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Checkdisout #4: Wer glotzt TV? - Videodokumentation

http://checkdisout.com/2011/07/17/checkdisout-4-wer-glotzt-tv/
http://madeforfullscreen.de/post/3073583696/checkdisout

Am 18. Mai 2010 hat Checkdisout in Zusammenarbeit mit Made For Full Screen neue 
Perspektiven, Formate und Macher von Bewegtbildinhalten im Kunstverein Hamburg 
vorgestellt. Seitdem ist mehr als ein Jahr vergangen - sehr viel Zeit 
angesichts rasender Entwicklungs-Zyklen unserer Gegenwart. Wir haben uns 
trotzdem entschieden, so spät noch die Video-Dokumentation des Abends zu 
veröffentlichen. Schnee von gestern? Matthias Weber und Mirko Kubein zeigen, 
dass sich in der Zwischenzeit, vor allem in Deutschland, erstaunlich wenig 
getan hat.

Zu Gast bei "Checkdisout #4: Wer glotzt TV?" waren Stephanie Renner, die 
Mitbegründerin des Online-Musikvideo-Senders tape.tv, Frerk Lintz, Macher des 
unabhängigen Interview-Magazins FOLGE, Volker Heise, der mit zero one film u.a. 
das Fernseh-Experiment 24h Berlin produzierte und Nikolai Longolius von schnee 
von morgen, die für die Entwicklung und Umsetzung von Online-Angeboten wie 
dctp.tv und zuletzt spiegel.tv verantwortlich sind. 

Longolius widerlegte in seiner unterhaltsamen Präsentation zunächst einige 
Web-Video-Klischees: “Es stimmt einfach nicht, dass der Internet-User nur 10 
Sekunden Zeit hat”. Volker Heise erzählte aus der Budget-Realität im 
öffentlich-rechtlichen Fernsehen: “2,7 Millionen, 2 Tatorte”. Frerk Lintz 
schilderte sein Einzelkämpfer-Dasein: “Ich komm nicht in die Sender rein, die 
Verlage wollen nicht wirklich was zahlen und ich will eigentlich nur meine 
Interviews machen.” Und Stephanie Renner polarisierte mit ihrer Aussage, dass 
“Entertainment auch immer etwas mit Faulheit zu tun hat.”

Die Diskussion zeigte vor allem die beeindruckende Leidenschaft und visionäre 
Ausdauer der vier Panel-Teilnehmer bei ihrer Arbeit und offenbarte gleichzeitig 
Fehleinschätzungen klassischer Sender zum Thema Web-TV. Nicht nur die budgetäre 
Schieflage zwischen großen TV-Produktionen und den nicht minder qualitativen 
Nischenproduktionen im Web, auch die generelle Ignoranz gegenüber technischen 
und inhaltlichen Innovationen aus dem Internet, wie sie die Diskutanten 
schilderten, ließ damals im Mai 2010 die Erkenntnis von Nikolai Longolius für 
alle gelten: “Die Fernsehwelt und die Internetwelt schmusen einfach nicht 
miteinander.”

Was ist seither passiert?

Besonders in technologischer Hinsicht war nur wenige Tage vor unserer 
Veranstaltung Großes vollmundig angekündigt worden: Google TV. Die einfache wie 
faszinierende Vision von Google dahinter war, Fernsehen und Internet (also vor 
allem Googles Internet-Service wie “Suche”) miteinander zu vereinen. Ein Jahr 
später, Ende April 2011 titelte das US-Media-Blog Mashable: What's the matter 
with Google TV? / Was ist mit Google TV los? In diesem Post legt 
Mashable-Redakteur Ben Parr die schleppende Absatz-Entwicklung von Logitechs 
Google-TV-Geräten offen: "Logitech expected to sell $18 million in Google 
TV-related products in Q4. But in its earnings report, the company revealed 
that it only sold $5 million in Google TV devices. Logitech also revealed that 
its inventory is up 28% in Q4 — thanks to all those unsold Google TV devices." 
Der während der Google Entwicklerkonferenz I/O in 2010 angekündigte Launch der 
neuen IPTV-Plattform war offensichtlich ein Fehlstart. Neben zu wenigen 
Google-TV-fähigen Geräten hatte auch das User-Interface, so Mashable, seine 
Schwächen. Für Frerk Lintz von FOLGE ein klares Experiment und Google-typisch, 
frei nach der Devise: “austesten, was geht”. Den mangelnden Erfolg von Google 
TV in Deutschland sieht Nikolai Longolius auch mit einem Image-Problem der 
Marke Google in Deutschland verbunden: “Ich glaube, dass das deutsche 
Street-View-Debakel Google in den nächsten Jahren davon abhalten wird, in 
Deutschland Innovationen bevorzugt auszuliefern. Das ist tragisch.”

