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04.03.2018 

Energiesparmaßnahmen halten nicht, was sie versprechen

Bauvorschriften und Subventionen zur Senkung des Energieverbrauchs haben nur
geringe Auswirkungen. Oft lohnt sich der Aufwand nicht.

Norbert Häring

FRANKFURT AM MAIN. Wer ein Haus bauen oder den Putz an seinem Haus erneuern
will, der bekommt es mit der Energieeinsparverordnung zu tun. Diese nimmt
ihm wesentliche Entscheidungen ab. Ob und wie dick man seine Wände in
welches Isoliermaterial einpacken will, muss man nicht selbst entscheiden,
die EnEV gibt es weitgehend vor, so wie vieles andere auch, was irgendwie
mit dem Energieverbrauch zu tun hat. Denn, so das Kalkül: Die Hausbauer und
-besitzer sind zu uninformiert, um es ihrer Entscheidung, dem Markt und den
Anbietern zu überlassen, ob sie ihr Haus renovieren oder wie sie es bauen
wollen. Man traut ihnen zu, dass sie ohne Vorgaben den
energieverschwenderischen Weg des geringsten Aufwands gehen, auch wenn es
sie langfristig vielleicht sogar mehr kostet.

Eine Reihe von ökonomischen Studien aus Amerika legt eine alternative
Erklärung für das gebremste Engagement der Bauherren und Hausherren bei
Energiesparinvestitionen nahe. Vielleicht lohnt sich der Aufwand oft einfach
nicht, weder finanziell noch umweltpolitisch. Vielleicht sind die
Einsparversprechen der Techniker und Ingenieure weit übertrieben. Das Ziel
des Klimaschutzplans der Bundesregierung von 2016, den Anteil des
Gebäudebestands an den gesamten Emissionen von derzeit 30 Prozent auf nahe
null zu senken, wäre dann nur schwer zu begründen.

Für ein Programm zum Umstieg auf neuere, energieeffizientere Kühlschränke
und Klimaanlagen haben Lucas Davis, Alan Fuchs und Paul Gertler das schon in
einer 2014 veröffentlichten Studie nachgewiesen. Der mexikanische Staat
subventionierte für fast zwei Millionen Haushalte den Ersatz der alten
Geräte. Die drei US-Ökonomen schauten sich die Energierechnungen der
teilnehmenden Haushalte an und stellten fest: Bei Klimaanlagen war die
Rechnung nachher höher als vorher, bei Kühlschränken reduzierte sich der
Energieverbrauch um acht Prozent, was nur ein Viertel des vorhergesagten
Werts war.

Zum Teil lag das enttäuschende Resultat daran, dass es nicht vor allem sehr
alte Geräte waren, die außer Dienst gestellt wurden, sondern solche
mittleren Alters, gerade alt genug, um unter das Programm zu fallen. Die
Uraltgeräte sammelten sich wohl bei den Armen, die sich auch mit Subvention
keine Neugeräte leisten konnten. Der Rest dürfte daran gelegen haben, dass
die Leute einerseits größere Geräte kauften und diese stärker nutzten, weil
es nicht mehr so viel kostete. Das heißt im Fachjargon Rebound-Effekt.
Bezogen auf den tatsächlichen Erfolg des Programms bei der Reduktion des
Kohlendioxid-Ausstoßes berechnen die Ökonomen Kosten von 500 Dollar je
vermiedene Tonne.

Auch bei Bauvorschriften scheint es nicht besser auszusehen. Jedenfalls ist
das das Ergebnis von Christopher Bruegge, Tatyana Deryugina und Erica Myers,
die sich für ihre Untersuchung eine kalifornische Eigenheit zunutze gemacht
haben. Dort sind die Bauvorschriften in Sachen Energieeffizienz umso
strenger, je extremer das Klima ist. Der Bundesstaat ist dafür in 16
Klimazonen eingeteilt. Die Ökonomen untersuchten jeweils für Häuser in der
Nähe von Zonengrenzen, was sich diesseits und jenseits der Grenze tat,
nachdem Vorschriften eingeführt oder verschärft wurden.

Die Idee dahinter ist, dass Häuser, die nur wenige Kilometer
auseinanderliegen, in der Realität demselben Wetter ausgesetzt sind, aber
durch die administrative Grenze unterschiedlichen Bauvorschriften
unterliegen. So lässt sich der Energieverbrauch vergleichen und untersuchen,
wie sich die Vorschriften darauf auswirken, wie gebaut wird.

