"Der Koran erkl�rt die Bibel auf Arabisch" 

Christoph Luxenberg fordert ein neues Leseverst�ndnis von der 
Heiligen Schrift der Moslems
von Jan R�bel

Mit seinem Buch "Die syro-aram�ische Lesart des Koran" hat 
Christoph Luxenberg nicht nur die Fachwelt verst�rt. Der Semitist
�bersetzt das heilige Buch der Moslems mit einer neuen Methode - und
kommt in Teilen zu v�llig neuen Schl�ssen. Mit dem unter Pseudonym
schreibenden Autor sprach Jan R�bel. 


DIE WELT: Seit Jahrhunderten r�tseln die Forscher �ber zahlreiche
Stellen im Koran. Haben Sie mit Ihrer Lesart die R�tsel gel�st? 


Christoph Luxenberg: Ich denke schon. Ich bin n�mlich von der 
�berlegung ausgegangen, dass zur Zeit der Entstehung des Korans 
das Arabische noch keine Schriftsprache war. Daraus ergibt sich 
die Frage, woher die Araber pl�tzlich diese grammatisch so 
perfekte Sprache gehabt haben sollen. 


DIE WELT: Was ist Ihr Schl�ssel, diese Sprache zu lesen? 


Luxenberg: Arabische Schulen gab es damals nicht, und wenn man 
gebildet war, dann im Aram�ischen - der damaligen Lingua franca 
im westasiatischen Raum. Auch glaube ich, dass die Urheber der 
arabischen Schriftsprache Juden oder Christen gewesen sein 
m�ssen. Sie werden im Koran ja auch als Angeh�rige der Schrift 
oder Schriftbesitzer bezeichnet. Die Redaktoren des Korans waren im
Aram�ischen also vorgebildet und haben versucht, diesen religi�sen
Stoff in eine arabische Form zu bringen. Sie haben auf Aram�isch
gedacht und dies w�rtlich �bersetzt. Es muss dabei keine aram�ische
Vorlage gegeben haben, die Redaktoren k�nnen sch�pferisch t�tig
gewesen sein. Selbst dort, wo ein Ausdruck echt arabisch ist und im
Kontext keinen Sinn ergibt, bin ich �ber den entsprechenden
aram�ischen Ausdruck zu einer plausiblen Bedeutung gekommen. 


DIE WELT: Welche Beziehung besteht zwischen Arabisch und 
Aram�isch? 


Luxenberg: Sie �hnelt der zwischen Deutsch und Holl�ndisch. Beide
haben gemeinsame Wurzeln, aber Unterschiede in der Bedeutung. So hei�t
"bellen" auf Holl�ndisch "klingeln", w�hrend in Deutschland keiner auf
die Idee k�me, an der Haust�r zu bellen. 


DIE WELT: Die Reaktionen einiger Arabisten lassen jedoch 
vermuten, dass die das gern an Ihrer Haust�r t�ten. Sie sto�en sich an
zahlreichen Ihrer �bersetzungen: Aus Jungfrauen im Paradies wurden bei
Ihnen wei�e Weintrauben. 


Luxenberg: Das betreffende koranische Wort "Hur" ist aram�ischen
Ursprungs und bedeutet "wei�". Worauf sich dieses Adjektiv bezieht,
erschlie�t sich nicht unmittelbar. Aus dem Kontext heraus wird jedoch
klar: Es geht um das Paradies, den himmlischen Garten. Die Rebe fehlt
in koranischen Beschreibungen des irdischen Gartens nie. Im
himmlischen Garten ist das Wort "Hur" ein metaphorischer Ausdruck f�r
wei�e Trauben. Auch syrisch- aram�ische W�rterb�cher belegen, dass
sich dieses Adjektiv im Femininum auf "wei�e Trauben" bezieht. 


DIE WELT: In der altarabischen, vorislamischen Poesie aber 
spielen die Huris als Jungfrauen eine Rolle. 


Luxenberg: Die so genannte altarabische Poesie ist erst seit dem
neunten Jahrhundert schriftlich dokumentiert. Die streng klassische
Form dieser Poesie kann nicht aus der Zeit vor dem Koran stammen.
Diese ist erst nach der Schaffung der arabischen Grammatik in der
zweiten H�lfte des achten Jahrhunderts mindestens �berarbeitet worden.
Manches ist auch erst danach entstanden, insbesondere solche Passagen,
die die "Huris" oder "Paradiesjungfrauen" zum Inhalt haben. 


DIE WELT: Ein anderer Streitfall ist Ihre Deutung eines Kopftuch-
Gebots im Koran. 


Luxenberg: An dieser einen Stelle (Sure 24, Vers 31), in der man
bisher ein Kopftuch gesehen hat, ist der Ausdruck "Chumur" auf Grund
einer Fehllesung im Sinne von "Kopft�cher" interpretiert worden. Au�er
diesem koranischen Bezug ist dieses Wort im heutigen arabischen
Sprachgebrauch gar nicht gel�ufig. Zudem ist ihm das Verb "schlagen"
beigestellt - das kennt die arabische Phraseologie nicht. Im
Aram�ischen dagegen ist der Ausdruck belegt, und zwar ausschlie�lich
in Verbindung mit einem G�rtel: Danach wird dieser "um die Lenden
geschlagen". 


DIE WELT: Was halten Sie denn von der aktuellen Debatte um ein 
Kopftuch-Verbot? 