Drei weitere Services bzw. Produkte aus den USA, dem Heimatland des Fernsehens, 
haben im vergangenen Jahr für neue Aufmerksamkeit gesorgt. Zum einen hat Apple 
im September 2010 die zweite Generation seines Apple TV vorgestellt. Mit einem 
Preissturz und einer weiteren Miniaturisierung des Geräts hat Apple einen 
großen Schritt in Richtung Massenmarkt getan. Apple sitzt zwar in seinem 
walled-garden bestehend aus iOS, iTunes und Hardware, die Geschäfte laufen 
dennoch großartig. Die Margen auf Apple Produkte sind enorm. Und seit der 
cleveren Einführung von iTunes, das den Vertrieb von digitalen Inhalten 
zweifelsfrei revolutioniert hat, steht der Konzern unangefochten an der Spitze 
der digitalen Content Vertreiber. Von einem marktbeherrschenden Durchbruch ist 
Apple TV in Deutschland jedoch auch 2011 noch weit entfernt.

Den Wunsch vieler Nutzer nach mehr Flexibilität und vor allem “Inhalte zum 
Mitnehmen” erfüllt Boxee bereits seit 2007. Was zunächst als reine, zudem 
kostenlose, Software mit einem sehr smarten Bookmarklet begann, mit dem man 
Videos von beinahe allen Webseiten für den späteren Genuss zwischenspeichern 
und verwalten kann, wurde im Winter 2010 durch die ebenso in Deutschland 
erhältliche Hardware Boxee-Box erweitert. Laut Digitimes erwartet Boxee für 
2011 zwar einen Absatz von rund 100.000 Einheiten der Box, der große 
Brückenschlag ist das aber auch nicht.

Schließlich bleibt noch Hulu, eine Online-Videothek nach dem Freemium-Prinzip, 
die vor allem die neuesten US-Serien aller großen TV-Stationen anbietet, bisher 
jedoch nur Nutzern mit amerikanischer IP-Adresse zur Verfügung steht. Was mit 
einigen gekonnten Einstellungen am Heimcomputer in Deutschland umgangen wurde, 
könnte demnächst vielleicht ganz einfach und legal werden. Hulu hat sich vor 
wenigen Tagen zum Verkauf angeboten und führt Gespräche mit Google, Yahoo und 
Microsoft. Je nachdem wer den Fisch angelt, der könnte ihn bald auf dem 
hiesigen Markt anbieten wollen.

Bereits auf dem Panel 2010 fiel das aus den USA bekannte Stichwort Social TV. 
Die Rolle bspw. von Twitter im TV hat sich zumindest jenseits des Atltantiks 
seitdem auch weiter gefestigt. Die Parallelnutzung von Twitter und Fernsehen 
ist für einige Fernsehsender dort ein "match made in heaven", doch in 
Deutschland findet man bis heute leider immer noch keine Anwendungen, die den 
Twitter-Visualisierungen von “Stamen” für die MTV Video Music Awards das Wasser 
reichen könnten. Korrigiere: Es gibt nicht mal etwas Vergleichbares im 
deutschen Fernsehen. WebTV-Experte Markus Hündgen fasst in einem Beitrag im 
ZDF-Blog “Hyperland” im Juni 2011 die aktuelle Lage sehr ernüchternd zusammen. 
“Für die Mitglieder des Social-TV-Clubs kann der lang gehegte Traum von der 
‘Web-TV-Revolution’ deswegen schneller platzen, als gedacht,” meint Hündgen und 
begründet dies vor allem mit dem Fehlen einheitlicher Kommunikations-Standards 
bei den bisherigen Social-TV-Anbietern.

Mehr Inhalte!

