischen Nord-Süd-Debatte. Die einen
halten ihn für unverzichtbar, andere lehnen ihn ab - wir verwenden ihn mit
dem Zusatz "selbstbestimmt". Bei der Konferenz werden deshalb
unterschiedliche Entwicklungskonzepte eine wichtige Rolle spielen, auch
unter Berücksichtigung einiger der hier skizzierten Positionen aus der
jüngeren Geschichte:

In den ersten zwei Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg erlangten 50
ehemalige Kolonien ihre staatliche Unabhängigkeit, darunter Indien im Jahr
1947, Indonesien im Jahr 1949 und 17 afrikanische Länder im Jahr 1960. Die
anfängliche Begeisterung war riesig, viele Länder wollten durch rasche
Industrialisierung den technischen Vorsprung der Industrieländer wettmachen,
der Optimismus schien keine Grenzen zu kennen. So sprach der erste Präsident
des unabhängigen Ghana, Kwame Nkrumah, davon, "dass wir Afrikaner, mit
unserer tief verwurzelten Weisheit und Würde, unserem angeborenen Respekt
für das menschliche Leben, unserer ungewöhnlich ausgeprägten Menschlichkeit,
die unser Erbe ist, unter einer föderalen Regierung vereint, nicht bloß
einen weiteren Block hervorbringen werden, der seinen Reichtum und seine
Stärke zur Schau trägt, sondern eine Großmacht, deren Größe unzerstörbar
ist, da sie nicht auf Angst, Neid und Argwohn beruht oder auf Kosten anderer
erreicht wurde, sondern auf Hoffnung, Vertrauen, Freundschaft gründet und
das Gute der gesamten Menschheit zum Ziel hat."

Gleichzeitig bildete sich schrittweise die vor allem in Lateinamerika
verankerte Dependenztheorie heraus, die die gesellschaftliche Verfasstheit
der armen Länder nicht auf interne Mängel an Bildung oder Demokratie
zurückführte, sondern auf deren asymmetrische Einbindung in den Weltmarkt.
Passend hierzu veröffentlichte der uruguayische Schriftsteller Eduardo
Galeano 1971 sein Werk "Die offenen Adern Lateinamerikas", in dem er sich
mit den Kolonialismen alter und neuer Prägung auseinandersetzt. Nur ein Jahr
später folgte das ebenfalls richtungsweisende Werk "How Europe
underdeveloped Africa" (dt: "Afrika - die Geschichte einer
Unterentwicklung") des Historikers und Panafrikanisten Walter Rodney
(1942-1980) aus Guyana.

Moderate, seit den 1970er Jahren vor allem im entwicklungspolitischen
Spektrum vertretene Ansätze zogen die knallharten Sachzwänge des
kapitalistischen Weltmarktes zwar nicht in Zweifel, hielten aber an der
herkömmlichen Entwicklungsidee fest: Stellvertretend zitiert sei der
deutsche Geograf Theo Rauch, er definiert gesellschaftliche Entwicklung "als
Prozess der Zunahme der gesellschaftlichen Fähigkeit zu kontextgerechten und
selbstbestimmten Lösungen von Problemen bzw. zur vorausschauenden Vermeidung
zukünftiger Probleme, wobei insbesondere die Befriedigung universell
anerkannter (materieller und immaterieller) Grundbedürfnisse als Maßstab bei
der Problemidentifikation zu berücksichtigen ist."

Große Anerkennung fand des Weiteren der von Amartya Sen und Martha Nussbaum
entwickelte Befähigungsansatz (Capability Approach) - und zwar nicht nur bei
internationalen Entwicklungsinstitutionen wie der Weltbank, sondern auch bei
aktivistischen Basisinitiativen: Danach sollte Armut - in Abgrenzung zu
Einkommensarmut - als Vorenthaltung grundlegender Fähigkeiten zur
Existenzbewältigung bestimmt werden. Die Blockade dieser Fähigkeiten durch
Krankheit, Mangelernährung, fehlenden Zugang zu Wissen etc. sei daher der
eigentliche Kern des Armutsproblems.

Seit den 1980er Jahren traten zunehmend Post-Development-Akteure auf den
Plan: Sie kritisierten, dass das koloniale Projekt der "Zivilisierung der
Unzivilisierten" in der Nachkriegszeit durch die technokratische
"Entwicklung der Unterentwickelten" abgelöst wurde. Andere
Gesellschaftsentwürfe werden so nicht als gleichwertige Möglichkeiten der
Organisierung menschlichen Zusammenlebens respektiert. Umso wichtiger sei
es, Lebensqualität nicht mit der Summe gekaufter Waren in eins zu setzen,
sondern sich an Werten wie Gastfreundschaft, Würde und Solidarität zu
orientieren. Post-Development-Protagonistinnen haben große Gemeinsamkeiten
mit dem Buen Vivir-Ansatz, der sich aus indigenen und feministischen
Basisbewegungen entwickelt hat und nicht zuletzt den Schutz ökologischer
Ressourcen in den Mittelpunkt stellt. Entsprechend spielen auch Konzepte wie
Ernährungssouveränität oder Perspektiven der indischen Adivasi-Bewegungen
eine wichtige Rolle. 




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