Luxenberg: Das Kopftuch an sich ist nicht spezifisch islamisch. Wer es
aus reiner religi�ser �berzeugung tr�gt, soll es doch tun. Nur wenn es
politisch instrumentalisiert wird, irritiert es zu Recht, und das
scheint heute der Fall zu sein. Religion ist Privatsache, und wer
glaubt, soll nicht vor aller Welt zeigen: Schaut hin, ich glaube, und
ihr nicht. Eine solche provokative Haltung ist im Grunde
antiproduktiv, denn sie zeugt weder von einer echten religi�sen
�berzeugung noch von einer friedfertigen Gesinnung. Ich bin also nur
gegen das provokative Tragen des Kopftuches, nicht grunds�tzlich gegen
das Kopftuch selbst. 


DIE WELT: Warum schreiben Sie unter Pseudonym? 


Luxenberg: Moslemische Freunde warnten mich. Sie meinten, nicht 
alle Moslems seien Intellektuelle. Und da viele Gl�ubige sich den
Koran als Gottes unver�nderliches Wort vorstellen, werden einige
geschockt sein. Das k�nnte zu unberechenbaren Reaktionen f�hren. 


DIE WELT: Haben Sie bereits negative Erfahrungen gemacht? 


Luxenberg: Pers�nlich nicht. Viele Moslems, mit denen ich mich 
inkognito unterhalten habe, sahen meinen Standpunkt ein. 


DIE WELT: Aber einige von ihnen d�rften verst�rt dar�ber sein, 
dass Sie im Koran eine andere Form der Bibel sehen. 


Luxenberg: Der Koran spricht oft von der Schrift und vom Glauben an
sie. Er will nichts anderes sein als eine Erkl�rung der Schrift in
arabischer Sprache. Au�erdem hei�t es da an die Adressen der
Gl�ubigen, die damals noch nicht Moslems hie�en: "Ihr glaubt ja an die
gesamte Schrift." Damit sind das Alte und Neue Testament gemeint, die
der Koran nennt. 


DIE WELT: Sp�ter relativierte die islamische Theologie diese 
W�rdigung. 


Luxenberg: Unter dem Vorwand, Juden und Christen h�tten ihre 
Schriften verf�lscht. So haben sich die islamischen 
Religionsgelehrten mit dem Koran begn�gt, der �ber solche 
Verf�lschungen allerdings nichts schreibt. Dies ist in einem 
politischen Zusammenhang zu sehen. Nach der Etablierung des 
Arabischen Reiches kam das Bed�rfnis auf, sich von anderen 
Religionen abzugrenzen und eine eigene Identit�t zu gr�nden. 


DIE WELT: Seit wann ist der Islam denn in Ihren Augen eine 
eigenst�ndige Religion? 


Luxenberg: Nach islamischer Tradition von Anfang an, also gegen 
622 nach unserer Zeitrechnung. Aber wir haben aus dieser Zeit 
keine schriftlichen Belege. Die fr�hesten Koranhandschriften 
datieren vermutlich erst aus der ersten H�lfte des achten 
Jahrhunderts. Daraus schlie�en manche Islamwissenschaftler, dass der
Islam erst um diese Zeit entstanden ist. Als Philologe meine ich aber,
dass man den Korantext insgesamt erst kl�ren soll, bevor man
diesbez�glich irgendwelche Schl�sse zieht. 


DIE WELT: Welche Folgen f�r den Dialog zwischen Christen, Juden 
und Moslems k�nnten Ihre Forschungsergebnisse haben? 


Luxenberg: Das sehe ich sehr positiv, denn ich bin davon �berzeugt,
dass die Moslems an einem philologisch begr�ndeten Verst�ndnis ihrer
heiligen Schrift interessiert sind. Daf�r gibt es auf schiitischer
Seite Anzeichen. Im vergangenen Herbst erschien in der Sondernummer
einer schiitischen Theologenzeitschrift aus dem Libanon �ber
Koranauslegung eine wohlwollende Rezension meines Buches. Meine
Methode sei ernst zu nehmen, hei�t es da, sie bedeute eine
Bereicherung der Koransprache. 


DIE WELT: Nun ist es schiitische Lehrmeinung, man k�nne den 
Koran bis heute neu interpretieren. 


Luxenberg: Schiiten sind philologisch und theologisch nicht an 
sunnitische Dogmen gebunden und f�hlen sich frei, auch 
wissenschaftlich �ber den Koran zu arbeiten. Ich wei� von meinem
Verleger, dass die iranische Botschaft in Berlin einen ganzen Karton
mit meinem Buch bestellt hat, um sie an wissenschaftliche
Institutionen im Iran zu verschicken. 


DIE WELT: Und welche Folgen h�tte ihre Lesart f�r das 
Christentum? 


Luxenberg: Auch das Christentum m�sste sich auf seine Anf�nge 
besinnen. So, wie es heute aussieht, hat es nicht immer 
ausgesehen. 


DIE WELT: Also in Zweifel ziehen, dass Jesus Gottes Sohn ist? 


Luxenberg: "Gottes Sohn" ist ein evangelisch-theologischer Begriff.
Bei Paulus hei�t es ja auch, dass durch Christus die Menschen zu
"Gottess�hnen" werden sollen. Dies ist aber eine Debatte f�r
Theologen, ich bin Philologe. 


DIE WELT: Denken Sie manchmal daran, das Sie sich mit der 
neuen Lesart letztlich fundamental irren k�nnten? 


Luxenberg: Wenn man etwas zum ersten Male darstellt, kann man 
einen Irrtum nicht ausschlie�en. Ich mache Vorschl�ge und belege sie.
Wer einen besseren Vorschlag hat, der m�ge ihn bitte auf den Tisch
legen. 


Artikel erschienen am Mi, 29. September 2004

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