Technisch gesehen, sind die Entwicklungen im Grenzbereich zwischen Web und TV 
also kaum weiter als vor einem Jahr. Doch schon damals wünschte sich Nikolai 
Longolius, statt immer nur über die neuesten technischen Möglichkeiten zu 
diskutieren, einfach mehr gute Inhalte: “Ich glaube, vielmehr stellt sich 
gerade die Frage der Sinnhaftigkeit. Ganz viel davon ist einfach echte 
Scheiße.” Eine Erkenntnis, die in dieser drastischen Form wohl auch heute noch 
Bestand hat. Lobenswert ist grundsätzlich, dass große Player es sehr vereinzelt 
immer wieder wagen, teure Content-Experimente zu starten. Zu den kläglich 
gescheiterten Angeboten kann sich nach Holtzbrincks WatchBerlin, dem 
vielgelobten Hobnox, nun auch das im Verlauf des letzten Jahres eingestellte 
Telekom-Webvideo-Portal 3min.de zählen. Frerk Lintz: “3min.de fand ich von 
Anfang an sehr unkonzeptionell und wenig fokussiert. Hat mich selber auch wenig 
interessiert, weil ich nicht kapiert hatte, wo die hin wollen. Wussten sie 
wahrscheinlich selber nicht.” Wieder einmal wurde viel Geld verbrannt.

Aus den Fehlern der anderen lernt hoffentlich das von uns freudig erwartete und 
zumindest unter Kulturfernsehen-Liebhabern mit einem Imagevorsprung 
ausgestattete öffentlich-rechtliche Web-Angebot ARTE Creative, das Ende 2010 
startete. Projektleiter Alain Bieber, der bei Checkdisout #2 noch als Kämpfer 
für innovative Printformate mit Lead-Award-Chef Markus Peichl stritt, zieht auf 
Anfrage eine positive Zwischenbilanz: “Die Entscheider hier sind alle glücklich 
& happy mit ARTE Creative; es geht mit kleinen Schritten vorwärts, aber es geht 
voran...”. Bisher arbeitet ARTE Creative autark und nur online, die Anbindung 
an den Sender ist jedoch im Zuge gemeinsamer Projekte in Arbeit. 

Die Frage, wie sich dieses reine Online-Angebot mit dem in letzter Zeit viel 
diskutierten Rundfunkstaatsvertrag verträgt und wann die “Privaten” auch 
dagegen auf die Barrikaden gehen, wie kürzlich mit ihrer Klage gegen die 
Tagesschau-App, stellen wir hier besser nicht zu laut. Denn wir halten diese 
öffentlich finanzierte Tobewiese für kreative “Bewegtbildmacher” unter den 
bestehenden Marktbedingungen für unschätzbar wertvoll. Denn so wichtig 
Experimente sind, um Neues überhaupt entwickeln zu können: sie haben leider 
keinen Markt. Das beweisen die oben genannten, gescheiterten Web-Portale, und 
für das Fernsehen attestiert Volker Heise im Mai 2010 auf unserem Podium 
ähnliches: “Ja, es stimmt: es gibt eine Innovationsfeindlichkeit im deutschen 
Fernsehen. [...] Innovativ sein bedeutet: Geld ausgeben.” 

Panel-Teilnehmer Nikolai Longolius, der nach Checkdisout #4 maßgeblich an der 
Entwicklung und Umsetzung des erst im Juni 2011 gestarteten Web-Kanals 
spiegel.tv beteiligt war, gibt nach einer aktuellen Anfrage allerdings zu 
bedenken: “Obwohl ich den aus Gebührengeldern produzierten Content sehr 
schätze, müssen wir sehr aufmerksam sein, welche Geschäftsmodelle mit diesen 
Subventionen erschwert werden und welche unmöglich gemacht werden.” Mit seinem 
neuesten Projekt zeigt er sich aber sehr zufrieden: “Spätestens mit dem Projekt 
spiegel.tv gibt es wirtschaftlich erfolgreiches webTV in Deutschland. [...] Es 
ist mir persönlich sehr ans Herz gewachsen, da es momentan die Art und Weise 
repräsentiert, wie ich in Zukunft fernsehen möchte.”

Als seltenes Beispiel für einen gelungenen Spagat zwischen privat und 
öffentlich-rechtlich, zwischen Web und TV kann die sehr junge Zusammenarbeit 
von tape.tv und dem Anfang Mai 2011 auf Sendung gegangenen Spartenkanal 
ZDF.kultur gelten: die zuerst live im Netz gestreamte und einen Tag später im 
TV ausgestrahlte Musik-Sendung on tape. Online first jetzt also auch im TV? Die 
sinnvolle Nutzung eines Rückkanals, sowie die Einbindung sozialer Netzwerke in 
die laufende Sendung sind Features, wie sie bei Checkdisout #4 Wer glotzt TV? 
auch von tape.tv-Mitbegründerin Stephanie Renner angesprochen und gewünscht 
wurden. Ein Jahr später sind sie in einer kleinen Nische im deutschen Fernsehen 
also endlich Realität.