Sie fanden: Strengere Regeln sorgen dafür, dass die unteren 40 Prozent in
der Einkommensverteilung sich mit vier bis sechs Prozent weniger Wohnraum
bescheiden und - nur dadurch - weniger Energie verbrauchen. In der oberen
Hälfte sinkt die Wohnflächennutzung kaum, der Energieverbrauch gar nicht.
Insgesamt ergibt sich, dass die Bauvorschriften keinen Einfluss auf den
Gasverbrauch haben und den Stromverbrauch nur geringfügig reduzieren. Der
Wert der Häuser der weniger gut Betuchten sinkt, wenn sie unter strengeren
Bauvorschriften gebaut wurden, derjenige der Reicheren steigt.

Selbst eine dritte Sorte von Energiesparprogrammen, die auf dem Papier
eigentlich beste Erfolgsaussichten haben sollten, kommt nicht ungeschoren
durch die Prüfmühle der Ökonomen. Es handelt sich um ein großes Programm der
US-Bundesregierung zur Subventionierung energieeffizienter Maßnahmen für
Haushalte mit geringem Einkommen. Dabei werden nur Maßnahmen gefördert, die
- zumindest auf dem Papier - kosteneffizient sind, wie die Erneuerung von
Brennern und die Isolierung von Wänden oder Decken.

Meredith Fowlie, Michael Greenstone und Catherine Wolfram untersuchten für
teilnehmende Haushalte in Michigan, wo es im Winter ziemlich kalt wird, wie
sich der Energieverbrauch entwickelte. Es stellte sich nach Prüfung des
tatsächlichen Energieverbrauchs heraus, dass die Investitionskosten etwa
doppelt so hoch waren wie die tatsächlich eingesparten Energiekosten. Das
lag daran, dass nur 40 Prozent der projektierten Einsparungen tatsächlich
realisiert wurden. Auch hier ließen sich Kosten für die Reduzierung der
Kohlendioxidemission durch diese Maßnahmen berechnen. Sie lagen ähnlich wie
bei der Studie aus Mexiko mit 329 Dollar je Tonne extrem hoch.

DIW hält dagegen

Die Autoren resümieren: „Unabhängig von den vorgeformten Einschätzungen ist
es sehr wichtig, überzeugende Evidenz zum tatsächlichen - im Gegensatz zum
errechneten - Ertrag von Energieeffizienzinvestitionen zu sammeln.“ Denn
wenn es zutrifft, dass solche Maßnahmen oft mehrere Hundert Dollar oder Euro
je eingesparte Tonne Kohlendioxid kosten oder im Extremfall sogar bei
beträchtlichen Kosten gar nichts bringen, dann wäre das Verschwendung.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hielt mit einer eigenen
Untersuchung im vergangenen Jahr dagegen. „Energieeffizienz: Regulierung für
Wohngebäude wirkt“ titelten Claus Michelsen und Nolan Ritter. Sie zitieren
eine Reihe älterer Studien mit dem gleichen Ergebnis und stellen diese den
jüngeren gegenüber, die das bestreiten. Eines ihrer Hauptargumente dafür,
dass die Studien mit den ungünstigen Ergebnissen nicht durchschlagend sind,
scheint jedoch problematisch.

Der Rebound-Effekt verzerre das Ergebnis dieser Studien in Richtung einer
geringen Wirkung. Eine erhöhte Energieeffizienz führe zu einer Senkung der
Heizkosten, was die Haushalte veranlassen könnte, zusätzliche Räume zu
heizen oder die Raumtemperatur zu erhöhen, um den Wohnkomfort zu verbessern.
Eine Wirkung in Form von Effizienzgewinnen wäre dann durchaus gegeben. Diese
äußerten sich dann allerdings in höherem Komfort statt in weniger
Energieverbrauch, argumentieren sie. Höherer Komfort lässt sich aber kaum
als Regulierungserfolg deuten, wenn die Regulierung mit der Senkung des
Energieverbrauchs begründet wird. Ob Hauseigentümer Geld für mehr
Wohnkomfort ausgeben wollen, könnte man ihnen selbst überlassen.




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