Auch wer die radikale Haltung von Volker Heise nicht teilt, der vor einem Jahr 
sagte: “Mich interessiert überhaupt nicht Web-TV im Internet, sondern mich 
interessiert Internet im Internet, genauso wie mich Fernsehen im Fernsehen 
interessiert und nicht Kino im Fernsehen”, da Heise damit (Monitor-)Grenzen 
zieht, die längst aufgelöst wurden, wird zustimmen, dass es nur eines der Ziele 
sein kann, das heutige Fernsehen technisch sauber auch ins Internet zu 
übertragen und dort für immer verfügbar, nutzbar, sortierbar etc. zu machen. 
Dass die Masse der Zuschauer aber selbst für diesen simplen Schritt erst einen 
gewissen Anlauf brauchte, zeigt die erst seit Kurzem enorm steigende Akzeptanz 
von Fernsehen im Internet.

Volker Heises Haltung wird nachvollziehbarer wenn man einen anderen Satz von 
ihm hinzunimmt: “Du musst ja versuchen, für dein Medium, in dem du arbeitest, 
Formen zu finden, die diesem Medium entsprechen.” Dazu noch ein letztes 
Beispiel aus dem Verlauf des letzten Jahres für die mögliche Zukunft bewegter 
Bilder. Nur wenige Tage nach unserem Panel kam das erste iPad in die 
Verkaufsregale. Seither wurde es vor allem als möglicher Ablöser für klassische 
Printprodukte gesehen. Das von zwei Berlinern unabhängig produzierte 
iPad-Magazin Astronaut Video/Magazine zeigt jedoch, dass haptische Navigation 
auf einem handlichen Bildschirm insbesondere auch für Videos neue erzählerische 
Dramaturgien und Zusammenhänge herstellen kann. In ihrer ersten Ausgabe vom 
Juni 2011 entwickeln die Herausgeber um zwölf zum Teil exklusiv produzierte 
Filme dezent interaktive Geschichten, verbunden mit Text, Foto und Musik. Da 
geht sicherlich noch mehr, aber auch das ist ein gelungener, erster Schritt in 
die richtige Richtung. Wie sich allerdings solche Independent-Video-Magazine 
auf Dauer finanzieren lassen, ist wohl trotz App-Store weiterhin unklar. Filme 
bleiben weiter aufwendiger und teurer als ein Text. Frerk Lintz wurde auf dem 
Panel gefragt, wieviel er denn mit FOLGE verdient. Seine kurze, wie 
erschreckende Antwort damals: “Nüschte.” Auch heute ist FOLGE für Frerk nicht 
direkt lukrativ. Seinen Lebensunterhalt verdient er über andere Projekte.

Die große Web-vs-TV-Revolution ist im vergangenen Jahr demnach wieder 
ausgeblieben. Aber es stellt sich ohnehin die Frage ob wir statt eines 
radikalen Umbruchs nicht vielmehr mitten in einem schleichenden Prozess stecken 
dessen Ende nicht absehbar ist. Nikolai Longolius wirft dazu ein: “Ich glaube 
nicht, dass die nächsten Jahre von großen technischen Innovationen geprägt sein 
werden, sondern dass sich die Innovationen der letzten Jahre endlich 
durchsetzen werden.”

Wir werden sehen, wer morgen noch TV glotzt. Wie es weitergehen könnte, würden 
wir gerne mit Euch diskutieren.

Viel Spaß zunächst mit den Videos. Die kompletten Interviews unserer Sprecher 
und ein Transkript von Checkdisout #4: Wer glotzt TV? finden sich unter 
http://checkdisout.com

Mirko Kubein und Matthias Weber, 14.07.2011

______________

Text und Videos online unter:
http://checkdisout.com/2011/07/17/checkdisout-4-wer-glotzt-tv/

http://vimeo.com/​mffs/​cdo4teil1
http://vimeo.com/​mffs/​cdo4teil2
http://vimeo.com/​mffs/​cdo4teil3

Die Videos sind unter folgender CC-Lizenz veröffentlicht:
http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/

Die nächste "Checkdisout #5: Stadtgespräch" findet übrigens am 7. September 
2011 statt. Mit dabei diesmal u.a. Carlo Ratti, der Director des MIT Senseable 
Cities Lab (http://senseable.mit.edu/)

Weitere Infos und die Vides zu den letzten Veranstaltungen finden sich unter: 
http://checkdisout.com
http://madeforfullscreen.de



Vielen Dank und herzliche Grüße,
Mirko Kubein



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